Ausgabe 
21.11.1903 Drittes Blatt
 
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mäßig noch sehr jungen Jahren und hatte noch niemals in höheren Klassen unterrichtet. Vvrs.: Was veranlaßte Sie, den ArtikelWer bezahlt's" zu schreiben? Dr. Ries: Weil ich es für sehr eigentümlich fand, daß zehn teilte auf Staatskosten zu der Tonnen- und Bakenschau, nach Bremerhaven fuhren, von denen nur ein einziger Fachmann war.

Es wird der Angeklagte Bi er mann vernommen. Tiefer bemerkt, er habe die Artikel ausgenommen, weil er glaubte, öffentliche Mißstände rügen zu sollen. Bors.: Bon wein Haven Sie das Buweismalerial? Bert. R.-A. Tr. Sprenger: Das Beweismaterial ist mir zugegangen. Bors, (heftig mit sehr lauter Stimme): Ich muß es mir verbitten, mich bei meiner Vernehmung zu unterbrechen. Bert. R.-A. Sprenger: Ich habe das Recht als Verteidi-- ger, bei der Vernehmung meines Klienten emzugreifen. Ich kann mit dies Recht unmöglich einschränken lassen, jvnst wäre die Verteidigung überhaupt überflüssig.

Bert. R.-A. Greving: Ich muß bemerken, daß ich auch nur mein Recht als Verteidiger wahre und kann mir den beschimpfenden, polternden und aufge­regten Ton des Herrn Vorsitzenden unmög- licy gefallen lassen. Sollte sich ein solcher Vorgang wie vorhin wiederholen, dann sehe ich mich in meiner Bertetdigung beschränkt und genötigt, dieselbe uiederzu- legen. Bors.: Ich muß es entschieden zurüctweisen, daß ich ih beschimpfendem Tone gesprochen habe.

Es gelangen alsdann noch eurige Artikel zur Ver­lesung,.

Vermischtes.

*KaiserundLeutnaut. Oberst v. Köller ist mit der Führung der Breslauer Kavalleriebrigade beauftragt. Herr v. Köller ist berühmt durch seine nie versagende Schlag­fertigkeit, die ihn, schon als er noch Leutnant war, selbst dem Kaiser gegenüber nicht im Stiche ließ. Bei einem Rennen in Potsdam stürzte er schwer; der alte Kaiser Wilhelm wohnte dem Rennen bei und ließ den so schwer verwundeten Offizier in seiner Equipage in das Kranken­haus bringen. Kaiser Wilhelm erschien dann wenige Stun­den später selbst im Krankenhause, um sich nach dem Be­finden Köllers erkundigen.Was fehlt Ihnen, mein Sohn?" so fragte er teilnahmsvoll; v. Köller rich­tet sich auf und fagt militärisch:Majestät eine Schwa­dron !" Der alte Kaiser lachite herzhaft und Köller wurde nach seiner Genesung Rittmeister und Eskadronchef. Als Rittmeister ist v. Köller lange in Berlin; er kommt zum Generalkommando des Gardekorps. Kaiser Wilhelm II. trifft ihn eines Tages bei einer Festlichkeit im Kaijerhos: Run, Köller", so jagte er,Sie sind schon ziemlich lange Rittmeister!"Das finde ich auch", soll die prompte Antwort gelautet haben. Als Stabsoffizier war dann v. Köller in Pasewalk bei den 2. Kürassieren und hat darauf 5 Jahre lang die 9. Ulanen in Demmin befeh­ligt. Als Rittmeister wat er die eigentliche Seele aller Veranstaltungen beim Distanzritt Berlin-Wien; am Steuer- Häuschen ftoiw er des Morgens und leitete das Ganze, wie der Berliner sagt. Unermüdlich sorgte er dann für die österreichischen Kameraden und sie werden aus den hell­blonden schneidigen Rittmeister wohl mit liebenswürdiger Dankbarkeit zurüctblicken. Die alte Rosenbergsche Schule, das Reiten im coupierten Gelände, hat in Köller einen der eifrigsten Verehrer gesunden.

Nr. 274

Mrschetut tägltch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien« Hütter viermal in der Woche betgelegL

Rotationsdruck u. Ver­lag de, Brühl'schen Untvers.-Buch- u. ©tein- druckeret (Pietsch Lrdech Redaktion. Expedition und Druckerei:

Schnlstrahe 7.

Bldreße für Depefchenr Anzeiger Gieße«.

Ferniprechanichluß Nr. 5L

In der vorigen Verhandlung stellten die Verteidiger : den Antrag, sämtliche Mitglieder des Gerichtshofes wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Diesem Beschlüsse sind inzwischen das hiesige Oberlandesgericht und auch das Reichsgericht bei­getreten. Die Verhandlung beginnt mit dem Aufruf der Zeugen. Unter diesen bejiirdet sich Minister Ruhstrat, Re­gierungsrat Siebenbürgen-Berlin vom Reichs-Patentamt, Oberlandesgerichts-Präsident Schomann nebst sämtlichen anderen Mitgliedern des Oberlandesgerichts, mehrere Mit­glieder des hiesigen Landgerichts, einige Offiziere, Gym­nasiallehrer usw.

Der Angeklagte Tr. Gustav Ries bekennt sich als Verfasser der zur Anklage stehenden Artikel. Dr. Ries be­merkt: Am 1. Lftrrll 1902 wurde eine Oberlehrerstelle am hiesigen Gymnasium eingezogen. Obwohl ich nicht der jüngste Oberlehrer war, wurde ich an das Gymnasium zu Fever versetzt. Ich fühlte mich dadurch gekränkt, zu­mal ich pekuniär geschädigt wurde. Ich fühlte mich um so mehr gekränkt, da hie Versetzung eines Oberlehrers aus dec Hauptstadt an ein Gymnasium der Provinz noch niemals vorgekommen war. Ein preußischer Schulrat äußerte: Es muß doch ein trauriger Oberlehrer sein, pen man von der Resioenz in die Provinz versetzt! Ich fühlte mich um so mehr verletzt, da ia) der bestimmten Meinung war, meine Versetzung sei erfolgt, weil ich Mit­begründer des hiesigen Oberlehrer-Vereins lvar. Dieser Oberlehrer-Verein hatte , den Zweck, für Er­höhung der Oberlehrer-Gehälter zu wirken. Es wurde deshalb dem Minifteriunr eine Denkschrift eingereicht, in der es auch getadelt wu^de, daß nicht akademisch g e b i l d e t e L e h r e r, z. B. die am hiesigen Lehrer-Semi­nar angestellten, den Ti t e lO b e r l e h r e r" e r h a lt e n. Ich war Verfasser der Tentjchrist, das lvar der Regierung bekannt. Es wurde auch in den Kreisen meiner Kollegen sofort, als meine Versetzung erfolgte, gesagt:Tas ist die Folge der Denkschrift!" Ich war außerdem! Teilnehmer einer Oberlehrer-Konferenz, die gegen den Sohn des Ministers Ruhstrat wegen einer Straßenprügelei eine exemplarische Strafe verhängt hat. Da mir das Leben in Jever nicht beyagte, und ich auch einsah, daß ich im oldenburgischen Schuldienst auf Beförderung in keiner Weise rechnen konnte, so habe ich eine Stellung am Real-Gymnä,ium ih Barmen angenont- men. Was bczweccten Sie mit den Artikeln, beabsich­tigten Sie, den Minister zu stürzen? Dr. Ries: Tas nicht, ich wollte aber meinem Mttzmut Ausdruck verleihen und außerdem offenbare Mißstände in meiner Vaterstadt rügen. Vors.: Sie scheinen doch aber auch die Absicht gehabt zu haben, den Minister zu stürzen. Sie haben an den Landtagsabg. Meyer-Holle als angeblicher Geistlicher einen einen dahingehenden Brief geschrieben.Tr. Ries: Diesen Brief habe ich allerdings geschrieben, da ich hörte, daß auch die Geistlichen von den Fustänoen wenig erbaut waren. Bors.: Stoben Sie niemals hasardiert? Tr. Ries: Ich habe allerdings in den ersten Jahren meines Lehr­amts bisweilen hasardiert, aber schließlich einen Abscheu dagegen empfunden. An Kaisers Geburtstag wurde ich wieder einmal zum Spiel verführt. Vors.: Wieviel haben Sie bei diesem Spiel verloren? Dr. Ries: 300 Mark. Vors.: Sie hatten damals schon Ihrem Abscheu über das Ha,ardieren Ausdruck gegeben? Dr. Ries: Jawohl. Vors.: Das hielt Sie aber nicht ab, selbst dem Hasardspiel zu jröhnen? Bert. R.-A. Greving: Herr Vorsitzender, ich muß doch bitten, nicht Schlußfolger­ungen zu ziehen. Vors. (heftig, mit erhobener Stimme): Ich lazfe mir keinerlei Vorschriften machen, in welcher Weise ich den Angeklagten zu vernehmen habe. Bert.: Ich bin weit entfernt, dem Vorsitzenden Vorschriften zu machen, ich habe aber als Verteidiger ein Recht, gegen die Schlußchlgerungen des Vorsitzenden Einspruch zu er­heben. Bors.: Mir steht das Fragerecht zu, der Ange­klagte ist allerdings berecvtigt, bie Antwort zu verweigern. Forrsahrend: Um nun Ihrem Mißmur 'Ausdruck zu ver­leihen, hielten Sie es für angezeigt, aus dem Hinlerhaü Minister Ruhstrat anzugreifen und wühlten als Organ den hiesigenResidenzboten". Weshalb gerade denRest- denzboten", taumcit Me die Tendenz desRejidenzboten"? Tr. Ries: Jawohl. Vor,.: War Jynen diese Tendenz sympathisch? Tr. Ries: Keineswegs, ich war aber der Ueberzeugung, daß ein anderes Blatt die Artikel nicP' ausgenommen hätte. Vors.: Daß Sie sich dadurch stras- bar machten, scheint Ihnen bewußt gewesen zu sein, sonst hätten Sie die Artikel demResidenzboren" nicht anonym eingeschickt. Sie sandten die Artikel unter dem Pseudonym: Gerdes" oderGöritz, Ingenieur" mit verstellter Hand- schrist. Sie schrieben außerdem mit deutschen Buchstaben, wahrend Sie gewöhnlich lateinisch schrieben. Von wem erhielten Sie das Material? Tr. Ries: Von verschiedenen stadtkundigen Perjvnen. Vors.: Wollen Sie diese nennen? Tr. Ries: Rem. Vors.: Hat Ihnen auch Gymnasial- direttor Früstück Mitteilungen gemacht? Dr. Rres: Zum Teil auch. Vors.: Sind Sie der Meinung, daß Frchrück nicht befähigt zum Gynmasialdirertor war? Dr. Ries: Tas will ich nicht sagen. Früstück stand aber in Verhältnis-

Volltische Tagesschau.

Die Redner des Reichstags.

Soeben ist der Schilußband der stenographischen Berichte bon der letzten Reichstagssession mit den Registern er­schienen. Tie Listen erstrecken sich auf die letzten drei Jahre, da bekannülich die Session zweimal vertagt wurde. Während dieser dreijährigen Session haben mehr als 30 mal ge­sprochen :

Tie Sozialdemokraten Singer (191), Bebel (117), Stadthagen (107), Tr. Herzfeld (78), Molkenbuhr (78), Wurm (63), Ledebour (43), Metzger (42), Zubeil (38), Schwartz (34) und Thiele (32).

Tie freisinnigenVolksparteiler Richter (146), Dr. Müller-Sagan (137), Dr. Müller-Meiningen (86), Lenz- mann (74), Eickhoff (61) und Beckh (57).

Tie Zentrumsabgeordneten Spahn (143), Kirsch (94), Dr. Bachem (86), Prinz v. Arenberg (78), Speck (70), Trimborn (61) Frhr. v. Hertling (47), Groeber (45), Eahensly (37), Dasbach (36), Frhr. v. Thüneseld (36), Roeren (35)^1 nd MÜller-Fulda (31).

Tie Nationalliberalen Dr. Paasche (114), Basscr- mann (92), Tr. Semler (68), Graf v. Oriola (64) Dr. Hasse (60), Tr. Sattler (55) und Hoffmann-Dillenburg (35).

Tie Freikonservativen Gamp (96), Tr. Arendt (83), v. Kardorsf (80), v. Tiedemann (68) und Dr. Stock­mann (66).

Tie Konservativen Dr. Ocrtel (65), Graf v. Roon (71), Schrempf (44) und Gras v. Kanitz (34).

Tie Mitglieder der freisinnigen Vereinigung Dr. Barth (69), Roesicke-Dessau (69), Dr. Pachinicke (66), Schrader (58), Goth ein (54), Frese (36) und Broemel (34).

Tie Antisemiten Werner (45) und Liebermann von Sonnenberg (35).

Tie Vertreter des Bundes der L a n d w i r t e Dr. Roesicke (37) und Tr. Hahn (32).

Der keiner Fraktion angehörige Dr. Stöcker (45).

Mehr als 80 mal haben das Wort ergriffen die Abgg. Singer (Soz.), Richter (Freis. Bolksp.), Spahn (Zentr.), Tr. Acüller-Sagan (Freis. Volksp.), Bebel (Soz.), Tr. Paasche (natl.), Stadthagen (Soz.), Gamp (freikons.), Kirsch (Zentr.), Bassermann (natl.), Dr. Bachem (Zentr.), Dr. Müller-Mei- niugen (Freis. Volksp.), Dr. Oertel (kons.), Dr. Arendt (freik.) und v. Kardorsf (freikons.). Wenn man die einzelnen Par­teien betrachtet, so ist die freisinnige Vereinigung bei weitem die redeftohste. 50 Prozent ihrer Mitglieder finden sich in der Liste derer, die mehr als 30 mal gesprochen haben; es folgen dann die Freikonservativen (25 Proz.), die Anti­semiten, Sozialdemokraten und die freisinnige Volkspartei (je 20 Proz.), die Nationalliberalen (14 Proz.), das Zentrum (12 Proz.) und die Konservativen (8 Proz.).

Sie MNeldlguug gegen gtitniflet Zluystcat vor Oericht.

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Oldenburg i. Gr., 20. Nov.

Der bekannte Prozeß wegen Beleidigung des olden- burgijchen Justiz-- und Kultusministers Ruhstrat und des diesigen Landrichters Haake gelangt vor der Strafkammer erneut zur Verhandlung. Es handelt sich, wie erinnerlich, um mehrere Artikel desOlbenb. Residenzboten", in denen behauptet wurde: der oldenburgische Justiz- und Kultus­minister Ruhstrat habe, als er noch Staatsanwalt war, im hiesigen Zivilkafino stark hasardiert, so daß er bisweilen in Geldverlegenheit geraten sei. Gym- najial-Oberlehrer Früstück habe ihm mehrfach Geld ge­liehen. Zum Dank dafür sei Früstück, als Ruhstrat Minister wurde, zum Gymnasialdirektor in Birken­feld ernannt worben. Gs wurde ferner behauptet: Indem Zivilkafino zuDingelfingen", damit war die Residenz­stadt Oldenburg gemeint, würde von Leuten, die vermöge ihres Amtes Hüter von Recht und Gesetz sein sollten, derartig hasardiert, daß ein junger R e f e r e n d a r und em junger Offizier sich wegen Spielschulden das Le ben genommen hätten mrd em hunger Afsesjor nach Amerika ausgewandert sei. Im weiteren wurde behauptet: Minister Ruhstrat habe, >als er noch Staatsanwalt war, im Zivilkafino einen inzwischen ver­storbenen Oberlarldes-gerichtsratOber.cyaf vom Oberlan­desgericht" geirannt. Ferner hieß es m einem Artrkel: Ter Mmister sei auf Staatskosten zu der Tonnen- und Bakenschau nach Bremerhaven gefahren, obwohl doch em Minister für Kirchen- und Schulwesen von der Betonnung und Befeuerung der Weser nicht das mmde^ste verstehe. Von dem Landrichter Haake wurde gesagt:Seine kirch­liche Betätigung sei nur Heuchelei und Stre­berei usw." Der verantwortliche Redakteur und Her- Ausgeber desRejidenzbotsn", Wermann, wurde tat August vom hiesigen Schöffengericht wegen Beleidigung des- uisters zu einem Jahre Gefängnis, und einige Wochen darauf von der Strafkarmner wegen Belewrgung des Landrichters Haake zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Inzwischen gelang es, den Verfasser aller dreier Artikel in der Person des Gymnasial-Oberlchrers Dr. Ries, jetzt am Real-Gymnasium zu Barmen, festzustellen.

daß man auch wirklich WGIs beliebte Suppen erhält, nehme man nur Würfel an, welche die Firma WSLL88! und die Schutzmarke tragen.

Drittes Blatt. Jahrgang Samstag 21. November 1903

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V jährlich Mr. 2.20; durch

Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MGZ

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