Samstag, 21. Mävz 1903
153. Jahrg.
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Di .Otrtzer. fttellleibiancr* werden dem Anzeiger o erma wöchentlich detgelegt. Der ..hrißtch« U»*»br erscheint maaatttch etnmoL
Giehener Anzeiger
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General-Anzeiger, Amtt- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.
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baf; (Sraf Bülow immfr .<TürafTierftiefef anhat. seiner fonitigcn licbenswürdiaen Persönlichkeit
daraus macken formen. Hoffentlich beherzigt Herr Speck von Stern- bürg für seine fernere diplomatiscke Laufbahn die Lehre, daß man da? Strecken am besten mir auf da-? Notbwendigste beschränkt. Der ReickSkan-ler bat mein (Titat von den .^ürafiierftiefeln Bismarcks offenbar mißverständlich ausgefaßr Dir verlangen nickt.
gelegt batte. Sn aber, da das deutfcke Ansehen engagirt war. mußte sie natürlick evnfchreitfti. Der Mahnung, die Presse solle mit Interviews vorsicktig sein, stimme ick von Herzen zu. Dagegen. wenn einmal ein solckeS Interview, wie das deS Herrn Speck von Sternburg, von einem Blatt veröffenrlickt ift, dann rann die andere Presse es nickt gut mit Sckweigen übergehen. Der Reichskanzler hat gestern ein Dementi diefeS Interviews verlesen. Darum ist eS denn nickt veröffentlickt worden? Dir haben dock
itc üb-?r die --"-.täüdlicl'e
sonst für Telegraimnfpften einen ziemlich boben (Etat. Da? Dementi befriedigt auch keineswegs. Etwas mehr wird Herr Sveck von Sternburg sckon gesagt haben, sonst hätte selbst der Generalissimus der siebenten Großmacht kein svaltenlanges Interview
Staatssekretär Frhr von Ricktbofen: Der Vorredner hat von versckiedenen Abmackunaen der deulscken Regierung mit fremden Regierungen gesprocken. Selbswerständlick haben wir Abmachungen mv.™,™ m& flöt” niä't mit andrer, Srnatrn pm b« 1ärtetftadjrnjb« a^Td-iHen Tn. daß das Ausland m-rkt. daß ^gen beneben kewerler Abmachungen beendeter Art n.t
a - - — land, betr die Auslieferung rufmeher Staat sangebortger Es be-
— ' Denn Herr Dr.
Abg. Dr. Gradnauer (Soz.) kommt wieder auf die Ausweisungen russischer Studenten aurücf und polemisirt gegen die gestrigen Ausführungen deS Staatssekretärs von Ricktbofen. Im ftalle Kalajew handle eS sich nickt um eine einfacke Ausweisung, sondern um eine direkte Auslieferung. Unricktig sei eS auck. daß der Ehemann der sr sckmählick behandelten Frau Buckbolz dem Auswärtigen Amt seinen Dank und feine Anerkennung auSgesprocken habe, der Mann habe im Gegentbeil seine Verwunderung darüber auSgesprocken. daß die deutscke Regierung ein so geringes Entgegenkommen bet den russiscken Behörden gefunden habe. Gegen kleine Staaten gehe da? Auswärtige Amt mit aller Entsckiedenhett vor. mick wenn das Reckt nickt mif unterer Seite liege, von Rußland aber lasse man ssck die größten Rechtsverletzungen rubtg gefallen. Sogar die kleine Schweiz handle anders, fte Werse alle russiscken Lockspikel aus. In Rußland werde überhaupt ferne freie Geistesregung geduldet, iebe Rcsarmbefttebung falle dort unter den Begriff revolutionär, auck die Konservativen würden dort als An- archisten angesehen.
ein sehr ungünstiges gewesen.
Dir haben geglaubt, für die Inhaber dieser TitteS eintreten zu können und zu sollen, da Letztere als Sickerheit für das Baukapital der Bahn dienen, auck ein große- deutsches Interesse insofern vorlag. alS diese Bahn allein für 30 Millionen Mark beut» sckes Material bezogen hat. unb mancker Deutfcke draußen durch die Anstellung an der Eisenbahn seine Existenz in Venezuela finbet sSehr gut!)
Im llebrigen hat. daß möckte ick noch mit Bezug auf die Ausführungen des Herrn Dr. CerteT sagen, diese ganze Angelegenheit mit dem Haager Schiedsgericht gamicktS zu thun. Die einzige Forderung, welche hinsichtlich dieser Anleihe unsererseits gestellt wurde, ist deren Sickerstellung durck eine Neuregelung. Venezuela hat diese Neuregelung zugesagt, indem eS seine gefammte miS- märtige Sckuld faniren will. Diese besteht im Desentlicken au8 der erwähnten Sproq. sogenannten deutscken Anleihe, und auS einer 3proz. englischen, welche sich auf 60 Millionen Francs beläuft, und aus älterer Zeit datirt. Die Thättgkeit des Haager SchiebS- gericktS bei dem ganzen Abkommen mit Venezuela beschränkt sich daraus, baß daS Schiedsgericht zu erkennen hat, ob die drei Blo- kabemächte auf eine gesonderte Befriedigung Anspruch haben ober nickt. Diese Frage wirb bem Haager Schiebsgericht unterbreitet, das darüber zu entscheiden haben wird, aber mit den Forderungen aus den Anleihen hat das Haager Schiedsgericht nichts zu thun.
Abg. Dr. Poafcke (natl.) Der Abg. Dr. Oertel hat sich her- auSgenommen. dem Reichskanzler eine Censur zu ertheilen in der Venezuela-Angelegenhest und dabei auch die TiSeonto-Gesellschaft angegriffen. Der Staatssekretär bat demgegenüber festgestellt, daß der Eisenbahnbau der Gesellschaft ein Kulturwerk ersten Ranges ist, unb der Bau verbient baher Anerkennung unb nickt eine solche gehässige Kritik, wie sie in der „Deutschen Tageszeitung" fleht, wo der Glaube erweckt wird, als ob eS sich um ein unredliches Vorgehen handelte. Die DiSconto-Gesellfckaft bat den deutschen Namen in Venezuela zu Ehren gebracht, und als sie wegen der schleckten Fi« nanzwirthschaft in Venezuela die Zinsen nickt bekam, sich in durchaus lovaler Deile Deckung zu verschaffen gesucht. Ick habe art ber Disconto-Gefellschaft kein Interesse, ick erkläre eS aber für vrin-sipiell bedenklich, daß. wenn einmal deutsches Großkapital in fremden Ländern ein deutsches Kulturwerk schafft, zum ersten Male eine solche Kulturarbeit verrichtet, daß man dann eine solche Kritik daran übt.
Anarchisten zu werden.
Nun ein Dort an den Herrn .Kollegen Paasche, der gestern seine Pernnmbenmg darüber auSgedrückt hat. daß ich mich berufen fühlte. Eensur an bem Reichskanzler zu üben. Ja. aber Herr Paascke bat sie bock selber geübt, inbcm er bem Reichskanzler Anerkennung gezollt für sein kraftvolles Auftreten in ber Venezuela-Aff aire. Sollen wir denn nur dann berufen sein, eine Censur zu üben, wenn sie ausgezeichnet auSfällt? Diese Abart deS „beschränkten UnterthanenverstandeS" geht dock selbst für einen Liberalen etwas zu weit. lHeiterkeit.) Tann bat Herr Paascke meine Ausführungen über die DiSeonto-Gefellsckaft zum @egcnftanb feiner Kritik gemacht. Ick habe aber nur gesagt: Denn die Regierung keinen andern Anlaß zum Einschrcsten gehabt hätte, alS lediglich die Forderrmgen der DiSconto-Gesellschaft. dann hätte ich ihr allerdings geratben: Hände weg! Unb bie Regierung hat ja schließlich auch gesagt, daß sie für diese allein sich nicht ins Zeug
Unterstützung ihrer Ansprüche durch die Reicksregierung im Sande erwecken. Die DiSconto-Vesellschaft ober vielmehr die von dieser gegründete (Eifenbabngefeöfd’aft hat die Große Venezuela-Eisenbahn gebaut unb damit, wie ick in Uebereinstimmumng mit dem Herrn Abg. Dr Paasche bervorhebe, ein Kulturwerk ersten RangeS in technischer Hinsicht geschaffen. Nach dem Vertrage zwischen der venezolanischen Regierung und der Groben Venezuela-Eisenbahn gesellfckaft übernahm die venezolanische Regierung die Verpflich- tung, für daS Bm,kapital von 60 Mill. Francs eine ZinSgarantic von 7 Proz »u leisten. Dieser ? tSsatz ist ja nach unseren Begriffen ein hoher, nach den Begriff in Ländern mit ungeordneten Finanzverbältnissen ein inrrthouS angemessener, wie sich ja z. B. daraus ergiebt. daß die ursvrüngliche ägvvtische Anleibe, die jetzige Sprozentige unifizirte, zuerst zu 7 Proz. kontrahirt worden ist. Dte ägbprisch«- Anleihe ist allerdings allmälig zu einem der besten Papiere ber Delt yeworben, während die venezolanischen Anleihen vollständig nothlecdend geworden sind.
In Folge der ©irren, welche in Venezuela herrschten, warf die Bahn fast keine Nettorente ab. Die venezolanische Regierung war daher nach dem ursprünglichen Vertrage verpflichtet, die volle Zinsgarantie im Betrage von 8>4 Millionen Francs jährlich zu leisten, sie that daS nicht und allmälig summten sich bie Forbe- rungen der EisenbaHngesellsckaft auf ben Betrag von 8*4 Millionen Francs an. Darauf wurde 1896 eine neue Vereinbarung zwischen der Gesellschaft und der venezolanischen Regierung getroffen, wonach dieie ber Gesellschaft als Abfinbmc, für bie rückständigen 8^4 Millionen Francs, sowie für die gefammte 7proz, Garantie einen Betrag von 86 Millionen Francs in TitreS einer neuen 5proz. Anleihe überwies. Diese Anleihe ist emittirt worben von der Disconto-Gesellsckaft. imb zwar im Betrage von 50 Millionen Francs. Die überschießenben 14 Millionen Francs hat bie venezolanische Regierung bekommen unb verwenbct zu Abfindungen für andere Eifenbahngarantien, welche sie Engländern. Franzosen und Holländern gewährt hatte. lHort. hört!)
Bei ben 86 Millionen Francs. Vie ber Großen Venezuela- Eisenbabngesellschaft übrrtoiefen sind, legte die venezolanische Regierung auS inneren Gründen Werth darauf. 26 Millionen als Abfindung unb 10 Millionen als Emissionsgebühr zu bezeichnen. sHort. hört!)
In Virklichkeit ist bie eine wie bie mibe re Summe an bie Große Venezuela-Eifenbahngefellfckaft gelangt. Hierbei hatte also bie Gesellschaft nur ein Geschäft gemacht, welches nicht einmal bei bem hiesigen Zinsfuß alS ein glänzcnbes bezeichnet werben kann. Im llebrigen hat bie venezolanische Regierung bie Zinsen für biefe Anleihe nur ganz kurze Zeit bezahlt. daS Geschäft ist also bis jetzt
passen. f.Aeitrrfctt.) Dir wollen nur.
er auck Kürassierftiefel anriehen kann, wo es noth thut. Denn man ■■
uns im Ausland fckon nicht liebt, so soll man uns wenigstens stehen aber, wie gc’agt. andere Ävmaai..g n fürdjtrn. (ffrifaU rrftf.) ®rai>na-r hwSr „K w Imn man da- »an
Staatssekretär Frhr. v. Rickthofen: Der Herr Vorredner hat 'einem dem Gesandten Frbrn. Sveck v. Sternburg die Fähigkeit zuqe C sprechen, durch das, was er fogtc. Mißverständnisse zu erwecken Ick kann dessen engerer Lm'dSmann, ben Herrn Abg. Dr. >7 nicht vollständig v"i b:-:- Fähigkeit freiftrrechen, benn au d was er sowohl ge - gesagt bat, könnte doe' seit» über dis Aktion .
diese als verwerflich bezeichn'^
^. andpunki aus verstehen Dir üben, daß sie gut sind. €b mar immer b;e Leute trifft, bie man treffen will, kann man freilich nie-’, mit Gera'.nakeit wissen Auck in VanS unb London ------ - ähnliche (Ftrnd’iur-'cn Die Va&inw ber Fremden- voli-ci ■ i - - cilick ber Reicksko nz. Soweir a’ao B^-
, erlangen sind, n ?cn sie vom Reick über-
ffassunge'.i ein.-r- wack 7er H:.. V.V. Dr. Gradnauer hat aber über ber. Amts- über die! kreis des Auswärtigen Amts einen etwas irrigen Begriff, wenn er
Varlamentnriidie Vkrhaiivliiiigrn.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Neickstaq.
$88. Sitzung vom 20. März.
1 llhr. DaS Haus ist äußerst schwach besetzt.
Am BundeSrathStisch: Frhr. v. Richthofen, Stoebel xnb Andere.
Die zweite Berathung bei Etat! del Auswärtigen «mtl wird fortgesetzt beim Titel ,Gehalt deS Staatssekretärs".
Abg Bern ft ein (soz.): Ter Staatssekretär hat eS gestern zu- Ä, daß die russische Regierung Kundschafter zur Ucbertoachung lwchiSmul in Deutschland hätte. Er meinte, das fei selbstverständlich. Hiergegen muß ich entschieden protestiren. Der Begriff bei Anarchismus ist ein sehr »ielbeutiger, eS giebt Anarchisten der verschiedensten Abtönungen, darunter auch Anarchisten, bie keinem Menschen ein Ham krümmen. Kunbschafter, die solche Leute überwachen, pflegen oft erst Verbrechen zu erfinden, sie züchten sie geradezu, anstatt sie zu verhindern. Daß in England eine Deutschland feindliche Stimmung herrscht, ist erklärlich, Eng land ist bas Lmib bei FreihanbelS, währcnb Deutschland sich burck hohe Gckuyzölle abzusperren sucht unb durch seine Kartellbildung die Dame vertheuert. Auch wird England fortgesetzt in Deutschland beschimpft, es giebt viele Leute bei uni. die sich danach sehnen, über England herzusallen. und deshalb fortgesetzt eine Vermehrung ber Flotte forbern. Die Verhältnisse in Mazedonien werden sich nicht eher bessern, bis nicht auch die Steuerverhältnisse von Grund aus reformirt werden.
Ein weiteres Kapitel, daS unsere auswärtige Politik auch angeht, da es mit dem Berliner Vertrag gleichfalls im Zusammenhang steht, ist daS der rumänischen Juden. Der rumänische Staat bankt sein Dasein ber Intervention Europas, in bem bamalS noch ber liberale Gebanke herrschte. Unb jetzt hat Europa baS Recht, von Rumänien eine humane Behandlung feiner ruffifchen Unter« thanen zu verlangen. In Rumänien ist eS der böfc Wille, ber es verhindert, daß den Juden die Rechte eingeräumt werben, die sie in Europa zu verlangen berechtigt find. Die rumänischen Juden sind Handwerker unb Arbeiter, Proletarier, unb gegen biefe verfolgen die rumänischen Staatsmänner — die mit ber ihnen eigenen Schlauheit sich um ihre DertragSverpflichtungen herurnbrücken_ — eine Politik ber Aushungerung, indem sie sie für Fremde erklären — ein schreiendes Unrecht schmählichster Art. Und Europa sieht dieser niedrigen Vertragsverletzung gleichmütig zu! Deutschland ist Mitunterzeichner des Berliner VerttagS, eS ist mit verantwortlich für alle! Unrecht, daS entgegen den Bestimmungen dieses Vertrags geschieht. (Beifall bei den Soz.j
Abg. Dr. Detlef skons): Der Vorredner hat mit Mund und Hand einen flammenden Protest gegen die Behandlung der rumänischen Juden erhoben. Nun hat Europa diesen Protest gehört, unb Europa wirb sich danach zu richten haben. (Weiterleit.) Es fragt sich aber, ob Deutschland daS Recht hat, sich hier inS Mittel zu legen. Gewiß ist Deutschland Mitunterzeichner des Berliner Ver- ttags, aber bie rumänische Regierung ist nicht der Ansicht, daß sie gegen denselben verstoßen habe, auch meines Wissens die eiwo- päischen Regierungen nickt. Ick habe daher nicht die Absicht, auf diese Materie näher einzugehen, auck nickt auf Rumänien und Mazedonien. Wohin soll eS führen, wenn wir hier im deutscken Reichstag uns mit fremden Angelegenheiten beschäftigen! Die Herren von der äußersten Linken haben stets ihre Mißstimmung über den Alldeutschen verband ausgesprochen, weil er sich in die inneren Angelegenheiten fremder Nationen mischt und daher Verstimmung erregt. Unb jetzt sollen wir daS thun! UebrigcnS würben. wenn ber Reichskanzler auf Herrn Bernstein Horen unb eine Aktton gegen die Türkei einleiten wollte, bie Herren von ber äußersten Linken bie Mittel dazu verweigern. lSehr gut! rechts.) Auf bie akademischen Erörterungen des Vorrebners über theoretischen unb praktischen Anarchismus gehe ich nicht ein. Ich halte ben Anarchismus für eine böse Krankheit, die au8gerottct werden muß. und ich wünsche, daß die Regierungen mit einander in Verbindung treten, um eine internationale Ueberwackung der Anarchisten zu ermöglichen. Wir müssen dadurch auch dafür sorgen, daß die .theorett- fefjen" Anarchisten gar nicht tn bie Lage kommen, praktische"
glaubt, baß diese! auch Ausländer gegen ihre eigene Regierung gn schützen habe.
WaS ben Fall Kalajew betrifft, so gehört er inS preußische Äbgeorbnetcnhau-?. ES mag ja vom Standpunkt deS Herrn Grad- naucr bedauerlich fein, daß er nicht im Abgeorduelenhaufe sitzt, aber das kann ich nicht ändern. (Heiterkeit.) Hierher gehören nur bie Fälle Kugel unb Buckbolz. DaS russische Erkenntniß in Sacken bet Frau Henriette Äugel besagt, baß biefe Jahre lang behilflich gewesen fei, Erzeugnisse revolutionärer Literatur in Rußlanb ein» zufckrnuggeln. Nun hat Herr Gradnauer einen Unterschied zwischen „revolutionär" und .sozial" gemacht. DaS mag von seinem Standpunkt auS und für die hiesigen Verhältnisse zuttessen. Aber eS kommt darauf an, daß man in Rußland jene Erzeugnisse als .rebo« lutioi ' bezeichnet und in deren Verbreitung einen strafbaren Akt erblickt. WaS den Fall Buckholz betrifft, so hat Herr Buckholz in einer längeren Zuschrift an ben „Vorwärts" behauptet, .bah bie russische Negierung unferm Botschafter ein so geringes Entgegenkommen erwiesen habe." DaS muß ick in Abrebe stellen. Im Großen unb Ganzen kann über irgenb eine Ungefälligkeit oder Verzögerung seitens der russischen Regierung nicht geklagt werden. ES ift im Ucbrigen bedauerlich, daß der deutsche Botschafter überhaupt veranlaßt werden soll, für derartige Angelegenheiten seine Zeit und seine Kräfte einzusetzen. (Unruhe links.) Denn die Leute über die Grenze gehen und Verbrechen gegen die bärtigen LanbeS- geseye verüben, so sollen sie auch selber die Folgen zu tragen haben. (Hört! hört I unb Unruhe links.) Der Vorrebner hat von der Ehre unb Würde des deutschen Reiches gesprochen. Derartige „patriotische unb nationale Phrasen" ganz ä la Milleranb höre ich von jener Seite mit großer Genugthuung. Aber ich glaube, baS deutsche Ansehen wird weder Durch ben Import von sremben Nihilisten unb Anarchisten, noch burch ben Export von deutschen Kolporteusen ftem- der verbotener Schriften wesentlick gestärft. (Beifall rechts. Lärm bei den Soz.)
Abg. Schrempf (kons.) meint, eS müßte dock im deutschen Reichstag erlaubt sein, daß man den Deutschen in Ungarn feine Svmpathie aussprecke; durch die Behandlung, die bie Deutschen jetzt in Ungarn genössen, würde bet Dreibunb nicht gestärkt Wenn man sich hier russischer Anarchisten unb rumänischer Juben an- nehmen bürfc, müßte auch ein gutes Wort für bie Deutschen in Siebenbürgen gestattet sein.
Abg. Ledebonr (Soz, bei ber Unruhe be8 HauseS schwer verständlich) beftreitet es, daß bie Frau Buchbolz revolutionäre Schriften nach Rußland gebracht habe, bad behaupte baS Auswärtige Amt nur, um dadurch seine Verfehlungen zu beschönigen.
Vicepräsident Vllssng ruft den Redner wegen dieser Aeuherung zur Ordnung.
Abg. Ledebonr (fortfahrend) polemisirt gegen den Abg. Dr. Hasse unb wirft den Alldeutschen Blättern große Leichtferttgkeit unb grenzenlose Unwissenheit vor, weil sie immer gegen Amerika hetzten. Wenn man sich über bie Bedrängung der Deutschen in Ungarn aufhalten wolle, müßte man erst damit aufhören, die polnische Natton bei uns zu unterdrücken. Tas deuftche Reiche habe nur ein Interesse daran, bie beutsche Arbeit im Jnlanbe zu erhalten, wenn man es aber immer so mache wie in Venezuela, und den deutschen Spekulanten selbst eine hohe Risikoprämie garantire, so treibe man damit daS deutsche Kapital inS Ausland.
Staatssekretär von Nichthofen: Der Auffassung deS Vorredners über bie Risikovrämie kann ick mich nicht anschließen. In dem Stonflift mit Venezuela hanbelte es sich zudem überhaupt nicht um Risikoprämien. Auf den Fall Buchholz muß ich nochmals zurück-- kommen. Der Vorredner stellte es so dar, als ob AlleS, was ich gesagt hätte, unrichtig wäre. Aber Alles, was ich sagte, beruhte auf den Berichten ber kaiserlichen Botschaft und ben eigenen Angaben des Ehemannes. ES ist gegen die Frau ein Verfahren ein« geleitet, weil bei einer Haussuchung revolutionäre Schriften bei ihr gefunden sind. Es ist auch ein Erkenntniß gegen sie ergangen. In solchen Fällen können wir nicht schneidiger vorgehen, wir können nur da schneidig vorgehen, wo eS sich um offenbare Verletzungen , der Rechte deutfcher Unterthemen handelt.
Abg. Schrader (freif. Serag., fast unverständlich) schließt sich bem Abg. Dr. Paai'cke in ber Vertheidigung ber Bahnen in Venezuela an. Es handle sich dort um ein Unternehmen, das von der deuttcken Industtie gebaut sei, unb auch im AuSlande das Ansehen des deutschen Reiches stärke. Ferner spricht Redner ben Wunsch auS, datz die Signatarmächte sich der rumänischen Juden annehmen.
Aba Mevqer (Soz.) beschwert sich über ein rigoroses Vorgehen des deutschen Konsuls in Hongkong gegen erkrankte deutsche Seeleute Die Konsuln un Auslände müßten angewiesen werden, die deutscken Gesetze, besonders die Seemannsordnung, zweckentsprechend anzuwenden.
Staatssekretär Frhr. v. Rickthofen: Ich kann dem Vorredner nicht auf die einzelnen Fälle antworten, da ich sie nicht kenne. Es kommt so oft vor, daß man etwas einseitig als wider Recht unb Gesetz, als haarsträubend unb skanbalos hinstellen hört, WaS, nachdem man ben anderen Theil gehört hat, in vollständig anderem Lickte erscheint. Also, eines Mannes Rede ist keines ManneS Rede: man soll sie billig hören alle beede! Ick meine auch, ber beutsche ©eamtenuanb steht zu hock, um durch solche allgemeine Angriffe getroffen zu werden. Daß die deutschen Seeleute von den Konsulaten nicht unterstützt werben, ist völlig unrichtig. Denn auch vielleicht hier unb ba ein Versehen einmal baffirt sein mag, so erkennen bock taufenbe beutsche Seeleute bankbar bie Hilfe und thatkräfttge Unterstützung an, bie ihnen burch bie beutschen Konsuln im AuSlanbe zu theil wirb.
Abg. Dr. Derlei (kons): Das ich über bie DiSkontogesellsckaft gesagt habe, hat ber Staatssekretär in ber Hauptsache zu gegeben. sDiderfpruch.) Er hat es bestätigt, baß bet Zinsfuß 7 Pro- betrug. Die Haupttacke war, baß bie Forberungen der DiSkonto- flcfeEfcbaft keine erstklassigen Ford-wungen waren unb baß wir ber Diskontogesellfchaft allein hxaen bie gan/e Ervebitton nicht unternommen hätten Den Ausdruck Eensur habe ich gegenüber bem Reichskanzler nur in scherzhaftem Sinne gebraucht. Herrn Saal ehe bestreite ich aber das Reckt, darüber zu befinden, was ich mir berausrunebmen habe. Ich werde wohl noch oft etwaS sagen, was Herrn Vaafche nickt gefällt, aber ick werde es mir niemals beratiS- r.ehmen, von einem Kollegen zu sagen, daß er sich etwas heraus- nimmt. (Heiterkett.)
Ter Ti^el .Staatsf-kretär" wird herauf bewilligt, desgleichen ein- ^".?abl weiterer Titel. Beim Titel „Sorto und Tel-gramm- cebübren ?c." bat die Kommission 15 000 Mk. gesttichen und anstatt 675 0^0 Mk. nur «66 000 Mk bewilligt.
Das Haus tritt bie’em Beschluß bei.
Der Rest des Etats des Auswärtigen Amt? wird ohne $ebci‘* erledigt.
- ' ."huna des Kolonialetats wird aus Sonnabend 10 11 f r ' -rin -t. Außerdem EtatSreste.)
Schluß Uhr.


