Ausgabe 
19.12.1903 Fünftes Blatt
 
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Nr. 298 Fünftes Blatt.

153. Jahrgang

Samstag 19. Dezember 1903

Erschein täglich mV Ausnahme des Sonntags.

DieG!etzenr. Kamilienblatter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießsim Anzeiger

Verantwortlich tot den allgemeinen Teil: P. Wittko; tot den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdnrck und Vetlag der Brüh loschen UnwersilätSdruckeret (Pietsch Erben). Gießen.

General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Erchen.

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Politische Tagesschau.

Der Marburger Neichstägsabg. v. Gerlach hat jüngst in Berlin in einer Volksversammlung die Lage der oft unter beamten erörtert. Er hat diesen Vortrag in Hamburg wiederholt, dort aber eine schwere Enttäuschung erfahren. Die Versammlung war überaus schwach besucht und die Aufforderung zur Diskussion wurde mit eisigem Schweigen beantwortet. Die Ursache des vollständigen Mlß- erfolges war eine Verfügung der Oberpostdirektion in Ham­burg, die nach dortigen Blättern lautet:

Wie hier bekannt geworden ist, wird heute abend im Saale derErholung" eine öffentliche Versammlung slallfinden, in welcher von dem Reichstagsabg. v. Gerlach em Vortrag über die Lage der Unterbeamten und den Wohnungsgeldzuschuß gehalten werden soll. Mit Bezug hierauf werden die Herren Vorileher veranlaßt, die Ihnen nachgeordneten Unterbeamten sofort darauf hinzuweifen, 1. daß es in dem Erlaß vom 25. Juni 1898 (Amtsblatt S. 215) als unstatthaft bezeichnet worden ist, in Beamtenverfamm- hingen Gelegenheit zu geben, agitatorisch durch auf­reizende, die Organe der Reichsregierung und insbesondere die vorgesetzten Dienstbehörden herabsetzende Reden die Einmütigkeit vertrauensvollen Zusammenarbeitens in der Beamtenschaft zu untergraben, 2. bau ferner der Ehef der Verwaltung in dem Erlaß vom 25. Mai 1899 (Amtsblatt S. 191) gegen die Ausdehnung der Postunterbcamten-Vereme über mehrere Ober-Postdirektionsbezirke Stellung genommen hat. (gez.) Vordeck."

Der Vorgang wird voraussichtlich von dem Abg. v. Gerlach im Reichstag noch zur Sprache gebracht werden.

Kirche uvd Schule.

Vor einigen Tagen brachten süddeutsche Blätter eine angebliche Aeußerung des Kardinal-Fürstbischoss Kvpp-Breslau über die Jesuiten, die derselbe dem Aba. von Kardorss gemacht Haden soll und die dieser dem soeben von seinem Amte nicht ganz freiwillig zurückge.rctenen Heilbronner Oberbürgermeister yegelmaier weiter erzählt hat, welcher damit feine Untreue gegen feine Wähler be­züglich des Jesuitengesetzes beschönigt haben soll. Die Aeußerung Kopps soll gelautet haben, er brauche die Jesuiten nur, um seine Geistlichen besser überwachen z u l a s s e n. TieGermania" ist zu der Erklärung ermächtigt, daß der Kardinal diese oder eine ähnliche Aeußerung nicht gemacht habe, die nur irgend­wie so gedeutet werden könnte und daß er vom Klerus und von der Ausgabe der Jesuiten eine zu hohe Meinung habe, um ein derartiges Urteil über Beide auszusprechen.

Rom, 18. Dez.Tribuna" teilt mit, Kardinal Gotcki habe vor einigen Tagen dem Papst vierzig Mil­lionen Lire überbracht, die Leo Kill, ihm für den Fall, daß er Papst würde, übergeben hatte mit der Verpflichtung, bei der Nichtwahl das Geld erst nach vier Adonalen ab- zuliesern. Weiter sagt dieTribuna", einen Tag nachher seien in der Privarbtbliochel Leos bei den Restaurierungs­arbeiten zwei Säcke Goldmünzen entdeckt worden, die angeblich neun Millionen enthielten. (Die Ge- schichle klingt recht Lolportageromanhast. D. Red.)

Ile Sängeychlacht in HUeder-Ziotzvach vor Gericht.

Original-Artikel desGießener Anzeigers". (Schluß.)

L Friedberg, 17. Dez.

Unter der Schar, die heute sich in den Zuhörerraum des hiesigen Schöffengerichts drängt und zwängt, sind die Erwartungen aufs höchste gespannt. Sollen doch die Plaid oyers und die Urteils Verkündigung der so großes Aufsehen erregenden Verhandlung, die am Diens­tag vertagt wurde, heute folgen. Bis zum Erscheinen des Gerichtshofes ist bereits der Zuhörerraum so überfüllt, daß derApfel nicht zur Erde fallen kann". Um 2i/4 Uhr fieainnt die Verhandlung wieder unter dem Vorsitz des

Oberamtsrichters Wart hör st. (Hier sei bemerkt, daß unser gestriger Bericht dahin zu berichtigen ist, daß nicht Assessor Meyer, sondern Amtsanwalt Münz en berg er Vertreter der Staatsanwaltschaft ist.) Zunächst werden einige ärztliche Gutachten vorgelesen, die bekunden, daß die Verletzungen, welche die teilweise als Nebenkläger! auftretenden Zeugen und die Angeklagten erhielten, nicht unerheblicher Natur gewesen sein mußten. Danach schildert Amtsanwalt Münzenberger nochmals den Hergang der Assaire. Er kennzeichnete zunächst die frivole Art, aus welche der Streit begonnen war. Mit scharfen Worten kritisierte er das Verhalten einiger Angeklagten bei dem Streite, der teilweise durch das Benehmen des Wirtes so schnell zum Ausbruch kam. Auch gegen die Bedenken der Verteidigung in Bezug auf die Vereidigung einiger Zeugen wendet er sich. Nach einstündtger Schilderung kommt er zu der Schlußfolgerung, daß die zur Verhand­lung stehendeSänger sch lacht" energische Bestrafung er­fordere. Es lägen gefährliche Körperverletzung, Mißhand­lung in mehreren Fällen, Bedrohung und Hausfriedens- bruch vor.

Rechtsanwalt Fischer-Friedberg versucht die An­klage dadurch abzuschwächen, daß ein Teil der Beschuldig­ten gereizt und auf dem Wege nach der Heimat belästigt wurde. Reicht die Angeklagten, sondern deren Angreifer hatten die gefährlichen Schlagwerkzeuge, wie zum Teil erwiesen sei, und nur ein Zufall sei es, daß gerade die angegriffene Partei die Anklagebankziere".

Rechtsanwalt Schröder-Friedberg schließt sich den Ausführungen des Vertreters der Staatsanwaltschaft im allgemeinen an. Er macht die Entschädigungsansprüche seiner Klienten als Nebenkläger geltend und beantragt die in Betracht kommenden Angeklagten noch zu Geldbußen zu verurteilen. Die von ihm vertretenen Angeklagten bittet er freizusprechen, da bei denselben Notwehr vor­liege; im höchsten Falle Zuerkennung einer Geldstrafe.

In li/4 stündigem Plaidoyer verteidigt Rechtsanwalt Katz aus Gießen einen Teil der Angeklagten. Wenn­gleich strafbare Ausschreitungen v-orliegen, so müßten die Umstände erwogen werden. Er wendet sich gegen die Strafzumessung durch den Amts anwalt und unterzieht dessen Ausführungen einer Replik, die im Zuschauerraum mitunter Heiterkeit hervorruft. Er bittet um Zuerkennung mildernder Umstände für seine Klienten.

Nach einer 'kurzen fTuplik des Amtsanwalts und einigen Ergänzungsworten des Rechtsanwalts Schröder zu seinem Plaidoyer, zieht sich der Gerichtshof um 3A6 Uhr zur Be­ratung zurück. Nach beinahe IV2 Stunden, während die Spannung der Beteiligten auf das Höchste Niveau gestiegen ist, erscheint der Gerichtshof wieder zur Urteilsverkündig- ung,. An Strafen erhielten: Peter Ludwig Kuhn 2 Monate, Franz Ludwig Kuhn 0 Wochen, Georg Joses Kuhn 3 Wochen, Adam Meijinger II. 18 Tage, Georg K'öbel LV. 6 Wochen, G^org Albert Hofmann 18 Tage, Albert Hofmann 3 Wochen, Georg Keil 10 Tage, Joses Schneider 18 Tage Gefängnis; Hemrick Josef Meismger und Alois -Meisinger je 50 Mark Geldbuße. Freigesprochen sind der Schneider Franz Meismger, der mitangeklagte Präsident des GesangvereinsGermania" Georg Alois Kuhn, sowie Johannes Hofmann. Tie Kosten des Verfahrens entfallen je nach der Bestrafung aus die Verurteilten. In der Ur­teilsbegründung wird betont, daß s ä m t t i ch e n A n- geklagten mildernde Umstände bei Straf­zumessung gewährt seien, weil das Verhalten des Wirtes Simra bei Schlichtung des Streites jedenfalls zu scharf ge­wesen sei, wodurch dieKeilerei" erst recht provoziert wurde. Ebenso sei nicht zu billigen das aggressive Vor­gehen. Tie weiteren Exzesse, die später folgten, ver­dienten auch schärfste Verurteilung und eine gewisse sltoh- heit der Gesinnung liege darin, daß das Messer dabei seine Rolle spielte.

Gegen 1/28 Uhr wurde das Urteil verkündet und der Vorsitzende erklärte die Verhandlung für beendet, worauf

unter fürchterlichem Gedränge die Zuschauer, meistens Leute aus der Heimat der Verurteilten, ihren heimischen Penaten entgegeneUten, unter lautem Debattieren, Krrtr- fieren und Räsonnieren.

Oersnijchtc».

^Marienburg, 16. Tcz. au| dem hiesigen Zollamt, wurden etwa 60 Exemplare des Bits e'schen Romans: Aus einer kleinen Garnison" beschlagnahmt. Tie Setrdung war an Buchhändler und Privatleute von Marien­burg adressiert.

* T ho r n, 18. Dez. Der Schnellzug, 3 von Warschau nach Alexandrowa mit einem Schlafwagen Warschau-Berlin ist in der vergangenen Nacht bei Wloclawek ^Gouvernement Warschau) mit einem russischen Güterzuge zusammen- gestoßen. Es sollen mehrere Personen um ge­kommen und einige verletzt sein.

* Cherbourg, 18. Dez. Tas Torpedoboot Nr. 223 wurde heute beim Torpedo schießen auf der Reede vom TorpedobootszerstörerHarpon" an Baabord zwischen beiden Schloten a 11 g e r a n n t. Tas Torpedoboot mußte ins Arsenal gebracht werden. DieHarpon" erlitt nur leichte Havarien.

Auchug Küö Leu Llüuorsümtörr^ftttü üu £iaOi wttßeu.

Aufgebote.

Am 8. Dez. Panl Ferdinand Willy Springwald, Sergeant dahier mit Karoline Lein in Darmstadt. Am 10. Dez. Heinrich Ferdinand Schütz, Telegraphenmechaniker dahier mit Anna Marie Haupt in Kassel. Am 14. Dez. Friedrich Karl May, Weichensteller dahier mit Auguste Werner hierseldst. Am 15. Dez. Jost Schneider, Blineralwasjerhändler daher mrt Elisadethe Eisenhnt hierseldst. Am 18. Dez. Ernst Pletz, Zigarreniabrikant dahier mit Antonie Clara Johanna Schiller in Frankfurt a. Ai.

Eheschließungen.

Am. 16. Dez. Philipp Johannes Albrecht Kullmann, Groß- Herzog!. Oberlehrer in Raubach mit Caroline Adelheid Elise Emilie Hedwig Bock in Ridda.

Geborene.

Am 5. Dezember. Den: Taglöhner Karl Appel eine Tochter Karoline Emma Aiinna Auguste. Am 7. Dez. Dem Buchbinder Wilhelm Kemer ein Sohn Otto Hans. Am 10. Dez. Dem Feld­webel Karl Jentzsch eine Tochter Nelly Marie Luise Katharina. Dem Restaurateur Hermann Otto ein Sohn Heinrich Georg Valentin. Am 12. Dez. Dem Taglöhner Heinrich Wilhelm Frank ein Sohn Ludwig. Am 13. Dez. Dem Lehrer an der höheren Mädchenschule Heinrich Sarnes eine Tochter. Dem Oberpost- asjlstenten Wilhelm Kmzendach em Sohn. Dem Hilssmagen- meister Wilhelm Bender ein Sohn. Dem Stationsassistenten Adolf Höcher eine Tochter. Am 14. Dez. Dem Fabrikanten Emil Horst ein Sohn Hermann Gotthilf. Am 15. Dez. Dem Schmied Theodor Stein ein Sohn.

Gestorbene.

Am 11. Dez. Sophie Marie Battenhausen, 67 Jahre alt, ohne Beruf dahier. Am 12. Dez. Sufanna Keiner, geb. Brück, 63 Jahre alt, Witwe des Atüllers Heinrich Keiner dahier. Am 13. Dez. Johannes Gratzfeld, 1 Jahr alt, Sohn des Wirts Heinrich Gratzfeld dahier. Am 15. Dez. Katharine Hermine Horny, 9 Tage alt, Tochter des Fuhrknechts Adam Horny dahier. Am 16. Dez. Marie Christine Peil, 6 Jahre alt, Tochter des Heizers i. P. Friedrich Peil dahier. Am 18. Dez. Theodor Heinrich Meier, 7 Monate alt, Sohn des Dachdeckers Hermann Meier dahier.

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