Nr. S71
Erscheint tLgttch außer Sonntag».
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Samtlien» blätter viermal in der
Woche beigelegt.
RotattonSdrnck tu Verlag de, Brühl fchen llntverl^Buch- n. Stetn- brurferti (Pietsch Erden)
Btaaftton. erpebttion und Druckerei:
«chnlstratze 7.
Adresse für Depeschenr Anzeiger Gieße«.
Aernlprechanlchluß 9ir. 61. ——imw
Zweites Blatt. 153. Jahrgang Mittwoch 18. NavemverlvvS
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Zjg/ V /ö A irj V tShrltch M. ßLO. durch
GletzenerAnzeiger«
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW
3>ie heutige Yummer umfaßt 10 Seite«.
Gieße«, den 14. November 1903.
Betr.: Die Unterstützung von Familien der zu Friedens- Übungen einberufenen Mannschaften.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir beauftragen Sie, soweit dies noch nicht geschehen ist, die Gemeinde-Einnehmer anzuweisen, bezüglich der von denselben in obigem Betreffe pro 1902/03 vorgelegten Beträge mit unserer Kreiskaffe alsbald abzurechnen. ______________I. V.r Dr. Heinrichs._______________
Gießen, den 17. November 1903.
Betr.: Landwirtschaftliche Bodenbenutzung im Jahre 1903. Das Grotzherzoqliche Kreisamt Gießen oä die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Bezugnahme auf unser Ausjchreloen vom 1 /. Mai L Js^ Kreisblatt Nr. 51, erwarten wir die alsbaldige Einsendung des entsprechend ausgefüllten Formulars 2 b insoweit dies noch nicht geschehen ist.
______________I. V.: Dr. Heinrichs._______________
Gießen, den 17. November 1903.
Betr.: Remuneration für den Unterricht in der Fortbildungsschule.
Die Großh. Kreisschulkommission Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir sehen bis 15. Dezember l. Js. Ihrem Berichte darüber entgegen, wie hoch sich die Vergütung für jede von den Lehrern Ihrer Gemeinde in der Fortbildungsschule gehaltene Stunde beläuft.
_______________________Dr. Breidert.________________________
Kriraiullmuchung.
Betr.: Den Schutz junger Obstbäume gegen Hasenftaß.
Wir machen die Landwirte unseres Kreises darauf aufmerksam, daß sie ihre jungen Obstbäume in gehöriger Wei^e gegen Hasenfraß schützen mögen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, rote es vielfach üblich ist, ist nicht genügend, da der Hase die beiden Schutzmittel leicht durchnagt; auch nisten sich im Stroh gern Obstbaumschädlinge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbinden der Bäume mit Dornen oder das Anbringen eines Drahtgeflechts. Bei der großen Bedeutung, welche der Obstbaum zurzeit hat, liegt es in dringendem Interesse der Landwirts, ihren Bäumen diesen Schutz angedeihen zu lassen.
Besonders bemerken wir hierzu noch, daß nach Art. 2 deS Gesetzes vom 2. August 1899, den Ersatz des Wildschadens betreffend, der Wlldschaden, der an Obstbäumen und
Baumschulen angerichtet wird, nicht zu ersetzen ist, wenn die Herrichtung von Schutzvorrichtungen unterblieben ist, die unter gewöhnlichen Umständen zur Abwendung des Schadens auSreichen.
Gießen, den 17. November 1903.
Groß herzoglich es Kreisamt Gießen-
I. V.: Dr. Heinrichs.
Kekanntmachung.
Betr.: Rotlauf zu Langsdorf.
In dem Gehöft des Christian Jung zu LangSdorf ist Schweinerotlauf festgestellt worden. Die kranken Schweine sind der Stallsp erre, die der Seuche verdächtigen Tiere der Ge Höft sperre unterworfen. Der Schweinebestand wurde der Schutzimpfung unterworfen.
Gießen, den 16. November 1903.
GrotzherzogUches Krersaun Gießen.
I. V.: Dr. K r a n z b ü h l e r.
Amtliche Nachrichten über Viehseuchen.
Unter dem Schweinebestand der Landes-Heilanstalt Marburg ist ein Schwein an Rotlausseuche erkrankt Es ist Gehöftsperre angeordnet.
Die unter den Schweinen in Münchhausen (Kreis Marburg) ausgebrochene Rotlaufseuche ist erloschen, die Sperrmaßregeln wieder aufgehoben.
Politische Tagesschau.
Der neue Reichstagsvorstand.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt uns unterm 18. November:
Es besteht in parlamentarischen Kreisen kein Zweifel darüber, daß für die Posten des Präsidenten und der beiden Vizepräsidenten des Reichstags wieder je ein Mitglied des Zentrums, der Konservativen und der N a t i o n a l l i b e r a l en in Betracht kommt. Und man hält die Kandidatur des Grasen Balle ft rem für ebenso feststehend wie diejenige des Grafen Stolberg- Wernigerode als seines ersten Vertreters. An Stelle des dem neuen Reichstag nicht anaehörenden Herrn Büsing werden die Nationalliberalen vielleicht den mit den Vor- standsgeschäkten vertrauten und gewandten Abg. Dr. Paasche für das Amt des zweiten Vizepräsidenten präsentieren. Tie Möglichkeit einer sozialdemokratischen Kandidatur wird für unwahrscheinlich gehalten, da^ gegen glaubt nian, daß die äußerste Linke mindestens einen Schriftführerposten beanspruchen wird, um im Reichstagsbureau nicht länger unvertreten zu sein. In der letzten Legislaturperiode präsentierte die äußerste Linke für das Schriftführeramt den Abg, Schippet, sie vermochte aber nicht, dessen Wahl durchzusetzen.
Aas italienische Königspaar in England.
Portsmouth, 17. Nov. Die Jacht „Viktoria" and Albert*' mit dem Königspaar von Italien ist um 11 Uhr 40 Min. hier erngetroften. Der Prinz von Wales begab sich an Bord und begrüßte das Königspaar.
London, 17. Nov. Das italienische Königspaar traf in Windsor heute nachmittag 3 Uhr 30 Mm. von Portsmouth ein. An beiden Orten bereitete ihm die Bevölkerung einen enthusiastischen Empfang. Der König und die Kö- nigin begrüßten ihre hohen Gäste auf das herzlichste mu) geleiteten sie nach Windsoreastle.
Windsor, 17. Nov. Bei der Einfahrt des Zuges mit dem italienischen Königspaar präsentierten die Truppen, die Musik spielte die italienische Hymne, die Glocken läuteten. Am Bahnhof hatten sich König Eduard, Königin Alexandra, Prinz Christian, Prinzessin Viltoria und eine große Anzahl von Generalen und Würdenträgern einge- sunden. Als der Zug hielt, stieg König Viktor Emanuel aus und schritt mit ausgebreiteten Armen aus König Eduard zu. Die Monarchen küßten einander auf beide Wangen. König Eduard küßte der Königm Helene die Hand, worauf beide Königinnen sich herzlich umarmten. Der Könia von Italien trug Generalsunijonn, König Eduard Felomar- jchallsuniform. Nachdem der Könige von Italien eine vom Mayor überreichte Adresse entgegengenommen hatte, wurde in acht offenen Galawagen die Fahrt ins Schloß angetreten. Im ersten Wagen saßen beide Liönige, der Herzog vonl ^.onnaught und der Prinz von Wales, in zweiten bie beiden Königinnen und Prinzessin Viltoria. Bei der Fahrt durch die Straßen, in denen Truppen Spalier bildeten, wurden den Majestäten von der Menge stürmische Huldigungen dargebracht.
Kijenöahnprojekte.
s. Ulrichstein, 16. November.
Gestern fand dahier im Darmstädter Hof um 3 Uhr eine allegmeine Versammlung statt, in welcher das A l s s e l d e r Komitee sein neues Eisenbahn-Projekt „Zell —Romrod — Niederbreidenbach, — Oberbreidenb ach — Windhausen — Ulrich stecn — Rudingshain- Schotten" zur Sprache orachte Die ^tadt Atejeld war durch acht Herren und Kreisrat Dr. Atelior vertreten, Schotten durch den Bürgermeister Kromm, Beigeordneten Eella- rius, Forstmeister Diessenbach» LÄichdruck-ereibesitzer Erigol und noch mehrere andere. Außeidem waren vertreten die Orte Oberbreidenbachs Windhausen, Storndorf, Die uh es, Helpershain, Ulrichstem, R.bge-hain, Felötrüuen, Rubinos' Harri, Oberseibertenrod, Sturnpertenrod, Göbenhausen, Ob.r- ohmen, Ruppertenrod, Engelrod unb Eichernod.
Der Vor sitze ride, Fabrikant Grünewald aus Alsfeld, erklärte zunächsst den Unterschied zwischen den bestehenden Projekten und führte dann weiter aus, daß der hessische Staat Eisenbahnen auf eigene Kopen nur dann baue, wenn eine Rentabilität von 2 Prozent garantiert werde, andernfalls empfehle er den Dau durch Privatgesellschaften und
achtet nich üeiben diest
Gießener Theaterverein.
Maria von Magdala.
Drama in 5 Akten von Paul Heyse. (Buchausgabe: 21. Ausl. 1903, Stuttgart, Cotta.)
in Aufregung bringen.
Merkwürdige Parallelen das, dre man zwischen zwer tn der letzten Zeit am meisten besprochenen deutschen Büchern findet, zwischen Heyses „Maria von Magdala" und ßeut» nant Mses militärischem Zeitb'ilde „Aus einer kleinen Gar- nison". , r
So wie Aulus Flavins, der runge elegante römische Offizier,, der Neffe des Landpslegers Pontius Pilatus, wert lieber in Rom wäre als in dem fernen Jerusalem, so sehnte Bilse sich hinaus aus dem lothrrngrsch-franzvftsch^n Garnt- fonnefte nach seiner reichsdeutsck^n .Hennat. „Werl zwei leichtsinnige Vögel", so erzählt Btl.e in fernem verbotenem Buche, „nicht Dtaß halten konnten, wurde das ganze Ossl- zier orps in diesem elenden Neste eingesperrt (durch öen Befehl des Kommandeurs, das betrachbarte Saarbrücken nur bei ausdnüetlicher Urlanbserteilnng besuchen zu dürfen), die einzige Abwechslung, ein Konzert oder em gute^ Gms Bier gehörte nun auch wie so vieles unter die Rnberk der frommen Wünsche .... Fragte eine Dame des Regrments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sre am Abend ber den Besorgungen Tn der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und billiger fei, so hieß es: „diern, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie ein Schuljunge feuren Mehrer, ob er einmal hinaus dürfe". — Wie der ^rarnoatarl- lons - Kommandeur in Forbach, |o der Mrnrster des Innern in Preußen. Weil „Diarra von Magdala^ dre
Ein wahrer Jammer für einen lebensfrohen jungen Offizier, in diesem trübseligen, verlassenen Orte fern von der großen Welt sitzen zu müssen, wo jeder halbwegs gebildete oder bildungsbeflissene Mensch von guter Herkunft sich zum Sterben langweilt. Man arbeitet natürlich recht gern für seine Karriere, aber ein bischen lustiger könnte es schon sein. Das reichsverdrossene Volk hier in der A-remüe kümmert sich in seiner Gehässigkeit wenig um dre militärischen Stützen des Thrones. Man gehorcht, aber man achtet nicht das Reich. Das ist deutlich zu spüren. Ueberall bleiben drese hier unter ficl>, verschlossen, unzugänglich- ungeseNig. Sre meiden die ftemden Eroberer, fast so wie man Aussätzige meidet. Alles in allem: ein schwer und unerfreullche-r Dienst. Schwerer und unerfreulicher als sonst irgendwo in einer Provinz. Und dann noch mitunter Scherereien, die man mit der Bevölkerung hat, Zwistigkeiten, dre den ganzen Ort
Dichtung eines hochgesinnten ideatii risch en Dichters, der seit mehreren Jahrzehnten anerkannt ist als einer der vorzüglichsten deutschen Poeten, sämtlichen preußischen Verivalt- ungsgerichtsentscheidungen zufolge einen „Angriff auf die Religion" bedeute, erging durch den Minister auf Grund einer aus dem Jahre 1817 (!) stammenden Verordnung über die ganze preußische Mionarchie das Aufführungsverbot. Und im preußischen Abgeordnetenhause sprach der- telbe Minister, unter dem Beifall eines großen Teiles der vreußischen Parlamentarier, das große Wort gelassen aus, daß man seine Töchter ohne Erröten müsse in das Theater schicken können. Als ob das Theater eine Vorbereitungsanstalt für höhere Töchterschulen fei, als ob es nicht stets eine Frage des Erziehers sein muß, ob er feine Pflegebefohlenen in dieses Drama oder in jenes Museum gehen läßt. Tie Kunst, auch> die dramatische und d.e mimische, Hot wahrlich nicht auf unreife Personen Rücksicht zu nehmen. Sonst verlöre sie nur allzu schnell jede Kraft, jeden Schwung, jede Kühnheit in der Erörterung menschslicher, sozialer, sckllicher Probleme. Wie beschämend für ganz Deutscyland, daß der oberste Polizeibeamte des größten deutschen Bundesstaat».s in der Buhne so etwas wie ein streng zu überwachendes notwendiges Nebel erblickt, während man in allen Kulturstaaten seit Schillers Zeiten danach strebt, die Bühne Äiun nationalen und kulturgeschichtlichen Heiligtum oder doch zu einem der wichtigsten Träger allgemeiner Geiftestultur zu machen. In Forbach verbietet der Bataillonstommandeur seinen sämtlichen Offizieren den Besuch der Nachbarstadt; tn Preußen verbietet der Alinister des Innern, trotz der flammendsten Proteste der Goethebünde einfckstießlich des hessischen, trotz der schönsten Reden der Herren Sudermann und sZnlda, die man in einer bei S. Uscher in Berlin erschienenen Broschüre nachlesen kann, nach Gutdünken Theatervorstellungen und beaufsichtigt reife Männer, ebenfalls wie Schulkinder, bezüglich ihrer geistigen und künstlerischen Nahrung. Und wie in Preußen, so in Bat)em, während in England und Amerika das Drama vor fünf Jahren schon ein Zugstück war!
Erst mit dem Verbot des preußischen Ministers in diesem Frühjahr wurde das allgemeine Interesse auf dieses Drama gelenkt, das heute wohl in weit mehr noch denn 21000 Exemplaren verbreitet sein mag, zumal auch in Preußen die Dichtung — wie unsäglich komisch! — nicht nur jedermann für 1.60 Mk. bei seinem Buchhändler kaufen, sondern auch in öffentlichen Vorlesungen hören darf!
Bei uns in Hessen gibt es verständigerweise keine Zensur in Theaterdingen. So hat denn in der hessischen Landes- Universitätsstadt die Aufführung des Heyseschen Dramas
ohne alle Weiterungen slattiinoeu lunnen. Und wem gestern der Gedanke gekommen ist, Heyse habe in diesem Drama einen „Angriff auf die Religion" unternehmen wollen, der melde sichü
Verfolgen wir die -Erlebnisse der lebensvollsten Figur des Stückes, die uns am ungezwungensten, fiisch und phrasenlos, als Dcensch zu Menschen, entgegen tritt, des jungen römischen Offiziers Aulus Flavins. In seiner langweiligen Garnisonstadt Jerusalem dünkt ihm das einzig Reizende die fchöne Maria, die ihrem Manne davongelaufen und von Magdala am See Genezareth hergekommen ist, um hier in Pracht und Freude die Qual ihrer Ehe zu vergessen. Maria, die Buhlerin, die allen Wohlanständigen zum Aergernis lebt, an deren Tür aber nachts die jungen Männer bebend klopfen. Sie vielleicht wäre ein angenehmer Zeitvertreib, bei dem man sich mit der unwirtlichen Garnison verföhnen könnte. Allem dem jungen Romer weigert sich Maria, ihm bleibt die Kammer verschlossen.
Dann kommt die, um im Sinne des Römers weiter zu reden, merkwürdige Begebenheit mit dem jungen Wanderprediger, der so großen Zulauf hat und für den Maria fich begeistert. Völlig verwandelt ist sie, seit der milde Prophet ^in der Stadt erschien. Sie hält sich einsam zu §aafe, schafft die fröhlicy genießende Gefellschaft ab, Liebe und Liebelei, und ist ganz im Banne des i!razareners. Dew aber wollen die Priester ans Kreuz heften, irs nutzt nichts, daß er dem Statthalter sympatyisch ist. Tie Priester wiegeln das Volk auf, bitten, drängen, toben, drohen mit Beschwerden, und Poilllas Pilams, der ih-.en störrischen, fanatischen Eigensinn kennt, loäscht seine ^ände und tut ihnen den Gefallen um des lieben Friedens willen. Was liegt auch schließlich daran? Der V«-rioaitungsbeyörde kann die Sache gleich sein, und am Ende ist es gar nicht so unklug, diesen schwer zu behandelnden Juden in Kleinigkeiten ihren Willen zu lassen.
Maria von Magdala verzweifelt, und Aulus Flavins überlegt, ob er ans diesem Zwischenfall nicht Vorteil ziehen könne. Nun wohl: Vielleicht ist die schöne Maria noch einmal zu einem kleinen Rückfall zu bewegen! Wenn sie dem Retter die Tür aufriegelt, dann mag der Nazarener entschlüpfen. Um diesen Lohn, der nach ihrem Vorleben ihr ja gar nicht so schwer fallen kann, wird sie gewiß gern ihren Seelensreund vom Kreuze befreien! Im übrigen läßt sich die Sache ja auch leichr bewensieiligen. Ist er doch der Neffe des Pilatus. Er wird den Wachen jagen, der Onkel wünsche, daß Der Gefangene heimlich entweiche. Und alle wijfen es zudem, daß der StaUbalter!


