Tatsachen gestellt wird, dürste unter dem Grafen Bülow als Kanzler ausgeschlossen )ein. Es wird rn Berlin mehr als je auf die (Stimmung im Süden Rü ck- sicht g e n o m m c n. Die Neigung zum Zusammenarbeiten hat dadurch eine entscheidende und erfreuliche Förderung erfahren.
Der Aufmarsch der Parteien in Preußen.
Man fei)reibt uns ferner aus Berlin, 16. Oktober:
Eine längere Betrachtung der „Konserv. Korr." über den Aufmarsch der Parteien zu den preußischen Wahlen wird in der heutigen „Nordd. Allg, Ztg." zum Ausdruck gebracht. Es heißt in der als parteioffiziös anzusehenden Auslassung u. cu: bie Für ch t vor dem reaktionären G e s p e n st und vor den s ch w a r z e n .P l ä n e n der „k l e - rikal-konservativen Mehrheit" in Bezug auf die B o l k s s ch ule bilden die Ei nigungs punkte für den Gesamtliberalismus in Preußen und den Köder, mit dem auch die Sozialdemokraten „krebsen". Das Ideal der bürgerlichen Linken, in geschlossener Phalanx g e g e n d i e „R e a k t i o n" zu marschieren, sei nal)ezu verwirklicht. Die schroffe Abkehr der National- liberalen von der Rechten könne nur als ein vermutlich von den Nationalliberalen selbst für nötig gehaltener Beweis gelten, daß die nationalliberale Partei nunmehr aufhören wolle, eine Mittelpartei zu sein.
Tie Abkehr der Nationalliberalen v o n d e r R e ch t e n hat sich in Wirklichkeit längst vollzogen. Der erste und hauptsächliche Llnstoß dazu ist die Bekämpfung der Verkehrsprojekte durch die Konservativen gewesen, sodann die immer mehr in Erscheinung tretende Annäherung zwischen Konser- vatcven und Zentrum. Andererseits ergab sich bei sehr vielen Fragen eine ll e b e r e i n st i in m u n g der Nationalliberalen und der Freisinnigen im Landtag. Es ist nur folgerichtig, daß die Nationalliberalen das Kartell mit den Konservativen gekündigt und vielfach gemeinsame Kand idaturen mit den Freisinnigen aufgestellt haben. Konservative, die nicht in der Selbsttäuschung befangen sind, rechnen sehr ernstlich mit einer Dtschütter- ung des Besitzstandes, namentlich, da die Wahlbewegung zu wünschen übrig läßt.
Eine Warnung au Landarbeiter.
Man schreibt uns aus Kolonialkreisen:
Wohl allenthalben auf dem Erdball begegnet man heutzutage deutschen Weltreisenden. Sie sehen sich Land und Leute in fernen Zonen an, doch nicht gerade oft zu dem Zwecke, durch Verbreitung der Kenntnis von dem, was ihnen auffiel, in Schrift oder Wort ihrem Vaterlande, chrem Volke einen Dienst zu erweisen. An Reisebeschreibungen fehlt es zwar nicht, wohl aber an solchen, .die wertvoll sind, durch Schilderung der sozialen Verhältnisse, durch Fingerzeige über Wirtschaftslage, Arbeitsund Lebensbedingungen in fremden Ländern. Um so anerkennenswerter ist es, wenn ein deutscher Weltreisender praktische Winke gibt, wie dies Moritz Schanz-Chemnitz jetzt im Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft tut. Er warnt da die deutschen Landarbeiter auf das aller- dringendste vor der Auswanderung nach der Kap- ko lonie sowie davor, sich den dortigen Ob stsarm ern ,§u verdingen, die mit fortwährendem Mangel an zuverlässigen Arbeitern zu kämpfen haben. Einflußreiche Mitglieder des Kapparlaments, so berichtet Schanz, 'trachten danach, die Einwanderung deutscher landwirtschaftlicher Arbeiter nach der Kapkolonie in die Wege zu leiten; die Arbeitsbedingungen sind ungünstiger, als man sie den Kaffern zu stellen wagt. Wer auf sie eingeht, begibt sich in eine regelrechte Sklaverei. Daß kein encstischer Arbeiter auf die Kapländer Farmen sich verdingt, braucht eigentlich kaum hervorgehoben zu werden. Dagegen erscheint ein ausdrücklicher Hinweis darauf angezeigt, daß die italienische Megierung die Erlaubnis zur Organisierung der Auswanderung italienischer Landarbeiter nach Südafrika auf der Grundlage eines so beschaffenen Arbeitskontraktes rundweg versagte. Es ist das um deswillen bezeichnend, als ausgeprägtes soziales Empfinden den italienischen Ministern nicht gerade eigentümlich zu sein Pflegt, 'wie die traurige Lage der Landarbeiter in Italien selbst beweist. Für 2i/2 Shilling bei zehn- bis zwölf stündiger Arbeitszeit unter den teuren Lebensbedingungen der Kapkolonie zu arbeiten, das
vermag allenfalls ein Asiate. Die kap ländische Regierung dürfte von der Einwanderung der Asiaten freilich ebenso- ivenig etwas wissen wollen, wie diejenige Australiens, doch diese Abneigung schwinden zu machen ist Sache der kap- ländischen Obstfarmer. An den Organen der öffentlichen Meinung in Deutschland ist es, verhüten zu helfen, daß deutsche Arbeiter zu englischem Nutz und Frommen ihre Haut zu Markte tragen. Wo deutsche Arbeiter sich mit dem Gedanken der Auswanderung nach dem dunklen Erdteil beschäftigen, da tun sie gut, in erster Linie Deutsch-Südwestafrika in Betracht zu ziehen und über die dortigen Verhältnisse bei der Reichs-Auskunftsstelle für Auswanderer in Berlin sich Rat zu holen.' Den Vorstellungen und Lockungen von Agenten ober sonstigen Mittelspersonen ist in keinem Fall Gehör zu geben. Wer sich trotzdem verleiten läßt, dem kann später kein Konsul und keine Regierung helfen.
Adreßbuch
der Stobt uni) des Kreises Wen.
Am Montag, dem 19. Oktober, werden wir mit dem Einsammelu des Gießener Adressenmaterials beginnen lassen. Um nnn das Adreßbuch mit möglichster Genauigkeit herstetteu zu können, bitten wir Höst, um die freundliche Unterstützung der verehrt. Einwohner Gießens, die ja das größte Interesse an einem fehlerfreien Adreßbuch haben. Möge also jedermann die Güte haben, unseren Einsammlcrn mit genauen Angaben an Hand zu gehen.
Mrühl'fche Nniversttäts-Pruckerei.
Verlag des Kreis-Adreßbuches.
Aus Stadt uni) Land.
Gießen, den 17. Oktober 1903.
*♦ Gefellschaft für Erd- und Völkerkunde. Wie bereits durch Anzeige bekannt gegeben ist, findet am Montag, den 19. Oktober, abends 8^/z Uhr im Hotel „Großherzog von Hessen" die jährliche Hauptversammlung der Gesellschaft statt, worauf wir an dieser Stelle nochmals Hinweisen wollen.
** In der Gemälde-Ausstellung am Brand findet kommende Woche ein größerer Wechsel der seit 14 Tagen ausgestellten Gemälde statt. Es sei darum nochmals auf die gegenwärtige Ausstellung hingewiesen.
-s- Ettingshausen, 15. Okt. Der 20jährige Knecht des Landwirts Georg Serth sprang gestern nacht aus dem Fenster des zweiten Stockes aus die Straße und zog sich schwere Verletzungen zu. Da er einen Schädelbruch erlitt, so ist sein Zustand sehr bedenklich. Der Fall wurde dadurch etwas gemildert, daß em anderer Bursche ihn auffing und am Rock faßte, sonst hätte der Tod auf der Stelle eintreten können. Ob Furcht vor der Militärzeit die Ursache ist, kann erst nach der Vernehmung des Rekruten festgestellt werden.
Le. Friedberg, 16. Okt. Dekan Dr. Wurster in Blaubeuren hat einen Ruf als Professor an das Predigerseminar hier angenommen.
E. B. Darmstadt, 16. Okt. Auch heute unternahmen die fürstlichen Herrschaften von Wolfsgarten aus Automobilfahrten. Die Abreise des Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen erfolgte heute abend von Station Egelsbach bei Wolfsgarten mit dem 8.04 Uhr hier abgehenden O-Zug. Das Prinzenpaar begibt sich nach Berlin und Kiel, gedenkt aber in etwa 8 Tagen noch einmal für kurze Zeit nach Wolfsgarten zurückzukehren, wo heute vormittag auch die beiden Söhne, Prinzen Sigismund und Heinrich, einge- Lroffen sind. Gestern nachmittag stattete auch Prinz Andreas von Griechenland mit seiner jungen Gattin in Wolfsgarten einen Besuch ab. — Die Uebergabe des Rektorats der Technischen Hochschule an den vom Großherzog neu
ernannten Rektor, Prof. Dr. Dinge ldey, findet am nmyfien Dienstag vormittag in feierlicher Sitzung in der großen Aula statt. Gleichzeitig erfolgt in dieser Sitzung die Bekanntgabe der Preisverteilung für das Studienjahr 1902/03.
Mainz, 16. Okt. Während die katholische Geiste lichkeit nach wie vvr keiner zur Feuerbestattung bestimmten Leiche das letzte Geleit gibt, und Leine kirch? liche Funktion bei einer solchen Leiche ausübt, nimmt die evangelische Geistlichkeit, die anfangs der Feuerbestattung gleichfalls ablehnend gegenüberstand, jetzt einen anderen Standpunkt ein. Mit Genehmigung des Oberkonsi- storiums luiro, nach der „Frkf. Ztg.", jeder Verstorbene evangelischen Glaubens, der durcy Feuer bestattet wird, durch einen besonders hierzu bestimmten evangelischen Geistlichen zur letzten Ruhe geleitet, auch werden die üblichen Zeremonien und Grabreden im Krematorium gehalten.
Frankfurt, 16. Okt. Heute traten hier Vertreter von Kultusministerien verschiedener Einzelstaate^i zu einer Konferenz zusammen. Es sind hier erschienen bie Geheimräte Althoff- und Kirchner-Berlin, Obermedizinalrat Dr. Schmidt-Berlin, Ministerialdirektor Dr. Waentig-Tres- ben, Geh. Regierungsrat Dr. Schmaltz-Dresden, Ministerialrat Blauh-München, Ministerialdirektor Kern-Stuttgart, Ministerialrat Stäbler-Straßburg, Geh. Staatsrat Eggeling- Jena, Geh. Mebizinalrat Prof. Dr. Beck-Br aunschwerg, Geh. Ministerialrat Mühlenbruch-Schwerin. Heute vormittag sanb bie erste Konferenz statt. An bem gemeinschaftlichen Mittagsmahl nahm Oberbürgermeister Abickes teil. Nach 3 Uhr fuhren bie Herren zur Besichtigung der Saalburg nach Homburg v. d. H. Die Beratungen nehmen morgen ihren Fortgang.
[ J Marburg, 15. Okt. Während der diesmalige» großen Ferien hat die Aula unserer Universität durch die prächtigen Freskomalereien des Direktors der Düsseldorfer Kunstschule, Professor Peter Janssen, einen neuen Schmuck erhalten. Der Zyklus von Wandgemälden, der seine Entstehung Maler Osten ans Cöln verdankt, behandelt Szenen aus der hessischen Landesgeschichte und die Bilderfolge zu der Sage von Otto dem Schütz. Nachdem die Malereien nunmehr vollendet sind und die Aula sich am nächsten Sonntag gelegentlich der Rektorseinführung einem größeren Publikum präsentiert, fand heute durch Ministerialdirektor Geh. Rat Althoff und dem Vortragenden Rat im Ministerium des Innern, Oberregierungs-Nat Dr. Schmidt, beide aus Berlin, eine Besichtigung statt, der die Spitzen der akademischen Behörden, sowie Professor Janffen aus Düsseldorf und Maler Osten aus Eöln beiwohnten. Wie man hört, hat der neue dekorative Schmuck großen Beifall und unumschränkte Anerkennung gefunden.
Bum Wachstum der Kinder.
Es kann allen Eltern und Erziehern nicht oft genug vorgehalten werden, daß starke, erregende Getränke nicht nur auf das Nervensystem der Kinder von nachteiligster Wirkung sind, sondern daß sie auch das Wachstum der Kleinen hindern. Die meisten Eltern sind nun zwar so vernünftig, ihren Kindern Wein und Bier vorzuenthalten, dabei geben sie ihnen aber ruhig Bohnenkaffee und Tee zu trinken, die doch, wie wissenschaftlich festgestellt ist, gerade auf den zarten, noch in der Entwicklung begriffenen Körper schädlich einwirken. Es ist dagegen darauf hinzuweisen, daß wir in Kathreiners Malzkaffee ein sehr zweckmäßiges Ersatzmittel für Bohnenkaffee und Tee besitzen, das den Kindern ausgezeichnet schmeckt und bekommt. Bei Kathreiners Malzkaffee, mit Milch gekocht, gedeihen auch die jüngsten Sprossen ganz vorzüglich.________________________________________________7083
Warnung!
Die meisten Nachahmungen von Dr. Hommels Haematogen werden, um das 1). K. P. No. bl,391 zu umgehen, mit Zuhilfenahme von Aether bereitet, ein Zusatz, der insbesondere für Kinder und Nervöse direkt schädlich ist. Um sicher zu sein, das aetherfreie Original-Präparat zu erhalten, verlange man stets ausdrücklich Dr. HommeFs Haematogen und achte auf die Schutzmarke „Säugende Löwin.“ 92
befähigter ist,* andere zu stützen, als der kurzsichtige Mann des harten Buchstabenglaubens mit der stählernen Stirn, der die Fehlenden zerschmettert, statt sie zu erheben, der da vergessen hat, daß der erhabene Stifter der christlichen Kirche eine Grundlehre dieser gab, als er mit den Zöllnern und Sündern speiste. Engel legt seiner Stirn, der Sünderin, ein schönes Wort in den Mund, das an des großen Norwegers Björnson freie und tiefe Religion erinnert. Als die Flut alles und alles vernichtet hat bis auf die Wenigen im Psarr- hause, da ruft die Dirne, deren verstorbener Mutter der Geistliche den Friedhofssegen zu erteilen sich geweigert hat, in rührender Glaubenseinfalt und dämmernder Erkenntnis von kirchlicher Härte: „®ott selbst hat bie Mutter begraben!" —--
Schade, daß bie bei uns besonders lebhafte Spannung weckende Engelsche Dichtung, bie von packenber Bühnenwirkung ist, gar zu klug unb bedächtig gearbeitet ist, baß der künstlerische Verstand weit größeren Anteil hat als das temperamentvoll schaffende dicytende Herz. Auch in der psychologischen Entwickelung der -Charaktere läßt es einiges zu wünschen übrig. Nicht absolut überzeugend ist das menschliche Wesen dieser Leute. Ist der Pastor Holm vielleicht um ein Kleines zu wenig aus menschlich-vielseitigen Zügen zusammengesetzt, so ist der durch eigene Schuld Gesunkene zu lichtvoll bargestellt, als baß man an dieses warmherzigen lieben alten Herrn Luderleben so recht glauben tonnte. Boll unb saftig steht bieser Alte vor uns, ein prächtiger Charakterkopf von gemütlicher Schicksals- unb Sünbenergebenheit, unb einer klugen Lebenserfahrenheiit, die uns statt Verachtung Achtung einflößt. Die dritte Gestalt, die Stine Kos, hat in ihrer Anlage einen nicht ganz zu. übersehenden Stich ins Literatur entsprossene; sie mag aus Sudermanns „.^atzensteg" zur Welk gekommen sein.
Dieser weiblichen Hauchrolle des Stückes hat sich auch Frau Sorma bemächtigt. Gestern standen wir der Ver- törperung bieser Rolle durch Frl. Hagen gegenüber. Es galt die Bewältigung einer Charakterrolle mit leidenschaft- liGjen Accenten. Die sollte sie zeigen und die hat sie gezeigt. Allerdings war ihr Dialog von Anfang um mehrere Jcüancen zu ffem, zu gebildet, so wenig rustikal, ihr ganzes Besen zu rautendeleinhast |ür eine Dorfkokette. Frl. H. war keine vollsaftige, starttnochige niederdeutsche Dirne von der Waaterkant. Sie dachte wohl daran, daß (Stine immer
hin einem Lehrer Hause entstammt. Darum wirkte bei chr mancher Ausdruck der Leidenschaft, vor allem das Bekenntnis des Hasses gegen den neuen Pastor, nicht so nervenerregend, wie es vom Dichter gewünscht sein mag. Und der allmählich mit Mühe anempfundene Widerwille gegen das Bessere, Reinlichepe, Höherstehende, die infame tückische Bosheit, in der sie vor dem alten Pastor sich- selber, offenbart, hatte nicht die rechte teuflische Besessenheit. Aber auf diese Weise fand sie besser den lieber gang vom Haß zur Zerknirschung, tgier, wo sie weniger itarker äußerlicher mimischer Mittel bedürfte, deutete sie den Entschluß zur Opfertat mit schöner Intimität und Innerlichkeit an, sie ließ ihn allmählich reifen und erzielte dadurch int letzten Akte eine viel künstlerischere Wirkung als in den beiden ersten. Man konnte meinen, die Darstellerin habe aus echtem Kunstgefühl vermittelt zwischen den hart aneinander gestellten Eharakterwandlungen, Uebergänge zu finden, Brücken zu fdjtagen, Schroffheiten auszugleichen versucht. Ein ganzer Etffolg mußte dieser Tätigkeit versagt bleiben, weil die dichterische Figur, wie Jbsen's Nora, in zwei von einander ganz verschiedenen Gestalten vor uns erscheint. Dieses ausgleichende Vermitteln gerade, oder vielmehr dessen notwendiges Mißlingen machte des Dramas kleine Schwäche offenbar, es war trefflich geeignet, eine lieber» schätzung des gewiß ernst durchdachten, aber doch nicht zu voller llarer Physiognomie gediehenen Werkes aus das rechte Maß zurückzuführen. Es machte bisweilen den Eindruck, als sei Frl. in ihrer Darstellung an kleine Aeußer- lichkeiten und Manieren eines ihr vorschwebenden Vorbildes hängen geblieben. Sehr fein zeigte sie in leiser Andeutung die heim .liche Lieoesleidenschaft zu Holm, die uns das Handeln des Viädchens — auch! eine Vcaria von Magdala — am einfachsten erklärt. Diese zeigte sie sehr klug zuerst in jener, lebhaft an Hedda Gabler — „Jetzt verlasse ich Dein Kind" — erinnernde Stelle im 2. Auszüge, wo sie mit der Hand über des Pastors Bücher fährt und zum alten Siewert sagt: Jetzt streichte id} seine heiligen Bücher mit meinen unreinen Händen.
Der alte Pastor Siewert gab Herrn Linzen wieder Gelegenheit, fid} als hochbegabten (^arakteristiker zu zeigen. Er ging ganz innerlich in dieser wehmütig sympathischen Gestalt auf und fand eine Fülle gemütvoll sonniger Töne von naiver Herzensheiterkeit, die in dieser verschütteten Seele sich trotz allem erhalten haben. Es war
eine köstliche Vollgestalt von größter Einfachheit wieder, bte der Künstler auf die Beine stellte. Ob er allerdings ganz den Intentionen des Dichters entsprach, ist zweisel- yaft. Der hat uns doch in diesem davongejagten Pastor den zynisch gewordenen Saufkumpan eines verlotterten Fischervolkes zeigen wollen. Wenigstens in der Maske hätte Herr L. da dem Dichter ein wenig mehr entsprechjen können. Ein fast ebenbürtiger Partner war Herr Sandor ff in der schwierigen und nicht durchweg dankbaren dankbaren Rolle des dästern Pastors Holm. Es war eine fein abgetönte Leistung, der man das Prädikat künstlerisch auch nicht oorenthalten darf und die im letzten Akte eine tiefe Wirkung nicht verfehlte.
Aus dem Küster Rutschow hätte sich wohl eine ge* lungenere Halligengestalt machen lassen, als sie Herr Teleky gab, und Frau Fischer bemühte sich um den mecklenburgischen Klang auch mit weniger Erfolg als Herr Linzen. Immerhin fügten sich die beiden Staffagefiguren dem Ensemble nicht unangemessen ein. So machte denn die ganze Darstellung einen harmonischen Eindruck. Die Inszenierung des stimmungsschweren Dramas, das in seinem Milieu an Heyermcm's „Hoffnung" erinnert, verdient volle Anerkennung.
Vom Franks urterT Heater. Maeterlincks „H e v- liger Antoniu s", in den Mitteln einer an sich guten Satire total vergriffen, weckte bei seiner ersten Aufführung int Frankfurter Schauspielhause Widerspruch und Befremden. Einige Begeisterte mit Ludwig Fulda an der Spitze konnten nicht durchdringen. Die Ausnahme glich einer Ablehnung. — Willy Buers, ein vielversprechender Barytonist der Frankfurter Oper, hat, „einen Antrag seitens der Berliner Hvfvper erhalten, als Vertreter erster dramatischer Barytonpartien in den Verband der königlichen Bühne einzutreten." Buers ist ein junger Mann von schöner Bühnenerscheittung und besitzt eine bemerkenswerte Stimme. Er ist Anfänger, und seine Leistungen sind noch unfertig.
Wiesbaden, 14. Okt. Agnes Sorma eröffnete- heute im Residenztheater ein oreiaktigeS Gastspiel unb erntete in der Titelrolle von Katschs „Kollegin" großen Beifall.


