Ausgabe 
17.10.1903 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt.

Samstag 17. Oktober 1903

153. Jahrgang

Schnlstratze 7.

Abrede tür Deoe!chenr «nzetger Gießen.

Fernjprechanlchlutz Rr. 51.

vezngSpretSr monatlich 7b viertel­jährlich Mk. LL0; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Poft Mk. 2.viertel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen tüi d»e LaqeSnumrner bis vorinMags 10 Uhr. Zetlenp«i»r iotallSP^

auLrvürrS 80 Pfg. B«raar»ortiich für den poltt. and ougcm, Seih P. Witiko, für .Stadt und Land^ und .GertchtLfaalE; August Götz; für den nn- -eigenietl: Han« Beck.

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Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem beffischeu Landwln die Gietzeaer Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'sehen Untverl^Buch- u. Stein- b rudere« <Pietsch GrbenZ

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

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Politische Tagesschau.

Tie amerikanische Gefahr, von der je£t so viel gesprochen und geschrieben wird, fürchten unsere Agrarier nicht. DieÄtsch. Agrar-Korr.", das mit dem Bunde der Landwirte eng verbundene Organ, erklärt, daß sie es nicht bedauern würde, wenn dieEx­plosion des amerikanischen Hexenkessels" wirklich erfolge, und daß sie unseren Exportpolitikern einen handgreiflichen Beweis wünsche dafür, daß es ein Nonsens sei, dem Phan­tom einer industriellen Vormachtstellung für Deutschland nachjagen zu wollen. Es wird als wünschenswert bezeichnet, daßnur so viel deutsche Eisenarb-direr beschäftigt werden, wie zum Verbrauch deutschen Eisens in Deutschland notig sind, dafür aber auch so viele deutsche Landarbeiter mehr beschäftigt werden, wie für die Erzeugung deutschen Brot­korns . für den deutschen Bedarf gebraucht werden". Der Schluß des Artikels lautet:

Man schneide die amerikanische Agrareinfuhr nach Deutschland ab: daun brauchen wir, um die deutschen Arbeiter sicherer als bisher zu beschäftigen, auch keine Eisenausfuhr nach Amerika mehr. Und unter dieser Be­dingung werden wir dann den deutschen Eisenindustriellen gern dazu behilflich sein, der drohenden Invasion ameri­kanischen Eisens in Deutschland einen haltbaren Riegel vorzuschieben."

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Der Befähigungsnachweis.

Der unlängst erschienene Bericht über die Tätig­keit der Handwerkskammer zu Darmstadt für 1902/03 führt u. o. folgendes aus:

Zur Einführung des obligatorischen Be­fähigungsnachweises im Baugewerbe haben wir uns befürwortend ausgesprochen. Wir halten die Einführung desselben für erforderlich, da sowohl bei Ausübung dieses Gewerbes als auch bei späterer Benutz­ung der Bauten Leben und Gesundheit von Menschen in Frage kommt und demzufolge ein all­gemeines und öffentliches Interesse vorliegt. Da mit der Ausführung von Bauarbeiten eine große Verantwortung verbunden ist, soll jeder Bauhandwerker den Nachweis erbringen, daß er dieser Verantwortung gewachsen ist. Tie Erfahrung hat aber auch im Bezirke der Kammer gezeigt, daß gerade im Baugewerbe sich eine Speku­lation ausgebildet hat, die sich immer mehr ausbreitet und von Personen betrieben wird, denen selbst die Regeln der Baukunst und des Handwerks vollständig fremd sind, die aber auch zur Aus­führung der Bauarbeiten keineswegs sachverständige Handwerksmeister heranziehen. Ganz abgesehen davon, daß der solide, fachkundige Handwerker unter diesen Zu ständen zu leiden hat, liegt auch die Gefahr nahe, daß die, in Rücksicht auf die oben betonte Verantwortung dringend gebotene, solide Herstell­ung der Bauten immer mehr leidet. Mit ein­gehender sachgemäßer Begründung haben wir uns daher für Einführung des obligatorischen Befühigungsnach^- weises im Baugewerbe ausgesprochen-

Wir stimmen diesen Ausführungen zu, so sehr wir im allgemeinen Gegner des Befähigungsnachweises sind, dessen Einführung im gesamten Gewerbe nichts mehr und nichts weniger bÄeuten würde als die Beseitigung der Gewerbesreiheit. An dieser aber wollen wir festhalten, festhallen zum Segen des Handwerks selbst.

DerBefcchigungsnachweis" ist dieZunft" mit all ihren üblen Nebenwirkungen. Wenn die Meister der ftüheren Zeiten einen aufstrebenden, kenntnisreichen Ge­sellen, der ihnen unerwünschte Konkurrenz bringen konnte, fern halten wolllen, so versagten sie ihm die Anerkennung der Meisterschaft; ohne diese durfte er das Handwerk nicht sellständig ausführen. Das war natürlich ein bequemes Mittel, im Fett zu sitzen und ohne geistige und moralische Anstrengung auf Kosten der anderen eingemütliches" Dasein zu führen.

Praktisch läuft die Einführung des Befähigungsnach­weises hinaus auf die Fernhaltung unbequemer Konkurrenz. Die Konkurrenz hat aber auch das Hand­werk nötig, wenn es sich Schwung und geistige Frische er­halten will, denn die Konkurrenz ist der gesundhaltende Sauerstoff für jede lebendige Organisation.

Tie Allgemeinheit gewinnt dabei, wenn ein tüchtiger, unternehmungslustiger Kaufmann eine Tischlerei aufmacht, tüchtige Geschäftsführer und Werkmeister anstellt und gute Möbel für das Publikum macht. Die vergrößerten General­unkosten, die er als Nur-Unternehmer gegenüber dem ge­lernten Handwerksmeister hat, sind schon Grund genug, damit seine Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Vollends aber wollen wir jedem tüchtigen Handwerker, der seine Lehrlings- und Gesellenprüfung bestanden, den Meistertitel erworben, 24 Jahre alt und bürgerlich an­ständig ist, nicht die Selbständigmachung verweigern, well dem Handwertsmeister-Konsortium seine Konkurrenz un­erwünscht ist. t _ -

Das Handwerk kann und muß verlangen: Ordnung, Schutz vor Ausbeutern, Pfuschern, Schwindlern und un­reeller Konkurrenz. Das gewährt ihm die heutige Gesetz­gebung. r . , ,

Die Handwerker haben es auch m der Hand, einer .Ueberfüllung ihrer Berufe vorzubeugen, indem sie nach

Sterblich! ei ts ziffer ergibt. In Frankreich war dieses Verhältnis lange Zell derart ungünstig, daß die Zahl der Geburten durch die Zahl der Todesfälle überwogen wurde, also die Bevölkerungsziffer sogar eine rückgängige Beweg­ung zeigte, während inr Deutschen Reiche die Sachlage um­gekehrt ist. Hier ist der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle fortgesetzt in starkem Steigen, und gerade die letzten Jahre vermögen in dieser Beziehung die höchsten Zahlen auMweisen. Auf das Tausend Einwohner betrug dieser Ueberschuß im Jahre 1901 15,1, eine Ziffer, die den Vorsprung, den hinsichtlich der Geburtsziffer unter den großen europäischen Staaten nur Oesterreich-Ungarn vor uns hat, infolge der dort sehr großen Sterblichkeitszahl, wieder mehr als ausgleicht, sodaß DeutschlandindernatürlichenBevölkerungs- vermehrung einzig und allein von den Nie­derlanden übertroffen wird, in Europa also cn zweiter Stelle steht. War doch der Ueberschuß der Geburten über die Sterbesälle in Deutschland mit 857 824 noch nie­mals so groß, wie in dem schon erwähnten Jahre 1901, das seinen Vorgänger darin um fast 100 000 übertraf. Diese Ziffer aber wird nunmehr steigen, als man in Deutschland sortfährt, den Ursachen der Kindersterblichkeit energisch n a ch z u g e h e n und ihr immer mehr Boden zu entziehen, auf der anderen Selle aber durch weiteren Ausbau der hygienischen Einrichtungen und durch zweckmäßige Fortentwicklung der so­zialen Gesetzgebung auch die Lebensbeding, ungen der älteren Generallonen verbessert. Das deutsche Volk ist in seinen Wurzeln zu gesund, als daß sein Wachstum ins Stocken geraten könnte.

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der heutigen Gesetzgebung das Recht haben, die Anzahl der Lehrlinge bei jedem Meister im Maximum festzusetzen. Hier ist ein Mittel gegeben, die Konkurrenz ab ovo zu regulieren, was jedenfalls richtiger rsh als mit dieserRegulierung" zu warten, bis die Leute ihr Handwerk ausgelernt haben.

Nötiger als der Befähigungsnachweis ist dem Handwerk die Zuführung eines besseren gesellschaft­lichen Materials. Die Handwerkskunst von heute setzt sich zusammen aus technischem, künstlerischem und kaufmännischem Können. Sorge also das Handwerk dafür, daß die seiner Kunst Beflissenen mit tüchtiger allgemeiner Bildung in seine Reihen treten und mögen die Handwerksmeister selbst damll den Anfang machen, daß sie ihrk eigenen Söhne, die eine bessere Blld- ung genossen haben, ins Handwerk einführen. Es braucht wirllich nicht jeder Schneidersohn Acktuar oder Doktor irgend einer der vier Fakultäten zu werden. Wenn es gelingt, den Nachwuchs des Handwerks aus gesellschaftlich wert­vollerem Material zu rekrutieren, dann ist ihm damit mehr genützt, als durch die Einführung d^s wirtschasllich un­möglichen generellen Befähigungsnachweises.

Die Zunahme der deutschen ZLcvölLerungsziffer.

An Hand einer Statistik der Medizinalabteilung des preußischen Kultusministeriums wurde kürzlich in der Presse festgestellt, daß die Geburtsziffer in Preußen, die bis dahin dem Auslande gegenüber als ganz besonders günstig gegolten hatte, in einer absteigenden Bewegung sich befinde, die bei wellerem Fortschreiten Anlaß zu ernst­lichen Besorgnissen geben könnte. Aus jener Statisttk ging hervor, daß die Geburten, auf das Tausend der Bevölker­ung berechnet, in der Zeit von 1876 bis 1901, also in einem Vierteljahrhundert, von 40,9 auf 36,5 zurückgegangen waren, ein Rückgang, der, wenn er unter normalen Verhältnissen erfolgt wäre, in der Tat die Aufmerksamkeit aller staat­lichen Faktoren erheischte, umsomehr, als, wie sich jetzt aus den Angaben der statistischen Behörden ergibt, 'der Unter­schied zwischen den Jahren 1876 und 1901 noch größer war, als ihn die Medizinalstatistll angibt, und sogar 42,7 zu 37,4 bettug. Aber man hat dabei vergessen, in Berück­sichtigung zu ziehen, daß das Ausgangsjahr 1876 hinsicht­lich seiner Geburtsziffer eigentlich eine Ausnahmestellung einnimmt, well der außerordentliche wirtschaftliche Auf­schwung, der nach dem deutsch-ftanzösischen Kriege ein- trat, die Zahl der Eheschließungen besonders stark an­schwellen ließ uni) so auch die ZaA der Geburten nicht im- wesenllich beeinflußte.

Zieht man diese Tatsache bei der Beurteilung der Zahlen in Bettacht, dann gestaltet sich das Bild doch wesentlich anders. Der Rückgang allerdings bleibt bestehen; aber er gewinnt eben dadurch, daß er auf der einen Selle sich anlehnt an die wirtschaftlichen Verhältnisse, auf der an­deren aber nicht in fortgesetzt absteigender Linie sich, be­findet, sondern wechselnd steigt und fällt, einen ganz an­deren Charakter wie in Frantteich. Dort geht die Geburts- zisser seit Jahren schon so ständig zurück, daß die ftanzösische Regierung sich veranlaßt sah, auf Maßregeln bedacht zu sein, die .geeignet erscheinen könnten, den Rückgang auf­zuhalten. Steuerbefteiungen, staatliche Prämien rc. waren es, durch die man den permanenten Rückgang der Bevöl­kerung aufzuhalten hoffte, aber auch diese Mittel hatten nur wenig Erfolg, sodaß man von lebhaften Befürchtungen hinsichtlich der Wehrkraft Frankreichs erfüllt blieb. Im ganzen Deutschen Reiche aber bietet die Ziffer der Geburts- stattsttk doch, ein wesenttich anderes Bild. Von 1881 bis 1890 betrug die durchschnittliche Geburtsziffer 38,2, von 1891 bis 1900 37,7, 1900 36,8 und 1901 36,9, also ein Auf und Nieder, das in den einzelnen Jahren noch stärker zum Ausdruck kommt als in den Dekaden.

Nun darf aber, will man ein richtiges Bild gewinnen, nicht außer acht gelassen werden das Verhältnis, das sich bei einem Vergleich der Geburtsziffer mit der

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