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16. Dezember 1903
153. Jahrgang
Erstes Matt.
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Mittwoch 9
Nr. 295
Srlchetnr täglich nutzer Sonmags.
Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem KeMschen Landwirt die Siegener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
tstotattonSdruct u. Verlag der Brühl 'lchea Untvers.-Buch- u.Ele,n- brudetel tPrrttch titrben) Nebattron Grpedmoa und Druckerei:
Gchulstratze 1.
Adretze für Depeichenr Dnzetger Gießen.
FerniprkchanichiußNr 51.
General-Anzeiger
AMl§- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. Tez. Wie es heißt, beabsichtigt der Kaiser, während seiner Mittelmeerfahrt Egypten zu besuchen.
— Ter Kaiser hörte heute die Vorträge des Ehefs des Militärkabinetts und des Chefs des Marinekabinetts. — Am Freitag wird der Kaiser sich in die Göhrde bei Lüneburg begeben zur Jagd auf Schwarz- und Rotwild. Am Abend verläßt der Kaiser Göhrde und fährt nach Hannover.
— König Christian IX. von Dänemark trifft mit seinem jüngsten Sohne, dem Prinzen Waldemar, morgen abend hier ein. Ein offizieller Empfang findet nicht statt, jedoch wird der dänische Gesandte zur Begrüßung seines Monarchen aus dem Stettiner Bahnhofe an- wejend sein. Für die Zeit seines hiesigen Aufenthalts wird der König im Königlichen Schlosse Wohnung nehmen. Am Tonnerstag wird er dem Kaiserpaar im Neuen Palais in Potsdam einen Besuch abstatten. Tie Weiterreise nach Gmunden erfolgt, wie die „Post" erfährt, wahrscheinlich schon am Donnerstag. In Gmunden gedenkt der König das Meihnschtssest zu verleben und zu 'Neujahr wieder nach Kopenhagen zurückkehren.
— Anstelle seines polnischen Namens hat der Superintendent v. Koblins ki, Pfarrer an St. Bartholomäl in Berlin, nach dem,Meichsanz." den Namen v. Schneidemesser erhalten.
— Ter „Franks. Ztg." zufolge will Las Reich versuchen, dieEtatsersordernisse einstweilen anders als durch die Ausnahme einer neuen Anleihe zu decken.
— Tie „Freis. Ztg." schreibt: Eine Kan a l vor läge für die bevorstehende Landtagssession befindet sich gutem Vernehmen nach im Truck.
Schwerin l M., 15. Tez. Nach den hier jetzt mit einer Bestimmtheit auftretenden Gerüchten wird oie Verlobung des Großh-erzvgs Friedrich Franz mit der Herzogin Alexandra von Cumberland aru Abend des 21. d. M. in Gmunden proklamiert und am 22. d. M. in Mecklenburg arntlich bekannt gegeben werden.
Magdeburg, 15. Tez. Die Bilsenummer des „Simplizissimus" wurde in den hiesigen Buchhandlungen polizeilich beschlagnahmt.
München, 15. Dez. Der Gesetzentwurf betr. die Wahltrerseinteilung wurde heute abend im Wahl- gesetzausschuß der Abgeordnetenkamnrer nach der Regierungsvorlage unverändert in erster Lesung angenommen. Tie Liberalen erklärten, sie würden nun gegen das ganze 'Gesetz stimmen.
Ausland.
Brüssel, 15. Dez. Der gegenwärtig hier weilende Vurengeneral van Zyl, der ehemalige Adjutant des Burengenerals Delarey, erklärte unter Bezugnahrue auf die .Anregung Eugen Richters im Reichstage, daß auch der deutsche Konsul in Prätoria für eine Buren-Einwan der- un g in die noch unkultivierten Gebiete von Deutsch-Damara- land Propaganda mache.
Paris, 15. Dez. Der japanische Gesandte erklärte, daß General Yamagata, der voraussichtliche General- lisimus in einem Kriege gegen Rußland, Anstalten treffe, nötigenfalls 500000 Mann auf Kriegsfuß zu stellen. Die japanische Marine könnte in 24 Stunden in Corsa und in 48 Stunden an Port Arthur sein.
Paris, 15. Dez. Großfürst Wladimir erhielt hier vom deutschen Kaiser eine Einladung zu den Hofjagden in Göhrde; er begiebt sich aber vorerst nach Potsdam und tritt dann mit dem Kaiser zusammen die Reise zur Jagd an.
Petersburg, 15. Dez. In Astrabad in Persien kam es nach mehreren, aus Zoüstreitigkeiten entstandenen blutigen Zusammenstößen zwischen persischen Beamten und Turkmenen zu einer großen Schlacht zwischen dem.Gouver- neur von Astrabad und den Turkmenen. Der Gouverneur wurde nach erbittertem Kampf mit großen Verlusten nach Astrabad zurückgeworfen.
R e w y o r k, 15. Dez. Präsident Roosevelt, der deutsche Botschafter Speck von Sternburg und der Schatzsekretär Shaw hatten eine Konferenz über die Tarifsrage, bei welcher der deutsche Botschafter die Uebertaxierung der deutschen Erp orte vocbrachte. Vermutlich wird eine Kommission zur Prüfung der Klagen eingesetzt werden.
Aus Hlüd! und AmS.
Gießen, den 16. Dezember 1903.
** Landes Universität. Der Personalbestand der hiesigen Universität für das Winterhalbjahr 1903/04 ist uns heute im Druck zugegangen.
** Die Handelskammer hielt am 15. d. Mts. eine Sitzung ab, in der aus Ersuchen des Präsidenten des Landgerichts an Stelle des verstorbenen Fabrikanten C. Klingspor eine andere Persönlichkeit für das Amt eines Handelsrichters für die Jahre 1904—06 in Vorschlag gebracht wurde.
♦♦ Jubiläum. Am 16. Dezember vollendeten sich 25 Jahre, seit Packmeister Georg Herzberger aus Harbach in die Dienste der Werkzeugm asa)inenfaörik vor: Heyligenstaedt u. Comp. trat. Firma und Beamtenschaft wollten diesen Tag nicht vorübergehen lassen, ohne des Jubilars in entsprechender Weise zu gedenken. In Abwesenheit des Chefs des Hauses. Kommerzienrat Heyli- genstaedt, der seiner Pflicht als Reichstagsabgeordneter in Berlin obliegt, sprach Prokurist May den: Jubilar den Tank der Firma für die ihr in gewissenhafter und treuer Pflichterfüllung geleisteten Dienste aus, . um hieran oie Glückwünsche der Beamtenschaft, die sich zur gemeinsamen Gratulation versammelt hatte, in kurzen aber herzlichen Worten zu knüpfen. Als äußere Zeia)en der Anerkennung wurden dem verdienten Mitarbeiter eure in der Brühl'schen Truckerei geschmackvoll hergestellte Gedenktafel und andere wertvolle Erinnerungsgaben überreicht. Auch die Arbeiterschaft, aus welcher der Jubilar hervorgegangen ist, hatte durch den Arbeiterausschuß ihre Glückwünsche darbringen lassen. Möge dem in kräftigstem Mannesalter stehenden Jubilar noch eine lange Wirrfamkeit in geistiger und körperlicher Frische beschieden sein!
** Störung im Theater. Nach der gestrigen TheatervereinsvorstellunH, wurde uns der sehr berechtigte Wunsch geäußert, es möge öffentlich darauf hingewle,en werden, wie störend das unwürdige Verhalten einiger Theaterbesucher empfunden wurde, die gestern abend nicht etwa witziger Vorgänge auf der Bühne wegen, sondern recht unzeitgemäß und taktlos Heiterkeit entwickelten. Hoffentlich in er len sich das die Beteiligten!
G r ü n b e r g, 14. Tez. Der Gemeinderat beschloß dieser Tage auf ein Gesuch des kürzlich neugegründeten Musikvereins, diesem unter der Voraussetzung, daß der Ver
ein sich lebensfähig zeigt und auch erhält, halbjährlich eine Unterstützung von 25 Mark zu gewähren. Ter Dirr- aent, Herr L e i l i ch - G i e ß e n, wird mit dem neuen Jahre seinen Wohnsitz hier nehmen und sich neben seinem Berufe als Musiker dem Violin- und Klavierunterricht widmen. (Gr. Anz.)
Wörrstadt, 14. Dez. Ein tragischer Fall hat sich hier ereignet. Gestern sollte der Ziegelfabrikant Klein wegen einer Wcchselfälschung in der Höhe von 200 Mk. durch einen Gendarmen in seiner Wohnung verhaftet werden. Unter oem Vorwande, sich erst umziehen zu wollen, ging Klein in das obere Stockwerk und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Klein war sofort tot. Er hinterläßt eine Witwe und zwei unmündige Kinder.
Kassel, 14. Dez. Die Gründung des „Mitteldeutschen Gastwirteverbandes" erfolgte heute vor 10 Jahren, am 14. Dezember 1893 hier in Kassel. Der Verband hat sich im Laufe des ersten Jahrzehnts recht günstig entwickelt und nicht nur über ganz Hessen, sondern auch über die Nachbargebieie ausgedehnt; es gehören zu ihm die Wirtevereine im angrenzenden südlichen Hannover, süd- lichen Teile von Sachsen, östlichen Thüringen, angrenzenden Westfalen usiv., im ganzen 32 Vereine.
fc. Frankfurt a. M., 15. Dez. Im Hause Roß- dorferstraße 15, gerieten heute mittag die Kleider des zweijährigen Töchterchens Bertha, des Handelsmanns Kügelmann, in Brand. Das Kind erlitt so schwere Brandwunden, daß es kaum mit dem Leben davonkommen dürfte. Leichtere Brandwunden trug ein anderes 2 jähriges Kind davon, das mit der kleinen Kugelmann mit Zündhölzchen gespielt hatte.
Vermischtes.
* Leipzig, 15. Dez. In Gohlis steckte das vierjährige Söhnchen emes Militärmusikers den Arm durch das Loch einer Umzäunung. Ein innerhalb des Zaunes frei umherlaufender Bernhardinerhund biß den Arm am Ellenbogen ab und fraß ihn. Der Knabe wurde ins Lazarett gebracht.
* Brüssel, 15. Dez. Während einer kurzer Abwesenheit ihrer Dienstmagd gerieten gestern die Kleider der 9Ojährigen Rentnerin Madame Heilmann in Brand. Da Hilfe nicht zur Stelle war, verbrannte die Frau bei lebendigem Leibe.
* Wien, 15. Dez. Eine Räuberbande überfiel bet Monastir den Griechen Athanas, dessen Sohn und Neffen, und ermordete alle drei. Auf die Brust Athanas war das Todesurteil der mazedonischen Komitees geheftet, in dem die Ausrottung Athanas, sowie seiner Familie angedroht wird, weil sie sich weigerten, sich der mazedonischen Insurrektion anzuschließen.
"Mit schlichtem Abschiede entlassen. Die plötzliche Verabschiedung des Oberleutnants Böck vom 2. bayerischen schweren Reiterregiment erregt gegenwärtig in der Münchener Hofgesellschaft und in dortigen Offtziers- kreisen ungewöhnliches Aussehen, lieber das Vermögen Böcks und seiner in Berlin lebenden Gattin ist dieser Tage das Konkursverfahren eröffnet worden. Böck, ein bekannter Herrenreiter, war im vergangenen Jahre zum Studium der
KroßHerzogs- Spende.
Di- «Franks. Ztg.» bringt in ihrer gestrigen Nummer .einen Artikel ,Kunstbcstrebungen in Hessen» aus der Feder des Prof. F. Luthmer in Frankfurt, den wir unseren Lesern umsoweiiiger vorenthalten wollen, als er zeigt, wie die zur Zeit stattfindcnde Sammlung außerhalb Hessens beurteilt wird:
„In dem benachbarten Großherzogtum wird, wie auch an dieser Stelle mitgeteilt wurde, soeben die Sammlung eines Kunstfonds aus privaten Beiträgen in die Wege geleitet, der dem Großherzog zu freier Verwendung für die Förderung der Kunstpflege überwiesen werden, soll. Dieser^ Plan gibt wieder einmal Veranlassung, sich mit dem merkwürdig frischen und energischen Aufblühen der bildenden ^rmft und des Kunstgewerbes in unferm Nachbarstaat zu beschästigen, das sich an die Regierungszeit Ernst Ludwigs knüpft. Der erste laute, ja, dank den Bemühungen einer temperamentvollen Fachpresse etwas sehr laute Ausdruck dieser neuen Kunst- Llera war die Künstlerkolonie, und ihre Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. Viel Kopfschütteln auf der einen, viel begeisterte Anerkennung auf der anderen Sette. Aber selbst aitf die KopfsckMler hatte die Sache eine gan- bemerkbare Einwirkung: DaS Neue, das da so rmvermittelt, fast brutal in die Erscheinung trat, zwang zmn Widerspruch, und der Widerspruch mußte begründet werden. Und eme ganze Menge Leute, die sich das ihrer ganzen Naturanlage nach nie zugetraut hätten, sahen sich plötzlich m ästl-ettsche Erwägungen ganz subtiler Art verwietelt. Das Unternehmen, mehr auf ju^ndliche Kunstbegeffterung als auf praktische Ge- schäftslenntnis gegründet, hatte Nlißersolg. Aber was die Wohldenkenden gefürchtet hatten, daß der Medizäer, der diesen Künstlerhof um sich geschart hatte, entmutigt seinen Plänen cnt- sagen würde, trat nicht ein. Die Künstlerkolonie blüht heute noch; e§ sind Personenwechsel eingetreten, eine Anzahl der Künstler
ist ehrenvollen Rufen an deutsche Kunstschulen gefolgt, aber in die Lücken sind neue Kräfte eingerückt — ein Verjüng- ungsprozeß, der sich bis in die letzte Gegenwart vollzieht. Vor Allem aber: in Hessen ist eine Kunstindustrie entstanden, die sich als wurzelecht erwiesen hat — In Turin und vielfach anderswo — und das Fachblatt in Darmstadt hat in ruhigere Bahnen eingelenkt und braucht sich nicht mehr selbst „das erste Kunstblatt Deutschlands" zu nennen — dies Beiwort wird ihm stillschweigend zugebilligt. So hat die angewandte Kunst, die zu Zlnfang als etwas Fremdes austrat, im Lande Bürgerrecht erworben. — Beweis auch die Aufmerksamkeit, die man der Reform des Zeichenunterrichts zuzuwenden beginnt, die Hebung der Kunstgewerbeschulen, von denen die Mainzer in ihrem neuen Schiüpalast bereits neue, aufwärtsführende Wege gefunden hat. Aber die Künste — angewandte und freie — stehen auf unsicherem Grund, wenn ihnen nicht die Baukunst ein sol^es Fundament gibt; und gerade für diese ist in Heffen eine Zeit glücklichster Entfaltung gekommen, seit an ihrer Spitze ein Mann getreten ist, deffen starke Hand ihr seinen Stempel aufzuprägen gewußt hat. Die Baukunst im besten Sinne zu einer Heimatskunst zu machen, ist die Aiffgabe, die er mit einem Stabe jüngerer Meister zu lösen gewußt hat, deren VereinigungLpunkt die Darmstädter Hochschule ist. Die Schrecknisse ftskalischer Bauerei nach Schema F, unter denen noch mancher Großstaat leidet, sind in Hessen verschwunden. Das bescheidenste Stationshaus einer Nebenbahn, die Dorfschule im fersten Odenwalddorf, das Gvrichtsgebäude im kleinsten Kreisstädtcheu sind uem Künstlerhcmd entworfen, in Form und Material ihrer Umgebung angepaht. Es ist md)t zu glauben, wie schnell solches Beispiel erzieherisch wirkt! Man behauptet nicht zu viel, wenn man sagt, daß nirgends in Deutschland — die Umgebung von München und die Villenkolomen um Berlin vielleicht ausgenommen — das Lluge so vielen herzerfreuenden Privatbauten begegnet wie in den neuen Vierteln von Darmstadt
und den kleinen Landstädten der Bergstraße. Hier hat sich eine bürgerliche Baukunst entwickelt, die echt und aufrichtig in Material und Konstruktion, ihre Motive nicht bei der großen Architektur vergangener Stile, sondern im eigenen Lande beim Bürger- und Bauernhaus sucht. Daß sich die gleiche baukünstlerische Meisterschaft auch an großen Aufgaben bewähren kann, dafür sorgen die für die Größe des Landes zahlreichen Monumental-Ausführungen, von denen das neue Landesmuseum in Darmstadt, die Brücken- und andere Aionumentalbauten in Worms und Mainz, endlich die Herstellungen des Wormser Doms, der Kirchen in Wimpfen und Friedberg und des Schlosses in Offenbach genannt seien. Diese Herstellungen führen einen werteren Ruhmestitel bei hessischen Kunstpflege vor ba§ Auge: die Erhaltung der Denkmäler. Hessen ist der erste deutsche Staat, der in seiner Gesetzgebung einen Denkmalpflege - Kodex aufgenommen hat von einer Umsicht und Gründlichkeit, die allen nachfolgenden Gesetzgebungen zum Vorbild dienen wird. In feinem Zuge spricht sich nach unserer heutigen Anschauung die innerliche Stellung zur Kunst untrüglicher aus, als in der Behandlung, die ein Volk Einern alten Kunstbesitz zuteil werden läßt I Es ist oft betont worden, welches Glück für die Pflege der geistigen Güter in Deutschland das Fortbestehen der fleinen und kleinsten Vaterländer ist; Hessen ist cm entsprechendes Beispiel dafür. Daß zwischen der Leistungsfähigkeit de§ Landes und den idealen Aufgaben, die es sich stellt, die Wage nicht immer im Gleichgewicht steht — wen wollte eS Wunder nehmen! Darum ist es mit Freude zu begrüßen, wenn wie der Eingangs erwähnte Ausruf eS tut, in die eine Wagschale die freiwillige Hilfe der Bürger gelegt wird. Wünschen wir dem Aufruf, der sich in echt volkstümlichem Sinne nicht nur an die oberen Hundert, sondern an alle Hessen ivendet, glücklichen Erfolg l"


