Ausgabe 
14.7.1903 Zweites Blatt
 
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fleisch pr. Psimd 6676 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 80 Pfg., Kalbfleisch pr. Psd. 6874 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 5674 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kgr. 0,0010 Mk., Weißkraut per Stück 00-00 Pfg., Zwiebeln pr. Zentner 9,0010,00 9)11, Milch per Liter 18 Pfg. Kirschen per Psd. 2628 Pfg., Aepfel per Pfd. 000 Pfg., in Körben 00-00 Pfg. Trauben 00-00 Pfg.

Gerichtssaal.

. Darmstadt, 13. Juli. Wegen ziemlicher bedeutender Steuerhinterziehungen hatte sich heute der Gastwirt und Metzgermeister Karl Stenger in Seligenstadt zu verantworten. Er gab seit 1896 sein Kapitalrentensteuer-Einkommen auf durch­schnittlich Mk. 3600 bis 4500 Mk. pro Jahr an, während es nach Feststellungen der Steuerbehörde 1011 000 Mk. betrug. In der gleichen Zeit deklarierte und versteuerte er ein Einkommen von ca. 800010 000 Mk, während er 1416 000 Mk. zu versteuern hatte. Bei Einführung der Vermögenssteuer im Jahre 1901 gab er ein Vermögen von 14 6 000 M k. an, während in Wirklichkeit 276 719 Alk. festgestellt wurden. Aehnlich war es im Jahre 1902/03. Er wird dafür in eine Gesamtstrafe von 8300 9)1 f. genommen und hat auch die ziemlich hohen Kosten zu tragen.

Hanau, 11. Juli. Der Kutscher Äug. Engel hier miß­handelte kürzlich fein 8 Wochen altes Kind so barbarisch, daß dem Kind ein Äermchen brach. Als das Kind kaum im Land- krankenhaus wieder geheilt und in die elterliche Wohnung zurück­gebracht war, ergriff es der Vater bei einem Wortwechsel mit seiner Frau an den Armen und schlug mit dem kleinen Körper auf die Frau em, so daß das Kind mehrere Rippenbrüche und sonstige schwere innere Verletzungen erlitt. Es ist deshalb das Strafver­fahren gegen Engel eingeleitet.

Hanau, 13. Juli. Der am 4. März in Dresden wegen Sittlichkeitsverbrechen zu 2 Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilte, aus Aachen gebürtige Kaplan Wilhelm Knipp stand heute, der gleichen Verbrechen an- geklagt, vor der hiesigen Strafkammer. Er wirkte vom Herbst 1901 bis Herbst 1902 als Kaplan an der Zwangserziehungsanstalt für Knaben Sannerz bet Schlüchtern und soll in zahlreichen Fällen mit Knaben, die der Anstalt als Zöglinge überwiesen waren, un­sittliche Handlungen vorgenommen haben. Auf Grund des Gut­achtens eines auf Antrag des Verteidigers zur Verhandlung ge­ladenen Sachverständigen beschloß das Gericht, den Angeklagten auf 6 Wochen der Irrenanstalt Marburg zur Beobachtung seines Geisteszustandes zu überweisen. Zur heutigen Verhandlung waren 19 Knaben, die zum Teil schon aus der Anstalt entlassen waren, als Zeugen geladen.

Kiel, 13. Juli. Gegen das Urteil des Oberkriegs­gerichts in Sachen Hüssener legte heute der Gerichts- herr Revision ein.

Im Berliner Pommernbankprozeß

wurde am Montag der Geschäftsstsführer desKl. Journ.", Dr. Leon Leipziger, über seine Beziehungen zur Immobilien- Verkehrsbank vernommen. Er erklärte, er habe sich bemüht, An­teilscheine bei Bekannten unterzubringen und es sei ihm geraten worden, zur Pommernbank au gehen. Dort habe man seinem Ge­such entsprochen. Ta die Anteilscheine noch nicht fertiggestellt worden waren, habe er dem Angeklagten Romeick einen Wechsel über 25 000 Mk. gegeben. Angeklagter Romeick bestätigte dies da­hin, daß der Wechsel gewissermaßen nur als Bürgschaft für die Zeit dienen sollte, bis die Anteilscheine fertiggestellt sein würden. Er habe die Anteilscheine für 25 000 Mk. keineswegs für ivertlos ge­halten, weil Dr. Leipziger in der Lage gewesen sei, für diese Summe volle Sicherheit zu bieten. Dr. Leipziger betonte weiter unter seinem Eide, daß ihm ein Brief des verstorbenen Generalkonsuls Goldberger, in welchem der Bank gedroht wird, falls sie die Anteilscheine nicht übernehme, absolut unbekannt gewesen sei. Er habe erst durch diese Verhandlung Kenntnis von dem Briefe er­halten. Im weiteren Verlause der gestrigen Verhaiidlung kam der Staatsanwalt darauf zurück, daß der Angeklagte Schulz neulich erklärt habe, er hätte ca. 1% Millionen Mark für wohl­tätige Stiftungen ausgegeben« In der Voruntersuchung habe er von 470 000 Mk. gesprochen. Der Staatsanwalt richtete an Schulz die Frage, wohin die übrige Geldsumme ge­kommen fei. Schulz lehnte die Beantwortung dieser Frage ab. Sodann wurde die Beweisaufnahme endgiltig geschlossen. Am Mittwoch vormittag beginnen die Plaidoyers. Vor Samstag dürfte die Urteilsfällung nicht zu erwarten sein, denn die Plaidoyers nehmen bei dem ungeheuren Material, das wenigstens in den Hauptpunkten eine eingehende Kritik verlangt, mehrere Tage in Anspruch. Ob auch die Angeklagten das Wort ergreifen, steht da­hin; sie sind während des Prozesses selbst ihre besten Verteidiger gewesen, insofern, als sie am besten Bescheid wußten in den viel­gestaltigen, aufs äußerste verwickelten geschäftlichen Transaktionen der Pommernbank und deren Tochter-Instituten.

Bei solchen Riesenprozessen bleibt Manches unaufgeklärt. Das Detail überwuchert und das menschliche Gedächtnis hat seine Grenzen. Durch die lange Dauer der Untersuchung die Ange­klagten befinden sich seit zwei Jahren in Haft entschwindet auch den Zeugen die Erinnerung. Bereits beim Sanden-Prozeß ist die

Frage aufgeworfen worden, ob es nicht zweckmäßiger wäre, die Anklage beschrankte sich zunächst auf die größeren Falle, statt daß eine lange Zeit beansprucht wird, um mosaikartig die kleinen und kleinsten Vergehungen zu sammeln, und festzustellen um das Schuld- konto vollständig zu macheii.

rx Der Zusammenbruch der Pommernbank hat s.Z. das gewal­tigste Unheil angenchtet. Zahlreiche Besitzer von Pfandbriefen und Aktien, kleine Sparer, Witwen und Waisen, sind an den Bettelstab gebracht worden. Eine rasche Sühne hätte sicherlich den schweren Schuldigungen am meisten Genüge getan. In dieser langen Zwischenzeit hat sich wohl Jeder, der Einbuße erlitten, mit dem Verluste abgefunden. Bei den Beratungen über die Reform des Strafgesetzbuchs und des Strafprozesses wird auch darauf Bedacht zu nehmen sein, wie eine Beschleunigung der Justiz zumal bet An­lassen zu erzielen ist, wodurch Viele in Mitleidenschaft gezogen werden.

Weisen.

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Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Juli 1903.

Barometer auf 0° reduziert

Temperatur der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke

Wetter

13.

226

741,7

22,2

8,6

43

NE.

4

Sonnenschein

13.

926

743,2

16,8

9,4

66

W.

1

Bed. Himmel

14.

72 b

747,4

13,2

8,0

71

W.

2

Sonnenschein

Höchste Temperatur am 12.13. Juli 22,2° C.

Niedrigste 12.13. 15,8" C.

Krieskasten der Redaktion.

(Anonyme Anfrage» bleiben unberücksichtigt.)

K. M. Ueber diese Angelegenheit zu urteilen ist nicht unsere Sache. Ein Mißverständnis liegt nicht vor.

Neueste Melöuiuzen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Rendsburg, 14. Juli. Hauptmann Henning von der 1. Batterie des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 45 wurde wegen Verleitung zu Mißhandlungen Untergebener, Unterlassung dienstlicher Meldungen und vorschriftswidriger Behandlung Untergebener zu 7 Monaten Festung ver­urteilt.

Breslau, 14. Juli. Der Stand der Oder erhöht sich fortwährend und steigt stündlich um 4 Ctm. Einige tiefer gelegene Stadtteile sind bereits überschwemmt. Der Hochstand der Flut ist erst für Mittwoch zu erwarten.

München, 14. Juli. Von der Wachsteinwand kürzten zwei, vom Walserjoch ein Stüdent ab. Alle drei sind tot.

L. London, 14. Juli. Louis Botha äußerte sich nach einer Kapstüdter Meldung derDaily Mail" ab- ällig über oen Oberkommissar Miln er, der alles elbst tun wolle, und jedermann mißtraue. Botha lehnte deshalb seine Berufung in den gesetzgebenden Rat ab, da er keine Ursache habe, die Verantwortlichkeit Milners zu verringern. Er warte die Ablösung des Despotismus Milners durch die verantwortliche Regierung ab.

Dublin, 14. Juli. Im Stadt hause kam es bei Be­ratung einer Adresse, welche dem Könige bei seinem dem- nächstigen Besuch überreicht werden soll, zu tumultuarischen

Szenen. Die mit Nationalisten besetzte Gallerie zollte, unter­stützt von den katholischen Geistlichen, dem die Adresse be­kämpfenden irischen Abgeordneten tosenden Beifall. Der Oberbürgermeister mußte die Tribüne durch Polizei räumen lassen. Es wird befürchtet, daß ähnliche Tumulte sich wäh­rend des Königsbesuches ereignen werden.

Belfast, 14. Juli. Auch hier kam es wie in Dublin zu Kundgebungen gegen den Besuch des Königs­paar es. Zwischen Orangisten und Nationalisten ereig­neten sich Zusammenstöße anläßlich der alljährlichen Pro­zession der Mitglieder der Freimaurerloge. Die Nationa­listen griffen die Orangisten mit Steinwürfen an. Die Polizei mußte einschreiten, wurde jedoch von der Menge in die Flucht ig-eschlagen. Nachdem Verstärkungen einge­troffen waren, geling es, die Ruhe wieder herzustellen.

L. Madrid, 14. Juli. Eine Untersuchung der auf­fallend zahlreichen Todesfälle im F i n d e l h a u s e zu Jaen (Andalusien) ergab, daß über 80 Kinder durch Opium vergiftet worden waren. Die Wärterinnen hatten den Kindern Opium als Beruhigungsmittel gegeben.

Rom, 14.. Juli. (Orig.-Tel. d. Gieß. Anz.) Die drei Neffen des Papstes brachten die Nacht im Vattkan zu. In früher Morgenstunde hieß es heute, der Papst habe das Bewußtsein verloren. Der Papst hatte nachtA einige Male Erbrechen und mitunter das Bewußtsein ver­loren. Alle Hoffnung auf Besserung ist ge­schwunden. Der Zustand ist sehr ernst. Das Bulletin von morgens 9 Uhr lautet: Bisher ist in dem ernsten Zu­stande des Papstes, in dem sich derselbe gestern abend be­fand, keine Aenderung eingetreten. Der Puls ist schwach 92; Atmung 30. Mazzonr. Lapponi.

Wien, 14. Juli. Von der russischen Grenze bei No- wosyelitza wird gemeldet: Der neue Gouverneur von Bessarabien, Fürst Urusow, unterzieht die bisherigen Er­hebungen gegen die Teilnehmer an den Greueltaten i n K i s ch i n e w einer nochmaligen strengen Prüfung. Leute, die schon freigelassen sind, wurden wieder verhaftet. Täglich finden neue Verhaftungen statt. Der als Antisemit bekannte Notar Pisarzonski, welcher stark kompro­mittiert ist, sollte verhaftet werden, beging aber, als man keine Kaution annahm. Selb st mord.

Krakau, 14. Juli. Das Wasser der Weichsel im Ueberschwemmungsgebiet ist wieder im Fallen begriffen. Dem Hochwasser sind über hundert Menschen zum Opfer gefallen. Eine derartige Hochwasser-Katastrophe wie die jetzige ist seit 70 Jahren nicht vorgekommen. Tas Wasser führt Leichen, Häuser- und Brückenreste, Getreide und anderes mit sich. Der Bahnverkehr mit Warschau ist wegen eines Brückeneinsturzes eingestellt.

L. New York, 14. Juli. Dr. Stiles, Mitglied des Gesundheitsamtes in Washington, entdeckte einen mos- quitotötenden Parasiten. Dr:. Stiles stellt gegen­wärtig Versuche zwecks Verwertung seiner Entdeckung gegen die Mosquitoplage an.

Telephonischer Kursbericht.

l'ranktnrt ». Jl., 14. Juli 1903

372% Reichsanleihe . . 102.40

3V,j do. ... 91.40

37,0/» Konsole .... 102.55 3% do.....91.40

372°/o Hessen .... 101.10 372% Oberhessen . . . 100.00 456 Oesterr. Goldrente . . 103.00

4/656 Oesterr. Silberrente 101.10 456 Ungar. Goldrente, . . 101.80 4°/ Italien. Rente . . . 103.35 47,56 Portugiesen . . . 49.65 6°l Portugiesen.....31.25

156 C. Türken . . . . 34 05 Türkenlose......130.40

4% Grieoh. Monopol.-Anl. 43.90 47,56 äussere Argentiner.

3U/O Mexikaner .... 26.90 472% Chinesen .... 92.20 Electric. Scbuckert . . . 90.75 Nordd. Lloyd . . . . 9800

Kreditaktien ..... 208.90 Diskonto-Kommandit. . . 186.90 Darmstädter Bank . . . 136.40 Dresdener Bank .... 147.00 Beniner Handelsges. . . 153.50 Oesterr. Staats bahn . . . 143.70 Lombarden . . , . . 18.10 Gotthardbahn.....191.30

Laurahütte......214.75

Bochum ...... 173.50 Harpener......178.20

Tendenz: fest.

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