Ausgabe 
14.7.1903 Erstes Blatt
 
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Vermischtes.

Berlin, 11. Juli. Die Dame, welche vorgestern im Ballkleide Selbstmord verübte, ist als die 21jährige Tochter eines Schneiders in Friedenau rekognosziert morden. Das Mädchen zeigte angeblich Spuren von geistiger Zer­rüttung und verließ 5 Tage vor der Tat die elterliche Wohnung. Wo sie in der Zeit gewesen ist, konnte bisher nicht ermittelt werden.

* Hannover, 12. Juli. Auf den Fleischermeister Fischer wurde in der Werkstatt ein Schuß abgegeben, der ihn ins Auge traf. Fischer hatte schon vor einiger Zeit durch den gleichen Anschlag ein Auge verloren, sodaß er jetzt ganz blind ist. Unter dem Verdacht der Täterschaft wurde ein in der Nähe wohnender Schüler verhaftet.

* Nürnberg, 13. Juli. Die Vorfeier des 10. deut­schen Turnfestes hat gestern mit einem Festzuge der Turnvereine Nürnbergs und der Umgebung durch die Haupt­straßen der Stadt begonnen. Auf dem Festplatze legten dann die verschiedenen Vereine Proben ihrer Geschicklich­keit ab. Abends wurde zum ersten Male das vom Archiv­rat Mummenhof in Nürnberg verfaßte Festspiel unter der Leitung des Direktors des Nürnberger Stadttheaters Reck aufgeführt. Es führt den TitelVerheißung, Kamps und Erfüllung" und stellt in 3 Bildern Szenen aus dem Frei­heitskriege dar. Es zeichnet sich weniger durch kunstvollen Aufbau und lebendige Handlung als durch glänzende, stimm­ungsvolle Inszenierung aus. Mehrere tausend Turner und Freunde der Turnsache belebten bereits gestern den Fest­platz.

* Trelleborg, 12, Juli. Der deutsche Postdampfer ,Imperator", welcher mit Passagieren von Saßnitz kam, stieß morgens 51/2 Uhr dicht bei dem hiesigen Hafen mit dem Stettiner DampferRobert Köppen" zusammen, dessen Bug in den Backbordbug desImperator" hinein­rannte.Imperator", dem einige Platten eingedrückt wurden und welcher oberhalb der Wasserlinie ein großes Loch hatte, lief in den hiesigen Hafen ein und landete die Passagiere. Unmittelbar darauf füllte sich das Vorderschiff mit Wasser unb sank, während das Hinterschiff durch wasserdichte Schotten über Wasser gehalten wurde.Robert Köppen" lief später ebenfalls mit einem großen Leck im Bug ein.

* Antwerpen, 11. Juli. Auf der Schelde fand ein Zusammenstoß zwischen dem deutschen Dampfer »Professor Wörmann" und dem belgischen Dampfer Schaldiß 1'tatt. Letzterer erlitt schwere Havarie und mußte ins Trocken­dock bugsiert werden, während der deutsche Dampfer seine Reise sortsetzte.

* Paris, 13. Juli. Gestern sind wieder 10 Per- Ionen an Hitzschlag gestorben.

* Lemberg, 12.Juli. Gras Iosef Potocki, welcher eine Automobilfahrt von Podolien nach hier unternahm, »st bei Tarnapol infolge eines Achsenbruches gestürzt und it leichte Verletzungen erlitten.

* Agram, 11. Juli. Das der deutschen Firma Stein- beiß gehörige Sägewerk in Doberlin ist abgebrannt. Der 'chaden beläuft sich auf 1 Million Kronen.

* Das Hoch was ser in Schlesien. In Gräfen- fiberg im Tale Freiwaldauer Biele sind 50 Häuser vom Hochwasser sortgerisseu. DerBreslauer Zeitung" zufolge sand bisher 3 0 P ersone n u m g e k o m m e u. Aus den Preisen Neisse ixnd "Neustadl werden ebenfalls furchtbare H)ocbwaijersck)Ä>en gemeldet. In Arnoldsdorf ist die Kirche

eingestürzt und der Kirchhof verwüstet. Leichen wur­den fortgeschwemmt. 50 Pioniere sind von Neisse dort­hin zur Hilfeleistung abgegangen. In Wildbrunn sind sämt­liche Häuser umgerissen, in Langenbrück 32 Häuser zerstört, in Ziegenhals 7. Das Forsthaus im Bielauer Park ist fortgeschwemmt, die Bewohner hatten sich kurz vorher ge­rettet. Die Stadt Löwen i. Schl, ist bis auf den Ring über­schwemmt. Infolge Eindringens des Wassers in eine in Betrieb befirrdlrche Ziegelei entstand eine Explosion und Feuer, das die Ziegelei zerstörte. Im Bezirk der Wasser­bauinspektion Bring sind vier große Deichbrüche vorge­kommen.

* Eine Hüssener-Affäre in Griechenland. Vor einem Restaurant zu Ajhen saßen dieser Tage bei einer Tasse Kaffee der frühere Marineminister Boudouris und ein gewisser Leontios, ein ehemaliger Beamter im Ministerium. Da naht der Oberleutnant und Polizei­präfekt Kephisias Tygliadis, der den Herren einen guten Morgen wünschte. Aber nur Boudouris antwortete, während der andere, der mit dem Polizeipräfekten verschiedene Diffe­renzen gehabt hatte, den Gruß nicht beachtete. Darüber er­zürnt, kehrte der Präfekt in seine Wohnung zurück, um seinen Säbel zu holen. Dann ging er mit der Waffe auf den Be­leidiger los und versetzte ihm mehrere Hiebe. Leontios wehrte sich mit seinem Stock. Schließlich faßten die beiden Gegner einander um den Leib, und beim Ringen fielen sie zwischen die Räder der vor dem Restaurant haltenden Wagen, deren Kutscher von ihrem Bock herab die Entwicklung der Dinge verfolgten. Niemand von ihnen oder den umstehen­den Soldaten und Schutzleuten wagte einzugreisen. Endlich gelang es dem Leontios, den Kopf seines Gegners gegen ein Wag-snrad zu drücken und mit der sreigewordenen Rechten einen Revolver hervorzuziehen. Ein Schuß krachte, und mit dem Zuruf an die Umstehenden:Giebt es denn keinen beherzten Mann unter euch" verschied der tätlich ge­troffene Präsekt. Nun endlich nahmen die Schutzleute Leontios fest, der durch die Säbelhiebe am Kopf und an den Händen schwer verwundet worden war. Nachdem die Leiche des Erschossenen noch etwa zehn Minuten unbeachtet zwischen den Wagenrädern gelegen hatte, wurde sie endlich auf einem Brett in eine nahe Kirche getragen.

Kunst und Wissenschaft.

Berlin, 13. Juli. DerPost" zufolge ist der Roman­schriftsteller Reg.-Rat O s k a r M e d i n g, unter dem Pseudo­nym GregorSamarow bekannt, in Eharlottenburg ge­storben. Oskar Meding war am 11. April 1829 in Kö­nigsberg i. Pr. geboren. Er gehörte zu den fruchtbarsten Romanschriftstellern des vorigen Jahrhunderts. Seine Ro­mane, die meist sehr geschickt geschichtliche Stoffe behan­delten, erinnerten, durch die Verguicküng berühmter Zeit­genossen mit der fast ausschließlich aus das Sensations­bedürfnis gerichteten Handlung, an eine gewisse Gattung von Lieferungsromanen. Jedenfalls aber war Samarow seinerzeit einer der gelesensten deutschen Romanschrist­steller. In den letzten Jahren war sein Name allerdings wenig noch genannt worden. Am bekanntesten ist ein un­längst in neuer "Auflage erschienener RomanDie Saxo- borussen" (Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart) geworden.

Das Juliheft der im Verlage von Alexander Koch in Darmstadt erscheinendenDeutschen Kunst und Dekoration" dürfte bet Freunden sowohl alter wie neuer Kunst das gleichie Entzücken Hervorrufen, enthält es

doch eine hochinteressante Würdigung des Illustrators Joses Sattler. Dieser Künstler, jung an Jahren, alt in meisterhafter Behandlung der Feder," versteht es, uns eine neue Welt zu erschließen: die Welt unserer Vorfahren, mit ihren erhebenden Momenten, aber auch mit jenen wahn­witzigen Greueln, die einen verdunkelnden Schatten auf das Mittelalter werfen. In der neueren Kunst sind schon viele charakteristische Unterschiede der Einzelnationen verwischt worden; die Kunst wird immer internationaler. Wenn einmal durchhöhere" Gewalten die Bilder z. B. des Glas­palastes durcheinander gewirbelt würden, durfte es schwer sein, die einzelnen Bilder wieder in ihre ursprüngliche Abteilung zu bringen. Wer vermag noch ohne Katalog bei jedem einzelnen Werke zu erkennen, ob es in die deutsche, englische oder nordische Abteilung oder sonst wohin gehört? Wenn sich aber ein Sattler darunter befände, dann wäre kein Zweifel: der ist so kerndeutsch wie Alb­recht Dürer. Man wird nicht müde, in jedem einzelnen Blatte die unendlich vielen Feinheiten herauszufinden. Man kann sagen: jeder Strich ein Gedanke, eine Poesie, und doch durch die reiche Fülle die Harmonie des Ganzen nicht zerstört!

Washington, 13. Juli. Wie die ^,Wash. Post^ meldet, hat "Di organ dem Staate eine Sammlung von Gemälden und Ku n st g e g e n st än den im Werte von 6 Millionen Dollars zum Ge­schenk gemacht.

Gerichtssaal.

Leipzig, 12. Juli. Wegen Beschimpfung der j ü d^. schen Religio nsgesellschaft ist am 31. Januar vom hiesigen Landgericht I. der Schriftsteller Paul Koch zu sechs Di o= n a t e n Gefängnis verurteilt worden. Die Verhandlung gegen den Mitangeklagten Redakteur derStaatsbnrgerztg.", Böckler, war an jenem Tage ausgesetzt worden; dieser Angeklagte ist später freigesprochen worden. Aus Anlaß des Konitzer Mordes veranstaltete der Germanische Volksbund eine Fragestellung und gab sie nebst den Antworten an die Staatsbürgerzeitung, die das Schriftstück veröffentlichte. K o ch ließ dann in diesem Blatte einen Artikel veröffentlichen, in dem behauptet wurde, daß die Re­ligion derJuden vorschreibe, Christen zu schachten und deren Blut dem ungesäuerten O st e r k u ch e n b e i - z u m i s ch e n. Das Gericht hat festgestellt, daß der Artikel eine gewisse Roheit des Tones zeigt. Die behauptete Tatsache, so heißt es im Urteile, ist nicht iv a h r. Wenn der Brauch des Christenschächtens ivirklich existierte, so müßten jährlich tausende von Christen geschachtet werden, um das Bedürfnis der Juden zu decken. Der Beweis ist auch nicht erbracht, daß in den stidischen Religionsbüchern jener Brauch vorgeschrieben sei. Die Revi­sion des Koch wurde vom Reichsgericht verworfen, da das Urteil einen Rechtsirrtum nicht enthalte.

Das C h o r p e r s o n a l der Ai a n n h e i m e r Hof-» bühne hatte gegen den Kritiker der Neuen Badischen Landeszeitung Privatklage wegen Beleidig iing an­gestrengt, weil es sich diirch eiitschieden ungünstige Kritiken verletzt fühlte. So hatte m der Besprechung einer Fidelio-Aufführung Eschmann eiiimal geschrieben, der Gefangenen Chorsei so matt gewcjeii, als hätten die arnien Schlucker in der Tat seit Wochen nur Wasser und Brot gegessen", und in einer Kritik einer Troubadour- Aufführung meinte der Kritiker in bezug auf deii Chor:Es sollte uns ivundern, iuenn dem biederen Fernando nicht die Worte des Bürgermeisters von Saadam über die Lippen gekommen sein sollten, die da lauten: Euer Singsang ist ein Graus". Das Amtsgericht hat jedoch in diesen Sätzen den Tatbestand einer Beleidigung nicht gefunden und die K läge a b g e w i e s e n.

Familien Nachrichten.

Gestorben: Herr Professor Dr. Leopold Co uz en in Darmstadt.