Samstag 14. März 1903
153. Jahrgang
Zweites Blatt.
Nr. 62
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GiehenerAnzeiger
** General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
öcutige Kummer umfaßt 20 Seiten.
VoliMciic Taqesschau.
kabel nnb Bibel.
Der „Rvrdd. ANg. Ztg " zufolge sagte si-ch der Kaiser ffir Freitagabend. beim Reichskanzler und der Gräfin B Ü T o to zum Diner an Unt»r den Geladenen befinden sich Admiral v. Hvllmann, Ministerialdir"ktvr Alt ho ff, die Generassuperintendenten Faber und Drtiander. die Prnfrfforen Delitzsch und Slaby, das Mitglied der Orient- ges"lsschaft Iame« S-mon. Baron Alfred S^raer, Roinh?ld kegas die Flüneladjutanten. Kvrvettenkani^än Grnmme und Major v. Friedebura. der (51jef der Reichskanzlei Wirk! Geh. Rat Conrad und Oberleutnant B'kbor Eulenburg.
Das ffir die Oe^fentlicbk it interessante Moment ist die Zusammenknnft d"rjen'nen bekannten Persä^l'chkeit''N. die in der Erörterung über B'bel und Babel und das Glaubens- bek'nn^iltz bes Kaisers besonder? bervor^etret"N find. An den Admiral .Holtmann, d«m fhem"l'gen Staats k^e^är deS Nei^ömarineamts, war deS Kaisers off'ner Brief über die Tetihphen Borträge ner;(fit"t Der D-litzlch entgogen^epkt-n Seite sind die G-'n^rossuperintenb-nten sowie der Ministe- rialdir-'ktvr Dr Al'lpff vom preußischen ^'ltusm'N'sterium zuzurechnen. Wohl auf Wunsch des fitufer5 w"rde der KreiS d-r Geladenen so ausaewählt. Der Fw^ck scheint die .Herbeiführung einer Diskussion über Professor De- rPftfiA Forschungen und Schl"f'f''so''7-"ng<'n zu sein, wobei dann Delitzsch G-legenh'it gehabt batte, den von ihm eingenommenen Standpunkt nochmals zu bearünden. Möglicherweise steht eine neue Kunbaebung bÄ5 Kaisers in Aufsicht Man wird den Berichten über den Verlauf des Abends mit Spannung entgegenseben.
Chamberlain.
Dem ,,Berl. Dagebl." zufolge trefft Chamberlain beute (Samstag) in Southampton ein. wo ihm ein feierlicher ossizi-'ller Empfang bereitet wird. In London wird er am Bahnhofe von dem Gelamtkabinett und zahlreichen Parlamentsmitgliedern und Freunden empfangen werden. Am Montag ist eine große Dtmtion für Chamberlain im llnterhause geplant.
Das ist wohl kaum den Ergebnissen der langen Mi- aisterreise zuzuschreiben, die zweifellos von Chamberlain selbst mit kühneren Erwartungen angetreten wurde, als der Erfolg rechtfertigt. NnerfreulicheS in fb^TTc und Fülle. Klagen über Klagen hat der Urheber deS Krieges in dem verwüsteten Lande anhären müssen, und wo ihm Ehrungen erwiesen worden sind, da ist jedenfalls dafür gesorgt worden, daß englische ueb rasch zu England bekehrte Elemente sich in der Majorität befanden. Gerade mit den lenteren Elementen läßt sich aber nicht prunken Chamberlain ist wieder da — das ist die Hauptsache für b;c Be- völk"r"ng. die feine enera-'s-be Handlnn^SU'ei^e und Sprache vermißt hat, die Hauptsache für das Kabinett, das von seinem Eiulluß eine Befestigung seiner eefchütt-rwn Stesse una erhofft Und auch auf die auswärtige Politik Englands dürfte Chamberlains Rückkehr belebend wirken.
Presie ttnb Partei.
An anderer Stelle haben wir bereits unseren Lesern Mitteilung davon gemacht, daß das ,.Frankl. Journal", eine der ältesten deutschen Zeitungen, sein Erscheinen eingestellt hat. Es ist nickt uninteressant, von denjenigen Mitteilungen Kenntnis zu nehmen, die daS „Frkst. Journal" in seinem f^lbstorschriebenen Nekrolog unter spezielle vorteipolitische Beleuchtung gesetzt hat. Es heißt in dem Artikel unter anderem:
.Durch all' die uns bis jetzt bekannt gewordenen Zeitungsstimmen zi^ht sich als roter Faden der Hauptvorwurf gegen die „reichen Gesellschafter"" des „Frkft. Journals"", die aus „Mangel an Parteigefühl" die Hergabe weiterer Geldmittel zur Fortführung deS Zeitunosunternebmens verweigert und so besten ,.Unterga"g verschuldet"" hätten. Die Tatsache an sich ist richtig: Das „Frkft. Journal" geht ein, weil die vermögenden G-seCschafter finanziell verfügen. Das aber die moralische Schuldfrage innerlich betrifft, so hat da« weniger bemittelte G^os unserer natiouaCiberalen Parteig-nossen — wir schmeicheln nicht nach oben, aber auch nicht nach unten — bei Leibe keinen Grund, in phari- säerischer Selbstgerechtigkeit auSzurufen: „Ich danke Dir. H.-rr, daß ich mcht bin, wie jene!" Der vorwiegend bei politischen Mittelparteien beobachtete Mangel an Partei ae fühl hat gerade innerhalb der nationalliberalen Massen in Frankfurt und Umgegend seine topischen Orgien gefeiert: das Opfer dieser negativen Gesinnungsorgien ist, wie das überall zu gehen pflegt, zunächst das Parteiblatt geworden. Denn nun die Gesellschafter den schwerwiegenden Schritt der Aufgabe des „Frkft. Journals" getan, so wollen wir da? keineswegs beschönigen: die Gerechtigkeit aber erheischt das Aufwerfen der Frage: Dürden die Herren nicht doch am Ende noch weitere Kapitalien zur Erhaltung des „Frkft. Journals" hergegeben haben, wenn sie der berechtigten Erwartung gelebt hätten, ihr materielles Opfer werde von unten her, von feiten der nationalliberalen Menge tatkräftige Anerkennung finden? Dir wollen und nicht unterfangen, die Frage abschließend zu erledigen: nichtsdestoweniger aber müssen wir leider nach unserer anderthalbjährigen Frankfurter Erfahrung sagen, daß für die Herren zur Annahme jener berechtigten Erwartung leider nur wenig Grund vorliegen konnte. Diese nicht aus der Welt zu schaffende tief bedauerliche 'a<--? gibt vor ast.em zu denken; denn eine Partei obne ' rr o.gan — noch dazu in Frankfurt, wo die äußerste Liuksdemrkratie bürgerlicher und sozlaldemokratischer Gattung floriert wie nirgendwo — steht im politischen Kampfe da, wie in der
Schlacht eine Armeeabteilung ohne Artillerie. Und gerade in diesem Jahre des Eingehens unseres alten „Frkft. Journals" wird sich den Frankfurter Parteigenosten daS Fehlen eines eigenen Organs in empfindlicher Deise zeigen: im Juni soll ein neuer Reichstag, im November ein neues Abgeordnetenhaus gewählt werden. Die will man ohne die täglich immer neu ausklärende und propagandistisch wirkende Tätigkeit der bisherigen Leitung den Wahlkampf fruchtbringend durchführen? Wir fürchten also, im Laufe der nächsten Monde erst werden der Partei so recht die Augen aufgehen über die eigentliche schwerwiegende Bedeutung des FallenlassenS unseres „Frkft. Journals"." —
Die vorstehenden Ausführungen sind lehrreich und zeigen zur Genüge, wohin es mit der Parteipresse im allgemeinen gekommen ist, die durch Dür und Dünn mit ihrer Fraktion zu gehrn verpflichtet ist.
(Gießener 9'hrrttrrncrfin.
Jürgenfen.vtastsplel.
In dem März-Hefte der »Deutschen Zeitschrift*, heraus» gegeben von Ernst Wachler (Berlaq von Herrn. Costenoble in Jena), in dem B. Clemens über „Schlesiens Dichter der Dergangenheit und Gegenwart * und auch ein wenig über Karl von Holtet plaudert und F. Lienhard sehr verständig über „Monna 93annn* spricht, findet sich auch ein Gedicht- chen von dem Schlesier Philo vom Walde, „A schläsch Ge- mütte*, daS mit folgenden VerSlein schließt:
Und doß ich gern a Brinkel lach
Unb gern a schnei ckfcheS Berschel mach, Doa4 leit wer eim (SleMütte: Ich hon a Watch Gemütte/
DaS Verfemachen liegt tatsächlich im schlesischen Geblüte. Ich habe noch keinen Schlesier kennen gelernt, der nicht gelegentlich mal auf den PegasuS sich geschwungen und ein formell tadelloses Poem zustande gebracht hätte.
Auch der alte Herr v. Holtei hatte daS rechte „fchläsch Oemütte* und er hat in seinen „Schlesischen Gedichten* namentlich Schlesiens kernige „Bauern*, durch den Glanz der Poesie verklärt, reden und denken lasten. Vor einigen Jahren beging ganz Schlesien den 100. Geburtstag seines liebenswürdigsten Poeten, und man erinnerte sich damals auch in anderen deutschen Gauen mehr denn bisher seiner lebensprühenden Lyrik. Er ist zeitlebens ein sehr bescheidener Mann gewesen. In seinen Gedichten sagte er einmal von sich selbst:
„------— — Ich fehle mich
Befcheidentlich in? Dunkle, in den Schatten
Für etwas Höheres hielt ich mich nie. Nur für den Dichter der Gelegenheit.
DaS ist entschieden eine Unterschätzung seiner selbst, zumal als Lyriker. Seine Buhnenwerke, von denen sich die meisten einst großer Beliebtheit erfreuten, und in denen er selber als Darsteller mit Glück in ganz Deutschland auftrat, sind freilich zum größten Teile einer anderen, und, man darf wohl sagen, besseren Geschmacksrichtung gewichen. Holtei zeigt sich in fast allen seinen Theaterstücken mehr als ein auf Buhneneffekte ausgehender Schauspieler wie als Dichter. Aber »Die Wiener in Paris* hielten sich lange durch die volkstümliche Figur des Bonjour selbst an ersten Theatern, und wie seine „Leonore* und fein „Lorbeerbaum und Bettel- stab*, ist auch fein „HanS Jürge" selbst in den letzten Jahren von den Bühnen noch nicht ganz verschwunden gewesen, dieses letztere aus größerer innerer Kraft als die beiden anderen Stücke.
Der Bauernknecht HanS Jürge hat eine gewiße Aehn- lichkeit mit dem Wurzelsepp in Anzengrubers „Pfarrer von Kirchseld*. Der Dichter bat diese Figur wie mit mächtigen Schnitten au5 einem Holzblock herausgeschnitzt. DaS Winter- eiS einer starren Mannesbrust, die von allen wie ein Stück Holz, wie ein „Fußschemel* behandelt wird, birst unter dem brausenden Anhauche deS Liebeslenzes und die Bittemiffe eines halben Menschenlebens schmelzen in HerzenSfluten der Reue und Guttat dahin.
Herr Jürgensen hatte diese Figur, die ja auch mehr Kuliffenfeuer enthält als warm pulsierende? Menfchenblut, von Anfang an mit undurchdringlichem Gletschereise belastet. Die Brust dieses verbißenen Dorfpeßimisten ist zerrißen durch den Fluch eines grausen Geschicks. Aber daS Stück fetzt doch ein mit dem Wetterleuchten einer gewaltigen Liebesleidenschaft, und eS bringt einen Wendepunkt, der sich ait5 dem Charakter von vornherein erklären laßen muß. Traut man diesem von Gott verlaßenen, heimtückischen, blutdürstigen, neidoollen Menschen- und LebenShaßer, diesem an HerzenS- unb Geistesbildung unendlich Armen die Kraft der Selbstaufopferung zu? Daß in diesem unglückseligen Erdenwurm solche beldenhaftc Menschengröße steckt, hatte von Dichter und Darsteller wohl von Anbeginn an mehr angebeutet werben müßen. Töne warmen EmpfinbenS wie größter ungebänbigter Leidenschaftlichkeit, tiefster Trauer unb höchster Freube, machtvoll hervorbrechen der Sehnsucht nach zufriedener Menschlichkeit entquollen den Lippen des Darstellers. Die scheuen Augen, die heisere Stimme, daS war echt und kam zu erschütterndem Ausdruck. In manchen Einzelzügen aber war Herr I. doch zu sehr klügelnder Philosoph A la Narziß Rameau, nicht ganz urwüchsig, die dörsierische Tölpelhaftigkeit war bisweilen um ein kleines outrierL Tas aber tat der packenden Wirkung des mit eminenter Kraft und Sicherheit der Charakteristik von Herrn I. gezeichneten Gesamtbildes feinen Abbruch. Frl.
Brücher fand als die vielumworbene Dorsschöne nicht sogleich den Ton herzhafter Frische, bald aber lebte sie sich in ihre Aufgabe hinein und traf am Ende recht gut schlichte Wärme unb Herzlichkeit. Heitere liebenSwürbige Sorglosigkeit kleibet sie vorzüglich, doch eS scheint auch ein gut Teil echter Leidenschaftlichkeit in ihr zu stecken. Die Aufführung deS mit einfachsten Mitteln darzustellenden Einakters hatte im einzelnen sonst mancherlei kleine, Heiterkeit herausfordernde Mängel, die eine achtsamere Regie leicht hätte vermeiden können. Daß man unS den Anblick beS SchloßbranbeS ersparte, war weise, aber daS NettungSwerk hätte benn boch nicht gar so zweistubeneimrig zu fein brauchen. Unb schließlich spazieren Pächtersfrau unb Pächterstochter wohl nirgends auf dem Lande im koketten Rokoko-Kostüm umher.
In „HanS Jürge* sind Handlung, Konflikt und Lösung alles, inMoliöres „Geizigem* nur Nebensache und erläuterndes Beiwerk, Hauptsache dagegen die seelische Milieuschilderung. So fern sie dadurch einander sind, so nahe sind sie sich in dem tiefen tragischen Sinne, der dem Lustspiel MoliereS und dem Genrebild HolteiS gemeinsam ist. Ter alte Molitzre hatte gestern einen großen Erfolg, gegen den der gute Herr v. Holtei in ein Nichts versank. Obgleich eS den Franzosen nicht einfällt, ein deutsches Lustspiel zu geben, erachten wir eS jedeSmal als einen litterarischen Festtag, wenn, mit Herrn Jürgensen, unserem, wie eS scheint, alljährlichen Molitzre- Jntervreten, ein Molitzre'scheS S'Ück auf untere Bühne gebracht wird. Doch darum feine Feindschaft nicht, in Sachen der Kunst sind wir die verträglichsten Leute. Seit MoliöreS Zeit bis heute ist eS in Frankreich Brauch, den Beginn deS Spieles durch Auftlopfen mit dem Stabe anzukündigen. Das hätte sich auch für den gestrigen Abend empfohlen und unserem Publikum wohl eindringlicher Silentium nach den wundervoll kurzen Zwischenakten geboten als das Glöcklern deS nun bald emeriten Kastengeistes.
Den Geizigen brachte Moliöre 1667 zuerst auf die Bühne; das Stück ist also bald 2'^ Jahrhunderte alt. Noch zehnmal älter dagegen ist daS Urbild des Geizigen, das Lustspiel „Aulularia* (die Geschichte mit dem Goldtopft deS römischen Dichter? PlauttiS (260—184 v. Chr), dem Molißre sein Lustspiel nachempfunden hat. Der große Monolog deS Harpagon: „Diebe! Mörder! Toftchläger!* am Schluß deS 4. Aktes ist beinahe wörtlich dem PlautuS entnommen. ' Pprii interii, o^edi! qno cu-rnm? qao non cun-am? T-me. ton«. Qnem P qm- P . . Heu me mis^re miflernm!) Nur hat Moliöre den Knoten straffer geschürzt und die Handlung dem Geschmack einer anderen Zeit angepaßt, olle? vertieft, so daß Seele und Leben ward. Ten Hawagov, der bei dem römischen Dichter Euclio hieß, spielte Herr Jürgensen mit großem Erfolge. Er bot Durchdachtes bis ans Ende, eine unangenehme Erscheinung, die an sich wirkte, mit den gierig umherftreifenben Augen, den schnuppernden Lippen, die dürren Finger spreizend und zitternd, gekrümmt, wie die Verkörperung alles lebendig gewordenen Geizes und Mißtrauens unb einer ewigen Angst unb Furcht. Gleich in scharfen Tönen emfetzenb, gelang ihm darum leider nicht die wünschenswerte Steigerung. Der Höhepunkt ist der Verlust seiner Schatulle; ein ChaoS von Wut, Schmerz und Verzweiflung, verliert sich Harpagon in dem Ausbruch feiner Leidenschaft und wächst zu phantastischer Größe auS. In diefer Szene „überdichtet* mancher talentvolle Darsteller den Dichter, setzt er ein Geschöpf „übermenschlich an Geberde* auf die Bühne. Andere Darsteller spielen den Geizigen hier ganz ins Pathologische hinüber. Herr I. hielt hier mehr an sich, als zu erwarten war, und hatte selbst an dieser Stelle den Harpagon als Figur der Komödie aufgefaßt, wie man sie heute überhaupt kaum mehr zu spielen pflegt. DaS Ensemble unterstützte die Einzelleistungen aufS beste. Die LiebeSvärchen wurden von den Damen Bünau und Feige und den Herren Ger lach und Zoder, und zwar namentlich von den beiden Damen, mit Geschick und Stnmut gegeben. Die mancherlei komischen Rollen und Chargen sanden wirksame Vertrettmg, am wirksamsten durch Frau Jenny, die mit ihrem urechten saloppen berlinerischen Jargon ungemein erheiternd wirkte. Die Regie deS Herrn Gerlach hatte sehr dankenswert gewaltet; man gab das Stück mit frischestem „mobemem* Leben. P. W.
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