Ausgabe 
13.6.1903 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

sich die Frau Aumcmn, allein in ihrer Stube zu bleiben und ging deshalb mit ihrem kleinen Kinde zu Bekannten, die zwei Häuser entfernt wohnten. Mit ihrem Kinde setzte sie sich an den Ofen, als plötzlich ein furchtbarer Schlag das Haus durchdröhnte. Der Blitz hatte eingesch lagen, er ftchr durch den Schornstein hernieder und bahnte sich durch das Ofenrohr, in da» er ein winziges Loch riß, den Weg in die Stube. Tie Frau ließ das itinb fallen, stürzte auf die Straße hinaus zu chrem Vater, dem sie entgegen schrie: ,Hch muß sterben", und brach dann tot zusammen. An ihrem Rücken fand man rote Flecken. Der Arzt ist im Zweifel darüber, ob die Frau vom Blitz tatsächlich ge­troffen wurde, da ein Blitzschlag ihren sofortigen Tod Mite herbeiführen müssen. Es wird daher angenommen, baß die Frau aus Schreck einem Herzschlag erlegen ist. (,M T.")

Neueste Meldungen,

vrigiualdrahtmelduugeu des Gießener Anzeigers.

Berlin, 13. Juni. Der Krankenwärter Marg- gras, in dessen Rachenschleim Pestbazillen gesunden wurden, ist fortgesetzt fieberfrei bei gutem Appetit. Tas Allgemeinbefinden ist überhaupt nicht gestört. Weitere Er­krankungen sind nicht vorgekommen.

Pofen, 13. Juni. In der Familie eines auf dem Ansiedelungsgute Kludzyn bei Janowitz beschäftigten Arbeiters sind die schwarzen Pocken ausgebrochen. Es liegen be­reits drei Kinder schwer krank darnieder. Die umfassendsten Vorkehrungs-Maßregeln wurden sogleich getroffen.

Wie«, 13.Zoui Ter Attentater Reich (nach anderen Meldungen heißt er Bernstein nud seine Waffe war ein Stock, kein Dolch) wurde dem Zrrenhaufe üb er wiesen.

Das Drama von Belgrad.

Belgrad, 13. Juni. Ter wirkliche Führer bei dem Königsmorde, Oberstleutnant Mitschitsch, gibt fol­gende Schilderung: Tas Komplott bereiteten Nowako- witsch, Masenin, Gents ckfttfch und Awananzkowitsch vor. Sie weihten zumeist Subatternoffiziere, aber keine Generale ein. Gegen 7^2 Uhr kamen die Offiziere aus den Kaffeehäusern vor dem Konak zusammen, um die Befehle Maschins ent­gegenzunehmen. Das 7. Infanterieregiment umzingelte die Polizeibureaus und die Jnfanterietaserne. Tas 4. Ka­vallerieregiment und berittene Artillerie zernierte sämtliche Minister. Tas 6. Infanterieregiment und die Garde-In­fanterie umzingelten den Konak. Garde-Kapitän Kvrtitscb öffnete das Westtor und ließ die Offiziere ein. Mitschitsch attalierte das Südtor und überwältigte die Palast-Gen­darmen (sechs Tote und 20 Verwundete), woraus alle Offi­ziere vor die Eingangstür des alten Konaks drangen und die Tür sprengten, wobei Naumowitsch, der von innen die Tür öffnen wollte, durch eine Dynamitexplosion ge­tötet wurde. Tie Verschworenen drangen ein und er­

schossen den Hauptmann Mllitowitsch. General Petrowitsch zerstörte die elektrische Lichtanlage. Tie Verschworenen zwangen muh einftünbtgem Suchen im Finstern Perrowitsch, das Versteck desLonigspaaresrn einer V o r r a l S - kammer zu zeigen. Mirschitsch forderte von dem König die Abdankung und die Ausweisung der Äöngin. Auf Ale­xanders Weigerung wurde das Lkänigspaar erschossen und die Leichen in den Parlhos geworfen, wo sie früh um ö Uhr der russische Gejandte fand. Tie Tra­gödie forderte 54 Tote und Verwundete. Hauptmann Welimowitsch zeichnete folgendes auf: General Petrowitsch mußte die Verschworenen vor dre Zimmertür führen, welche nach Rütteln der König öffnete. Ter König mochte glauben, daß die Revolte durch das Gerücht eines unglücklichen Ehelebens verursacht sei und die Offiziere die Königin er­morden wollten. Er bestritt das Gerücht und fußte die Königin. In diesem Augenblick wurden beide von zahllosen Schüssen getötet

Wien, 12. Juni. TieNeue Fr. Pr." meldet aus Belgrad: Tie Stadt ist vollkommen ruhig, nichts mahnt an die blutigen Vorgänge, nur vor dem Konak lagert eine Abteilung Infanterie und in der 'Nebenstraße ein Piquott Kavallerie, auch die umliegenden Gebäuoe und Ministerien sind scharf mllitarifch beroaajt Tie Militärischen Abteilungen sind in voller felomäßiger Ausrüstung. Tie Stadt ist be­flaggt, viele Anhänger der Oorenowitsch find geflüchtet

Belgrad, 12. ^uni. Der bisherige Minister Todo- rowitsch ist seinen Wunden erlegen. Ter Adjutanst Oberstleutnant 'Naumowitsch wurde am Nachmittag mit militärischem Pomp bestallet TieWetschernje Nowosti" ergänzte die bisherigen Berichte dahin, dag der verstorbene Generaladjutant P e t r o w i t j ch dem Königspaar Ge­legenheit bieten wollte, zu entfliehen und die ein­gedrungenen Offiziere fast eine ganze Stunde hindurch irre zu leiten suchte, indem er sie in allen Räumlichkeiten des Konaks umher führte.

Budapest, 12. Juni. Ter serbische Ministerpräsident Aw a ku in o witsch erklärte einem Berichterstatter des Budapesti Hirlap", von sämtlichen auswärtigen Regierungen mit Ausnahme Berlins seien be­ruhigende Erklärungen eingelaufen. Der Minister­präsident erklärte ferner, gegen die Attentäter werde keinerlei Strafverfahren eingeleitet werden. Ge­neral Pantelitjch, em ehemaliger Freund Milans, erklärte demselben Berichterstatter, die Verschwörer hätten in Ver­bindung mit Karageorgiewitsch gestanden, doch könne man diesen nicht als Urheber des Attentats bezeichnen.

Wien, 12. Juni. Der r u s, i s ch e B o t s ch a f t e r Graf Kapnist hatte eine zweistündige Unterredung mit dem Grasen Goluchowski. Es verlautet, daß über die Neu­besetzung des serbischen Throns zwischen den beiden Staatsmännern eine lieber ein ftimmung erzielt wurde. Es sei ziemlich sicher, daß Peter Karageorgiewitsch zum Könige gewählt werde.

Wien, 13. Juni. Nach in später Nachtstunde aus Semlin ein getroffenen Meldungen soll in Belgrad eine

fürchterliche Feuersbrunst wüten. Eine Bestätig ung ist indes bisher nicht eingetroffen.

Genf, 13. Juni. Karageorgiewitsch erklärte-. Wenn er selbst den Thron besteige, werde er auf Grund der freih eitlichen Ideen regieren, welche die Kam­mern der Verfassung von 1889 gaben. Mit Bezug auf eine Blättermeldung, wonach der junge Prinz Geor g a l s König proklamiert werden fall, ertlärte Peter Kara- georgiewrtsch, er als Vater würde sich darüber sehr heuen, doch sei eine Regentschaft, wie sie dann nötig würde, ein Unheil für Serbien.

Belgrad, 13. Juni. Ministerpräsident Awakumo - witsch erklärte kategorisch, daß das neue Kabinett der Familie Karageorgiewitsch in keinerlei Beziehungen stehe. Des weiteren erwarte der Minister einen stürmi­schen Verlauf der Lkuptschina-Sitzung, in welcher die Kvnigswahl erfolgen soll, denn die Chancen des Prinzen Peter Karageorgiewitsch und des Prinzen Mirko von Montenegro sollen sich die Wage halten.

Wien, 13. Juni. DerNeuen Freien Presse" zufolge schweben zwischen Oesterreich und Rußland Verhandlungen über die serbische Frage. Oesterreich wünsche die Aner­kennung des Prinzen Peter Karageorgiewitsch, während Rußland an Stelle des Prinzen Peter dessen ältesten Sohn Alexander, der in Petersburg lebt, zum König ge­wählt sehen mochte.

Belgrad, 13. Juni. Im geftrigen Ministerrat kam es zwischen den Ministern zu Differenzen. Ter Minister des Aeußeren plaidierte für Proklamierung der Republik. Der Ministerrat überläßt die Entscheidung der Skuptschina. Tas in England deponierte Ver­mögen des Königs Alexander, das nur sehr ge­ringfügig ist, wird vom Staate eingezogen. Sämtliche heute erschienenen Belgrader Blätter feiern den Staatsstreich als Erlösung von einem schwe­ren Joch. Alle sagen, daß es |o habe kommen müssen. Die Regierung erhielt viel^ Glückwunsch-Telegramme aus dem Innern des Landes. Sämtliche Kommaiidanten der Donau-Division wurden zur Tisposition gestellt und durch neue ersetzt.

t?i«or TänGPhnntr 9cbcu Sie sich hm, wenn Sie auf lilllvl 1 dUbvuUlIg die Lockrufe in Annoncen, die nicht den Tatsachen entsprechen, achten. Vor Einkauf von Möbeln, Betten 2C. orientieren Sie sich in dem durch seine riesigen Lager­beslände größtenteils eigenen Fabrikates bekannten Geschäft von Th. Brück, Model- und Bettensabrikationslager. Sic werden bessere sachmännische 9lrbeü und billigere Preise unter Zusicherung langjähriger Garantie vorsinden. 4754

Könlgl. Prem. Staats-üedaiiie

W W jeder Art, In Jeder Farbe, TTfCÄ an Jedem Preise, der Meter IIV von 75 Pf. an.

-.....Master portofrei. -------

üje seidene Kostüm -Röcke, Jupons, Blusen, halbfett. Roben.

Deutschlands grösstes Spczial-Seiden-Gescbäft sidenhaus Michels & Gn, Berlin SW. 19 43 Leipziger Strasse 43 Ecke Markgrafen-Straase. Mechanische Seidenstoffweberei In Krefeld

An die Wähler in Stadt und fand.

Ehe wir am 16. Juni als deutsche Männer an die Wahlurne treten, müssen wir zuerst noch einen Rückblick werfen in die Vergangenheit und uns genau überlegen, in welcher Weise wir unser Wahlrecht zum Wohle des Vaterlandes und insbesondere der Allgemeinheit auszuüben haben. Bei diesem Rückblick haben wir uns vor allem eine Ansicht des seitherigen Abgeordneten Köhler - eines Agrariers in den grellsten Farben - ins Gedächtnis zurückzurusen, nämlich das von Köhler imGießener Anzeiger" Nr. 233 vom 4. Oktober 1901 abgedruckte Schreiben, welches seinen Abscheu gegen alle Menschen, die keine Bauern nach Köhlers Rezept sind, öffentlich in beleidigender Form kund gibt.

In diesem Schreiben entwickelt Köhler folgende Grundsätze seines Glaubensbekenntnisses:

Der Bauer darf sich niemals auf andere verlassen,

1. nicht auf die Beamten, deun sie sind da, wo von oben der Wind herweht u. s. w.;

2. nicht auf die evangelischeu Pastoren, denn teils huldigen sie der widerlichsten aller bis setzt bekannt gewordenen Parteien, teils u. s. w.;

3. nicht auf die Gelehrten, ganz besonders nicht auf die Professoren, denn die meisten von ihnen sind übergeschnappt u. f. w.: 4. nicht auf die Industriellen, denn sie sind zu egoistisch;

5. nicht aus die Handwerker, denn sie sind zu sehr getstig beschränkt u. s. w.:

6. nicht ou£ bie Kaufleute, denn sie sind fast alle unsere heftigsten Feinde.

So stehen wir Bauern denn einer Welt voll bewußter Feinde, verhetzter Dummköpfe, übergeschuappter Professoren, gewissenloser Egoisten und Streber gegenüber u. s. w. f.

Wähler! Kann man einen solchen Menschen ernst nehmen?

Ist es nicht eine beispiellose lleberhebung, wenn ein solcher Mann sich anmaßt, die Gesamtheit eines Wahlkreises bctitciCH zu wollen?

... 2st^s mcht Pflicht eines Jeden, der den hier hernntergeriflenen Berussständen angehört, durch die Abgabe des Stimmzettels für den Kandidaten

Herrn Kommerzienrat jteyliuettStaedt

gegen diese Unverschämtheit zu protestieren?

Wähler aus Stadt und Land tretet ein für die Wahl desjenigen Kandidaten, der unseren Wahlkreis würdig, ohne jedes VorurteU, ohne jegliche Selbstsucht vertreten wird. Wählt alle Mann für Mann J 8

jlem Kommerzienrat Aeyligensiaedl

4732

Viele Wähler ans den Von Kähler beleidigten Berufsständen.