Ausgabe 
13.6.1903 Viertes Blatt
 
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Nachdem ein großer Teil der vernünftig denkenden Landwirte dem seitherigen I Abgeordneten Köhler den Rücken zugekehrt und dessen Verzicht aus die Kandidatur! ihm nahe gelegt hatten, glaubt Herr Sch lenke für die Weiterexistenz dessen Kandidatur und dessen Wiederwahl durch ein Inserat in Nr. 132 desGießener Anzeigers" eine kräftige Lanze brechen zu müssen.

Wenn er dies durch Hervorhebung der Vorzüge des Herrn Köhler und der großen Erfolge dessen seitheriger Tätigkeit getan hätte, so würde man dies als ganz natürlich und berechtigt anerkennen müssen. Leider konnte er jedoch diesen Weg nicht benutzen, mußte vielmehr den Weg der wissentlich falschen Herabsetzung der Gegenpartei und ihres Kandidaten, sowie den der demagogischen Verhetzung der Landbevölkerung gegen die Industrie einschlagen!

Nach längeren Ausführungen, in welchen Herr Sch lenke seine Entwicklung von einem Nationalliberalen zu einem Hochagrarier und Protektor des Antisemiten Köhler darstellt, schreibt er unter anderem:

Ist er (Heyligenstaedt) so selbstlos und kann er aus ferner Haut heraus, daß rcr unbefangen auch der Landwirtschaft geben wird, was ihr von rechtswegen gehört? Das glaube ich nicht, weil ich seine Gesinnung durch gelegentliche mündliche Aussprachen zu kennen glaube u. s. w."

Allerdings gibt es Seelen, und hierzu scheint auch Herr Sch lenke zu ge­hören, die sich nicht zu dem Gedanken ausschwingen können, daß man mit Selbst­losigkeit und Opferwilligkeit dem öffentlichen Interesse zu dienen verpflichtet ist. Es ist bezeichnend für die edle und vorurteilslose Denkuugs- und Handlungsweise des Herrn Schlenke, einem Manne, der seit langen Jahren in selbstlosester und aufopferndster Weise dem öffentlichen Interesse gedient hat, diese Eigenschaften glaubt absprechen zu müssen. Gerade der persönliche Verkehr mit Herrn Heyligenstaedt während der verschiedenen Wahlkampagnen bis zum Jahre 1896 mußte Herrn Schlenke überzeugen, daß Herr Heyligenstaedt stets ein großes Interesse für das Blühen und Gedeihen der Landwirtschaft hatte und insbesondere stets für eirren ausreichenden Schutz der Landwirtschaft eingetreten ist. Wenn Herr Schlenke anderes behauptet, so begeht er eine wissentliche Unwahrheit!

Zu seinen Ausfällen und Verdächtigungen benutzt er den Schlußsatz des Absatzes 4 des liberalen Parteiprogramms, der sich überhaupt nicht aus die Zölle bezieht, läßt aber Absatz 6 unerwähnt, in welchem Herr Heyligenstaedt für einen Zollschutz für die landwirtschaftlichen Produkte innerhalb der Grenzen des Zolltarifs einzutreteu sich verpflichtet. Es ist selbstverständlich, daß neben der Zollerhöhung für landwirtschaftliche Produkte, auch für die Industrie einige Brosamen abgefallen sind, und insbesondere für deutsche Arbeit und Intelligenz ein kleiner Schutz durch Klassifizierung der Erzeugnisse der Eisenindustrie gewährt wird, wonach je nach dem Grade der Veredlung oder nach dem Aufwande an Arbeitslöhnen ein höherer oder niederer Zoll beantragt ist!

Die hoben Kohlen- und Eisenpreise der vcrfloffenen Jahre möchte auch Herr Schlenke den Jndustriezöllen in die Schuhe schieben, während gerade die Ver­edlungsindustrie am energischsten gegen diese hohen Preise angekämpft und am meisten darunter zu leiden hatte. Uebrigens sind und bleiben Kohlen und Erze zollfrei, während auf Eisen nur ein Zoll von 1 Mk. ruht, der auch im neuen Zolltarif vorgesehen ist.

Um die agitatorische und aufhetzerische Tendenz seine« Pamphlets nicht ab­zuschwächen, hat natürlich Herr Schlenke weiter verschwiegen, daß diejenigen Artikel, welche die Landwirtschaft hauptsächlich gebraucht, herabgesetzt und in dem § i des Zolltarifgesetzes in Verbindung mit den Getreidezöllen festgelegt sind

Damit ist das Machwerk des Herrn Schlenke als tendenziös nnd cder Objektivität ermangelnd gekennzeichnet und anscheinend nur darauf «erechnet, den Klaffenkampf zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie uud Landwirtschaft zu entfachen, um unfern Wahlkreis zu einer seitherigen unwürdigen und traurigen Stellung, die derselbe seit 10 Jahren eingenommen hat, wieder zu verhelfen.

Das darf nie und nimmer geschehen, und können wir dies nur vermeiden, wenn wir unsere Stimmen dem Kandidaten des vereinigten liberalen Bürgertums in Stadt und Land, dem

Herrn Kommerzienrat

heyligenstaedt

geben, dessen Charakter und langjährige öffentliche Tätigkeit dafür Bürgschaft bietet, daß die Interessen aller Stände gleichmäßig vertreten werden. Euch aber, Ihr Wähler der ländlichen Bezirke, rufen wir die ernste und dringende Mahnung zu: Laßt Euch nicht betören durch die ftivolen Aufhetzereien und Versprechungen der antisemitischen und sozialdemokratischen Kandidaten, bedenkt, daß noch niemals ein für die Landwirtschaft so günstiges Zolltarifgesetz vorgelegt wurde, bedenkt, daß, wenn es unter Mithilfe eines der obigen Kandidaten abgelehnt würde, wohl niemals ein gleich günstiges zur Vorlage kommen wird.

Es ist ein frevelhaftes Spiel, in der Politik dem Grundsätze zu huldigen: Alles oder nichts". Es kann dies niemals der Grundsatz von ernsten und ver­ständigen Männern sein, und nur derjenige handelt im Interesse der Allgemeinheit, welcher das Erreichbare zu erlangen sucht und in diesem Sinne wird nur allein der Kandidat der liberalen Parteien handeln. Darum Ihr Wähler in Stadt und Land, können wir Euch nur zur Wahl empfehlen den

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in Gießen.

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