Ausgabe 
12.9.1903 Drittes Blatt
 
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Nr. 214

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gieheuer Familien» blätter viermal in der Woche deigelegt.

Rotationsdruck il Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch- u.Stein- bru rietet (Pietsch Erben) Redaktion. Expedittoa und Druckerei:

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Drittes Blatt.

Samstag.NePtemver 1903

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

153. Jahrgang

BezngSpretSi monatlich 7b Ps., viertel' jährlich Mk. 2.20; durch Aohole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Dck. 2. viertel- ährb ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die TageSnummer jIS vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiSr lokal 12 Pf^ auSwärtS 20 Pfg.

Verantwortlich für den poltt und allgem. Teil. P. Wittko: für Stadt und Lcmd^ und .GenchtSfaal^-.Auoust Götz; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

Volttische Tagesschau.

Die reinliche Scheidung.

Man schreibt uns von besonderer Seite:

Wie wir erfahren, sind die Vorbereitungen für die Reichssinanzresorm in vollem Gange. Die Vorlage wird bestimmt den Reichstag im kommenden Winter beschäftigen. Innerhalb der Bundesstaaten herrschet volles Einverständ­nis, daß diereinliche Scheidung" z-wischen den ReichK- und den Staats-Finanzen nich^ länger hinauszuschieben ist. Ganz aussichtslos firtb aber die Vorschläge, dem Reich dirtte Steuern einKuräumen, wie die Einkommen- und die Erbschaftssteuer. Darüber dürfte in naher Zeit, eure bündige amtliche Kundgebung erfolgen.

Ueöer die Aerhastung des Köerleyrers Ar. Kies in Iüver

Wird aus Oldenburg noch folgendes geschrieben: Seit etwa iy2 Jahren erscheint hier ein satirisch-kritisches Blat unter dem NamenDer Residenzbote", dessen "Redakteur und Herausgeber der Schriftsteller Hans Biermann ist. Als B. sich vor einigen Monaten wegen Beleidigung des Groß­herzogs vor Gericht zu verantworten hatte und um den Zweck seines Blattes befragt wurde, gab er u. a. an, er wolle dem jetzigen oldenburgischen Ministerium Opposition machen. Und das hat er in ausgiebigem Maße bisher getan. Ganz besonderes Aufsehen erregten mehrere gegen den Groß Herzog, den jetzigen I u st i z - u n d K u l t u s - Minister Ruhst rat II., den Landrichter Haake und mehrere andere Persönlichkeiten gerichtete Artikel. Dem Justizminister wurde besonders vorgeworsen, daß er vor einigen Jahren, als ernochStaatsanwaltwar , am Hazardspiel teilgenommen, bei dieser Ge­legenheit eine Gefälligkeit des Oberlehrers Frühstück ange­nommen und letzteren dann bei der Besetzung der Direktor­stelle am Birkenfelder Gymnasium protegiert habe. Bier­mann zog sich durch Veröffentlichung dieser Artikel eine Beleidigungsklage des Ministers zu, die mit seiner Verurteil­ung zu einjähriger Gefängnisstrafe endete. Er hat dagegen Berufung eingelegt die im Oktober erledigt wird. Fast mit der Verurteilung Biermanns fiel die widerrechtliche Ver­öffentlichung der Geheimakten über den Ministerwechsel im Jahre 1900 gleich nach dem August zusammen. Das schlug dem Faß den Boden aus, und nun wurden die eifrigsten Anstrengungen gemacht, des Verräters der Geheimakten habhaft zu werden. Die Staatsanwaltschaft ließ Schrift­proben der inkriminierten Artikel öffentlich aushängen und setzte für die Ermittlung des Artikelschreibers eine Belohn- ung von 400 Mk. aus. Das geschah vor etwa sechs Wochen. Man hörte dann von dem Verlauf der Sache im allgemeinen nicht viel; die verschiedensten 'Hamen wurden zwar ge­nannt, aber den richtigen wußte niemand; ja Biernrann selbst als Redakteur des Residenzboten scheint nicht gewußt zu haben, von wem ihm jene Artikel stets unter Decknamen oder Chiffre zugingen. Bei Vernehmungen soll Biermann angegeben haben, daß ihm die Briefe in der ersten Zeit mit Zügen aus der Richtung JeverOldenburg, später aus den Rheinlanden zugegangen seien. Das lenkte schließlich den Verdacht auf den Oberlehrer Dr. Gustav Ries, den auch die Schriftsachverständigen als der Urheberschaft der Artikel verdächtig bezeichnet hatten. Infolgedessen fand eine Haussuchung im elterlichen Hause des Dr. R:es, der seine vor einigen Tagen zu Ende gehenden Ferien in Jever ver­

brachte, statt, während er selbst auf einem Ausfluge be- Müffen war. Durch Funde von Schriftproben wurde der Verdacht bestätigt, und als ihm bei seiner Rückkehr die Ur­heberschaft der Artikel auf den Kopf zugesagt wurde, gestand Dr. mies unumwunden zu, der Verfasser der beleidigenden Artikel zu sein und auch die Geheimakten über den Minister­wechsel veröffentlicht zu haben. Dr. Ries stand bei seinen Kollegen und Schülern tti hohem Ansehen. Er war früher am hiesigen Gymnasium angestellt und wurde am 1. August 1902 gegen seinen Willen nach Jever versetzt. Man hielt diese Maßnahme damals für eine Art Strafversetzung und brachte sie mit seiner agitatorischen Tätigkeit für die Er­höhung der Oberlehrergehälter in Verbindung. Wie auch aus den Berichten der hiesigen Blätter hervorgeht, scheint in diesem behördlichen Schritte der Grund seiner tiefen Unzuftiedenheit, seines brennenden Hasses gegen die in Frage kommenden und dabei mitwirkenden Männer zu liegen, der ihn so zu verzweifeltem Schritte trieb. So war seines Bleibens in Jever nicht lange. Er trat frei­willig aus dem oldenburgischen Schuldienst aus und über­nahm eine Stelle in Barmen.

DenNachrichten für Stadt rmd Land" wird von zu­ständiger Seite geschrieben:Das Verfahren gegen Dr. Ries findet von Ämtswegen statt, und die Verhaftung ist daher zulässig. Es fragt sich dann weiter, ob nach Lage der Sache die Verhaftung begründet war. Diese Frage wird man nicht verneinen können. Der Beschuldigte ist ein un­verheirateter Mann und war somit unschwer üt der Lage, sich durch die Flucht der Untersuchung zu entziehen, selbst in ein Land, das wegen des betreffenden Vergehens nichst ausliesert. Ferner wird vermutlich eine hohe Strafe erkannt werden, sodaß genügende Veranlassung für den Ver­dächtigen vorlag, die Brücke hinter sich abzubrechen. Endlich ist nicht ausgeschlossen, daß Dr. Ries Mittäter oder Gehilfen gehabt hat, deren Ermittlung durch den Ver­kehr mit ihm erschwert worden wäre."

Von Ämtswegen konnte gegen Dr. Ries wohl nur ein­geschritten werden, als der Verdacht vorlag, er habe dem Residenzboten" auch die Geheimakten über die Entlassung des M i n i st e r i u m s Jansen a u s g e - liefert. Diese Akten waren ihm als Oberlehrer nicht zu­gängig, und somit muß aufMittäter oder Gehilfen" ge­schlossen werden. Daß der Äktenmißbrauch allem für die Staatsanwaltschaft in Betracht kommen konnte, geht aus der Tatsache hervor, daß die" V er l e um dun g des Mi­nisters R u h st r a t II. in einer Privatklage zum Austrag gebracht werden müßte.

Vermischtes.

* Ein furchtbaresVendetta-Duell" ist in Fontaine St. Andrs im Kanton Neuchatel von zwei Neapoli­tanern ausgefochten worden. Die beiden Männer, von denen der eine in Neuchatel, der andere in St. Gallen Wohnt, sind seit langem verfeindet, und sie beschlossen, mit­einander zu kämpfen, bis ein Gegner gefallen wäre. In einer abgeschlossenen Lichtung traten sie einander mit langen Messern bewaffnet und bis auf die Taille entkleidet gegenüber. Beide waren stark und sehnig und bearbeiteten einander so lange, bis sie Seite an Seite im Grase zusammenstürzten. Man glaubt, daß nur der eine Kämpfer wieder genesen wird; in diesem Fall wird ihm wahrscheinlich der Prozeß wegen Mordes gemacht werden.

* Eine Hexenaustreibung. Eine Frau in einv^s größeren Dorfe bei Guben wollte seit längerer Zeit wahr­genommen haben, daß ihr Rindvieh nicht mehr so recht gedeihe, namentlich eine junge Kuh wurde von Tag zu Tag magerer. Auch hatte sie eines Tages zu mitter­nächtiger Stunde eine Person aus ihrem Viehstall sich eiligst entfernen sehen, und als sie näher zusah, entdeckte sie im Stall einen alten Topf, enthaltend eine Unmenge alter verrosteter Stecknadeln, Nägel, Haare, Wolle, Papierfetzen u. dgl. Die Person Hatte, so meinte man nun, das Vieh ver­hext. Es mußte schleunigst etwas getan werden. In der Stadt Guben ist einekluge Frau", die sich auf so etwas versteht. Sie wird geholt, und es wird nun folgendes ge­macht: Vom Kirchhof werden 10 Mittel, wie verwittertes Holz, Kräuter, Holz von alten Grabkreuzen, alte Toten­kränze u. dgl. gesammelt. Damit wird der Stall gehörig ausgeräuchert. Weiter werden aus der Apotheke 5 Mittel beschafft, damit wird, nachdem sie durch Kochen zubereitet sind, das Viehverwaschen". Nachdem dann noch der klugen Frau als Honorar 10 Mark für ihre Bemühung ausgezahlt waren, war der Stall von allem Uebel ge­säubert. Das Vieh gedeiht wieder und neues Glück ist darin eingezogen. Die kluge Frau hatte auch verraten, wer das Vieh verhext hat, nämlich die Person, die in den nächsten Tagen in das Haus tritt, um sich etwas zu borgen. Das scheint aber nicht eingetreten zu sein. Wie wäre es dann der Person ergangen?

* Anwachsen der deutschen Mittelstädte. Tas Deutsche Reich zählt nach der letzten Volkszählung etwa 40 Mittelstädte, d. h. solche, mit 50100 000 Einwohner. Nur vier von diesen Städten gehörten schon bei der Gründ­ung des neuer: Deutschen Reiches dieser Kategorie an, näm­lich Augsburg, Mülhausen i. E., Mainz und Metz. Die übrigen steckten 1871 noch in den Kinderschuhen der Klein­städte. Tas stärkste Wachstum zeigt Schöneberg bei Berlin; es schnellte in dem verhältnismäßig kurzen Zeiträume von 30 Jahren von 4500 aus reichlich 96 000 empor; Rixdorf von 8000 auf 90 000, Ludwigshafen von nicht ganz 8000 aus 62 000. Annähernd vervierfacht hat sich die Einwohner­zahl von Hagen t. W. Tie Bevölkerungsziffern von Duis­burg, Plauen, Bochum, Spandau, Linden, Beuthen und Bielefeld haben sich reichlich verdreifacht, die von Karls­ruhe, Münster, Remscheid, Freiburg i. B., Königshütte und Dessau fast verdreifacht. Eine starke Verdoppelung weisen folgende Städte auf: Wiesbaden, Lübeck, Offenbach, Osnabrück, München-Gladbach, Zwickau, Liegnitz und Fürth, während Erfurt, Görlitz, Darmstadt, Würzburg, Rostock, Bromberg, Elbing und Bonn die Verdoppelung annähernd erreichen. Verhältnismäßig geringe Bevölkerungszunahme zeigen Frankfurt a. O. und Potsdam; die schwächste Zu­nahme hat Metz mit 14 Prozent. Von den Kleinstädten, die bei der letzten Volkszählung das 40. Tausend bereits über- eritten hatten, also aussichtsvolle Mittelstadtkandidaten id, entwickeln sich Harburg, Flensburg, Gera, Kaisers­lautern, Mülheim a. Rh., Solingen und Oberhausen am regsten.

Rheinisches Technikum Bingen für Maschinenbau und Elektrotechnik. 5245

Jiaudereten aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Die Münchener Hosbrau-Filiale in Berlin. Herr v. Knobels­dorff, der Baumeister desalten Fritz". Ein Steinmetzscherz am Operuhause.

Ter Fremde, der nach Berlin kommt und die Leipziger- Straße hin ab schlendert, findet vor dem Tönhofsplatz linket Hand, kurz vor dem Reichshallen-Theater, wo die Stettiner Sänger mimen, ein Haus, das in Tür und Fenstern aus den ersten Blick verrät, daß es noch von der Periode der großen Nüchternheit des vorige:: Säkulums erbaut sein muß, wenn auch d:e modernen Erweiterungen und Neuer­ungen auf einen späteren umfassenden Umbau schließen lassen. Es ist das Haus Nr. 85, die Heimstätte des Mün­chener Hofbräus in Berlin, zu Zeiten der Sammelpunkt der in Berlin hausenden Bajuvaren, die beim schäumen­den Maßkrug hier gar zu gern von der lustigen Stadt an der Isar träumen. Eine Gedenktafel an diesem Hause aber berichtet, daß darin einst Hans Georg Wenceslaus von Knobelsdorfs gewohnt und am 16. September 1753 seine irdischen Tage beschlossen hat. Dieser Herr von Knobelsdorfs, der als Fünfzehnjähriger seinerzeit beim Küstriner Regiment als Korporal ein getreten war und bis 1729 im preußischen Gamaschendienst aushielt, zeigte nach diesen etwas seltsamen Vorbereitungen mit Pulver und Blei, daß er ein tüchtiger Maler und vor allem ein genialer Baumeister sei. Antoine Pesne, den Friedrich Wilhelm I. 1711 als Hof- und Kabinettsmaler mit einem Gehalt von 11000 Talern nach Berlin berufen hatte, wurde sein Lehr­meister in der Malerei, die er jedoch bald im Interesse für Architektur, wenn auch nicht dauernd, beiseite schob. Der Kronprinz, der damals in Rheinsberg seinen Neigungen und Studien lebte, berief den.nun schon Sechsunddreißig­jährigen im Jahre 1735 zu sich und gab ihm den Auftrag, ihm einen Garten mit einem Lusthause anzulegen, welche Aufgabe er so trefflich löste, das; ihm der Kronprinz für das folgende Jahr eine Studienreise nach Italien ermög­lichte. Mit dem Regierungsantritt des jungen Königs be­ginnt auch die Periode der größten Tätigkeit Knobelsdorffs.

Er baut Rheinsberg wieder auf, das ein Brnnd vernichtet hatte; er ändert das Schloß zu Charlottenburg; er be­ginnt den Bau des Berliner Opernhauses, das schon am 7. Dezember 1742 mit Grauns OperCleopatra und Cäsar" eingeweiht werden konnte. Dieses für die damalige Zeit großartige, in edler Einfachheit gehaltene Gebäude bezeugt am besten, wie weit der geniale Knobelsdorff seinen von Neid erfüllten Fachgenossen überlegen war, die alle Hebel in Bewegung setzten, ihn aus seiner einflußreichen, für die Gestaltung des ftedericianischen Berlin so bedeutungs­vollen Stellung zu verdrängen. Der französische Geschmack jener Tage mit seinem hohlen Prunk, seinen überladenen Fassaden usw. wurde durch das in den reinen Formen griechischer Architektur gehaltene Bauwerk in Berlin zum ersten Male erfolgreich bekämpft. Nach dem Brande von 1843 wurde das Opernhaus unter Benutzung der alten Mauern ohne wesentliche Aenderungen wieder aufgebaut, ein verhängnisvoller Fehler, den Knobelsdorff selber, mit den ganzen Erfahrungen der 100 Jahre, die dazwischen lagen, ausgerüstet, unmöglich begangen haben würde. Menn man heute mit dem Plane umgeht, das für die heuti­gen Verhältnisse ganz und gar unzulängliche Bauwerk herunterzureißen, um einen Neubau an seine Stelle zu setzen, so trifft die Schuld daran den Wiedererbauer von anno 1843, Langhans und nicht den alsbald zumDirek­tor der Musik und zum Intendanten der Schauspiele" er­nannten Baumeister des großen Friedrich, der in den fol­genden Jahren seine Tätigkeit auch auf die Königlichen Bauten zu Potsdam ausdehnte, bis für ihn eines Tages die Sonne der Königlichen Gnade unterging und fügsamere und weniger selbständige Geister an seine Stelle rückten, die den manchmal bizarren Launen des vielseitigen, großen Königs williger nachgaben, als der mit einem kräftigen Rückgrat ausgestattete märkische Adelssproß. Den ersten Anlaß gaben zwei Riesensiguren, die Knobelsdorff be:m Einzug nach dem zweiten schlesischen Kriege vor die Pforte des Potsdamer Schlosses hatte aufstellen lasten, einen Her­kules Musageta mit der Leyer und den pythischen Apoll mit Bogen nnd Köcher, gutgemeinte Anspielungen auf den Toppelruhm Friedrichs als Held und Kunstfreund. Dem König mißfiel das. Die Figuren mußten fort und kamen

in den Berliner Tiergarten, wo sie Knobelsdorfs, wenn er von seiner Meierei heute Schloß Bellevue kam, immer sehen mußte. Dann kamen andere Differenzen, Knobelsdorfs wurde beim Bau des Jnvalidenhauses, der Hedwigskirche, des neuen Domes und schließlich auch der Kunstakademie, deren Mitglied er war, übergangen. Das erbitterte ihn so, daß er bald danach durch eine unbot­mäßige Antwort in Potsdam gänzlich in Ungnade siel. Das Berliner Tor in Potsdam war vollendet, gleichfalls von einem der Gegner Knobelsdorffs, einem Holländer Johann Boumann, dem wir auch die geschmacklose Hedwigs­kirche und die Universität, als Palais des Prinzen Heinrich erbaut, verdanken. Knobelsdorfs war zur Tafel geladen und vor Beginn derselben fragte ihn der König, wie ihm das neue Tor denn gefallen habe, ,Has sein dummer Kastellan Boumann erbaut hat." Knobelsdorsf erwiderte, daß er es deswegen wohl nicht bemerkt habe, woraus ihm Friedrich geärgert zurief:Er kann wieder nach Berlin gehen!" Dieses Wort befolgte Knobelsdorff ohne sich aus­zuhalten, und als ein Feldjäger seine Extrapost, mit der er zurückfuhr, in Zehlendorf einholte, um ihn zur Umkehr zu veranlassen, erklärte er:Mir hat der König selbst befohlen, nach Berlin zu gehn, und ich weiß zu gut, ob ich seinen oder des Feldjägers Befehl gehorchen muß!" Die beiden ehemaligen Freunde sahen sich nicht wieder; Kno­belsdorsf starb nach wenigen Jahren, richtete aber von seinem Schmerzenslager aus noch einen versöhnlichen Dankbrief an seinen König, der ein ehrendes Zeugnis von der Lauterkeit seiner Gesinnungen ablegt. Auf dem Giebelfelde des Opernhauses findet sich ein Steinmetzscherz, den man aus Knobelsdorfs zurückführt. Tic wilden Tiere lauschen dort dem Gesänge Orpheus! Alle, Löwe und Panther, erscheinen ergriffen und gebändigt, nur der Bär, das Wappentier Berlins, steht teilnahmlos abseits. Heute, wo Berlin der Sammelpunkt des gesamten Musiklebens geworden ist, wird man diese satirische Anspielung umso weniger übel nehmen, als uns die Perspektive von nahezu zwei Jahrhunderten deutlicher erkennen läßt, daß Knobels­dorfs wirklich der weitaus bedcutcndste Architekt der Fricdc- ricianischen Periode gewesen. A. R.