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9.6.1903 Erstes Blatt
 
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Wohle von Kaiser und Reich.

Gießen (Haardlhof), den 7. Juni 1903.

Schiente, ©rhonomierut

Mitglied des Bundes der Landwirte.

redner der liberalen Parteien nicht irre machen lassen.

Im kommenden Reichstage wird die Entscheidung fallen, ob für die folgenden zwölf Jahre die Landwirtschaft wieder hintenan stehen muß oder ob ihr beim Abschluß der Handelsverträge der Platz eingeräuml wird, der chr zukomml.

Mich leitet bei meinen Darlegungen nur der eine Wunsch, daß die Landwirtschaft, der deutsche Bauernstand zu seinem Recht komme zum Besten des Vaterlandes und zum

Ende der siebenziger Jahre gab e§ in hervortretenden konservativen Partei in Gießen eine andere größere politische Partei, die sich die nationale und liberale nannte. Schon der Name dieser Partei ließ ver­muten, daß da etwas notdürftig zusammengepappt war, das nicht zusammen gehörte unb das beim ersten Sturm auseinanderfallen müsse in eine sehr links stehende und in

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eine viel mehr rechts stehende Partei.

Diese Anschauung bestätigte sich beim nächsten Wahlkampf. Da gab es unter der Führung unseres jetzigen Justizministers eine nationalliberale Partei und unter anderer Führung eine freisinnige Partei, die sich nach einigen Umtaufen heute, wenn id) nicht

Wenn ich in meinen l , von meiner Person sprechen muß, so wolle der, bcnt bas nicht paßt, bas Blatt un-

Noch steht der sozialdemokratischen Hochflut die Masse der deutschen Bauern als trotziger Schutzdamm gegenüber. Wir wollen diesen Damm erhalten und festigen, damit er jedem Anprall standhält. Wenn iDir dabei in Gegensatz kommen zu denen, die blindlings die Landwirtschaft als Aschenbrödel behandeln, so können wir das wohl bedauern, aber wir kämpfen dagegen an. Ter wirtschaftliche Kampf, der Kampf um die Existenz beherrscht heute auch den Wahlkampf. Möchte das unsere gesamte Landbevölkerung im Wahlkreise überall verstehen und sich durch die Wander-

irre, freisinnige Volkspartei nennt.

Die beiden Parteien schieden sich damals wie Feuer und Wasser. Noch klmgt es mir in den Ohren, wie die Nationalliberalen an offener Wirtstasel in Gießen die Nationalmiserabelen genannt wurden. Dieser Partei trat ich bei.

Während die freisinnige Partei nichts wissen wollte von Bismarck und seiner Wirtschaftspolitik, folgte die nationalliberalc Partei damals den Fahnen Bismarcks. Sic widersprach lebhaft dem Rufe jener Partei:Fort mit Bismarck".

Die folgenden Wahlkämpfe übergehe ich. Immer noch schieden sich die beiden liberalen Parteien unb wenn leiber schon bamals, wie offen zugegeben wurde aus geschäftlichen Rücksichten, der eine ober andere die Meinung aussprach, man möge sich mit der freisinnigen Partei wieder in Verbindung setzen, bei den Wahlen gemeinsame Sache mit ihr machen, so erfuhr das jedesmal so energischen Widerspruch, daß der­gleichen Wünsche wieder verstummten. Das ging so weiter bis zur^Reichstagsrvahl vor 5 Jahren. Die nationalliberale Partei hatte manchen ihrer alten Führer verloren, jüngere unerfahrenere Politiker waren an ihre Stelle getreten. Ta trat wieder bic Neigung mit der freisinnigen Partei ein Wahlbündnis zu schließen hervor. ~ x)d) warnte, id) protestierte in der Versammlung, in der beide Parteien zum Abschluß des Wahl- bündnisses zusammengetreten ivaren und in der der Vorsitzende der Freisinnigen m seinen Aussührungen unter anderem sagte, daß eine erhebliche Zahl ihrer Mitglieder demokratisch angehaucht seien In dieser Stunde schied ich aus der natwnalliberalen Partei aus. Das war kein politisches Ereignis. - Viele Mitglieder der natwnal- liberalen Partei standen schon damals in wirtschaftlichen Fragen nicht mehr aus den früher innegchaltenen Limen. Daß auch in politischen Fragen bei vielen eine Zu­neigung zu der freisinnigen Partei stattgefunden haben mußte, gmg aus den Ver- briwerungsreden hervor, die in der Folge, wie.ich Mich bestimmt erinnere, besonders von einem Vorstandsmitgliede der nationalliberale» Parte, gehalten wurden und die nur ein sehr schwaches Echo bei den Freisinnigen sanden.

Heute präsentiert uns einer der Führer der Frei,innigen em Mitglied der natwnal- liberalen Partei als Reichstagskandidaten: den Herrn Kommerzienrat Hepligenstaedt. Der Aufsaugungsprozeß der nationalliberalen Partei durch die Freisinnigen Siegens hat schon längst begonnen, wir sehen in diesem Vorgänge nur ein weiteres Merkmal

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einmal als richtig erkannt hat.

Deshalb gebe jeber, der bic Interessen ber Lanbwirtschaft, bes Bauernstandes, des Handwerkes unb bes Kleingewerbes gewahrt wissen will, dem

Bürgermeister

Warum könne» wir nun den uns von den vereinigten liberalen Parteien vorgeschlagene» Herr» »eyligenfiaedt nicht wähle»? Er persönlich hat uns allen aewiß nichts getan und es wird niemand da fein, der einen Stern au, ihn zu Wersen hätte- «ber vertritt er nicht in erster Linie Handel und Industrie? Ist er so selbstlos und kann er aus seiner Haut heraus, daß er unbesangen auch der ^andww^ schäft geben wird, was chr von rechtswegen gehört? Das glaube ich nicht, well ich £ie Gesinnung durch gelegentliche mündliche Aussprachen zn kennen gl-nbe und weitt der Wahlaufruf des liberalen Wahlaiis,chustes, den Herr H°->ligen,taedt doch ennt.l meine Ansichten über die Denkungsweise des Herrn bestätigt. Unter 4 des Wahlaufrufes wird der Herr Kommerzienrat cintreten: für alle Maßregeln zur Erhaltung und Hebung des Mittelstandes in Stadt und Land, des Handwerkes und des Kleingewerbes. vor allem' auch für die Schonung der Steuerkrast dieser Stande undfür die «"glühst ncrinac Belastung notwendiger Lebensmittel".

6 »ns den fogen. Agrariern, wird nicht gerade selten nt Wort und Schaft «orwurf gemacht, wir förderten durch unsere Agitation den Riß zwischen

Industrie unb Landwirtschaft, wir werben bic Nimmersatten, bic ^ehrlicheu L^nnt ^orwesetzl wirb ber Neib unb bic Mißgunst zu wecken gesucht zwischen Groß- seme stimme, genan . 6 9 bloßer Unkenntnis ber Verhältnisse jenseits ber

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hort nur 34 > 0 des Getreides bauen, wahren» d.e ostelbnchen Bauern «« d davon bauen. Daß es also dort neben den Junkern eine wett größere Anzahl getreide­bauender Bauern giebt, die so treu zu uns hatten, wie ww zu chnem

Werden unb, den Bauern die vbeugenann.en Borwürfe mit Recht gemacht. Rein mit vollem Recht müssen wir sie der Industrie zurückgeben Wir haben lang- friftiQe Handelsverträge. Während des Verlaufs derselben und unter der Wirkung der c^h^r^Me ist die Industrie während einer Reche von Jahren, man darf fagen enworaeblÄst - man denke nur an die Folgen des Rückschlages, «°»!

ft* erinnern, »ah Eisen und Kohle» und andere Fuduftrieerzeugniffe ,,rS . ;flil unerschwingliche Preise hatte». Run sind Eisen und Kohlen u. s. T- lahrelang Lebensmittel". Aber da Jedermann viele dieser Dinge

zwar keme »m , .-^^^icken sie doch unter solchem schwindelhaftem Aufblühen der fast täglich i Preisen, die den Industriellen gefallen, die Lebenshaltung

Industrie u i Handwerkes und des Kleingewerbes, die

des Mittelstandes m Stadt und [5nn(e boj) nun mit

$erV 1 ^frieden sein. Sind sie nun, die Vertreter des Handels und

Ä Erfolgen die Zufriedenen? Nein, d.e Ersolge genüge»

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Ausführungen etwas weit zurückgreife und hier und da auch Ichnen noch nicht, sie fordern wesentlich erhöhte Industrie,olle, sie sind ihr schon : unb sollen in ben zuverlässig kommenden neuen Hanbelsvertragen zum Jufinua ge

langen. Ist daS keine Begehrlichkeit, kein Nimmcrfattfein, ist das kein schlimmes in unserem Wahlkreise neben der seltener Beispiel für die noch immer gedruckte» Agrarier, vergrößert «au -tit solche» ungerechtfertigten übertriebenen Ansprüchen nicht den Riß zwischen Fndu»tr,e und Landwirtschaft? Geben wir ben Vorwurf, der den Vertretern der Lanbwirffd;ast unb ben beutschen Bauern gemacht wirb, nicht mit großem Recht zurück?

Unter ben lanbwirtschaftlichen Zöllen hat ber Mittelstanb in Stabt und Land noch nicht gelitten, wohl aber unter ben Jnbustriezöllcn, bic nun auss Neue in die Höhe geschraubt werben sollen. Dagegen hat aber auch Herr Heriligenstaebt fein Wort.

Herr Heyligenftacdt tritt nicht ei» für Herabsetzung Der Zudustriczölle, wohl aber für bas Hcrabdrückcn der landwirtschaftlichen Zölle nach Möglichkeit: Ja Bauer, das ist etwas anderes. Wähle mich und sei nicht dumm. Wenn dir s auch bei ben geringen Preisen deiner Produkte knapp geht, du bist ja daran gewöhnt. Wir, Handel und Industrie beherrschen die Welt. Was ba sonst noch herumläuft, brauchen wir höchstens bei ben Wahlen als gefällige Leute.

Wir, bic Lanbwirte, bas Kleingewerbe, bic Hanbwcrkcr, bic mit uns auf bem Lanbe leben, wir bürfen in biesen Tagen, wo wir ivicbcr vor bem Abschluß langsristiger Hanbelsverträge stehen, bei. beiten bic Jnbustriezölle immer wieder erhöht werden sollen, keinen Vertreter ber Jnbustrie wählen. Ein Vertreter ber Jnbustrie und bes Hanbels wirb niemals in seiner Eigennützigkeit die Interessen der Lanbwirtschaft fördern wollen ! Ein solcher Vertreter ist für unseren vorherrschend ländlichen Wahlkreis ungeeignet und deshalb dürfen wir Herrn Hcyligcnstacdt, der für möglichste Niederhaltung der landwirtschaftlichen Zölle, der aber für die E-rhöhung der Preise für Industrie, artikel, die man zwar nicht csscu kann, aber doch auch täglich braucht, cintreten wird, nicht wählen! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.

Wen sollen wir nun aber wählen? Ta ist der bekannte Köhler von LangS. Dorf von feiten der Landbevölkerung wieder ausgestellt. Man macht ihm allerdings mit Unrecht den Vorwurf, daß er während der letzten fünf Jahre wenig oder gar nicht im Reichstage gewesen sei. Und doch hat er, ehe er damals als Reichstags, abgeordncter gewählt wurde, feinen Wählern erklärt, daß er, fo lange keine Diäten gezahlt würden, den Reichstag nicht regelmäßig bcfuchcu könne. Trotz, dem wählte man ihn. In nur 57 Sitzungen war Köhler im Reichstage anwesend. Jetzt giebt der Bürgermeister Köhler die Erklär-ung ab, daß er im Falle seiner Wieder­wahl den Reichstag so fleißig besuchen könne und wolle wie andere Reichstagsmitglieder auch. Aber nod) andere Ausstellungen macht man an dem bisherigen Reichstags­abgeordneten: er habe grobe Manieren, erwische sich ungeschickter Weise in Dinge, von denen er nichts verstehe, und trete dabei Leute auf die empfindlichen Hühner­augen. Das mag alles bis zu einem gewissen Grade richtig fein. Ist er aber deshalb unbrauchbar als Abgeordneter? Köhler ist ein Bauer, der geradeaus und ehrlich seine Meinung sagt. Er kennt die lanbwirtschaftlichen Verhältnisse seines Heimat­landes gründlich, er weiß, daß die Landwirtschaft unter der übermäßigen Förderung von Handel und Industrie leidet, er weiß, baß bei diesem Uebcreifcr immer wieder die Landwirtschaft an die Wand gedrückt wird und daß ihr dies Schicksal in kurzer Zeit wieder droht. Er verspricht an seinem Teil dazu beizutragen, das zu verhindern. Wir dürfen seinem Worte vertrauen, denn was man ihm auch von f! gegnerischer Seite nachsagen mag: er hat einen klaren Kopf, einen ehrlichen sinn , unb die Beharrlichkeit, die not tut, um zu einem guten Ende zu bringen, was man