Nr. 108
»rftieiet tSgltch cni&CT Sonnlags.
Dem Dlehener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Krsslsche» Lan-wiN die •lefteter .famtllei« blätter viermal in der Woche bergelegt.
Romnon-druck u. Verlag der Brüh l'schar Unlveck^Buch- u.6tetn- brucfertt (Pietsch Erben- Redaktion. ErpedMoa und Druckerei:
Schnlstratze f« llbreflc tüx Depesche« «nzrtger •teten.
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Drittes Blatt.
153. Jahrgang
Samstag ». Mai 1903
GietzenerAnzeiger
*'■' General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Yezng»pret»r monatlich 7b Ps^ viertel« fähriich Mk. 2JO; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 66 Pf.; durch die Post Mk.2.—vtencl- IShrL MiSschl. Deskellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnummer vis vormMagS 10 Uhr.
Beilcnprett: lokal 18^1, au»wart- 20 Plg. verantwortlich tüt den poltt und altgem. Teil: B. Wittko: für »Stadt und Lank/ und -GerrchtNsaaf: August Götz; für den Anzeigenteil: Han« Deck.
5>u -ehustüudige Arvetts-eit für die Krauen in KaöriLöetrieöeru
Dem vor kurzem erschienenen Bericht der badischen Fabrikinspektiou liegt daS erste, von ihrem neuen Leiter, dem Gewerberat Lr. Bittmann, selbst verfaßte Gutachten bei, da- die von dem Reichsamt bei Innern an alle ?>abrikinsVektoren gerichtete präge, ob eine Berkürzuna der Arbeitszeit für Frauen durchführbar fei, ohne daß dadurch die Industrie gefährdet werde, beantwortet.
Jenes Gutachten ist von höchstem Interesse, denn es hebt die in Baden bestehenden Verhältnisse scharf hervor und ermöglicht so die erste Schlußfolgerung auf durchaus sicherer Basis. ES bestehen zumett in Baden 2246 Fabrikbetriebe, ""lche Arbcllerinnen über 16 Jahre beschäftigen, und die
• ^1 dieser Arbeiterinnen betrug am verflossenen 1. Oktober, .n für die Enquete in Frage kommenden Lage, 60 927. Äon liefen sind 23 000 neben 10 000 Mannern in der Ligarren- ndustrre und 16 764 neben 12 256 Männern in der Textilindustrie beschäftigt. Liese beiden Betriebe kommen also in erster Linie in Frage für die Untersuchnna, oder richtiger, sie sind ausschlaggebend, denn sie haben fast die gesamte weibliche Bevölkerung der ländlichen Distrikte in ihren Bereich gezogen. In diesen beiden Betrieben nun ist, wenn auch nicht nominell, so doch tatsächlich längst die zehnstündige Arbeitszeit ein geführt, ja die verheirateten Frauen arbeiten oft nur sieben bis acht Stunden. Die gesetzliche Arbeitszeit von zehn Stunden würde also hier nichts neues bedeuten.
In der Eig arrenin d nstrie, wo die Produktion von der Leistung des einzelnen abhängt, widersetzen sich die Arbeitgeber derselben auch nur in ganz vereinzelten Fällen. Aber aus welchem Grunde? Sie haben, als im verflossenen Jahre wegen flauen Geschäftsganges eine Herabsetzung der Arbeitszeit stattftnden mußte, die Bemerkung gemaä>t, daß keine Verminderung der Produktion eintrat. Ta die meiste Arbeit Stücklohn ift haben die Frauen, um nicht ihren ohnehin schon so kärglichen, Verdienst noch herab- gemindert zu sehen — Frl. Dr. v. Richthofen gab chn im verflossenen Jahre als im besten Falle die Woche für Sortiererinnen auf 1L39 ML, für Ligarrenmacherinnen auf 9.81 Mk. und für Wirkelmacherinneu auf 8.87 ML an — doppelte Anstrengung walten lassen und sv. denselben Gewinn erzielt. Derselbe Vorgang würde sich also voraussichtlich bei einer gesetzlichen Verminderung der Arbeitszeit wiederholen Eine solche Potenzierung der Menschenkraft lann aber doch kaum dem Zwecke der Herabsetzung der Arbeitszeit entsprechen. Es müßte deshalb, um sie wirkungsvoll zu machen, im Anschluß an die Steuerung auch noch ein Minimallohn festgesetzt werden Infolge dieser Voraussetzung, d. h. infolge einer erheblich erhöhten Einzelleistung, wurde aber in der Ligarrenindnstrie ein zehnstündiger Arbeitstag eingeführt werden können, ohne daß die Produktion darunter litte.
Was dann über die Textilindustrie re. gesagt wird, inter- effiert uns weniger. Das Gesamtresultat der Unter* suchung ergiebt, daß schon jetzt in Baden in 60.8 Proz. aller Betriebe mit 39.5 Proz. der Arbeiterinnen nur zehn Stunden gearbeitet wird. Ja, in 203 Betrieben mit 1072 Arbeiterinnen betrug die Arbeitszeit gar nur neun Stunden, und in 1107 Betrieben mit 18116 Arbeiterinnen übertraf sie niemals zehn Stunden. $n dem Rest der Betriebe wird die Arbeitszeit häufig auf zehn Stunden herabgesetzt.
Es steht also tatsächlich der gesetzlichen Festlegung dieser Arbeitszeit nichts entgegen. Lr. Bittmann selbst äußert sich auch entschieden zu ihren Gunsten, denn, sagte er, „wenn heute die deutsche Industrie in vielen Dingen, die für eine möglichst geordnete und billige Produktion von l Belang sind, der Industrie anderer Länder vorblldlich gegenüb er fielet, so hat hieran die von der sozialen Gesetzgebung ausgehende Stimulation zu neuen Fortschritten einen nicht unerheblichen Anteil. Auch von diesem allgemeinen Ge
sichtspunkt aus wird Verkürzung der Frauenarbeit zweck- mäßig und durchführbar erscheinen"
Nun Liegt es am nächsten Reichstag — vorausgesetzt, daß alle Gutachten gleich hoffnungsvoll lauten — den entscheidenden Schritt zu tun.
Vermischtes.
• Trier, 7.Mai. Der entlassene Gutsförster Kolb von einem Gute bei Wittlich überfiel den Verwalter Wagner und feine Frau und verletzte beide schwer durch Revolverschüffe. Kolb wurde verhaftet.
• Hamburg, 7. Mai. In der vergangenen Nacht durch schnitt der Schuhmacher Seidel in der Eirnsbütteler- sttaße seiner Ehefrau den Hals und stellte sich der Polizei, da er, wie er angab, nicht den Mut hatte, Selbstmord zu begehen. Beide Eheleute hatten seit Dienstag den Selbstmord geplant Sie waren an jenem Tage nach der Elbe gegangen, banden sich mit Stricken zusammen und gingen m den Fluß hinen. Nach ein paar Schritten kehrten sie wieder um. Die Frau ist noch am Leben.
• Bromberg, 7. Mai. Schwere Gewitter am Montag und Dienstag haben in Posen und Westpreußen viel Unheil angerichtet In der Irren- und Jdiotenanstatt Kosten wurden drei Idioten vom Blitze erschlagen und ein AnstaltSarzt betäubt Außerdem wurden zwei auf dem Felde dieser Anstalt beschäftigte Ardeüerinnen vom Blitze erschlagen. In Stampe (Kreis Wreschen) wurde ein 70jähriger Arbettex auf dem Felde durch Blitzschlag getötet In Groß-Loßburg (KreiS Flatow) wurden zwei Pferde eines Ansiedlers erschlagen. Zahlreiche Brände infolge Blitzschlages haben großen Schaden angerichtet
* Budapest, 7. Mat Die Witwe des preußischen Rittmeisters Tempeltey, die hier in den dürftigsten Verhältnissen lebte, wurde gestern in ihrer Wohnung, nur mit den notdürftigsten Bekleidungsstücken angetan, tot aufgefunden. Neben der bereits verwesten Leiche saß geistesabwesend und nur mit einem Leintuch bekleidet, die Tochter der Verstorbenen. Der Fall ift noch nicht aufgeklärt Man spricht von Hungertod.
* Ein Bau - Unfall, Wie der ,Frks. ßtg.* cmS Rorschach am Bodensee berichtet wird, wurden dort bei einem Gerüsteinsturz drei Bauarbeiter tätlich verletzt
Kunst und Wissenschaft.
Deutscher Anthrovolog en-Kongreß in Worms. Zur Vorbereitung der Geschäfte des im August dieses Jahres in Worms flottfinbenben Dongreffes der „Deutschen anthropologischen Gesellschaft" trat gestern unter dem Vorsitze des Herrn Oberbürgermeisters Döhler das Komitee zusammen. Dadurch, daß unsere alte Stadt besonders in dem letzten Jahrzehnt durch die prähistorischen und besonders steinzeillichen Funde die Aufmerksamkeit der Anthropologen vielseitia auf sich gelenkt hat, verspricht man sich einen lebhaften Besuch des Kongresses. In längerer Be- ratung wurden die einzelnen Ausschüsse gebildet, welche sich in die einschlägigen SStorarbeiten zu teilen haben. Es sind dieS außer dem Ortsausschuß ein Wohnungs- und Empfangs-, Bergnügungs-, Finanz- und Geschästsausschuß. Die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten unserer Stadt wird unter kundiger Führung in verschiedenen Gruppen erfolgen, welche die Gäste nach dem PauluSmuseum, Dom, Luther- benhnal, Heylschen Garten, Synagoge, Liebfrauenkirche, Treifaltigkettskirche, Elektrizitätswerk usw. geleiten werben. Tie wissenschaftlichen Vortrage finden im Kasinosaale statt, Ausgrabungen werden vorgenommen und Besichtigungen
steinzeitlicher Wohnplätze und prähistorischer Fundstellen stattfinden. Im Festhause werden Garten Konzerte abgehalten, eine Theatervorstellung ist geplant, bie hiesige Firma I. Langenbach Sohne läßt zu einer Kellerbesichtigung nebst Weinpvobe (Goethe st raße) und die Firma P I. Baldenberg zu einer Weinprobe in das Liebfrauenkloster Einladung an die Kongretzteilnehlner ergehen, wahrend bei dem Ausflug ins Zellertal die Familien Janson und Köhl die Gastlichkeit ausüben werden. (SB. Z.)
Landwirtschaft.
Zn den Klagen über die Not der Landwirt» schäft liefert die Erfahrung, welche Prof. A Backhaus, Dozent für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Königsberg als Gutsherr des Gutes Quednau gemacht hat, einen lehrreichen Beitrag. Der Vorbesitzer arbeitete mit 4000 Mk. Verlust im Jahre. Backhaus hat in den ersten drei Jahren je pEt. Verzinsung des AnlagekapUals herauSgewirtschaftet und veranschlagt für dieses Jahr bei mäßigster ?lnjetzuna aller Erträge und weitgehender Berücksichtigung aller möglichen Fehlschläge 8,76 pCt. Tas zu verzinsende Kapital beträgt 150 000 Wik., der erwartete Ertrag aus Ackerbau rund 31 000, Viehzucht 82 000, Gärtnerei 5000 Mk.
Handel uni) Verkehr. Volkswirtschaft.
Staats- und Stadtfinanzeu. Kassel, 7. Mai. Der Magistrat hat der hiesigen Bankftrma L. Werthauer u. Ho., welche das Höchstgebot aus Alk. 400 000 8'/, prozentiger Kasseler Stadtanleihe mit 100,43'/, pEt. abgab, den Zuschlag erteilt
Bereinigung amerikanischer Petroleum-Gesellschaften. Wie die Morning Post hört, sollen mehrere Petroleumgesellfchasle« in den Staaten Indiana und Ohio zu einer Gesellschaft, die International Petroleum Eo., vereinigt werden. Das Kapital durfte sich auf etwa 2 000 000 fiftr. stellen, ein geteilt in 7proz. Kumulativ- Vorzugs- und Stanimaktien 4 1 Lstr. Die Aktien sollen gleichzeitig in London und New-Port aufgelegt werden. Es wird beabsichtigt, die Aktien der SociStv Fran,aise des PetroleS du Sye-Chuen zu erwerben, die m China produziert, firner vier Petroleumdampser der Lennard Carrying Eo. in Middlesborough. Die Ge chästsbücher der diversen in Betracht kommenden amerikanischen Gesellschaften werden zur Zeit von einem Londoner Bücherreoi or geprüft. Charles N. Schwab vom Stahl-Trust soll an der Gründung inter- essiert fein. Die Emission wird in ungefähr zwei Wochen erwartet.
Gerichtsfaal.
Thorn, 7. Mai. Leutnant Al ü h r i n g vom 61. Infanterie- Regiment wurde unter Ausschluß der Oefsentlichkeit wegen Miß- brauchs der Dienstgewalt zu 5 Tagen Stubenarrest ver- urteUt
Wöchentliche jleberficht der <oöfsfalk m öer Stadt Gießen.
18. Woche, vom 26. April bis 2. Mai 1908. (Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 sinkt 1600 Mann Militär
Sterb lichkeitSziffer: 19,32, nach Abzug von 5 Ortsfremden: 9,66 °/co.
Kinder
ES starben an: Zusammen:
Unglückrsall I
Neubildung 1
Tuberkulose bet
Lungen 2 (1)
Skorbut 1
Malarie 1 (1)
Blutvergiftung 1
Herzfehler 1 (1)
BlinbbmmvDtriinbn. 1 Hl
Erwachsene: im vom
i 1. Lebensjahr: 2.—1b. Iah»
1 — —
2(1) - -
1 — —
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1 — —
-
Krämpfen
1
—
1 —
Summa: 10 (Öj 9 (5) I —
21 nm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit aut von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Gegen Schnupfe» hilft Forma». 1258
Zlaudereieu aus der Kaherssadt.
(Nachdruck verboten.)
Premiöreu-Kehrans. — -Die 100. Aufführung vom Nachtasyl. — Till Euleuspiegel in Berlin.
Man weiß nicht, wen man in diesen heißen Mai- lagcn am meisten bedauern soll: bas Bühnenpersonal, bas sich hinter ber Rampe um eine erträgliche Vorstellung müht, ober bas Publikum, das in den gelichteten Pcw- kettreihen ober wohl gar oben auf ben Galerien im Schweiße seines Angesichts genießt! Vielleicht auch trägt das schlimmste ber Lose ein dritter. Der Autor nämlich, dem in diesen Kehraustagen durch die Ungunst der Verhältnisse noch ein Premierabend beichieben ist Es hat sich die Meinung gebildet, baß am Ende der Saison immer nur noch minderwertiges Gut herauskommt, widerwillig eingegangene Verpflichtungen schnell erledigt werden. Vielfach mag das auch zutreffen; oft genug aber ifts auch das reine unverfälschte Pech^ was so ein armer Komponist oder Dramatiker hat. Im „Berliner Theater^' trifftS einen Toten Man gräbt dort Kalisch's Posse von den „100 000 Talern" an diesem Samstag Mieder aus; die ,Fbniglrche Oper" bedachte einen Lebenden mit dieser zweifelhaften Güte, indem sie am Dienstag die Oper E N. v. Rezntrek's: „Till Eulenspiegel" das Licht der Rampen erblicken ließ. Dichter und Komponist kamen hier in emer Person zu Wort. Sett Wagner grassiert in Mufllerkopfen die yxe Idee, daß man sich seine Texte am besten ft^st schre.^- tzsie schlecht man dabei abschneidet, hch Herr von Reznirek nun auch erfahren. Denn seine Musik ist weitaus^ besser als fein Text, und es ist kaum anzunehmen, baß diese
Volksoper mit ihrer romanhaften Handlung des »wetten Aktes wett ins Voll bringen wirb. Der Erfolg, den ich feinerzett bem Gorki'schen „Nachtasyl" im „Kleinen Theater" vor aussagte, ist nicht ausgeblieben. Man sah bies ittcht nur gelegentlich der 100. Aufführung vor wenigen Tagen, die noch immer, wie die meisten vorher, vor ausoerkauttem Hause statt fand und zu Ovationen für Darsteller und Verfasser Veranlassung gab; man erkennt es auch an der Aufnahme, die Direktor Reinhard auf feinen Gastspielen in TreÄni, Prag und Wien mit diesem Ausschnitt aus dem Leben der Unter gegangenen gefunden hat. Und wenn aus Petersburg die befremdliche Kunde kommt, daß dort Gorki's Werk unter dem ursprünglichen Titel „Aus den Tiefen des Lebens" lebhaften Widerspruch und wenig Beifall gefunden hat, so beweist das wieder nur einmal, wie wenig der Prophet in feinem Bat erlaube gilt, auch noch heutzutage!
Hebei Till Eulenfpiegel, ben richtigen, em ft zu Krett- lingen bei Schöppenstebt geborenen alten Herrn, ber eben zu Mölln im Lauenburgispen begraben steht — bekanntlich auf feinen eigenen Wunfch — belauschte ich im Zwischenakt eine Debatte zwischen zwei Urberlinern, die srch barum brehte, ob Meister Till jemals in Berlin gewesen sei ober nid^L Der eine, ein Ironiker vom reinsten Spreewasser, behauptete schließlich, daß Till Eulenspiegel aus Berlin überhaupt noch nicht herausgekommen sei. Er wäre Geh. Ehrenbürger von Spreebabylon und unsterblich. Und als Beweise dafür ließ er eine ganze Menge Eulenspiegeleien aufmarschieren, die zum Teil auf das Konto ber Stadt- väter, zum Teil autt in cinberer Leute Schulbbuch zu schreiben waren, unb trachte damit die Lacher auf seine Sette. Mir aber ließ Dtqe hiirorstche Frage feine Ruhe. Kümmerte man sich darum, wann Goethe, Schiller, Heine
und andere Unsterbliche den Boden der märkischen Hauptstadt betreten hatten, warum sollte man das auch nicht vom lieben Till feststellen? Trägt doch ein Verein, der alljährlich in der Kamevalszett kolossal besuchte Herrenabende nrit Paprika ko st veranstaltet, seinen unsterblichen Namen? Ich suchte also nach unb fand, daß Till in seiner Sünden Maienblüte auch Berlin einst nicht perschont hatte. Er war bei einem Kürschner als Gehülfe ein getreten, der zurzeit für ein SBintertoumier eine Menge von Wolfspelzen für die kampflusttgen Berliner Edelherren anzu- fertigen hatte. Der Meister fragte ihn, ob er wohl auch Wölfe machen könne, was ber Schall natürlich bejayte, sich aber ein Extrazimmer für feine Arbeit ausbat. Dort schnitt er aus bem' ihm zugennesenen Vorrat von Wolfsfellen Denn auch kleine Wölfe, bie er mtt Heu ausstopfte, unb ihnen
Stöcke als Beine anhestete, eine nicht allm geistreiche
Eulenspiegelei, bie ihm beim auch weder Lohn noch Brot
eintrug. Er mußte seinen Fuß fürbaß setzen, und nach Leip
zig wandern. Leider verschweigt die Historie, in welcher Straße und in welchem Haufe jener Kürschner gewohnt bat, sonst hätten wir Gelegenheit, die Berliner Gedenktafeln vielleicht um eine zu vermehren. Da der betrogene Kürschner ein Schwabe war, so würde sich auch das Berliner Selbstgefühl mcht weiter gekränkt fühlen. Und jene zahlreiche Gemeinde von Ulkbrüdern, die ihre Mtze aus billigen Wortverdrehungen und allzu wörtlich genommenen Reoens- arten fabrizieren, hätten eine Statte, an ber sie ihrem Ahnherrn urfb Schutzpatron bie nötigen Ehren erweisen könnten. Tenn der Mann hatte nicht Unrecht, ber den alten Schalksnarren als Geh. Ehrenbürger des „witzigen" Berlins bezeichnete. A. R.


