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8.4.1903 Drittes Blatt
 
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Nr. 83

rffteiat ISgktch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen tanbwlrt die Gießener Kamillen blätter viermal in der Woche d«,gelegt.

FtolalronSdruck il Ver­lag der Brüh l'schen Univerl.-Buch- uSiem- druckerei (Pietsch Erden) Redaktion, tnxbuioa und Druckerei:

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^fm1prrd>anldilu6 Nr. 51.

Drittes Blatt.

153. Jahrgang

Mittwoch 8. April 1903

GietzenerAiijeiger

** General-Anzeiger v '**'

Amis- und Aineigeblatt für den Kreis Gießen

vez« gsprets: monalllch7bP1^ viertel» (äbrhd) Mk. MO; durch 'Jlbbolc- u. Zweigstellen monatlich 6o iSf.; durch die Post Mk.2.vieriel- iäbrL ausschl. Besiellg. Mnnabmt von Lnzeigea iür die Lagednummer dis vormittag« 10 Uhr. Zeitenorei«. lokal 12'91.

auoioürtt 80 Big. Derantwortltch für den poltL und allgem. teil: P. Wiltko: für .Stadt und Vanb* und .Gericht«,aal': Auaust Götz, für den rli>- zetaentetl: Han« Beck.

Politische Tagesschau.

Bom Streik in den Niederlanden.

Man meldet an- Amsterdam vom 7. April: DaS Schutzkomitee hielt heute eine geheime Sitzung ab. Nach beten Schluß wurde der allgemeine Aus st and der Öader im ganzen Lande proklamiert. Die Bäcker in Amsterdam, welch« mit der Möglichkeit des Ausstandes bereits rechneten, trafen Maßnahmen, sodaß der Ausstand in Wirtlichkeit kein allgemeiner sein wird, doch wird die Lieferung von Brot nur in beschranktem Maße stattsinden können Die Dampfet auf den Linien nach Hüll und London haben den Dienst wieder ausgenommen. Die Nacht ist ruhig verlaufen. Eine Anzahl Ausitandiget nahm die Arbeit bei der Holländischen Bahn wieder auf, die jetzt über einen weitaus genügenden Arbeitersland verfügt, um den Dienst in beschränktem Umfange wieder versehen zu lassen. Alle Züge erhalten militärische Bewachung. Wer von den Arbeitern der Holländischen Bahn bis heute mittag die Arbeit nicht wieder ausgenommen hat, wird entlassen.

Die Lage im Hafen von Rotterdam ist unverändert. Nur auf den Schiffen, die heute abgehen sollen, wird ge­arbeitet. Die Ordnung auf dem Flusse wird durch Dampf- dorkassen aufrecht erhalten. Der KreuzerHolland" ist vor der Stadt eingetrofjen; auch eine 1000 »Mann starke AbteUng Soldaten ist angelangt. Die Ankunst und Abfahrt der internationalen Züge ist gesichert. In der vergangenen Nacht ist ein von 'öiozenoaat kommender Zug an der Weichöilogrenze Rotterdams durch einen auf die Schienen gelegten Balten zum Stillstand gebracht worden. Die Maschine zertrümmerte das aus vermorschtem Holz bestehende Hindernis, ohne dap Schaden angerichlet wurde. Es herrschte große Aufregung unter den Reisenoen.

In der zweiten Hammer erläuterte der Iustizminisler den Zweck der die Ausstände betreffenden Vorlage. Die Ausstände beruhten auf einem Zustande der Gesetzlosigkeit. Es lei Pflicht des Gesetzgebers, die persönliche Freiheit zu geivährleisten. Die Rechte und die gemäßigte Linke sehen von einer Besprechung bet Vorlage ab, während die Sozia­listen lebhaft widersprechen. Trolstra lSoz.) bekämpft sie in dreieinhalb stündiger Rede, in deren Verlaufe er mehrere Male zur Ordnung gerufen wird. Namens der Demokraten erllärt Drucker, der jetzige Ausstand sei durchaus ungerecht­fertigt und trage den Charakter des politischen Anar chis- mus. Die Generaldistusston wird hierauf geschlossen.

Mehrere Sozialisten sichrer werden sich nach dem Aus­lände begeben, um Geld-Unterstützungen für die Streiken­den mi sammeln.

Die königliche Eisenbahn-Direktion Berlin macht bekannt, daß infolge des holländischen Giseiibahn-Ausstan- des der Personenverkehr mit Arnheim und N y m- w e g e n bis auf weiteres gesperrt ist.

Tie Bewegung der Bevölkerung in der Stadt Gießen im Jahre 1902; insbesondere der Gesundheitsstand i und die Todesfälle.

Im Jahre 1902 wurden in Gießen lebend geboren 503 Knaben und öu9 'Mädchen, zusammen 1012 Kinder gegen 966 im Vorjahre. Bon diesen Kindern verließen etwa 400, welche in der Frauenttinck zur Welt (amen, mit ihren Müttern alsbald wieder die Stadt, und der Bevölkerungszuwachs durch Nachwuchs wäre mithin auf rund 600 oder bei einer berechneten Einwohnerzahl von 26 400 : 22,7 auf 1000.

Totgeboren waren 27 Knaben und 14Mädchen, zusammen 41 (im Bor; ah re 36).

Gestorben sind im Berichtsjahre 56Ö Personen, 816 männ­lichen und 289 weiblichen Geschlecht«. Würden wir diese Zahl bei Berechnung der EterblichkeitS-iffer, d. h. der Verhält» i--a hl der Gestorbenen zu 1000 Lebenden, zu Grunde legen, so erhielten wir mit 21,02/* eine Zahl, welche die Eterblichkeit«zifier de- Groß- Herzogtum« im Jahre 1901, die auf 17,86 e/w berechnet worden ist, bedeutend überholt und *u falschen Schlüssen über die Gesundheits- Verhältnisse der Stadt führen könnte. Wesentlich und nachteilig wird nämlich die Sterblichkeit in Gießen beeuUlußt durch die Todesfälle Ort«» und Landiremder, die in den Universitätskliniken sterben; eS wurden solcher ortsfremder Personen im verstossenen Jahr 224 gezählt, woran allein 149 der Altersklasse von 1560 -jähren angehörten, 20 im Säuglingsalter, 29 im Alter von 115, und 26 im Greisenalter verstorben sind. Scheiden wir diese Ortfl- iremden au«, so bleiben verstorbene Einheimische nur 831 Personen, für welche die S t e r b l i ch k e i t «z i f s e r sich auf 12,54 e/ berechnet. Die entfprechenden Zahlen der vorausge­gangenen 5 Jahre (rückwärts gezählt) waren 12,90 13,55 12,53 12,6 14,85 und schwankten im Anfang der 90 er Jahrgänge zwischen 16 und 19 e/pe.

Wir sehen nunmehr zunachu von den Ortsfremden ganz ab und untersuchen nur die SterbllchkeitSverhällmsse der einheimischen Bevölkerung.

Bon den 881 Verstorbenen standen im Säuglingsalter 67 oder 20,21 °/e, 61 (15,45 °/0) un KindeSalter von 115 Jahren, zwischen 15 und 60 Iahten 118 (84,14",.). im Greisenalter 100 (30,20%).

Die Erwachsenen über 15 Jahre erreichten beim Tode em durchschnittliches Lebensalter von: 55,17 Jahren (in den voraus- gegangenen Jahrgängen resp. 53,32 54,6 54,7 55,2); 81 Verstorbene hatten daS 70., 17 das 80. und 2 das 90. Lebensjahr überschritten.

Tie größte Zahl der Todesfälle 97 fällt ht daS erste, die kleinste 75 in bad vierte Quartal; von den Monaien brachte die meisten Sterbefälle der Februar 34, der Tezemder die geringste Sterbezahl 20.

Gehen wir über zu den Todesursachen, so waren den an st eckenden Krankheiten epidemischer Art 21 Personen erlegen, ebensoviele rote im Borjahre, und zwar an Masern 8, Scharlach 8, Dtphteritis 4, Croup 1, Keuchhusten 4 und Unterleibstyphus 1. Als erkrankt gemeldet waren an Tiphteruts 46, Croup 2, Scharlach 71, Unterleibstyphus 2 Fälle; außerdem herrschten in bei Stabt Masern unb Keuchhusten vorzugsweise in ben letzten 4 Monaten und im Dezember Röcheln und Influenza. Auf welche Weise die Infektion in den beiden Tvphuserkrankungen zustande kam, konnte nicht eruiert werden, eS ist nur bemerkens­wert, daß der an TyphuS verstorbene, ein 20jähr. HauSbursche, sem Trinkwasser aus einem Pumpbrunnen bezogen hat.

Im Wochenbett sind 2 Frauen an Fieber gestorben (im Vorjahre 1).

An Tuberkulose der Lungen sind 42 Einheimische gestorben (L D. 88) oder von 10 000 Einwohnern nahezu 16; die entsprechenden Zahlen für die Jahre 19001901 waren: 24,3 24,0 25,1 - 20,0 - 19,0 18,5 19,4 19,4 16,6 - 10,0 20.2 16,0. Erfreulicher Weise ist hiernach eine allgemeine langsame Abnahme der Sterblichkeit an Lungenschwindsucht zu be­merken infolge der Verbesserung der Wohnungsoerhältnisse, der hy­gienischen Maßnahmen in Fabriken und Schulen, ferner, weil die Menschen sich allmählig gewöhnen, in Erkenntnis der Ansteckungs­gefahr, ine Auswurfstoffe der Kranken unschädlich zu machen, in paus und Kleidung reinlicher zu werben unb durch Bäder, Lelbes- übtngen ihren Körper gegen bie Infektion zu kräftigen.

Sterbefälle an Tuberkulose anberer Organe wur­den 18 gezählt, davon 3 an Miliartuberkulose (sog. galoppierende Schwindsucht), im Vorjahre waren es ebenfalls 18; hierher ge­hören die meisten Fälle von Gehirnhautentzundting bei Kindern.

An croupöser Lungenentzündung sind 11 (21 L V.), an anderen Lungenerkrankungen entzündlicher Art 88 i22- gestor­ben, an Gehiruschlagfluß 19 (14), Herzerkrankungen 16 (15).

Darmkatarrh unb B r echdurchs all war 15 (27) Mal Todesursache, 11 (7) kleine Kinder starben an Abzehrung, 9 (17) kurz nach der Geburt an Lebensschwache.

Krebs uub andere bösartige Neubildungen führten 18 (26)

Mal zum Tode, Altersschwäche ist 25 (18) Mat all Todes­ursache angegeben.

An anderen bekannten Krankheiten waren 77 (80) gestorben, in 5 Fällen blieb die Tvdesursacbe unbekannt.

4 (7) Personen sind durch U n g l ü ck s s a l l um« Leben ge­kommen und 5 (8) haben Hand an sich selbst gelegt.

Bon den Todesursachen bei den in den Kliniken verstorbenen OrtSsremden seien erwähnt: 2 Scharlach, 9 DiphteritiS, 2 Unterleibstyphus, 1 Syphilis, Wochenbett 4; Tuberkulose der Lungen 19, Tuberkulose anderer Organe 14, entzündliche Krankheiten der AtniungSorgane 17, Schlagfluß 5, Herzleiden 9, Leben-ichwäche 17, Krebs unb andere Ge- fchwülste 34, Unglücksfälle 22, Selbstmord 2.

Gießen, im März 1903.

Gr. KreisgesunbheitSamt Gieße».

Dr. Haberkorn.

Aus Stadt und Sand.

t Hungen, 6. April. Wie dreist die an den Ver­kehrswegen herumlungernben Stromer finb, beweist wieder folgender Fall. Am verflosienen Sonntag wurde ein Guts­besitzer aus der Gegend von Grünberg, als er mit seinem zwetspännigen Wagen durch den zwischen hier und Nonnen- rod gelegenen Wald fuhr, von zwei plötzlich au8 einer Hege auftauchcnden Vagabunden überfallen. Da er ihrer Auf­forderung zur Herausgabe des Geldes nicht nachkam, sprang der eine sofort nach den Pferden, während der andere den Wagen besteigen wollte. Zum Glück hatte der Ueberfallene einen treuen, wackeren Hund bei sich, der auf ben Zuruf seines Herrn den einen Strolch so derb an den Kragen faßte, daß er feinen Kumpan um Hilfe anrufen mußte. DaS Fuhr­werk jagte davon und die Stromer schlugen sich, nachdem ihnen der tapfere Pinscher in dem unvorhergesehenen Kampfe mit seinen scharfen Waffen einen gebührenden Denkzettel an- gehängt hatte, zerfetzt unb blutend wieder seitwärts in di« Büsche.

BraufelS, 6. April. Gestern fand hier die General- Versammlung deS LahntaloerbandeS zur Hebung des Fremdenverkehrs statt. Vertreten waren die Städte Wetzlar, Braunfels, Weilburg, Runkel, Limburg, Diez und Ems. AuS den Verhandlungen sei nachstehendes erwähnt: Der Vorort Braunfels trrtt dem deutschen VerkehrSoerem als SDlUglteb bei. Herr DmSlage-Diez berichtet Über die Lätig- feit un abgelaufenen Jahre. Die ,Lahntal-Ztg.* wurde m einer Auflage von 8000 Stück gedruckt unb u. a. an 5700 Einzeladressen versandt. Die von Rentmeister Kraft-Braun­fels aufgestellte, in Einnahme mit 694,89 Mt., in Ausgabe mit 689,38 Mk. abschließende JahreSrechnung wird von Do­mänenrat Reichert-Weilburg und Rendant Wagner-EmS ge­prüft unb in Orbnung befunden. Der Voranschlag für 1908 sieht dieselben Zahlen wie 1902 vor. AlS Ort der nächsten Generalversammlung, welche in Zukunft bis spätestens Mitte Februar abgehalten werden soll, wird Nassau bestimnck. Die diesjährige ,Lahnlal-Ztg." wird in Limburg gedruckt; für 1904 soll sie in Nassau, für 1905 in EmS hergestellt werden. Für dieses Jahr sind Artikel biS spätestens 20. b. M. bei dem Bürgermeisteramt Limburg einzureichen.

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Gegen Schnupfe» hilft Forma». 1258

Feuilleton.

AuS Fr an kfur t a. M. schreibt man uns: In der neu arrangierten April-Ausstellung der Her m es schen Kunstsäle dominiert der Münchener Sezessionist Hugo Frei­herr v. Habermann mit einer Kollektion von Ge­mälden, die einen umfassenden Ueberblick von dem Schassen dieses interessanten Künstlers gewähren. Mit einer größeren Anzahl seiner oberbayerischen Genrebilder ist der hier wohlbekannte und wohlgelittene Friedrich Prölß ver­treten, während Rudolf Gud den-Frankfurt a, M. das Ergebnis seiner 'Sinterarbeiten mit 6 neuen Gemälden aus­stellt. In getvohnter Weise wird die reichhaltige Galerie außerdem kompleliert durch ausgewählte und^neistens neue Merke unserer sonstigen bekannten Meister. So finben wir von Arnold Böcklin drei seiner besten Schöpfunaen, von Hans Thoma 5 Gemälde aus verschiedenen Epochen, von Franz v. Lenbach 8 Porträts, neben Werken von Stuck, Zügel, Schönleber, Spitzweg, Gabriel Max, Defregger, Uhde ic. rc.

Eine ganze Kunstausstellung zuHausekann sich jeder Freund der neueren Malerei verschaffen, wenn er die rasch zu großer Verbreitung gelangte Sammlung 5iundertMeister derGegenwart erwirbt (20Hefte, jedes Heft 2 Mark, erschienen bei E. A. Seemann in Leipzig). Heute liegen Heft 57, Dresdener, Berliner, Düsseldorfer Kunst enthaltend, vor. Tie neueren Hefte halten durchweg, was die ftüheren versprachen. Wir finden eine schöne Land- schäft vom Altmeister Tüs.eldorss, Andr. Achenbach, köstliche Genrebilder von Ludw. Knaus und P. Philippi, cm Trip, tndjon von Gotthard Kuehl, eine überaus lösche Landschaft von Pietschmann, ein feines weibliches Porträt von H. <yea)= ner L. Tettmann giebt eine Landung bet Abend, Rob. priese eine Szene am Nordpol, Eisbären nut Jungen durch den Schnee stapfend, Claus Meyer einen lesenden ibiondj am i\en ft er, Sascha Schneiders eigenartiges Talent ioirb durch die Astarte gut charatterisicrt. Auch Hugo Vogel bemeiji feine tünftlerische Selbständigkeit durch eine jonnenbura^ gütete Studie, Italienerin mit Kind fürs, die Sammlung

zeigt einen Reichtum von Künstlertum und eine solche Fülle von Geist und Können, daß man von dieser Veröffent­lichung einen bleibenden Genuß erwarten darf, der sich immer mehr steigert, je weiter Die Sammlung fortschreitet.

Ludwig Richter-Mappe. Herausgegeben vom Kunstwort. 6 Blätter nebst Titelbild des Künstlers und Be­gleittext von Ferd. Avenarius. (München, Kunstwartvcrlag Georg D. W. Callivcy). Preis Mk. 1.50. Ludwig Richters Holzschnittbilder sind wohl die verbreitetsten Bilder der deutschen Kunst überhaupt, und wo Richters Bilder hin- kamen, da brachten sie Wärme und Freundlid)kett hin und etwas vom Leuchten echter Kunst. Sdjote nur, daß gerade das, worauf Richter bei weitem die meiste Liebe und den meisten Fleiß verwendet hatte, daß gerade seine herr­lichen Oelbilder und Aquarelle vom deutschen Hause aus- gcschlossen bleiben mußten, denn sie gab es ja eben nur ein Mal, gute Vervielfältigungen davon ließen sich aber so billig nicht machen. Erst jetzt ist das möglich, und so bat sich der Kunslwart sofort der Sache angenommen. Richters herrlicheUebersahrt am Schreckenstein", den be­rühmtenBrautzug", den er selbst als die Krone seiner gesamten Kunst betrachtete, und vier Aquarelle des Meurers sind hier zusammengefaßt, um nun einen Ludwig Richter- Schatz fürs Haus zu bieten, der seines gleichen sucht.

Wovon hängt die Akustik eines Theater- s aal es ab ? Diese interessante Frage, welcke die Physiker und Architekten theoretisch noch immer nicht in befriedi­gender Weise zu lösen vermögen, versucht der ehemalige Stuttgarter Generalintendant Julius von Wenher auf Grund zahlreicher Beobachtungen praktisch zu beantworten. Während in Deutschland und Oesterreich viele moderne Theaterbauten ganz unakuslisch ausgefallen sind, har Werther in Italien unter 50 Theatern, die er besuchte, kein einziges unatustisch gefunden. Eine nähere Unter­suchung der hier und dort zur Anwenoung gebrachten Theaterbau Lyfleme fuhrt zu dem Ergebnisie, baß die gute Akustik eines Theaters davon abhängt, oaß die Schallwellen im Zuschauerraum uwgrichft wenig Brecyu.lgen erlernen unb daß die Wände des Theatersaales die Refonanz möglichst befördern, nicht aber den Ton fangen. Tie italienischen

Theater bestehen in der Regel aus einem System von 37 Logenrängen übereinander, die niedrig und flach sind, keine Vorzimmer und keine Draperien Haven. Sie sehen schmucklos aus, aber selbst in dem größten von ihnen, dem San Carlo-Theater zu Neapel, bas mehr als doppelt so viel Personen saßt wie das Wiener Opernhaus, wird auf allen Platzen jedes Wort frerftonten. Die mittel­europäischen Theater weisen im Gegenteil zumeist große, vorgeschobene Balkons, tiefe Logen mit Borzimmern, Säulen und Nischen auf; Draperien und Teppiche, sowie reiches Holzwerk sind hier beliebt. All dies wirkt aber zweifellos tonfangend. Das klassische Beispiel des unakusttscheu Theaters ist ter Prunfbau des neuen Wiener Hofburg­theaters, in dem die Logenränge in Form einer Lyra vorge­schoben waren. Trotzdem bas Logenhaus später in Lufeisen- jorm umgebaut wurde, bleibt die Anlage versehrt. Das­selbe System des vorgeschobenen Balkons hat im sog. Deut­schen Tyecuer in München, sowie in dem Kleinen Münchener Schauspielhaus zu einem unakufuschen Bau geführt. Das Buyreuther Theater hingegen, welches dem Palladioschen ^ienaissance-Theater in Vicenza nachgebildet ist, hat der Vermeidung aller überflüssigen AuS schmück- ung und allen Winkelwerkes feine tressliche Akustik zu verdanken. Tie Luxustendenz des Architekten steht also in direktem Gegensatz zu den atufüschen Erfordernissen des Theaters. Eben,o ist in gewissem Sinne der Maschinen­meister ein Feind der Akustik. Lieser verlangt nämlich möglich,': ausgetehnte Raume hinter den Kulissen, während es erwiesen ist, daß eine Buhne um so akustischer wirkt, je enger ihre Seiten- und Hinterräume sind. Man kann oer ia;allaun'augenöen Wirkung allzugroßer Seitenbühnen nur dadurch steuern, daß man, so ost es tunlich ist, mit ge­schloffenen ^euenbetoraiionen spielt. Unter den Berliner Theatern gehört das Teutsche Theater zu den am besten atu frischen, da es nach cuter, nüchterner Art konstruiert ist. Lie neue|ien Theater,äle, wie das Kleine Theater, das Bunte Thearer und das 2tianonii)eaier, sind eoenfalls akustisch, mal jic un roqentliajen einfache Parketträume dar stellen, deren Wände den Schall ausgezeichnet zurücttverfe».