Ausgabe 
7.11.1903 Viertes Blatt
 
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Nr. ÄSZ

Prirhetnt täglich außer Sonntags.

Dein (Äicßener Änzelger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamilien» blätter viermal tn der Woche betgelegL

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Samstag 7. November 1903

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153. Jahrgang

General-Anzeiger

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MVZ

v TJf ^etaentetl pan« Beck.

Voiltische Tagesschau.

Nach der Wiesbadener Monarchenbegegnung.

Einige, Blätter gefallen sich- darin, die während der Anwesenheit des russischen Zaren in Wiesbaden getroffenen M'^perrungsmaßregeln ins Phantastische zu übertreiben. Zn besonderer Weise beteiligt sich hierbei dieRh. Wests. Ztg.", die sich in höhnischen Redens-arten überKosaken­absperrung" ein blödes Wort nebenbei bemerkt- ergeht. Man muß sich über die Haltung des rheinischen Blattes wundern. Gutes Verhältnis zu Rußland ä tont Prix gehört sonst zu den Glaubensartikeln der Alldeut- schen schon deswegen, weil Fürst Bismarck solches als einen festen Punkt deutscher auswärtiger Politik ansah. Zudem scheint von dem allen, was dieses Blatt von der Absperrung mitzuteilen weiß, nur höchstens die Hälfte wahr zu sein. Wiesbaden ist bekanntermaßen ein internatio­naler Besuchspunkt; Leute aus aller Herren Länder sind dort ständig vertreten und an zweifelhaften Subjekten bedenklicher politischer oder sozialer Provenienz fehlt es nie. Somit ist es einleuchtend, daß besondere Dorsichts- tninfiregeht getroffen wurden. Und obendrein stellt der Rhein. Kur." folgendes fest: Jeder einzelne Wiesbadener Bürger war mit diesen Maßregeln einverstand en; Niemand bat sie als B e l ä st i gu n g empfunden. Der recht kurze Weg von der Burgstraße nach dem Schlosse und dem Schloßplah selbst war abgesperrt. Der viermal so lange Weg vom Äahuhofe durch "die Wilhelmstraße war allerdings von einer Postenkette besetzt, aber diese diente ebenso sehr der Ehrenbezeigung und der Dekora­tion, wie der Sicherheit. Denn rechts und links stand das Publikum in dichten Scharen und sämtliche Fenster und Balkons der Wilhelmstraße waren dicht mitZuschauern besetzt. Der Wagen mit den Kaisern fuhr im langsamsten Trab, der überhaupt zu er­möglichen ist. Die Wkorten, ein prächtiges Bild, waren über 100 Schritte von dem Kaiserwagen entfernt. So glich die ganze Einfahrt überhaupt einem glänzenden jmilitärtschen Schauspiele!

Wie wenig dieKosaken - Absperrung" durchgeführt war, erhellt aus der Tatsache, daß bei Ankunft und Ab­fahrt der Kaiser jeder auf den Dahnhossperron kommen konnte, der eine Bahnsteigkarte besaß.

In einem Artikel des (offiziösen)Wien. Frdbl." über die Begegnung des deutschen Kaisers mit dem Zaren wird folgendes bemerkt:Einen nicht geringen Platz dürften tn den Unterredungen die Ba l k an an g e le g en- h e lt en einnehmen. Deutschland verfolgt dort keine poli- tisck)en Ziele. Es beschränkt sich darauf, seine kommer­ziellen Deziehunaen zu erweitern, halt an dem Grundsatz der Integrität des türkischen Reiches fest und zeigt dem Sultan bei großen und geringen Anlässen ein Wohlwollen, das sein vollstes Vertrauen erweckt. Einen um so größern Eindruck wird es in Konstantinopel Hervorrufen, daß auch Deutschland die Reformfordcrungen unterstützt, die Oester- reich-Ungarn und Rußland erheben. Die Pforte wird ans dieser Haltung ersehen, daß die Forderungen tatsächlich den Weg bezeichnen, auf dem sie vor schwerem Unheil bewahrt werden kann. Wenn Deutschland das Programm der beiden Mächte billigt, so ist dies ein Beweis für die Notwendigkeit desselben. Ein Wort Deutschlands fällt dies­mal ganz besonders bedeutend ins Gewicht und wird hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen."

Aus Stad!) Kaud.

Gießen, 7. November 1903.

- Geschmorenenliste. Zu den am Montag, den Z. Dezember, vormittags 9Vs Uhr beginnenden Sitzungen des Schwurgerichts pro IV. Quartal wurden gestern nach­stehende Geschworenen ausgeloost: 1. Friedrich Sch ön, Land­wirt in Ruttershausen, 2. Heinrich Wilhelm Alles, Bürger­meister in Rieder-Roßbach, 3. Johann Heinrich Weitzel, Landwirt in Kaichen, 4. Ph. Lindenstruth V, Landwirt in Beuern, 5. Wilhelm Ludwig Seip II., Landwirt in Büdesheim, 6. Karl Hahn, Pachter in Wenings, 7. Joh. Karl Rompf, Landwirt in Langgöns, 8. Johannes Walter, Landwirt in Billertshausen, 9. Wilhelm Lenz II., Land­wirt in Klein-Linden 10. Ferdinand Jakob Sprengel, Gastwirt in Bad-Rauheim, 11. Ludwig Bücking IL, Fabrikant in Alsfeld, 12. Heinrich Löber, Landwirt m Freienseen, 13. Friedrich Zinser I., Landwirt in Romrod, 14. Ludwig Lang, Landwirt in Großen-Linden, 15. Heinrich

Sch u di IV., Oekonom in Steinfurth, 16. Konrad Rupp, Privatier in Dortelweil, 17. Heinrich Konrad Winter, Land­wirt in Büdesheim, 18. Georg Höck IIL, Wirt in Holz­hausen b. Vilbel, 19. Balthaser Wetz I., Landwirt in Holz­heim, 20. Friedrich Karl Koch, Müller in Assenheim, 21. Johann Jakob Schuch, Pachter zu Hof-Schleifeld, 22. Georg Emmerich Haustein, Metzger in Friedberg, 23. Wilhelm Klein, Landwirt in Burg-Gräfenrode^ 24. Friedrich Christoph Schwab, Hausbesitzer in Bad-Nauheim, 25. Balthaser Wissig II., Beigeordneter in Langenhain, 26. Heinrich Loth, Landwirt in Kirschgarten, 27. Heinrich Heß I, Bei­geordneter in Münster bei Laubach, 28. Ludwig Wetzell, Fabrikant in Nieder-Erlenbach, 29. Kaspar Horst II., Land­wirt in Ruppertenrod, 30. Konrad Les ch Horn III., Bürger­meister in Obbornhofen.

** Die Kaiser Wilhelms-Spende, Allgemeine Deutsche Stiftung für Alters-Renten- und Kapital-Ver­sicherung in Berlin W., Mauerstraße 85, ist ins Leben ge­rufen mit einem Grundkapital von 1 740 000 Mark als frei­willige Spende zum Andenken an die Errettung Kaiser Wilhelms I. aus wiederholter Lebensgefahr und steht unter dem Protektorat des Kronprinzen. Die Anstalt soll be­sonders den weniger bemittelten Klassen dienen und ver­sichert deshalb Jahresrenten bis zum Höchstbetrage von 1000 Mark oder das entsprechende Kapital. Ein besonderer Vorzug der Kaiser Wilhelms-Spende ist, daß die Versicher­ten zu den Berwaltungskosten in keiner Weise beizutragen haben, die Versicherung vielmehr ganz kostenftei geschieht. Die Versicherten (Mitgliedes haben die Wahl, ob sie für ihre Einlage lebenslängliche Rente oder Kapital beziehen wollen. Bei Veränderung der Lebenslage eines Mitglie­des ist die Zurückziehung seiner Einlagen, sofern sie. min­destens fünf Jahre bestehen, durch Kündigung ohne weiteres zulässig. Die (Anlagen werden dann unverkürzt mit zwei Prozent Zinseszins zurückgezahlt. Einlagen können beliebig und zu jeder Zeit geschehen; eine Verpflichtung zu weiteren Einlagen besteht nicht. Entweder geschieht die Einzahlung ohne Vorbehalt (Tarif 1) oder sie geschieht mit Vorbehalt der Rückgewähr (Taris 2). Zahlt z. B. ein junges Mädchen vom 20. Lebensjahre ab alljährlich acht Einlagen von je 5 Mark, also 40 Mark ein, so beträgt die jährliche Rente davon vom Beginn des 56. Lebensjahres ab nach Tarif 1 213,60 Mk., nach Tarif 2 195,28 Mk. Zieht aber die ver­sicherte Person vor, bei Beginn des 56. Lebensjahres die Auszahlung des versicherten Kapitals zu wählen, so be­läuft sich dasselbe bei Einzahlung nach Tarif 1 auf 3182,48 Mark, bei Einzahlung nach Tarif 2 auf 2912,56 Mark. Für die Mitglieder besteht aber keinerlei Verpflichtung, regelmäßige Einlagen alle Jahre zu machen, da jede Ein­lage von 5 Mark als besondere Versicherung berechnet wird. Endlich sei noch vervoraehoben, daß die Leistungen der Anstalt noch durch die Dividenden erhöht werden, deren 6>cwährung aus den Ueberschüssen der Auffichtsrat be­schließt. Nähere Auskunst erteilt und Drucksachen versendet die Direktion, Berlin W., Mauerstraße 85, rn Gießen Ren­dant Doering.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aüei unttL dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortuna.l

Aus dem Reiche der vierten Dimension?

Eine Erwiderung.

Als ich nachts, von einigen späten Krankenbesuchen heimgekehrt, in meinem Bett lag, hatte ich eine Vision, was mir umso merkwürdiger war, als ich in Spiritistieis Skeptiker vom reinsten Wasser bin. Zwar bin ich kein Guttempler oder bergt, doch habe ich anläßlich meiner Aufnahme in eine Lebensversicherung mit gutem Gewissen versichern können, daß ich Bier und Wein nur in gewöhn­lichen Mengen vertilge. ^Aucy bin ich weder hysterisch noch epileptische ' Eltern leven und sind gesund. Den nun vielleicht noch möglichen Verdacht, daß ich an einem Gummi knot en im Gehirn leide, widerlegen meine vier gesunden Rangen.

Nachdem ich mich dem Leser solchergestalt als ernst zu nehmenden Mann vorgestellt habe, bitte ich, meinen Aus­führungen vollen Glauben beizumessen.

Als ich das Licht gelöscht hatte, es mag 5 Minuten vor ein Uhr gewesen sein, zog meine Frau ihre Decken über die Ohren und sagte:Hu, was friere ich!"

Und mir erstarb die Erwiderung auf den Lippen. Ueb-er dem Fußende meines Bettes erhob sich Lockengewim­

mel, wallende Gewandsalten, es wuchs hoher und höher und stand anftecht, ob in der Luft oder auf dem Fußende meines Bettes, konnte ich bei der herrschenden Dunkelheit nicht genau unterscheiden.

Ich bin Johann Wolfgang von Goethe, ver­nahm ich deutlich.

Ah! Herr Geheimrat", saate ich,Verfasser des Briefes im ,Gießener Anzeiger'? Gewiß, den habe ich gelesen. Sehr erfreut, Sie bei mir zu sehen. Aber wollen Sie nicht Platz nehmend

Er aber fuhr, ohne meine Worte zu beachten, fort, seine bekannten Latwerg-Verse zu zitieren, die man vor ein paar Tagen imGieß. Anz.>" las.

Obwohl ich mich von der Schuld, Tausende gemordet zu haben, frei wußte, Huben meine Kinnladen doch sanft zu klappern an.

Gift hatte ich ja wirklich noch vor wenigen Stunden gegeben und zwar nicht nurden" Gift, sondern gleich vier auf einmal an einen armen Arbeiter mit schwerer Lungenentzündung.

Ehe ich noch eine Erklärung darüber abgeben konnte, daß man bei gewissen Arzneimitteln giftige Wirkungen erst beobachtet, wenn die ein für allemal im Arznei­buch für das Deutsche Reich festgesetzte Maximaldosis über­schritten wird, daß ich dies aber nicht getan hatte, und daß das obenerwähnte Arzneibuch erst nach der Goethe- schen Aera herausgekommen sei, weshalb er es wohl nicht besonders gut kenne, fuhr er fort:

Nach § 211 des neuen Neichsstrafgesetzbuches wirst Du als Mörder zumTodeverurteilt werden, wenn Du nicht vorziehst, Dich zu medizinischen Experimenten herzugeben."

Spruchs und verschwand mit Hinterlassung eines deut­lichen Geruches nach frischen Aepseln.

Ich lag lange und sann:

Goethe mit Aepselparfüm, der das heutige Reichsstraf­gesetzbuch zitiert und rhetorische Uebertreibungen macht, der den Gießener Anzeiger liest und die gleichen ärztevertilgen­den Forderunge^r erhebt, wie der Älntivivisektionskongretz in Frankfurt a. M. vor einigen Wochen, das war sonderbar.

Sollte er vielleicht als Nikolaus meinen Kleinen einige Aepfel mitgebracht yaben; oder sollte ich flugs fuhr ich in die Pantinen und rannte in den Keller. Richtig! Da hatte ich ja das Fenster des Obstkellers offen gelassen und auf dem Aepfelbett lag eine sckMarze Katze als einzige Erinnerung an den erlebten Spuk. Fauchend fuhr sie zum Fenster hinaiis, polternd fielen einige Aepfel herunter urrd die her ein ström en de kalte Nachtluft brachte mich völlig zur Besinnung. Rasch schloß ich das Fenster und begab mich wieder zu Bett.

Die Sache war ja nun aufgeklärt. Daß Herr Geheimrat v. Goethe dadurch aus feiner Ruhe aufgeschreckt worden sein sollte, daß ich am Tag zuvor einige Sck)öpplein in seinem geliebten Wetzlar getrunken, war selbst dann sehr uw- wahrscheinlich wenn er in letzter Zeit Abstinenzler ge­worden sein sollte; denn ftüher tat er das ja auch zu­weilen.

Ich kann mir daher die Sache nur so erklären, daß er anläßlich der neueren Forschungen auf dem Gebiete der Medizin seinen Faust umarbeiten und in zweiter verbesserter Auflage erscheinen lassen wollte. Bei der schweren und ungewohnten Aufgabe, welche seinem in den alten Vor­urteilen seiner Zeit befangenen Geiste aus der Einarbeit­ung in die neueren Gesetzbücber und das ihm immerhin fernerliegende Gebiet der Fortschritte der Medizin in den letzten hundert Jahren erwachsen ist, muß er anscheinend stark nervös geworden sein.

Ich bitte daher, auf einen Herrn, welcher obige be­sondere Kennzeichnen aufweist, zu achten und ihn entweder einer energifcfyen Kaltwasserkur oder definitiv der ewigen Ruhe zuzufiihren.

Wo Walik nicht mehr chual macht!

Keine Hausfrau braucht sich mehr den Kops da­rüber zu zerbrechen, was sie, mit Rücksicht auf die Gesundheit der Familie und auf die Wirtschaftskasse, als b e st e s täg­liches Getränk auf den Tisch bringen soll. Seitdem Kathreiners Malzkaffee existiert, wird es Jedem leicht, eine sichere und gute Wahl zu treffen. Denn Kathreiners Malz­kaffee ist gesund, wohlschmeckend und billig. Durch seine Herstellung ist eine der wichtigsten Fragen der gesundheitsmäßigen Volksernährung, der Küche und des Haus­haltes gelöst worden. , 7083

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