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MM Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WÄ
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Bekanntmachung.
Die Wolkengasse wird wegen Vornahme von Kanalisationsarbeüen von Montag, den 10. V Mts. ab bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Fahrradverkebr gesperrt.
Gießen, den 6. August 1903.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Fer neue Uapst.
Gießen, 7. August.
Wenn in deutschen Blättern — besonders im „Rhein. Kurier" ist das geschehen — Stimmen laut werden, die den Vorwurf erheben, die deutsche Presse beschäftige sich viel zu viel mit der Wahl des neuen Papstes, so könnte man daraus entgegnen, daß es eben schwer hält, in der politischen Umschau etwas Interessanteres zu erspähen. Ob es sehr nüchttch ist, über zukünftige Entscheidungen in der deutschen Politik, die noch fern liegen, längere Betrachtungen anzu- stellen, ist zweifelhaft. Warum sollte man, auch wenn man mit der katholischen Kirche nichts zu tun hat, nicht mit Interesse auf ein Ereignis schauen, das für einen großen Teil der Christenheit von großer Bedeutung ist und auch ui politischer Hinsicht in jebcm Fall weittragende Einflüsse geltend machen wird? Eine Charakteristik des neuen Papstes, die Wahl des neuen Staatssekretärs verdienen ohne Zweifel Beachtung, und es wäre töricht, wenn die deutsche Presse sich den Zwang antun würde, diese Dinge zu ignorieren.
In einer Charakteristik des neuen Papstes hebt der „Corriere della Sera" besonders seine Einfachheit und seinen Wohltätigkeitssinn hervor. Dann heißt es weiter: Obwohl er eine gute Pfründe hatte, lebte er ärmlich und verkaufte sogar sein Pferdchen, um die Schulden, die er durch .Schenkungen gemacht hatte, zu bezahlen; ein anderes Mal mußte er in das Leihhaus von Treviso seinen Ring senden, um einer unglücklichen Bauernfamilie helfen zu können. Der Wohltätigkeitssinn des Papstes ist wirklich sprichwörtlich. Er schenkt ohne Maß, so daß seine Angehörigen ihn sanft überwachen müssen und daß sein Sekretär ihn in dieser Beziehung wie einen verschwenderischen Sohn in Schranken halten muß. Im Anfang des Monats gibt der Sekretär ihm die Summe, die zu Wohltätigkeitszwecken zur Verfügung steht; Se. Eminenz findet sie klein, der Sekretär macht praktische Gründe zur Sparsamkeit geltend, Se. Eminenz kann ihm nicht unrecht geben, aber am dritten des Monats ist die kleine Summe bereits erschöpft. In Bezug auf diesen Wohltätigkeitssinn erzählt man eine hübsche Geschichte, die sich auf die Zeit bezieht, als Pius X. noch Bischof von Mantua war. Eines Tages kam eine seiner Schwestern, die die bescheidene Küche besorgte, in sein Zimmer gestürzt und meldete ihm, daß das Fleisch, das sie zum stochen aufs Feuer gesetzt hatte, verschwunden sei. Der Bischof zuckte leicht b)ie Achseln und sagte ruhig in seinem venetianischeu Dialekt: „Ach geh, es wird die Katze gewesen sein!" — „Die Katze, die trägt nicht den Topf mit fort und der ist ebenfalls verschwunden!" — „Liebe Schwester, es scheint mir, daß Du schlecht auf das Haus auspasfest; wenn Du's wissen willst: ich habe das Fleisch fortgenommen." — „Du?" — „Ja! Was willst Du, es kam ein armer Mann zu mir und sagte mir, seine Frau läge krank zu Bett und habe keine Suppe und da habe ich ihm das Fleisch gegeben." Und als die Schchester sich kopfschüttelnd entfernte, rief er ihr nach: „Sei nur ruhig, auch für uns wird der Herr sorgen!" ‘
Von Interesse ist auch, daß der neue Papst der erste war, welcher als Bischof von Mantua die Anordnung traf, nach welcher dem Klerus in seiner Diözese das R.ad- sahren verboten wurde, und daß er neuerdings für den Wiederaufbau des Campanile eine große Geldsumme gespendet hat.
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Es liegen heute folgende Meldungen vor: Kardinal- Erzbischof Kopp telegraphierte, wie das „Berl. Tagebl." meldet, dem Berliner Vertreter eines amerikanischen Blattes auf dessen Anfrage, wie sich der neue Papst gegen Deutschland uno Italien verhalten werde: „gegen Deutschland freundlich, friedlich gegen Italien zurückhaltend, schonend, nicht rächend." Es ist indessen sehr möglich, daß diese Meldung aus der Luft gegriffen ist; es ist wenigstens schwer zu begreifen, wie Kopp dazu kommen sollte, derartige Feststellungen vorzunehmen. — In der Sankt Peterskirche beginnt man bereits die nötigen Vorbereitungen für die Sonntag stattfindende Krönung zu treffen. Gestern, Donnerstag, wurde in allen Kirchen Roms und in der«Sankt Marluskirche in Venedig ein Tedeum gesungen und alle Glocken wurden geläutet.
Der Papst empfing vorm. in den früher von Rampolla bewohnten Gemächern das diplomatische Korps, welches große Uniform angelegt hatte. Die Diplomaten warteten im grünen Saal, der Empfang fand im roten saat statt, welcher vor dem Arbeitszimmer Rampollas liegt. Irn^ Hintergründe des Saales, wo früher das Porträt des verstorbenen Papstes hing, war der Thron ausgestellt. Pius lrat, vom Hofstaate 'gefolgt, ein und nahm auf dem Thron Platz. Der Majordomus führte daraus die Diplomaten ein. Ter portugiefijche Botschafter hielt eine kurze Ansprache iu französischer Sprache, in welcher er die Wünsche des ^plo malischen Korps ausdrückte. Der Papst erwiderte italienisch. Er dankte für die Glückwünsche, die nicht seiner Person, sondern dem hohen Posten gälten, den er als Haupt her Kirche einnahrue. Er druckte die besten Wünsche für die Souveräne, etmi^uüerirüupter und Völker aus und fügte stnzu, die Kirche sei die natürliche Stütze der Souveräne, 'Jiegicrungen uno Gesetze. Zum Schluß bemerkte der Papst,
die Kirche wünsche, zum Wohle aller den Frieden sich festigen zu sehen, und erteilte den Segen. Hierauf stellte: der Major- domus nach der Anciennität die einzelnen Botschafter vor. Tie Diplomaten küßten dem Papst die Hand und zogen sich mit demselben Zeremoniell, wie beim Eintritt, zurück, während der Papst den Segen erteilte. — Der Papst bot das Amt des Staatssekretärs dem Kardinal Satolli an, der aber ablehnte. Kardinal Cavagnes, dem der Papst darauf die Stelle anbot, bat sich bis abends Bedenkzeit aus. — Wie der „Germania" aus Rom gemeldet wird, hat der Papst M errydeVal zum Staatssekretär ernannt. Wie das Blatt glaubt, dürste demnächst die formelle Ei> uennung zum Staatssekretär erfolgen.
Politische Tagesschau.
Die Vorgänge in Ungarn.
Was in Ungarü gegenwärtig vorgeht, ist im wesentlichen ein Streit um die Futterkrippe. Die Opposition ist lange nicht so sehr von heißer Begeisterung für die Unab- hängigtell Ungarns, von Besorgnissen ernster Art gewiß nicht, als vielmehr von dem Wunsche erfüllt, die liberale Partei in dem Besitze der Macht, in dem Genüsse abzulösen, den diese aus der Regierung des Landes für die von ihr vertretene Industrie zieht. Tie Opposition ist sich ganz gut bewußt, daß ohne ein Zo llb üno nis mit der östreichi- ichen Reichshälste Ungarn für die Erleichterung seiner Getreideausfuhr nach einem anderen Lande, als nach Oesterreich, nichts zu bieten haben würde, und angesichts der Zölle Deutschlands und Frankreichs, |otuie Rußlands etwa in die Lage geraten müßte, worin sich heute Serbien der Monarchie des Doppeladlers gegenüber befindet. Daß ein politisch selbständiges Ungarn dem Druck der benachbarten Großmächte aus seine Grenzen nicht widerstehen könnte, hat selbst Kossuth in der zweiten minder glänzenden Hälfte seiner Laufbahn eingesehen. Es geht aus seinem gänzlich unpolitischen Plane einer „Konföderation der Donautänder" hervor. Auch wenn die Sprachenfrage in der Armee und das Armeekontingent — an und für sich schon eine Lappalie — zum Sturze Szells, des größten Staatsmannes, den die Liberalen Ungarns augenblicklich besitzen, benutzt worden ist, so ist doch die ungarische Opposition von der Wahrheit des Wortes überzeugt, das der erste große Minister nach der Versöhnung von 1867 mit Franz Josef, das An d r a s s y niederschrieb, um seine Landsleute von der Notwendigkeit eines engen Bündnisses mit Oesterreich zu überzeugen: „Es ist wahr, daß die rumänischen Truppen auf rumänisches Kommandowort exerziert worden sind, aber sie haben auf russisches Kommandowort geblutet. Ist es nicht besser, auf deutsches Kommandowort nach rechts und links zu schwenken, aber für ungarisches Interesse, für ungarische Ziele nach dem Kommandowort der ungarischen Nation zu kämpfen?"
Nichts ist freilich seit alters in dem ungarischen Volke itarker als der Unabhängigkeitsgedanke, und selbst der törichteste Appell an ihn muß in einem Lande, wo die Studentenschaft fast als der wichtigste Vertreter der politischen Intelligenz gilt, wo im übrigen aber die Hälfte der Einwohner aus Analphabeten besteht, gefährliche Flammen zünden. Darum hatte Graf Khuen recht, als er den 0$. Nessi, den Märtyrer der ungarischen Armeesprache, zum Schweden bringen wollte. Daß seine Freunde allerdings zu dem altungarischen Mittel der Bestechung griffen, das dre Opposition selbst seit nahezu 40 Jahren politisch zu verwerten nur feine Gelegenheit mehr hatte, war' eine unerhörte Kurzsichtigkeit. Nicht so sehr die Moral, als der Verdacht, daß der Ministerpräsioent zentralisierende Absichten verfolge, wurde dadurch von neuem erregt. Der Ruf einer eifern zusammenfassenden Hand ging dem ehemaligen Banns von Kroatien ohnehin voraus. Die Zentralisation der Reichsteile steht auf dem Programm von Wiener Liberalen. Denn irrtümlicherweise sehen diese die Rettung des Deutschtums darin, während sich gerade in Oesterreich- und mehr noch in Ungarn, gezeigt ljat, daß das Vordringen der slavischen und italienischen Flut auf wirtschaftlichen Ursachen beruht, und nur durch die wirt- chaftliche Ernennung des Deutschtums, nicht aber durch kleinliche politische Maßregeln aufgehalten werden kann. Tas Phantom, wogegen in Ungarn das Volk sich jetzt wehrt, ist wiederum vom Grafen Hndrassh in ein knappes Programmwort gefaßt worden: „Im allgemeinen können >ie Deutschen auch jenseits der Leitha nicht mehr verlangen; sie müssen nur in die Lage gebracht werden, die berechtigten Interessen ihres Stammes auch da zu wehren, wo sie in der Minorität sind." Das Schicksal des Minister- rcäfibenten ist noch nicht entschieden. Tie neuesten Meldungen besagen, daß die Blättermeldung, wonach seine Stellung unhaltbar wäre, jeder Grundlage entbehrt. Diese Meldungen seien zumeist Budapester Oppositionsblättern entnommen, und entsprächen hauptsächlich den Wünschen der Opposition. In liberalen Kreisen verlautet, daß der nach Ischk aügereifte Ministerpräsident die Krone vor die Wahl stellen werde, entweder das Parlament aufzulösen oder die Demission des gesamten Kabinetts anzunehmen.
Zu den englifcheu Torpedomauövern wird uns ans Marinetreisen geichrieben:
Seit der Aufsehen erregenden Fahrt, die Prinz Heinrich von Preußen mit einer deutschen Dorpedobootsflottille bei wildbewegter See nach England unternahm, sind Jahre versttichen. Die britische Admiralität hat seitdem die größten Anstrengungen gemacht, den Deutschen im Torpedowesen den Rang abzulansen. Es sind Torpedoboote aller möglichen Typeii von englischen Wersten zu Wasser ge- las,en worden, doch in der Hauptsache, in der Erzielung größtmöglicher Schnelligkeit im Verein mit solider Bauart
der Boote, ist der deutsche Torpedoschiffbau unerreicht geblieben. Auch die deutsche Torpedobootsflottille hatte allerdings Unglücksfälle zu verzeichnen, aber an denen gemessen, die Englands Flottille betrafen, erscheint deren Zahl gering. Gegenwärtig finden nun wieder die Torpedomanöver der englischen Marine statt, an denen rund 100 Boote beteiligt sind, darunter auch Turbinenschiffe, die bisher besonders vom Unglück heimgesucht wurden (Verlust der „Cobra" usw.). Es wird nun von Interesse sein, darauf zu achten, wie diese angeblich auf das sorgfältigste vorbereiteten Manöver verlaufen. Der Beginn war nicht gerade verheißungsvoll; wurden doch fünf kleinere Boote durch das stürmische Wetter so beschädigt, daß sie ins Dock geschafft werden mußten.
Auistand in Mazedonien.
Tie türkischen Meldungen seitens der Militär-, Zivilund Provinzbehörden über die jüngsten Bandenüberfälle, die im ersten Moment versaßt 'wurden, scheinen etwas übertrieben zu jein. Trotz der Attentate gegen die Eisenbahnlinie Saloniki-Monastir erlitt der Verkehr, da der an- gerichtete Schaden bedeutend ist, fast keine Unterbrechung. Acht Bataillone unter Marschall Omer Rusch di Pascha gehen von Werisowitsch nach Aöonastir. Ein kaiserliches Jrade ordnete an, daß dem Eisenbahnzuge, welcher den Transport besorgt, eine Sicherheitsmaschine vorausfahre, um den Zug gegen jedes Attentat der Komitadschis zu schützen. Der griechische Gesandte erhob beim Minister oes' Auswärtigen in Konstantinopel Vorstellungen, weil bei den jüngsten Vorfällen in Monastir zahlreiche Griechen getötet oder materiell geschädigt worden seien. — Die Zeitung „Autonomia", Organ der inneren Organisation, enthält einen Aufruf, in dem für Saloniki uno Monastir ein allgemeiner Aufstand proklamiert wird. Hier eingetroffene Nachrichten besagen, daß alle Drahtverbindungen nach Saloniki und Monastir ab geschnitten wurden, die Ernte vernichtet ist und Brücken zerstört sind. In maßgebenden bulgarischen Kreisen wird die Beoeutung des Äufstandsver- sucyes vezweiselt. Die Blätter kündigen an, der Fürst werde demnächst zurückkehren.
Deutsches Keich.
Berlin, 6. August. Der Kaiser gedenkt voraussichtlich am 16. September dem Herzog Ernst von Sachsen- Altenburg anläßlich seines 50 jährigen Negierungs-Jubiläums einen Gratulationsbesuch abzustatten.
— Die „Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht einen Ausruf des Vorstandes des Bundes der Landwirte an die Bundesmitglieder zur Unterstützung, besonders Naturalunterstützung der Ueberschwemmten in Schlesien, Posen, Brandenburg und Westpreußen.
Kiel, 6. August. Der Kaiser gab dem Kadetten^, schulschisf Stosch, welches beabsichtigte, von Norwegen nach England abzudampfen, den Befehl, nordwärts zu dampfen und in Bergen mit der Kaiser-Flotille zusammenzutreffen.
Cadinen, 6. August. Die Kaiserin machte heute früh mit den Prinzen August Wilhelm und Oskar und Umgebung eine vierstündige Dampferfahrt durch den Kraffohl- kanal m die Nogatmündung und passiette hierbei die von der Ueberschwemmnng betroffenen Außenländereien des Niederungsgeländes.
Ausland.
Bergen, 6. Aug. Die Kö nigin-Witw e .Mar - garita von Italien ist heute an Bord der „Jolanthe" hier angekommen.
L o n d o n, 6. Aug. Wie Reuters Bureau erfährt, trifft König Eduard nächste Woche in Marienbad ein, voraussichtlich am 13. oder 14. August.
— Das Unterhaus nahm die dritte Lesung der Vorlage betreffend die Brüsseler Zucker-Konvention mit 119 gegen 57 Stimmen an.
Paris, 6. Aug. Londoner Meldungen versichern, Mi- nistervräsident Balfour und der Oppositionsführer Camp- bell-Äannermann beabsichtt'gen, an dem Gegenbesuch der englischen Parlamentarier in Paris teilzunehmen; Waldeck- Rousseau hätte zugesagt, dem französischen Empfangsauschuß beizutreten.
— Der Minister des Aeußern hat die Akten betreffend die Expedition Leb and y nach der marorkauischen Küste vom Marineministcr eingefordert, da in dieser Angelegenheit nur das Ministermm des Auswärtigen zu- tänbig sei. Die Yacht Lebaudys ist wegen unberechtigter Führung der porttrgiesischen Flagge in Las Palmas beschlagnahmt worden.
Bern, 6. Aug. Der Bundesrat hat wegen zehn französischer Orden und Kongregationen, die sich trotz des eidgenössischen Verfassungsverbotes im Juni in mehreren Kantonen niederließen, eine Enquete angeordnet.
Belgrad, 6. Aug. Tas russische Finanzministerium beschloß die Errichtung einer russischen Handelsvertretung, mit deren Leitung der ftühere serbische Milttärattachee in Belgrad, Oberstleutnant Mosiic, unter Kontrolle der russischen Gesandtschaft beauftragt wurde.
Konstantinopel, 6. Aug. Der Vizeadmiral Bendjit Pascha und K o n t r c a d m i r a l Albin Pascha von äer kaiserlichen Jacht wurden unter dem Verdachte, aus dem Arsenal 2 K a n o n e n e ii t w e nden zu wollen, verhaftet und mittels Spezialschisses nach fernen gebracht.
Der A11achee der deutschen Gesandtschaft ' in


