Nr. 56
• rfftetnt tSgltch aufeei Sonntags.
Dem Gtetzener Anzeiger werden im Wechsel mit den, hessischen Landwirt die Siebener Kamillen, blätter viermal in der Woche deigelegt.
RotattonSörud u. Verlag der Brühl 'schen Univers.-Buch- u.Stem- brucfertt (Ptetsch Erders Rebaftion, Lxvedition und Tnidetet;
Schul st ratze 7.
Abreise tüt Depeschent Anzeiger «letzen.
KerniprrchantäilubNr 5L
Drittes Blatt.
153. Jahrgang
Samstag 7. Miirzi 903
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giessen
vezagdpeetsr Monatlich 7b Uk otertel» iührltch Ttt 2.20, durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich to W.. durch btePosl Ttt. 8 — vtenel- läbrl au«fd)L Bcliellg. Annahme von Anzeige» sür die lagcsnummex bi« potmutag« 10 Uhr. tfttlrnptei«. lokal UUU aeirväti« 20 Wg.
<6«(anire«(llid); für den polii n. afigem teil; v Wittko tüt »Stadt und L'anb* und .Verichtdsaal* 6 u t f 13 lato; sür btn An- jeiqentetl: Pan« Ved.
Kie deutsch. Tabakindustrie und v500 Verbrauchs- Artikel für 3 Mark franco?"
Wir lesen in der „Südd. Tabakztg.":
Vor uns liegt ein Gutscheinkataloa, der den Detaillisten Hühneraugenringe, Mausefallen, Belocipede, Kanzelreden, selbstredend für sämtliche Konfessionen, Photograph ieappa- rate zur ewigen Fixierung aller Dummköpfe — mit einem Worte: alles von einem Küchenlöffel bis zum Meyer'schen Konversationslexikon, vom Klosetpapier bis zu einer amerikanischen Tiamantzither verspricht, wenn die Menschen von der amerikanischen Firma Cigaretten kauten. Rauchen brauchen sie die Cigaretten nicht; die Hauptsache ist: Kausen und bezahlen. Auf jedes Gebrechen erhalten sie dann ver- s P rochen einen Coupon, auf jeden Floh eine Hundehütte. Cine andere Art Couponschneiderei ist ausschliesslich für die Raucher bestimmt". Die Detaillisten sollen sich für die Zukunft einer gebundenen Marschroute, vom Trust vorgezeichnet, unterwerfen. Die Firma aus Amerika appellier: direkt an solche „Raucher", welchen ein „Mensur-Kvrbschlager" ober ein „Kunstschützen-Pistol", Konstabler oder Radfahrer-Revolver lieber ist, als der Tabal und die schließlich, wenn ihnen ein „Kunstschutzcn-Pistol", Konstabler- oder Radfahrer Re Buttermilch von der Ferne winken, gewalzte amerikanische Birginiastengel für türkische Tabake rauchen.
Man appelkert direkt an die Raucher, welchen ein Nagel- etui versprochen wird, wenn sie die Kontrole ausüben auf ihren Detaillisten, dem dafür ein „Manöoerbestect, seines Lederetui gesch1is,enes Trinkglas, „Barbierscife mit Pinsel" und Spucknapf mit Inhalt, versprochen wird, wenn er sich wieder vom Raucher im Dienste der Amerikaner kon- ttollieren läßt. Man apclliert so auf gegenseitige Ehrlichkeit — mit dem amerikanischen Dolch im Ledergurt (Katalog- Nr. 666).
Dieses ganze Gutscheinsl)stem ist abgeguckt den geriebenen Wohltätern, welche „5uO Verbrauchsartikel für 3 Mk. franko" offerieren und den: Gimpel, der ihnen von dem ihm übrig gebliebenen spanischen SchatzgräMrgelb mit 3 Mk. auf den Leim geaangen ist, franko cinscnden: 460 Nähnadeln, 25 Stecknadeln, 13 Haarnadeln, 1 Glücksschweüichen für 2 Pfg. und ein Stück Christbaumschmuck, bestehend aus einem wattierten Lämmchen.
Bei dieser ameniamfajen Geschäftsstelle sinkt der Fabrikant aus das "Niveau des hergelaufenen Marktschreiers; der Händler, bisher Kaufmann, wird fortab Kundeuzu- treiber für die Amerikaner und der Lwnsumeni soll mit Gutscheinen prämiiert werden wie etwa der Zugochse auf der landwirtschaftlichen Ausstellung „mit dem Preis", denn nicht, weil er Raucher ist uird den Tabakgenuß liebt, wird er mit einer Mundharmonika beschenkt, sondern weil er irgend ein Marterwertzeug aus der Trustkcnttktion benützen will, wird da — mit Tabakfabrilaten gehandelt. Ter gesamte Lrwerbszweig wird wirtschaftlich auf den Kops gestellt.
Die deut chen Detaillisten fmb genug gewarnt worben! Ter an ber Spitze der Bestrebungen für die Fortsetzung des ererbten soliden deutschen Tabaki)andels stehende Dresdener Detaillistenoerein hat die Wege in seinem Anschreiben vorgezeichnet, die ber Tetaillist einzuschlagen hat, um bas Trust- Wesen aus^urotten. Wir erwarten von jebem beutschen Tabakinter.ssenten, baß er diesem Beispiele Folge leiste, damit nicht ein blühender Geschäftszweig nad) amerikanischer Litte ausg. plündert werde, den Fürst Bismarck nicht für hunderte von Millionen fürs Monopol erobern konnte. In wessen Tienst dieses dollaesüchtige Ainer.kanerlum inDeutsch- land steht, wissen wir nicht, aber wem brächte die Verekelung des deutschen Tabakgewerbes Vorteil'? Ob nicht
die Absicht vorherrscht, das Geschäft zu verhunzen, damit die Entschädigung bald unb vorwiegend den Amerikanern in bett Schoß fällt? Der Gebanke mag in New Jersey gehegt unb gepflegt werben, aber Sorge bcs deutschen Tabakgewerbes wirb es bleiben, baß bie „Dollargutschein- Menschenfreunde" mit leeren Händen von bannen ziehen.
Aus Siuöl und Land.
Gießen, 7. März 1903.
** Das Großh. Regierungsblatt Nr. 11, aus- gegeben am 3. März b. I., enthält: Vervrbnung, bie Ausführung bcs Gesetzes über bie Wohnungsfürsorge für Minberbemitteltc, vom 7. August 1902 betreffenb. Vom 24. Februar 1903.
** Bei den 42 öffentlichen Sparkassen bcs Großherzog tu ms ist im Verlaufe des Jahres 1900 bie Zahl der Einleger von 235 561 auf 242 033, also um 6472, die Gesamtsumme ber Einlagen von 196 655 025 Mk. auf 203 257 140 Mk., also um 6 602115 Mk. gestiegen.
** A u f ber L e h r l i n g s s u che befinden sich gegenwärtig roieberum Hunderte von Hatidwerksrncistern, wie das aus den zahlreichen Inseraten in den Blättern heroorgeht. Während früher dem Handwerkerstände tüchtige und intelligente junge Leute von selber zuströmten, will heutzutage leider Gottes nur ein ganz kleiner Bruchteil der die Schule verlassenden Knaben und deren Eltern vom Handwerk etwas wissen. Entweder zieht die Aussicht auf sofortigen Verdienst Tausende in die Fabriken und in andere Berufe, ober ber Junge muß etwas Höheres werben, als sein Vater. Unb boch, welche Ueberfülle an tüchtigen unb unbrauchbaren Elementen herrscht g.rabe im denjenigen Er- werbskreisen, von denen man sich so viel verspricht, welche Enttäuschungen müssen Tausende und ^b.rrnu,ende erfahren, bie fick) biesen Berufen zuwenden, während bas ehrfame Hanbwerk jebem fleißigen, geschickten Mann doch jeoerzeit sein gutes Brot giebt. Gerabe bas Handwerk braucht intelligente Kräfte, einen Nachwuchs von jungen Leuten, bie in der Schule etwas gelernt haben und denen nach ge- wissenhafler Ausb.ldnng und w<hl wahrgenommener Lehrzeit dann eine auskömmliche Existenz sicher ist. Möchten die Eltern das beherzigen !
I n A m e r i t a o e r st o r b e n e H e s s e n. St. Joseph Mo., Phil. Pinger aus OdernhKm, 8b I. — Washington D.-C., John H. Schombert aus Hesfen-Darmstadt, 68 I. — Washinton T.-C., Heinr. Habich, 64 I. — Portland, Maine, Emilie Horeyseck, geb. Weidig aus Gießen, .56 I. — Quiry Hl., Christ. Eckert aus Krumbach, 84 I. — Newyork, Maria Graff, geb. Hammel aus Zwingenberg a. B., 72 I. 8 Monate. Milwaukee, Mich. Martin Kunz aus Mainz, 44 I. — Alleg- heni Pa., Christiana Hillengar, geb. Fornof aus Hessen- Darmstadt, 59 I.
** Ein großer Komet, der Komet „Giacobini", wird demnächst am Abendhimmel sichtbar werden und eine glänzende Erscheinung bieten. Ter Komet beschreibt eine Parabel um die Sonne, hinter der er |?erfnm, gerade auf die Erde zuführt, ber er jedenfalls sehr nahe kommen wird. Das Zusammenwirken beiber Umstänbe, bie stärkere Bestrahlung bes Gestirns aus ber größeren Sonnennähe, bie in dem Kometen Lichtausbrüche und Schweifausströmungen erzeugt, unb bas Heranrücken unseres Schauplatzes an diese Erscheinungen durch bie Bewegungen ber Erbe in ihrer Bahn wirb, wie ber „Frkf. Ztg." geschrieben wirb, bas hervorbringen, was man einen „großen Kometen" zu nennen pflegt. Schabe ist nur, baß ber Komet nach Sonnenuntergang bereits ziemlich tief im Westen steht unb baß sein Lauf sich halb nach
der Sonnennähe nach Süden kehrt, sodaß vermutlich die Bewohner her Südhalbkugel der Erde am meisten von der Erscheinung haben werden. Ter Lauf des Kometen in der ersten Hälfte des Rtonaks März läßt sich leicht beschreiben, der Komet befindet sich stets dicht bei dem Stern zweiter Größe Gamma Pegasi, der auch den Namen Algenib führt, unb zwar anfangs bes Monats etwas rechts oberhalb; bann läuft ber Komet ein wenig nach links oben unb bilbet zuletzt mit Gamma Pegasi und Alpha Andromeda ober Sirrah ein stumpfes, gleichschenkliges Treieck, besten Spitze in bem Kometen liegt. Die genannten derben Sterne finbet man leicht, wenn man ben Blick nach W e st e n richtet, bort stehen sieben Sterne, die in ihrer Gesamtheit eine ähnliche Konfiguration bilden wie der Große Bär, nur etwa doppelt so groß; davon gehören bie drei Teichselsteme und der erste sich an die Deichsel anschließende Stern zur Andromeda und der letztgenannte ist Sirrah. Die drei anderen Sterne des großen Rechtecks gehören zum Pegasus unb ber Algenib ist ber am meisten links und am tiefsten stehende von ihnen. Ter Komet nimmt von Abend zu Abend an Helligkeit zu unb barin verrät sich das starke Näherkommen bes himmlischen Vagabunben In ber ersten Zeit werben sich schwache Augen zu seiner Aufstirbung vielleicht ned) eines Opernglases bcoienen müssen.
** Wiege, Alter, G ra b. Wir entnehmen ben Mitteilungen für Lanbesstatistik solgenbe Zahlen: Im Jahre 1901 würben im Großherzogtum 38 92.5 (20008 männliche unb 18917 weibliche> Personen geboren (babon 1281 totgeboren). Tie entsprechenben Ziffern lauten für Ober- ijeffen 8515 (4401; 4114), totgeboren 271. btheinhessen 11 773 (6014; 5759), totgeboren 394. Starkenburg 18637 (9503; 9044), totgeboren 616. • Die meisten Geburten im Großherzogtum fallen in ben März, bie wenigsten in ben Nvvembii Dieser Monat ist neben dem April — unb zwar in allen drei Provinzen — ber an Eheschließungen reichste. Im ganzen würben 1901 9821 Ehen geschlossen, bavon allein 2173 in den genannten Monaten. Gestorben sind 1901 (einschließlich ber Totgeborenen) 21475 (11185 männliche, 10 290 weibliche- Personen; ber Geburtenüberschuß betrug also im Großherzogtum 16169 Köpfe.
m. T a r m st a b t, 5. März. Der Bor staub bes H eilst ä 11 e n v e r e i n s hat in ber Gemarkung Winterkasten ungefähr 15 Morgen Gelände als Bauplatz ber ge- planten Lungenheilstätte für Frauen sich vorläufig gesichert. Tie Vorarbeiten der Bauarbeiten werben alsbalb in Angriff genommen werben. Somit soll die Lungenheilstätte, die zum Segen der unbemittelten und minderbemittelten lungenleidenden Frauen Hessens dienen soll, in der idealen Höhenlage am Abhänge ber Neunkircher- höhe erbaut werben. Ter Verein, lediglich auf die Unterstützung durch Mitgliederbeiträge unb freiwillige Zuwenb- iingen angewiesen, bittet alle, die ein Mitgefühl für ihre leibenden Mitmenschen haben, ihn in seinem gemeinnützigen Bestreben durch Zeichnung eines Jahresbeitrags (Mindestbeitrag 2 Mk. pro anno; oder eines einmaligen ScherfleinS zu unterstützen.
WarnungI
Die meisten Nachahmungen von Df Hommel« Haematogen werden, um das D. K. K No. Bi,3vi zu umgehen, m t Zuui.fenaume von Aelher bereitet, ein Zusatz, der insbesondere iür Kinder und Nervöse direkt schädlich ist. Um sicher zu sein, das aetherfrele Original-Präparat zu erhalten, verlange man stets ausdrüduich Dr. Hommel's Haematogen und achte auf die Schutzmarke „Säugende Löwin.“ 92
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Die neueste Großstadt. — Ihre Vergangenheit. — Wie fie sich einsührte! — Rixdorfer Kunst.
In biesen Tagen hat roieber eine ber Berliner Schwesterstäbtc bie ersten 100000 in ber Einwohnerzahl erreicht und ist dadurch zur „Großstadt" geworden, wie Charlottenburg, das bekanntlich auch einmal ein Torf war unb bamals Lietzow hieß. Ich rebe von Rixborf, das ber Welt minbestens durch ben schönen Gassenhauer bekannt ist, wie augenblicklich unser „Komm Karlineken ttsw." Paris hypnotisiert hat: der berühmte „Rixdorfer", in dem es verkündet wird, daß in Rixborf „Musike" ist! Die Besucher von Berlin, kommen selten in das rapid gewachsene Straßengebiet Rixdorss, das mit Südberlin überall zusammenhängt. Rixdorf hat feine historischen Anziehungspunkte wie Charlottenburg mit seinem Schloß and Mausoleum, keine Naturschönheiten wie Tegel oder die Grunewaldnester. Es ist eine nüchterne, durchweg im billigen Kasernensiil gebaute Industriestadt mit armer Bevölkerung und hohen Kommunallasten. Vom Meuzberge mit seinem herrlichen „Viktoriapart" sehen es bie Fremden liegen. Militärschießstänbe und Friebhöfe, Bahn-Terrain unb Fabrikanlagen vervollftänbigen das Bild unb verschönen es nicht gerabe. Tenn wer sieht es bem alten chlichten Kirchhof bort unten an, baß bie Helben von 'Äroßbeeren und Tenncwitz unter seinen Hügeln schlummern; mehr als 2000?
Ursprünglich war Rixborf ein wenbischer Ort, dem ;,eboch später bie Träger ber christlichen Kultur, bie Tempelherren von „Tempelhof" in Besitz nahmen und einen christlichen „Hof" daraus machten, ber wohl einem Ordens- imelfter zu Siebe ober vielleicht auch nach seinem ersten Wächter „Richarbsborp" getauft wurde, aus dem sich dann oallmähl.ch bas zunächst frembantlmgenbe „Rixborf" ge- Silbet hat. Anno 1737 kam frisches Blut in bie wendische
Mar fr ässe, freilich mischte es sich nur sehr langsam mit bem alten. Friebrich Wilhelm I. zog eine Anzahl böhmischer Weber in sein Lanb unb wies ihnen Wohnsitze in Rixborf an, wo sie jeboch in einem abgegrenzten Komplex bes Dorfes lange ganz unter sich lebten, bas alte >,Böhmisch Rixborf". Die Weberei hat sich übrigens bis auf ben heutigen Tag dort erhalten, nur baß bie schönen Zeiten für bieses alte gute Handwerk leiber längst vorüber finb. Früher, als es noch feine Damenmäntel gab, versorgten Berliner unb Rixborfer Weber bie Welt mit den großen Umhangtüchern, bie in ben Schränken unserer Urgroßmütter noch hier unb ba zu finben sind: schöne, phantastisch gemusterte Gewebe mit vorherrschender Orangefarbe. Damals Dcrbiemen die Weber ein tüchtig Stück Geld, reisten auf bie Messen unb waren angesehene Leute. Aber selbst, wenn bie alte Mobe roieber einmal lebenbig würde, die Weber selbst dürften nicht allzuviel baoort hoben, ba ihnen bie Massenfabrikation so oder so eines Tages boch ben Garaus macht!
Ihr Debüt als Großstabt hat Rixborf auf eine eigen» tümliaje Weise gegeben, und die Polizei h^t babei bie Regie geführt. Sie hat nämlich Plötz.icy eine Maß- unb Gewichtsrevision vorgenommen, eine Maßregel, bie den arglosen Geschäftsleuten gerabezu verwerflich erschienen sein muß, da man ihnen vorher nicht einmal ben leisesten Link gegeben hatte. Bei bieser eiligen Revision hat es sich herausgestelit, baß in einer bec flottesten Geschäftsstraßen ber hoffnungsvollen Großstadt nur ein einziges Geschäft gefunden wurde, in dem alles in Ordnung war. Dieser eine sott sich n<A.irnich riesig geschämt haben wegen seines Mangels an Korpsgeist! Tatsächlich haben bie Revisionsbeamten em ^uyrwcrr bei iijrem Rund gang nötig gehabt, um alle bie falsch befundenen Geroichtstücke unb Maße mit sich fvrtschr. stn zu k>n.-..n. Wenn man erfährt, baß es weit über LanfaU) ^tüct waren, wirb man das begreif Ua) fmben: Das wirst ein böses Licht auf Rixborf; aber „Menschen Jan mer alle i" — auch in Berlin und an anderen Orten sott fern Mangel an Leuten fein, bie lieber
weniger als mehr fürs Geld geben. Ich kenne eine Berliner Hausfrau, bie ohne große Lamentationen Buch über Minbergewicht führt, unb mir vorgerechnet hat, baß sie an Butter allein pro Jahr 20 Pfunb zu wenig erhält. Der Verlust ist nicht so arg wie er aussieht, ba ein gut Teil verkappter Margarine bazwischen steckt, bie bekanntlich blos bie Hälfte wert ist!
Um von Rixborf zebuch auch etwas Gutes zu sagen, bitte ich ben Leser, mit mir nach ber Berliner Straße dort zu roanbern. Dicht neben bem alten Jakobikirchhof finbet lich ein Komplex von Gebäuden, ber einen Zweig allererster Kunst repräsentiert. Es finb bie Werkstätten der Glasmosaik-Gesellschaft Puhl unb Wagner, bie vor kurzem burch Kaiserliche Verfügung zum Hoflieferanten unter Erlaß ber Stempelgebühren ernannt worben ist. Es ist ein interessanter Rundgang, den man hier vornimmt. Man sieht, wie bic schönen Mosaiken entstehen, vom Glasschmelzofen angefangcn. Man blickt bem Zeichner über bie Schulter, der ein prächtiges Kirchenfenster entwirft, man läßt sich von einem Meister erklären, wie sehr es auf ben richtigen Härtegrab anfommt, wenn eine Mosaik trollenbet erscheinen soll, wie Farbe, Reflexfeuer, Tiefe unb Fülle ber kleinen Steinchen sorgfältig vorbereitet werben, um eine vornehme Gesamtwirlung herdeizuführen. Hier entstehen bie wunberoollen Mosaiken für ben neuen Tom unb bie herrliche Kaiser Lilhelm-Gcdächtniskirche in Charlottenburg. Auch der kunstvolle Altar, Den ber Kaiser seinerzeit bem Kloster Maria Laach gestiftet hat, würbe hier ausgeführt. Und so manches schöne Srück Gelb, das früher nach Venedig rollte, wo bekanntlich bisher musivische Arbeit für bie ganze Welt geschaffen wurde, kann jetzt im Lande bleiben, unb zwar in Rixborf. Auch auf anderen Gebieten leistet die Jndusirie Rixoorss sehr Anerkennenswertes. Rixdorfer Linoleum ist keine schlechte Marke. Ebenso bringen Groß- tischlereien unb Brauereien tüchtigen Verdienst. Ter Klang des Gelbes in ber Tasche ist nämlich bie „Musike", bic auch bem Rixborfer trotz ihrer Kreuzpolka bei weitem bie liebste ist! - 21. 9t


