Samstag 7. Februar 1903
153. Jahrgang
Viertes Blatt.
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Gießen, den 1. Februar 1903.
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LI. Menarververfammlung des Aeut^chen JLanb- wirtschaftsrats.
(Ausführlicher Bericht.)
III.
Auf Vorschlag des Vorsitzenden, Grafen Schwerin-Löwitz wird zunächst ein Referat des Geh. Regierungsrats Professors Dr. Delbrück (Berlin) über die Notwendigkeit der Errichtung von Versuchsanstalten für Mül- lerer und Bäckerei vorweggenommcn. Die kurzen Äussührungcn Delbrücks gipfelten in folgender, ohne Debatte zur Annahme gelangter Resolution:
1. Der Deutsche Landwirtschaftsrat begrüßt den Plan der preußischen landwirtschaftlichen Verwaltung, eine Ver- suchsanstalt für Kornlagerung, Müllerei und Bäckerei zu errichten, mit großer Freude; er hält es für angemessen, ine Ausgabe der Anstalt nicht auf die planmäßige Unter- juchung aus inländischem und ausländischem Morn her- g.stellte Mehle auf Backfähigleit zu beschränten, sondern die gejamte Technologie der .stornlngerung, des Müllereiwesens und der Bäckerei als Ausgabe zu bezeichnen. >. Er hält die Anglieoerung der neuen Anstalt an die technische Abteilung der lanowirtschaftlichen Hochschule in dem Sinne der Zugehörigkeit der Institute für Zucker- ittdustrie und Gährungsgewerbe und Stärkefabritation uud ;war als eine selbständige Anstalt für angemessen. Dabei ist die Entwickelung der Versuchsanstalt zu einer Lehr- aiistalt ins Auge zu fassen. 3. Er hält die Organisation, wonach der preußische Staat die Baumlttel, die interessierten verbände die Betriebsmittel hergeben für eine zwectmäßige,
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unter der Voraussetzung, daß die preußische landwirtschaftliche Verwaltung die Oberaufsicht führt und die landwirtschaftlichen Jnteressenverbändc bei der Leitung angemessen btteirigt werden. 4. Er hält die zu lösende Aufgabe für so umfassend, daß die gleichzeitige Inangriffnahme durch geeignete landwirtschaftliche Versuchsstationen als empfehlenswert erachtet werden muß. 5. Er bedauert, daß cs nicht ' möglich gewesen ist, die Bausumme bereits in den Etat für 1903 einzustellen; er hält es für notwendig- die durch einfachere Verjuchsaufstellung zu lösenden technisch-wissen- schaftiichen Aufgaben unmittelbar in Angriff zu nehmen, und empfiehlt zu diesem Behufe eine provisorische Organi- svtion in dem Sinne der geplanten größeren schon jetzr ins
mit Oesterreich-Ung'arn besteht, im landwirtschaftlichen Interesse nicht zu empfehlen. Der Verkehr mit dem Ausländ ist vielmehr uneingeschränkt den Bestimmungen des Viehseuchenaesetzes zu unterstellen. Unter allen Umständen sind aber die Bestimmungen des Artikels 6 nicht aufzunehmen."
Bei der Abstimmung wurde Absatz 1 des Antrages des Ständigen Ausschusses einstimmig angenommen, dagegen wurde Absatz 2 mit großer Mehrheit abgelehnt.
Hierauf wurde auf Antrag der landwirtschaftlichen Versuchsstationen beschlossen, den Laudwirtschaftsministcr zu bitten, dahin zu wirken, daß die biologische Abteilung des kaiserl. Gesundheitsamtes mit der eingehenden Erforschung schädlicher Futterwirkungen beauftragt und mit einem dieser Aufgabe gewachsenen Forschungsinstitute ausgerüstet werde. Diejenigen Bundesstaaten, in denen sich landwirtschaftliche und tierärztliche Hochschulen befinden, sollen gebeten werden, diesen die nötigen Geldmittel zur Verfügung au stellen, um ebenfalls die Frage der Erforschung schädlicher Futterwirkungen aufnehmcn zu können.
Endlich wurde auf Antrag Arnim-Gütcrberg mit geringer Mehrheit beschlossen, an den Bundesrat zu petitionieren, dem Reichstage noch in der gegenwärtigen Session eine Gesetzesvorlage zu machen, die den Zweck hat, die Kontingentierung dtw inländischen Zuckerverbrauchs auf der Grundlage des Doppelkontingents herbcizusühren. Eine größere Mehrheit fand eine Resolution auf Beseitigung der ganzen Zuckersteuer.
Kurpfuscher - Prozeß.
Berlin, 6. Februar.
In der gestrigen Verhandlung (vgl. Nr. 30) bemerkt der Präs.: Im Adreßbuch von 1903 steht der Angeklagte N. verzeichnet als „Nardenkötter, Bankier und Direktor des Heilinstituts Qmstsana". Sie sind doch gar kein Bankier. — Angekl. 9L: Ich besorge die Bankgeschäfte meiner Schwester und meiner Frau. (Heiterkeit.) — Zeuge 'Münzberg ist längere Zeit als Schreiber, Buchhalter, Ex- pebieiit, Packer, kurz als 'Mann für alles bei Nardenlotter beschäftigt gewesen und hat auch Rezepte ausgeschrieben. Zu seiner Zeil war ein Arzt dort gar nicht tätig, und die Rezepte, die zu Klejper nach Fritzlar geschickt wurden, hatten keine ärztliche Unterschrift. Nardenlotter habe auch hier große 'Massen von 'Medikamenten selbst angefertigt und dann nach Frttzlar geschickt. — Der Angekl. Klesper gibt zu, daß er zuletzt auch Rezepte ohne ärztliche Unterschrift aus- gesührt und die fertig ihm zugeschickten Medikamente fortgejandt habe, ohne sie besonders zu kontrollieren. — Zeuge Münzberg erklärt weiter, die Kur sei ihm nur als Schröpfung der Kranken vorgekommen, namentlich die „Nachkuren". — Präs.: Sie haben es wohl auch für wunderbar erachtet, daß ein Apothekergehilfe solche horrenden Preise für seine Kuren forderte? — Zeuge: Tas gerade nicht. Von de>i Lebenden konnte er doch nur was kriegen, von den Toten aber nichtsl (Heiterkeit). — Präs.: Sind nicht auch giftige Medikamente als „Ti u ft er ohne Wer t" versandt worden? — Zeuge: Tas ist richtig. — Präs.: Wie viele Briese gingen bei dem Angeklagten täglich ein? — Zeuge: Täglich etwa 90 Briefe, darunter 7—10 neue Aufträge. — Präs.: Was wurde mit den em- gesandten Urinproben gemacht? — Zeuge: Die wurden einfach rueggeiDorfen! (Heiterkeit.) Ich hatte im allgemeinen den Auftrag, nachzusehen, ob im Fragebogen „Nierenkrankheit" verzeichnet stehe, andernfalls aber die Urinprobe wegzuwerfen. Alan wickelte die Urinproben nur auf, weil manche Leute so dumm waren, die Fragebogen und das Geld dort gleich beizupacken. (Heiterkeit.) Es sind viele Dankschreiben bei dem Angeklagten eingegangen, aber auch Schreiben entgegengesetzter Art. Letztere wurden gar nicht beantwortet. Der Äiigeklagie sagte einsach: „Tie Leute sind verrückt! Was will denn der Esel? — und weg ivar's!" (Heiterkeit.) Einmal hat der Angeklagte dem Zeugen gesagt, er wolle sich einen Arzt annehmen, um sich den Rücken zu decken. Ein anderes Tlal sagte er: „Wenn es noch fünf Jahre so iveiter gehe, dann habe er es geschafft, dann könne er das Geschäft anderen überlassen. — Der Zeuge ist schließlich im Zwist oom Angeklagten geschieden. — Erster Staatsanwalt Dr. Pelz: Weshalb denn?—Zeuge: Ich dachte, bei dem Angeklagten etwas werden zu können, ivar aber darin getäuscht. — Staatsamv.: Sie dachten ivohl Oberarzt werden zu können? (Heiterkeit.)
Apothekenbesitzer Dr. Laux wird als Sachverständiger vernommen. Er hat der Haussuchung bei dem Angekl. Nardenkötter beigewohnt. In fünf verschiedenen Räumen wurden 'Medikamente, Darunter viele metallische und Pflanzengifte, gefunden. Ueberall habe die grenzenloseste Unordnung und Unsauberkeit geherrscht, starke Gifte hätten sich in der Küche zwifchen^den Wlrtschäflsgegen- ftänben befunden. Es wurde u. a. eine große Flasche beschlagnahmt, die 10 Pfund Arseniklöjung enthalten hatte und bis zu einem Tritel entleert war. Wagen oder andere Apparate, die zur Bereitung von kleinen Mengen Arzneien notivendig sind, wurden nicht ge-
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funbeit. — Ter folgende Zeuge, Schreiber Georg Niemann, ist etwa eck)^ Monate bei Nardenkötter beschäftigt gewesen und schildert dessen Geschäftshandhabung in drastischer Weise. Der Zeuge hat Arznei, die 9lnrbcnfötter in der Badewanne zusammengesetzt hatte, auf kleine Flaschen füllen müssen. In der fogcnaiinten „Kabuse", einem kleinen, dunklen Raum, hätten allerlei Sachen durcheinander gestanden, von denen besonders ein großer Sack mit gestoßenem Alaun am meisten in Anspruch genommen wurde. 91. habe zu damaliger Zeit die Medikamente selbst zusammengesetzt, die flüssigen in kleineren Wannen. Einmal habe Nardenkötter einem auswärts wohnenden Patienten ein großes Glas voll Absührpillen geschickt. Jener habe sie aus Unverstand in drei Tagen zu sich genommen und daun in einem Schreiben die Wirkung geschildert, worüber Nardenkötter sich höchlichst amüsierte. Auf eine Anzeige des Angeklagten, daß er einen Arzt suche, seien täglich viele Anerbietungen eingegangen; zum Abhvlen der einlanfenben Gelder sei ein großer leinener Beutel bestimmt gewesen; die tägliche Einnahme habe zivischen 700 und 1000 'Mark geschwankt.
Sodann wird die unverehelichte Biematzki vernommen, die vom 1. Mai bis 1. August 1900 bei Nardenkötter Wirtschafterin mar. Auch sie bekundet, daß der 9lugeflagte innere und äußere Arzneien in derselben großen Wanne znsammensetzte, die dann von der Zeugin auf kleine Flaschen gefüllt wurden. Bisweilen habe der Angeklagte sie darauf aufmerksam gemacht, daß sie vorsichtig mit den stark wirkenden, giftigen 'Mitteln umzugehen habe. Es erregte Aussehen und Entrüstung, als die Zeugin weiter bekundete, daß Fran Nardenkötter in derselben W a n n e b a b e t e, die dann mit kaltem Wasser ausgespült und wieder zur Herstellung von Aledikamenten für inneren und äußeren Gebrauch benützt wurde. Tie Zeugin erzählt ferner, daß sie ihren Bräutigam Schott überredet habe, ein von 91ardenkötter verfaßtes Schriftstück zu unterzeichnen, ivonach der Versand der Aledikamente auf Schotts Namen erfolgen solle. Nardenkötter habe diese Ge- iiehniigung mit 50 Mk. monatlich vergütet.
Zeuge F e l d k a ni >u war ein Angestellter Nardenkötlers. Wenn Befchwerdebriese der Leidenden gekommen seien, habe der Angellagle sich in der Regel sehr zynisch geäußert. Aeußerungen ivie: „Ja, was will denn der Kerl? Ich kann ihn auch nicht gesund machen!" feien häufig gefallen. Einmal habe er die Nachricht erhalten, daß ein Patient gestorben sei.- Ta habe 9tarbenfötter gejagt : „Der Kerl hätte wenigstens so lange leben können, bis die ganze 'Nachnahme eingelöst war."
In der heutigen Sitzung gab der Vorsitzende ein Schreiben des Polizeipräsidenten bekannt, welches besagt, letzterer finde im Verfahren des Zeugen Apothekers Henke eine Verletzung der Apo- lhekerbetriebsordmingen, ferner der Giftvorschriften sowie des § 263 des Strafgesetzbuches. Er stelle dem Staatsanwalt die Anklageerhebung anheim und erbitte deren öffentliche Bekanntgabe zwecks Beseitigimg der. Erregung des PublikwnS.
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Leben zu rufen.
Der Antrag des Referenten zur Zuckerkonvention, Rittmeisters v. Arnrm-Güterberg hat folgenden Wortlaut:
„Der Deutsche Landwirtschaftsrat bittet die verbündeten Regierungen, dem Reichstage noch in der gegenwärtigen Seffion eine Gesetzesvorlage zu machen, die den Zweck hat, die Kontingentierung des inländischen Zuckerverbrauches auf der Grundlage des Toppeltontingents herbeizuführen."
An zweiter Stelle wurde über das Viehsenchen- ub er ein kommen mit Oesterreich-Ungarn verhandelt. Ter erste Referent war Frhr. v. Soden (Frann- yofen). Er begründet den Antrag des StändigenAusschusses, iber lautet:
„1. Bei dem etwaigen Abschluß eines neuen Handelsvertrages mit Oesterreich-Ungarn ist mit Rücksicht auf eine erfolgreiche Belämpfung der Viehfeuchen eine Erneuerung des Viehseuchenübereinrommens mit Oesterreich-Ungarn im landwirtschaftlichen und allgemein volkswirtschaftlichen Interesse nicht zu empfehlen. Ter Verkehr mit Oesterreich-Ungarn ist vielmehr uneingeschränkt den Bestimmungen des Viehseuchengesetzes zu unterstellen. 2. Sollte wider Erwarten eine Erneuerung des Vichseucyenüber- cinkommens nicht zu umgehen sein, so dürfen die Bestimmungen im Artikel 6 des bisherigen Uebereinkom- mens und im Schlußprotokoll sub 4 die Vereinbarungen betreffend die Ueberführnng in Schlachthäuser ■ nicht wieder ausgenommen werden."
Der zwecke Referent zum Viehseuchenübereinkommen mit Oesterreich-Ungarn, Kammerherr Freiherr Er f f a-Wernburg stützt sich in seinen Darlegungen gegen Sie Erneuerung der Konvention im wesentlichen auf die Statistik. Wir brauchen stabile Verhältnisse, um die io- lojfalen Lücken, die die Seuchen in unseren Viehbestand gebracht Haven, -auszugleichen und so viele Tiere heranzuziehen, daß es einer gewissen Seite künftig unmöglich wird, ans parteipolitischem Interesse eine Agitation mit dem Schlagwort von einer angeblichen Fleisch not in ^zene zu setzen. (Anhaltender Beifall.)
Reichstagsabg. Graf v. B e r n st o r f f - Wehningen em- o stehlt folgenden Antrag:
„Becin Abschluß von Handelsverträgen ist mit Rücksicht auf eine erfolgreiche Bekämpfung der Viehseuchen ein Abschluß von Viehseuchenübereinkommen, wie es fetzt
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