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Zweites Blatt.
153. Jahrgang
Donnerstag 6. August 1903
Gietzener Anzeiger
** General-Anzeiger "
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen
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Are heutige Yummer umfaßt 8 Seite«.
Volitische Tagesschau.
Vom Militär.
Man schreibt uns aus Berlin:
Tas militärische Leben treibt seinem Höhepunkt zu: den Manövertagen. In allen Gauen des Vaterlandes wird an ine wafsentragende Mannschaft der letzte Schliff ge- wgt, um sie tüchtig zu machen für den „Krieg im Frieden". Tas allgemeine Interesse gehört, wie alljährlich, den brm anö v ern. Sie finden ihr Vorspiel in den großen Kavallerieübungen, zu denen der oberste Kriegsherr gleich nach der Rückkehr von der Nordlandreise sich begeben wird. T-ie Sonderveranstaltung dieser Hebungen großen Strls darf wohl als ein Beweis angesehen werden, daß die Vermehrung der Kavallerie in der kommenden Militärvorlage eine besondere Rolle spielen wird. Soweit freilich
Verwaltung des Reichsheeres in Betracht kommt, deutet äußerlich nichts auf eine großzügige Tätigkeit hin. Die preußische Kriegsminister-„Krisis" besteht noch. General v. Goßler bleibt einstweilen der eigentliche Verwaltungs- chef, während Generalleutnant v. Einem weiterhin in Vertretung des Kriegsministers zeichnet. Da indessen das Ende des dreimonatlichen Urlaubs Herrn v. Goßlers mit dem Abschluß der Kaisermanöver zusammenfällt, so ist anzunehmen, daß dann General v. Goßler verabschiedet und Herr v. Einem endgiltig zum preußischen Kriegsminister ernannt wird. Auf die Vertretung der Militärvorlage im Reichstag sich vorzubereiten, hätte Herr v. Einem auch dann noch hinreichend Zeit, da die erste Lesung der Vorlage kaum vor dem Januar stattfinden wird. Die Grundzüge der neuen Militärvorlage stehen in der Hauptsache fest. So in erster Linie die Erneuerung des Quinquennats. Rechnungsmäßig allerdings dürfte die Bearbeitung der Vorlage noch nicht abgeschlossen fcth, da auch die Militärverwaltung im Interesse des Ganzen von dem Bestreben geleitet ist, ist einzelnen Abstriche und Einschränkungen vorzunehmen. Erst wenn Bedarf und Kosten in das richtige Verhältnis gebracht sind, ist die Militärverwaltung in der Lage, den Entwurf dem Reichskanzler zu unterbreiten, der dann mit den Bundesregierungen sich ins Benehmen setzt.
Italiens volkswirtschaftliche Lage.
Bei der Eröffnungsfeier der Landwirtschafts- und Jn- oustrieausstellung der Provinz Venedig in Undine hielt Finanzminister Carcano eine Rede, in der er über die ökonomische, die industrielle und die Finanzlage Italiens sprach. Er führte aus, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und die Entwicklung der industriellen Tättgkeit,insbesondere eine weitgehende Verwendung der Elektrotechnik und der Tampfkrast schreite immer fort. Auch der Handel entwickle sich stetig. In den letzten zwölf Jahren fei die Einfuhr um 28 Prozent, nämlich von 1301 000 000 Lire aus 1 776000 000 Lire gestiegen; die Ausfuhr aber habe sich um 57 Proz., von 950 Millionen auf eine Milliarde 492 Millionen gesteigert. Die verzinslichen Einlagen in den Sparkassen beliefen sich auf 3 Milliarden Lire. Der Minister besprach sodann die Finanzlage und betonte, daß in dem mit dem 30. Juni des Jahres 1901 zu Ende gegangenen Finanzjahre der Ueber- schuß mehr als 41 Millionen und im Finanzjahr 1901/02 32 Millionen Lire betragen habe. Auch für das mit dem 30. Juni 1903 beendete Finanzjahr werde der Ueberschuß rund 60 Millionen ergeben. Tie italienische Rente stehe über pari, das Agio sei verschwunden. Demgemäß sei die Fortführung der Steuerreform erleichtert, man werde bald an die Konversion der Rente gehen können. Der Minister
sprach sodann Zanardellis Glückwünsche zur Eröffnung der Ausstellung aus und schloß mit einem Hoch auf den Mnig.
Zanardelli und die Papstwahl.
Der italienische Ministerpräsident hatte, noch bevor das Wahlresultat bekannt war, eine Unterredung mit dem römischen Berichterstatter des „Berl. Lok.-Anz." Darm soll er geäußert haben: „Ist es für das Schicksal Italiens so wichtig, wer von den 62 Kardinälen des Konklave auf Petri Stuhl sitzen wird? Wir haben einen konzilianten und einen intransigenten Papst gehabt, beides sogar nach einander in der Person Leos XIII. Beide haben Italien in seiner Entwickelung nicht gehindert. Klarer bleibt die Situation, wenn die Politik des verstorbenen Papstes so, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat, fortgesetzt wird, obwohl freilich vom ethischen Standpunkt aus ein versöhnlicher Papst zu wünschen wäre, einer, der sich um nichts kümmert als um die Angelegenheit der Religion und der Kirche im wahren Sinne des Wortes. Ein solcher würde wahrscheinlich di Pietro oder Capecelatro sein. Aber zu fürchten hat Italien heute nichts mehr, auch von dem unversöhnlichen Papst nicht." — Eines erhofft der italienische Ministerpräsident von dem neuen Papst: daß er nämlich den Besuch des Kaisers Franz Josef in Rom zustande bringen werde, der schon im Interesse des Dreibundes ein heißer Wunsch Italiens bleiben muß. Hat em Papst unter den heutigen Umständen den Präsidenten der französischen Republik empfangen, so wird sein Nachfolger sich wohl entschließen, den Kaiser von Oesterreich zu empfangen, auch wenn er der Gast be§- Königs von Italien ist.
Heer und Flotte.
Kiel, 5. Aug. Das Kriegsgericht des zweiten Admirals des ersten Geschwaders sprach den Kommandanten der „Amazone", Fregattenkapitän Gerdes, von der Anklage der fahrlässigen Herbeiführung des Auflaufens der „Amazone" in Brest am 1. Juni frei, da sein Verhalten tadellos war, erkannte dagegen gegen den Kapitänleutnant Schade auf acht Tage Stubenarrest wegen Ungehorsams gegen einen Dienstbefehl. Es waren beantragt gegen Gerdes ein Tag und gegen Schade drei Tage Stubenarrest.
Säbel beim Train. Das „Armeeverordnungsblatt" enthält nachstehende kaiserliche Ordre: Aust den mir gehaltenen Vortrag bestimme ich, daß der Säbel beim Train in der für die Feldartillerie vorgeschriebenen Weise zu tragen ist. Der Schleppriemen am Säbelkoppel fällt fort. Tas Kriegsministerium hat hiernach das weitere zu veranlassen.
Internationaler Kongreß zur Bekämpfung der Vivisektion.
Fortsetzung.
Frankfurt, 5. Aug.
Tie gestrigen Nachmittagsverhandlungen des internationalen Kongresses brachten Vorträge des Direktors Engler-Dresden, Nuhl-Verviers und Stenz-Berlin. Die Vereine in Moskau haben ihren Beitritt zum Weltbund erklärt; also hat auch die Bewegung in Rußland Form und Farbe angenommen. Direktor Engler wandte sich gegen den in Grausamkeiten ausartenden Tiersport und forderte darin wie auch in der Verstümmelung der Tiere — der Hunde und Pferde — unbedingte Abhilfe. Ruhl- Verviers wünscht Verbreitung von Flugschriften und Kalendern, die besonders auf die Jugend großen Eindruck
machten. Stenz-Berlin macht Vorschläge, nach denen der T i e r s ch u tz in Italien gefördert werden könnte. Vögel, Maultiere, Pferde re. werden in Italien unausgesetzt mißhandelt und gequält, sodaß dort die Tierquälerei den Höhepunkt erreicht hat, trotz des Tierschutzgesetzes, das dort dem Buchstaben nach sehr streng, aber in Wirklichkeit wirkungslos ist. Abhilfe kann in Italien nur dann geschaffen werden, wenn die Behörden nachhaltiger in den Kampf eingreifen. Die wenigen Tierschutzvereine bedürfen sehr der Unterstützung, da sie sonst ihren Einfluß nicht ausüben können. Redner fordert, baß die Frenrden die italienische Tierquälerei nicht dadurch unterstützen, daß sie dort Vögel kaufen oder mit abgequälten Pferden fahren, oder auf blutenden verletzten Maultieren reiten re., sie sollen vielmehr jederzeit ihr Mißfallen über die Schindereien ausdrücken. In der freien Aussprache betonte Pros. Förster, daß grausame Tierquälerei eine Schattenseite aller Südländer, auch der Griechen und Span ier sei. Oberst Spohr-Gießen verurteilte die Quälerei der Reitpferde. In Italien hÄen sich die Verhältnisse seit einigen Jahren etwas gebessert, aber es ist dort noch sehr viel zu tun. Stand in ger- Zrantfurk betonte, daß es ein „edles" Weidwerk nicht gibt; „er schätze Jäger und Metzger gleich". Dü n ck e l-Leipzig nnterfrützte die Forderungen des Referenten Stenz-Berlin. Dr. Puricell i-Wien bemerkt, daß das böse Beispiel von Italien bis nach Oesterreich hinüber wirke. Besserung wird erst dann erzielt werden, wenn das Publikum einsieht, daß das Tier nicht etwa eine Sache, sondern ein fühlendes Wesen ist, eine Einsicht, die in Italien und vielen Teilen Oesterreichs noch gänzlich fehlt. Prof. Quid d e-München erweiterte die Vorschläge des Referenten Stenz und wünschte, daß warnende Flugblätter, die in den Eisenbahnen nach Italien verteilt werden sollen, im Namen der italienischen Tierschutzvereine ausgegeben werden. Schwant je - Berlin wandte sich noch einmal gegen das „edle" Weidwerk, das ihn Lustmord dünkt, während Direktor Engler unter edel nur „menschlich" verstanden haben will. Darnach tourben einige Anträge angenommen. Die Leitung des Weltbundes bis zum nächsten Kongreß wurde der Schweiz, die durch Dekan v. Bergen-Zürich vertreten war, übertragen, nachdem England abgelehnt hatte. Zum Schluß dankte der Kongreßleiter, Prof. Förster, allen Teilnehmern für ihre Mitarbeit und forderte zu weiterem Streben auf. Die Verhandlungen sairden um sieben Uhr ihr Ende. Abends schloß sich eine musikalische Unterhaltung an. — Im Restaurant Easino tagten nach dem zweiten internationalen Kongreß heute die dem Weltbünde angehörenden deutschen Vereine. Prof. Förster führte den Vorsitz. Bis die Schweiz die Leitung des Weltbundes endgültig übernimmt, treten die Herren Staudinger-Frcmkfurt und Prof. Quidde-München der einstweilen noch deutschen Leitung bei. Zu Anfang oer Verhandlungen betonte Prof. Quid de, daß durch den internationalen Kongreß das Gefühl der Zusammengehörigkeit sehr gestärkt wurde. Er hofft, daß nun auch die großen Gesellschaften des Auslandes die durch den Kongreß und die Drucklegung der Berichte :c. erwachsenen und noch erwachsenden Kosten bestreiten helfen. Prof. Först er'stellt fest, daß das Ausland bis jetzt noch keine finanzielle Beihülfe geleistet hat. Auf Anregung Dünkels-Leipzig liegt eine Denkschrift „Was verlangen wir für den Schutz der Tiere? seitens der Behörden vor, und Quidde hat einen Entwurf „Tie Notwendigkeit eines größeren Schutzes der Tiere durch das Strafgesetz" vorgelegt. Stenz-Berlin referiert über die Denkschriften, die sehr umfangreich sind. Tie ausgedehnte Debatte eröffnete M. Voigt-Frankfurt, der schmerzlose operative Tierversuche im Interesse der Wissenschaft nicht prinzipiell verwirft. Tr. Pfaffrath- Wiesbaden widersprach, da es solche „schmerzlosen" Vivisektionsversuche überhaupt nicht gebe. Frau Prof. Quidde und Herr Staudinger verwarfen alle Konzessionen in
Feuilleton.
Zur Hund ertjahrfeier der Reorganisation der Universität Heidelberg. Die Hochk- schule von „Alt-Heidelberg" ist die älteste im ganzen Reiche. Oie wurde 1386 vom Kurfürsten Ruprecht I. von der Pfalz, 710(1)1 dem Vorbilde von Paris, mit vier Fakultäten begründet. Der Organisator und erste Rektor war der Niederländer Marsilius von Jnghen, vordem Professor in Paris; der erste Kanzler war Konrad von Gelnhausen, Domprobst von Worms. Die Universität trug zuerst einen kirchlich^- scholastischen Charakter Erst allmählich kam ein freierer Geist zum Durchpruch. Mitte des 16. Jahrhunderts führte Otto Heinrich, mit dessen Namen der schönste Teil deZ Schlosses verknüpft ist, unter Mitwirkung Melanchtbons eine Umgestaltung der Hochschule durch, sodaß hier an die Stelle der Scholastik der Humanismus trat und die Reformation den Katholizismus ablöste. Tie nun folgende Blüteperiode nahm ein Ende im dreißigjährigen Kriege mit der Eroberung Heidelbergs durch Tilly (1622). Nach einem Besuch des Herzogs Maximilian von Bayern tour5e die Universität 1652 vom Kurfürsten Karl Ludwig neu errichtet, unter Beseitigung des früheren tonfessionelleu Charakters. Aber die zweimalige Zerstörung Heidelbergs'durch die Franzosen (1689 und 1693) bereitete auch der Hochschule wieder ein Ende. Ein Teil der Professoren suchte sie zu erhalten; aber während des ganzen 18. Jahrhunderts war ihr unter der Herrschaft der katholischen Gegenreformation nur ein ziemlich trauriges Dasein beschieden, und mit der Weg- n.ahme der überrheinischen Pfalz durch die Franzosen (1802) schien die Universität, die gleichzeitig fast alle ihre Besitzungen und Einkünfte verloren hatte, dem Schicksal der üluflofung verfallen zu sein. Da trat ein Wendepunkt,
und eine neue Blüte mit dem Uebergang des Londes au Baden ein: der hochherzige Kurfürst und spätere Groß?- herzog Karl Friedrich war es, dem die alte Bildungsstätte neues Leben verdankte; durch das Organisationsedikt vom 13. Mai 1803 wurde die Universität Heidelberg „als hohe Landesschule erklärt, bestätigt und neu dotiert". Sie führt seitdem zum Andenken an ihre beiden Stifter den Namen „Ruperto-Carola". Tas Rektorat übernahm Karl Friedrich selbst für sich und für feine Nachfolger. Gegenwärtig umfaßt die Hochschule fünf Fakultäten: die theologische, die juristische, medizinische, philosophische und naturwissen- schaftlich-mathematische. Dank der Bedeutung ihrer Lehrer, angesichts des reich entwickelten studentischen Lebens und der herrlichen, von dem wundervollen Schlosse gekrönten Naturschönheiten hat die Musenstätte ihren mlten Reiz bewahrt und immer von neuem verstärkt. So klingt denn zu ihrem Ruhme das Lied ihres besten, wackeren Sängers Joses Viktor Scheffel heute und allezeit:
„Alt-Heidelberg, du. feine, Du Stadt an Ehren reich, Am Necker und am Rheine Keine andre kommt dir gleich!"
Das Juli-Heft der „Kunst" (München, Bruck- manu, vierteljährlich 6 Mk.) beschäftigt sich in der das Heft einleitenden ersten größeren Veröffentlichung mit der Sommer-Ausstellung der Münchener Sezession. 52 Abbildungen geben die Hauptwerke der Ausstellung wieder, die als Ganzes ein recht frisches, mannigfach gestaltetes Aussehen zeigt. Dr. Georg Habich hat darüber textlich berichtet. Von einer Kunstreise nach England erzähl! sooann W. Fred. Architektur gilt ihm als das künstlerische Gebiet, auf dem England heute wirklich groß ist, 62 Abbildungen bieten u. a. charakteristisch gewählte Proben dafür, die in der Tat zu ernster Beschäftigung mit dem darin Geleisteten
I anregen. Weiterhin bespricht W. Vogelsang, von 12 Abbildungen unterstützt, die reizvollen Metallarbeiten des Amsterdamers, Jan Eisenloeffel; ein letzter Artikel mit 21 Illustrationen berichtet über die vom Leipziger Kunstgewerbemuseum veranstaltete Wanderausstellung „Die Pflanze in ihrer dekorativen Verwertung". Ein reichhaltiger Notizenteil ist dem Hefte wie üblich eingestreut.
In die Reihe der schönsten und wertvollsten deutschen Zeitschriften ist „Die S ch ö n h e i t", herausgegeben von Karl Vanselow, getreten. Reich illustriert, frei und vornehm, voll Sonne und Jugend, mit Beiträgen erster Schriftsteller und Künstler, umfaßt die „Schönheit" alles, was für gebildete Frauen und Männer von Reiz und Interesse ist, im besonderen die Schönheit des Leibes, der Kleidung, der häuslichen und öffentlichen Umgebung, Liebe und Freude, Tanz und Spiel, Kunst und schöne Bildung, Gesundheit und Natürlichkeit, sittliche und gesellschaftliche Verjüngung. — Jeden Monat erscheint ein reichhaltiges und interessantes Heft in vornehmster Ausstattung mit etwa dreißig ausgewählt schönen Illustrationen. Mit dem seltenen Reiz und Wert des in Wort und Bild Gebotenen verbindet sich der Vorzug des geringen Preises, halbjährlich 4 Mk., einzelne Hefte 75 Psg. (Verlag der Schönheit, Berlin).
Wissenschaftliche Expedition. Im nächsten Frühjahr geht, wie aus Stockholm gemeldet wird, eine schwedische toisienjchaftliche Expeoition nach dem nördlichen Teile des Stillen Ozeans. Leiter der Expedition, an der sechs schwedische Naturforscher teilnehmen und deren Kosten Konsul B r o m s trägt, ist der Konservator K o lt- hosf. Die Teilnehmer fahren im April mit der Eisenbahn durch Rußland und Sibirien nach Port Arthur und besteigen dort das vorausgesandte Schiff der Expedition.


