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06/06/1903 Drittes Blatt
 
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Samstag 4?. Jnni 1903

153. Jahrgang

Drittes Blatt.

öeiBflipretti monattlch7bPt., viertel- jährlich Mk. 2 JO; durch 'Jlbbolc- u. Zweigstellen monatlich 65 Pl.; durch die Post "Mk.2. viertel- löt)vL ausichl. Bestellg. Annahme van Anzeigen üi die Tagevnummer it oormuiag» 10 Uhr.

ctlcnprei»: total 12 UU aueroärtl 80 Pig.

BeraalworNlch tür den poltt unb aUgcm. Teil. P Ötttto: tüt .Stadt unb tJantr und Jflcnd)t«1acd: August Götz, tüi beu An­zeigenteil Han« Berk.

SichenerAnzeiger

General-Anzeiger * * * * v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Nr. 130

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen- blätter viermal In der Woche deigelegt.

Rotationsdruck n. Ver­lag der Brüh l'schen Unwers.-Buch- u.Stein- bruderet (Pietsch Erbens Redaktion. fcpebttton und Druckerei:

Schutstratze 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«.

FerntprrchanlckilubNr 51.

Memoiren aus Parade- unb Manövertagen manches inter­

essante Histörchen von Friedrich dem Großen mitgeteiL.

Einmal, auf dem Tempelhofer Felde, ist Cars Zeuge, wie das Regiment Gensdarmes ausmarschrersn soll. Dtajor

v. Kleist muß mit seiner Schwadron nach rechts ab- schwenken und kommandiert dazu:Augen rechts!" Ter König nach etlichen beißenden Worten. an den Major tom- mandierl dagegen:Augen linkts!" Tie Schwadron führt den Befehl des Königs natürlich aus; aber Kleist befiehlt zum zwcüenmale:Äugen rechts!" und fügt laut hinzu: Sie müssen rechts fern!" Ter König schweigt. Kleist hat Recht gehabt. Roch verblüffender wirkt die Antwort des berühmten Seydlitz, der in Ohlau dem Könige sein Kürassicrregiment vorsührt, das seinem alten Ruhm ent» sprechend wirklich in vorzüglicher Verfassung ist. Aber der König ist ungnädig, und wie er vom Pferde steigt, um sich nach seinem Wagen zu begeben, sagt er laut zu dem Reitergeneral:Seydlitz. sagen Sie Ihrem Regiment, daß es sehr schlecht manövriert Hai, und daß ich ebenso un­zufrieden mit den Offizieren wie mit der Truppe bin!" Und Seydlitz. der die Worte des Königs vor seinen Ossi» zieren wiederholt, fetzt mit erhobener Stimme, sodaß auch dem Könige fein Worr entgehen kann, hinzu:Was mich an betrifft, so habe ich Sie nur zu bitten, sich in demselben Zustande der Vollkommenheit zu erhalten!' Man sieht, auch damals kamen Tifse- renzen vor zwischen dem König als obersten Kriegsherrn und seinen Generalen. Und wenn auch das Subordinations­gefühl sich heute nicht erkühnt, irgend welche Entgegnungen auf eine scharfe Kritik laut werden zu lassen, so redet statt dessen manch unerwarietes Abschiedsgesuch. Aber auch heut. ..uc damrls sinder sich, wenn s recht scheint, ein glück­licher Ausweg. Tenn Seydlitz ist nach diesem Vorfall nicht erwa in Ungnade gefallen. A. 3c

beanspruchen. Auch hier war der schlichte Frack beängstigend knapp an Zahl vertreten. Ueberall Uniformen, im Par- quett, in den Logen, in allen Rängen. Excellenz Menzel, der nun bald 88jährige, war eine der wenigen Ausnahmen. Aber auch ihm mochten die Vorgänge aus der Bühne nicht allzu lebhafte Freude zu erwecken. Es ging ihm wie einst­mals dem alten Ziethen, der sein Teil am Wachen auch reichlich hinter sich hatte. Tie Absverrungen in Töberitz erinnern übrigens wieder an eine Rechnung, die im Vor­jahre ein Nauenscher Professor von der Militärbehörde zugestellt erhielt. Ter Uebereifrige hatte nämlich bei einem Spaziergänge in der Nauener Flur ein paar Jungen mit einem verdächtig aussehenden Metallstück herumspielen sehen, das sich nach näherer Betrachtung als eine tadel­lose, unkrepierte Granate erwies, die sich vom Töberitzer Artillerieschießplätze in die friedlichen Fluren von Nauen verirrt hatte und von den ahnungslosen Knaben als gute Beute annekttert worden war. Um ein Unglück zu verhüten, nahm der Professor das gefährliche Ting an sich, sehr zur Enttäuschung der untersuchungslustigen Finder, und be­nachrichtigte die Kommandantur des Uebungsplayes von dem Fund, woraufhin alsbald ein Fachmann aus Spandau erschien und die Granate unschädlich machte. Und nun wäre alles in Ordnung gewesen und der menschenfreund­liche Professor hätte sich feiner umsichtigen Handlungsweise wie ein echter Philantrop ireuen können: da aber kam die Rechnung! Eine Rechnung über Unkosten für Unschädlichmachung einer noch unkrepierten Granate. Und der Philanthrop sollte sie be­zahlen! Eine Geschichte, die der Randb'merkungen würdig gewesen wäre, die des großen Königs beißender Sarkasmus jic:;- bei der Hand hatte.

Tie Manöoertage in Töberitz wecken überhaupt: manch halboerschollene Erinnerung an den Alten. Ter Herzog Ivon Cars, ein lothringischer Edelmann, hat in seinen

Aus dem Jahresbericht der Hrohh. Kess. Kerverbe- i Inspektionen für das Jahr 1902.

Ter Bericht enthält folgende Abschnitte: 1. Allgemeines.

2. Jugendliche Arbeiter, Arbeiterinnen und Arbeiten: im : allgemeinen. 3. Schutz der Arbeiter vor Gefahren. 4. Wirt­schaftliche und sittliche Zustände der Arbeiterbevölkerung; i Wohlkayrtseinrichtungen; Verschiedenes Tie allgemeinen Berichte sämtlicher Aufsichtsveamten der Gewerbeinspek­tionen Tarmstadt, Offenbach, Gießen, Aiainz und Worms stimmen darin überein, daß ibre Beziehungen zu den Ar­beitgebern und ihr Verkehr mit denselben sich auch im Berichtsjahre im großen ganzen wieder als freundliche er­wiesen haben. Tiese freundlichen Beziehungen sind von wesentlichem Einfluß aus die Förderung der Wirksamkeit der Gewerbeinspettionsbeamten für das Wohl der Arbeiter. In manchen glücklicherweise vereinzelten Fällen lassen sich die Arbeitgeber durch ihr vermeintliches Interesse dazu verleiten, den revidierenden Beamten unwahre Angaben zu machen. Im Gießener Bezirke hiellen es mehrere Unter­nehmer nicht für nötig, auf schriftliche Anfragen der Ge­werbeinspektion bis zu der ihnen gesetzten, reichlich be­messenen Frist Bescheid zu geben. Sie wurden kurzerhand auf daS zuständige Kreisamt zu mündlicher Erklärung ge­laden unb Hutten nur Nachtelle schon durch die Zeitver­säumnis, die damit verbunden war. Ter Verkehr der Arbeiterinnen Mit den weiblichen Beamten hat sich im all­gemeinen gegen das Vorjahr gehoben. Namentlich sind es im Bezirke Osfenbach die längeren Arbeiterinnen, welche in wirtschaftlicheil und sittlichen Fragen gern den Rat der Assisleuttn suchen, während man im Wormser Bezirk be­obachtet hat, baß es gerade die älteren sind, die ihr mit Verttauen entgcgenfomincii: die jüngeren dagegen zeigen sich scheu. Tie Aufsichtsbeamten hatten wiederholt Ge­legenheit, mit Vertretern von Gewerkschaften und mit dem Arbeitersekretariat schriftlich und mündlich zu verkehren. Auch in Offenbach wird der Verkehr zum größten Teil durch Verttauensmänner der Organisationen vermlltelt. In Gießen baten sich einige Arbeiter die Jahresberichte der Großherzoglichen Gewerbeinspektton aus, was ein erfreu­liches Zeichen des wachsenden Verständnisses für das Wesen der Gewerbeinspektion angesehen werden darf. Im Berichts­jahre hat, wie übereinstimmend von allen Beamten mit- geteilt wird, gegen das Borjabr eine erhöhte Inanspruch­nahme der Gewerbeinspektton durch Arbeiter stattgefunden. In einer dem Bericht beigefügten Tabelle, finden sich die Angaben über die Zahl der Fabriken und der ihnen gleichgestellten Anlagen (Motorwerkstätten re.) und die Zahl der Arbeiter. Tanach betrug im Berichtsjahr 1. im Aufsichts- bezirt Tarmstadt die Zahl der Fabriken 909 und der in den­selben beschäftigten Arbeiter überhaupt 19 403, 2. im Bezirk Offenbach 1039 bezw. 23964, 3. im Bezirk Gießen 831 bezw 12 966, 4. im Bezirk Mainz 585 bezw. 14 420, 5. un Bezirk Worms 549 bezw. 10935, für das Großherzogtum zusammen 3913 Fabriken mit 81688 Arbeitern. Diejenigen Anlagen, die nicht zu den eigentlichen Fabrrkmi zahlen, für die der Bundesrat gemäß § 120 e ober § 139 a GU£). besondere Vorschriften erlassen hat, sind in der Tabelle 2 nicht enthalten. Es sind dies die handwerksmäßigen Be­triebe die ohne Maschinen arbeiten, wie Steinhauereien, <haut/ und Felllager, Fettschmelzen, Seifenfabriken, Bursten- und Pinselmachereien, Selterswasseranlagen, Marrm- fabrilen, Meiereien, Bäckereien, Hasenfellzurichtereien, Buch­druckereien und die Gast- unb SchankwirNchaften. TreZahl dieser nicht zu den eigentlichen Fabriken zahlenden Anlagen und die Zahl der darin beschäftigten Arbeiter ergibt M aus folgender Zusammenstellung: Im Bezirke Tarmstadt sind 292 Anlagen mit 821 Arbeitern, im B^rrke -Ifenbach find 203 Anlagen mit 444 Arbeitern, un Bezirke Gießen sind 294 Anlagen mit 981 Arbeitern, un Bezirke Mainz

Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Döberitzer Enttäuschungen. Eine Doberitzer Rechnung. Geschichten vom alten Fritz.

In dem Dreieck zwischen Potsdam, Spandau und Nomen liegt das in diesen Tagen vielgenannte doberitzer Ba^ckM- lager mit seinem Uebungspl.itz sur die gruppen des Garde­korps. Zwei Tage vor Pfingsten hatte Zöberitz feinen großen Tag. Ter Kaiser wollte das Denkmal für den gewal­tigsten seiner Ahnen, für den Sieger von Rogbach und Beuthen, nach einer großen militärischen Hebung einweihen. denn vor just 150 Jahren hatte der alte Fritz aut diesem Felde seine Manöver abgehalten. Natürlich, war da» mr die Berliner, soweit sie Zeit hatten, ein Festakt, bot dem sie nicht fehlen wollten, und so war denn em ganz hübsches Trüpplein von Zivilisten hinausgefahren m das festlich ge­schmückte, mit Ehrenpforten und Fahnen prangende Ge- fände. Tic meisten freilich hatten vorher ein Glöcklern von aller strengster Mfpcrrnng" lauten Horen und waren im i'e&ten Moment abgcschnappt. Sie haben es nrchi.zu bo> reuen brauchen. Es gab surr. Zwrl diesmal wrrllrch nichts I» leben Tic Absperrungen wurden aufrecht erhalten, irrenacr wie bei den Paraden auf dem Tenrpelhoscr Felde. cS ft eine schlichte Granitsaule, die aut dem hrporrtchen Felde an den populärsten aller preußischen, Konrge er- rnnern soll, ein Tenlmal, t>y r.r ferner Emiachhett dem Wesen des Philosophen von -ans-oucr durchaus ent prrcht, mehr als die Festvorstellung rm Lpernhaufe mrt einer Lausfscheu Ge le g cnh c rts d i ch tun g und einer vatrrotrschcn" Oper1 7 5 7", in denen neben vielem guten Willen und manchem ansprechenderi Gedauken dre darin vorhanden sind, doch jener große Zug fehlt, der Werken dieses Genres eigen sein muß, wenn ,re dauernden Wert

sind 563 Anlagen mit 3235 Arbeitern, im Bezirke Worms sind 368 Anlagen mit 573 Arbeitern. Im ganzen Groß- herzogttlm sind dies 1720 Anlagen mit 6054 Arbeitern. Von diesen Anlagen sind 355 d. i. 26 Prozent revidiert worden. Tie Gruppe der Gast- und Schankwirtschaften erscheint in diesem Jahre zum erstenmale in den Berichten der Gewerbeinspckttonen, da die Verordnungen des Bundes­rates, betreffenb die Beschäftigung von Gehilfen und Lehr- Ingen in Gast-und Schankwirtschaften, am 1. April 1902 in Kraft getreten ist. Im Gießener Bezirke finb_in den 74 der Gewerbeaufsicht unterstehenden Gast- unb Schankwirt- chaften im ganzen 367 Personen tätig. Von diesen sind wer 16 Jahre all 290 männliche unb 56 weibliche Per- onen, unter 16 Jahren 19 männliche unb 2 weibliche. In Bad Nauheim allein waren während der Saison beschäf- ttgt 12 Oberkellner, 144 Kellner, 62 Köche 7 Kellner bezw. Lehrlinge unter 16 Jahren, 32 Dufsettarnen, Kellnerinnen unb Köchinnen, 2 weibliche Lehrlinge. Außer ber Saison inb baselbst nur 1 Oberkellner, 3 Kellner unb 13 weib- iche Bedienstete bcschäfttgt. Im Großherzogtum gab es im Berichtsjahre im ganzen 483 Gast- unb Schankwirt­schaften mit 1273 beschäftigten Personen. Ter Bericht enthält am Schluß einen sehr interessanten Anhang über bie handwerksmäßige Ausbildung von Lehrlingen in fabrik­mäßigen Bettieben. Mr entnehmen wegen der Wichtigkeit dieser Ausführungen das Wesentliche in größerer Ausführ­lichkeit.

bildung der Lehrlinge verwendet wird. Tic sorgfältige AuS- bildung, welche dem Arbeitgeber eine frühere nutzbringende Leistung des Lehrlings verspricht, liegt im wohlverstan­denen Interesse des Arbeitgebers; bilden doch in den meisten Fällen die im Betriebe als Lehrlinge eingetretenen Leute päter den Arbeiterstamm ber Fabrik! Ten Fabritlehrlingen steht natürlich ein ausgebehnterer WirkungStreis offen, ol­den Handwerkslehrlingen, und die Unterweisung wirb in der Regel durch die mannigfaltigsten und zweckmäßigsten rechnerischen Hilfsmittel unierflüM, die im Handwerks­betriebe nicht selten Wegfällen. Auch ist im allgemeinen ber zum Anlernen bestimmte Meister, Werkführer oder Ar­beiter an technischen Kenntnissen bem gewöhnlichen Hand­werksmeister überlegen. In den weitaus meisten Füllen beabsichtigen die Eltern, ihren Sohn nicht für die Ausübung des erlernten Handwerks ausbilden zu lassen, sondern zur höheren Verwertung seiner handwerksmäßig erlernten Kenntnisse int Fabritbettiebe. In Fabriken kommen schließ­lich die vielen nebensächlichen zum Teil häuslichen Arbeiten in Wegfall, welche bie Ausbildung der Lehrlinge im Hand­werksbetriebe verzögern. Bei den Fabriken fällt sehr in bie Wagschale, baß bie Arbeitszeit ber jugendlichen Arbeiter durch die Bestimmungen dec Gewerbeordnung scharf be­grenzt ist; im Hanbwerk bagegen kann bic Arbeitszeit vom Arbeitgeber ausgebehnt werben. Tiefer Umstanb ist ein wesentlicher Grund für bic Wahl der Fabrik als Lchrstätte. Im allgemeinen ist indessen in den Fabriken kein Be- bürfnis vorhanden, Lehrlinge planmäßig auszubilden. ES kommen in Hessen nur etwa 300 Fabrttbetriede in Betracht, welche Lehrlinge hatten. Tort, wo man sich zur Ausbildung von Lehrlingen entschließt, geschieht es fast nur zu dem Zwecke, einen zuverlässigen Arbeiterstamm heranzubilden, unb tüchtige Vorarbeiter, Aufseher unb Werkmeister für den eigenen Betrieb zu erlangen. Weil es sich also im vor­liegenden Falle um ein bauembed Arbeitsverhältnis handelt, liegt ein erhöhtes Interesse bes Unternehmers an einer foliben Ausbildung vor. Weil nun ferner bie Fabrik­lehrlinge in ber Ausnützung ber technischen Hilfsmittel, geschulter sind, so ist bereu Ausbilbung im allgemeinen derjenigen ber Handwerkerlehrlinge in mancher Hinsicht überlegen. Tie Vorzüge ber Ausbildung im Handwerks­betriebe liegen lediglich in dem erzieherischen Moment, bas im allgemeinen die Handwerkerlehrlinge zu e-ner ausge­prägteren Individualität gelangen läßt. Ta aber ein tüch­tiger Handwerksmeister nicht immer ein tüchttger Erzieh« ist, so kann in manchen Fällen ber Vorzug ber Handwerks- mäßigen Ausbildung übertroffen werden durch bie ethische Bedeutung ber größeren Bewegungs- unb Willensfreiheit unb ber burch beu besseren Lohn btbinaten größeren wirtt schaftlichen Selbstäiibigkeit bes Fabriklehrlings, bie freilich, namentlich in sittlich-religiöser Beziehung, auch wieder größere Gefahren in sich schließen.

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Tie unbeschränkte Gewerbcfreiheit u. a. haben im all­gemeinen die Grunblaaen des Hanbwerks erschüttert unb ihm dengoldenen Boden" entzogen, ber ihm burch Jahr- hunberte eigen gewesen ist. Ta nun ein gesundes unb wohl- georbnetes Staatswesen ohne einen gediegenen Handwerker­stand nicht zu denken ist, so ist es begreiflich, baß ben Re­gierungen die Pflicht erwuchs, burch den Ausbau ber Ge­werbegesetzgebung einem weiteren Rückgang bes Handwerks zu steuern und den Handwerkerstand wieder neu zu beleben. Man erkannte, daß in bem Schutz bes Meistertitels, in einer zweckentsprechenbcn Organisation unb in ber Bildung von Handwerkskammern dem Har.bwerk wieder die Grundlagen geschaffen werden müßten, denen es chedem den größten Teil seiner Erfolge zu verdanken hatte. In Fabriken bittet mau in ben meisten Fällen Lehrlinge nicht zur eigent­lichen Fabrikarbeit aus, bie billiger unb ebenso gut von anderen Arbeitern verrichtet werben lann, sondern haupt­sächlich in solchen Berufen, welche bei ber Jnstanbhaltung der Maschinen und bem geregelten Fortgang bes Betriebes nolwenbig finb. Derartige Berufe sind aber immer wieder handwerksmäßige, nur baß sie hier in vielen Fällen eine größere Vielseitigkeit und im allgemeinen auch eine größere Geschicklichkeit und Sicherheit ber Handhabung bedingen. Es handelt sich hier hauptsächlich um Schlosser, Schmiede, Treher, Maurer, !>kupferfchmiede, Spengler, Sattler, Schrei­ner, Gelbgießer rc., für welche bei größeren Fabriken be­sondere SpezialwerkstättLU bestehen. Aus diesen in ben be­treffenden Fabriken herangebilbeten Lehrlingen rekrutieren sich in der Regel ber Arbeiterstamm, bic Vorarbeiter, Auf­seher und Werkmeister. Tie Gründe, aus welchen bie Lehr­linge iu eine Fabrik statt zu einem Handwertsmeister zur Lehre gehen, sind verschiedener Natur. Zunächst sind es die baren Verdienste von Anfang ber Lehrzeit an, unb bie Aussicht auf höheren Lohn unb ftänbige Arbeit nach voll- enbeter Lehrzeit, welche den auf Unterstützung ihrer Kinber angewiesenen Eltern bie Beschäftigung in ber Fabrik will­kommener erscheinen läßt. Viele Arbeiterfamilien ziehen vor, von ihren Kindern lieber einige Mark Zuschuß zu erhalten und biefelben selbst zu beteiligen, statt sie einem Handwerksmeister zu übergeben, bei dem sie eventuell ein Lehrgeld zu zahlen hätten, wozu sie in vielen Fällen nicht imstande wären. Vielfach ist auch bie größere Sorgfalt als Grund anzuführen, welche in Fabriken auf die Aus- j

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