Nr. 28G
Viertes Blair
Senerai-Rnzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für Len Kreis Gießen
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Trüber Toorn, Peter, Hot durch Unterschlagung des väterlichen Testaments das ganze Besitztum an sich gebracht und seine eigene Frau enthüllt die infame Handlungsweise, nachdem sich ihr Herz längst dem schroffen, energischen Manne ab- und dem jüngeren Bruder Heinrich, der als Strombaumeister vom Rhein her wieder in die heimatliche (Legend kommt, zugewandt hot. Ter jüngste Bruder Jakob wird über den Betrug, des ältesten so in Wut versetzt, daß er Verbrechen mit Verbrechen zu sühnen sich verschwört und in schrecklicher Sturmesnacht sich bemüht, den von schweren Eisschollen bedrohten Schutzdamm zu durchstechen, um so alle dem Verderben zu weihen. Peter Dvorn überrascht den Rasenden gerade bei der Arbeit, es beginnt ein fürchterliches Ringen auf Leben und Tod und schließlich werden beide von der brausenden Flut verschlungen. Das Ganze ist vom Autor in so dumpfen, lebenswahren Tönen geschildert, daß bisweilen ein förmliches Grau;en von der Bühne durch das Haus geht. Halbe zeigt sich in dem neuen Drama wieder als ein Meister der Tramentechnik, und gibt darin eine Reihe von romantischen Zügen, aber auch zahlreiche Anklänge an Maeterlingk, Sudermann, Hauprmann re. Die Handlung des Stückes, die im ersten Akt recht schleppend ist, würde in dem am besten gelungenen zweiten Akt und auch am Schlüsse noch wesentlich gewinnen, wenn nicht verschiedene ganz überflüssige Längen darin enthalten wären. Die Regie des Hosthealers hatte dem Werk eine höchst wirksame Ausstattung gegeben; die schwellende Flut am Weichselufer, das Heulen des Sturmes und das Knarren und Stöhnen der Schutzvorrichtungen, wie das Donnern und Drohnen des Eisgangs auf der Weichsel war außerordentlich effektvoll unt)Utauschend der Ralur nachgeahiut. Die Hanptoarstellung des Traums lag in den Händen der Herren Hacker,Loehr und Kreid emann als die drei Brüder Doorn und des Frl. Eichelsheim als Gattin Peters; sie leisteten durchweg vorzügliches und erhielten sehr viel Beifall.
Erschein -Sgsich mit Ausnahme des Sonntags.
Di. „Gietzene. §amillenblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^sejstsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
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können wir als ersten, der für Berlioz eintrat, Franz Liszt nennen, der jenen wiederholt nach Weimar einlud und dort 1852 und dann wieder 1855 bedeutsame Aufführungen Berlioz'scher Tondichtungen auSführte (Romeo und Julie, Benvenuio Cellini, Faust's Verbannung, Des Heilands Kindheit.) Auch Robert Schumann hat in der „Neuen Zeitschrift der Musik" wiederholt auf die Bedeutung Berlioz hingewiejen, später auch Joh. CH. Lobe und W. R. Grie- penkerl. Franz Brendel, der Herausgeber der Geschichte der Musik (1878) fyat in ausführlichster Weise eingehend Berlioz und dessen Werke besprochen. Es würde zu weit führen, wollten wir aus dem reichen, uns vorliegenden Material auch nur andeutungsweise schöpfen, aus allem spricht eine hohe Wertschätzung und die sichere Voraussetzung, daß Berlioz Bedeutung mir jeder Ausführung seiner Werke weiter wachsen wird. E. CH.
R. B. D a r m st a d t, 3. Dez. Dem neuesten Drama Max Halbes, „Der S t r o m", der gestern abend im H o f - tHeater zur ersten Aufführung kam, sah man nach den Premieren in München und Wien — aus Groll gegen die Berliner Kritik ließ der Autor sein Drama zuerst „in der Provinz" zur Aufführung bringen — mit lebhafter Spannung entgegen. „Ter Strom" ist ohne Frage eins der interessantesten Werke der modernen T'heaterliteraiur, wenngleich es einen so stürmischen Beifall, wie er bei den leicht entflammbaren Wienern, bei unserem mehr nüchtern prüfenden Publikum nicht erzielte. Dazu ist schon der ganze düstere, um nicht zu sagen: gruselige Inhalt des Stückes nicht angetan. Halbes Strom ist die reißende Weichsel, die aMyrlia) um die Zeit des Eisganges Schrecken und Verwüstung um sich her verbreitet und die Menschen zu den härtesten Kämpfen mit dem entfesselten Element herausfordert. Aber noch wütender und grimmiger ist der Strom, der die einst so friedliche Behausung des Teich- Hauptmanns Dvorn dort ergreift. Der älteste der drei
aendes entnehmen: „Das Oratorium von «errroz suyri ven Titel Triologie faerve und zerfalli in drei steile. Traum des Herodes, die Flucht nach Egypten, dre Ankunft in Sais Der crj'te Teil der vom Komponisten selbst verfaßten Dichtung, schildert, wie Herodes von bösen Träumen gequält, durch die Zunft ver Wahrsager dahin gebracht wird, den Kindermord zu befehlen. Seme dusteren Svenen stehen in einem mertwürdcHM Gegew.atz zu dem weiteren Verlauf des Oratoriums^ zu den Idyllen, die seine Eigenart und seinen Reiz bilden. Besonders schön spricht er sich im zweiten Teil aus, der aus einer om- riaen Szene besteht. Ter reichste Teil des Werkes ist der dritte in der auch die Gestulruugstrafi des Komponisten bedeutendere Proben hinterll.gt hat." In Deutschland
**ZurBerlioz-Feier am Sonntag- den 13. Dezember, in der hiesigen Turnhalle haben wir vor kurzem in knapper Form einige Daten aus dem Leben des großen Franzoren gebracht und möchten heule im Anschluß hieran eine kleine Schilderung des Inhaltes des Oratoriums an- fchließen, die um so willkommener sein wird, als dieses in der Sammlung Konzert-Führer bisher^ keine Aufnahme fand. Im Hinbliu auf die Hundert-Jahr-^-eier ist das eine recht störende und ebenso unverständliche Unterla.fi ungv- fünde der Verlagsfirmen. Vorher möchten wir noch daraus Hinweisen, daß Berlioz' Oratorium „Des Heilands Kind- beit" das erste war, welches aus Frankreich herüber tarn; 1854 wurde es fast rMch^tig in Paris und Brusicl auf- aefüürt. Aber auch ) pater haben Oratorien in Frankreich nie geeigneten Boden gefunden was wohl zum großen TeU in den dort sehr sporadisch vorkonmrenden Chor- instituten liegt. Herrn. Krctzschmar, der ausgezeichnete Pu- blizist, hat in seinem Werke „Oratorium und Weltliche Cantate" einen bedeutsamen Artikel verfaßt, dem lvir chl- .Das Oratorium von Berlioz fuhrt
Aufmerksamkeit schenkte. Je nach dem Charakter der Herren und ihrer Beamten war die Lage der Arbeiter eine mehr oder minder ungünstige. Im allgemeinen verbesserte sie sich in dieser Periode; die Löhne stiegen stärker als die Preise der notwendigsten Lebensbedürftlisse. Aber für die meisten Landwirte drehte sich die ganze Arbeiterfrage fast lediglich um die Frage, auf welche Weise sie sich am leichtesten und billigsten die für den Augenblick oder für die allernächste Zeit erforderlichen Arbeitskräfte beschaffen könnten. An eine fernere Zukunft dachten nur sehr wenige, obgleich Anlaß genug hierzu vorlag. Schon in den 4oer und 50er Jahren wanderten ländlieye Arbeiter massenhaft in fremde Länder. Als die Auswanderung abnahm, trat in noch größerem Umfange die Abwanderung nach den Städten und den Industriegebieten des Jnlauoes an ihre Stelle. Von den Landwirten, namentlich den Großbesitzern, wurde dies zwar als ein schwerer Uebelstand enchfunden. Aber die einjeitig realistische Tendenz hatte ihnen den Blick getrübt für die allgemeinen Bedingungen, von denen das Wohlbefinden der Arbeiter und damit das Verbleiben in ihrem Beruf abhing. Diese gründlich zu untersuchen, wurde unterlassen, teils weil man es für unnötig hielt, teils weil man sich davor scheute. Tie gemeinschaftlichen Bestrebungen der Landwirte auf dem (Gebiete der Arbeiterfrage konzentrierten sich hauptsächlich auf zwei Tinge: Herbeiführung von staatlichen Maßregeln, die den Arbeitern das Verlassen ihres Berufes oder ihrer Stelle erschweren sollten, und Heranziehung von Wanderarbeitern für den Sommer. Aus dem ersteren Wege wurde nichts erreicht, konnte auch nichts erreicht werden. Ter zweite Weg schaffte zwar in vielen Fallen für den Augenblick die gehoffte Hilfe, bewirkte aber gleichzeitig einen noch stärkeren Abzug der bereits vorhandenen, eingesessenen Arbeiter. Für die Gegenden mit vorherrschendem Großgrundbesitz, für welche die Arbeiterfrage von besonderer Bcoeutung war, hätte das wirksamste Mittel zur dauernden Gewinnung von Arbeitskräften in der Schaffung eines zahlreichen Standes von Kleinstellenbesitzern gelegen. Vereinzelt ist dies auch hier uiib oa schon seit Beginn der 60er Jahre angeregt worden. Aber die Masse der Landwirte schenkte diesem Vorschläge keine Beachtung; von ihren einflußreichsten Vertretern wurde er sogar bekämpft. Wenn die Landwirte die Arbeiterfrage einer gründlichen Erörterung unterziehen wollten, so konnten sie nicht umhin, auch auf die Tinge einzugehen, durch welche die Arbeiter nicht mit Unrecht sich beschwert und zur Fortwanderung veranlaßt fühlten. Vor einem solchen Eingehen scheuten sich aber die landwirtschaftlichen Unternehmer. Die Verständigeren und Weitsichtigeren gaben das Vorhandensein solcher Uebelstände im allgemeinen unumwunden zu. In eine öffentliche und in das einzelne gehende Erörterung darüber aber wollten auch sie nicht ttmretcn. Sie füru/teten, die Sozialdemokratie würde das Zugeständnis von Mängeln in der Lage der Arbeiter seitens der Arbeitgeber selbst mir dazu benutzen, um jene desto wirksamer aufhetzen zu können. Diese Besorgnis war auch keine grundlose; denn von den 70er Jahren an waren die Sozialdemokraten eifrig beflissen, alles, was sie über die ländlichen Arbeiterverhältnisse erfuhren, zu ungunsten der Unternehmer auszubeuten. Ob trotzdem die letzteren in ihrem eigenen Interesse klug und richtig handelten, wenn sie eine griurdliche Erörterung der Arbeiterfrage vermieden, mujj allerdings bezweifelt werden." (Köln. Ztgch
tzine Ki-schichte der deutschen «Landwirtschaft.
Einer der hervorragendsten Theoretiker der Landwirtschaft, Prof. Frhr. v. d. Goltz, hat soeben sein bedeutsames Werk „Geschichte der deutschen Landwirtschaft" abgeschlossen. Er führt feine Darstellung bis zum Jahre 1880 und schließt, um den rein historischen Charakter des Werks zu wahren, die Erörterung der seitdem verflossenen Zeit aus. Andernfalls hätte die Notwendigkeit Vorgelegen, die agrarpolitischen Fragen einer Erörterung zu unterwerfen. Dagegen hat der Verfasser am Schlüsse' des Werles eine kurze Schilderung von den Ursachen und dem Charakter der am Ausgang des verflossenen Jahrhunderts über die deutsche Landwirtschaft hereingebrochenen Krisis entworfen, in der er sich unter Vermeidung eines Ein- aehens auf die praktische Agrarpolitik auf die Darstellung der rem tatsächlichen Zustände zu beschränken gesucht hat Immerhin entsendet der geschichtliche Bericht mancherlei erllürende Streiflichter auf den herrschenden Notstand. Trotz dieser dLotlage darf der deutsche Landwirt stolz fein, wenn er prüfenden Blickes das soziale Gefüge der ländlichen Bevölkerung, die moralische und die technische Leistungsfähigkeit seines Standes am Beginn und am Ende des Jahrhunderts vergleicht. Die deutschen Grundbesitzer haben ein ehrliches Stück Arbeit vollbracht. Der Anfang des Jahrhunderts sah die Bauern unftei, verachtet, träge, roh und mißtrauisch. Der Adel lebte in den «Überlieferungen ftanzöjischer Leichtfertigkeit und Verschwendung ohne den Ernst eines Lebensberuses dahin, da er die Bewirtschaftung seiner Güter als unter seiner Würde betrachtete. Da brachte die politische und nationale Not der Zeit dem deutschen Volke eine sittliche Erneuerung, und die Agrarreform stellte alle Landwirte vor schwere Aufgaben, die den guten Kern dieser Menschen hervortreten ließ. Denkende Männer, wie Thaer und seine Zeitgenossen, brachten neue Grundsätze über das Betriebssystem, brachen mit der Dreifelderwirtschaft und ermöglichten eine intensivere, Ausnutzung der produktiven Kräfte des Bodens. Tie Naturwissenschaft leuchtete in die geheimnisvolle Werkstatt der Ernährung der Pflanzen hinein uni) wies der Düngung eine neue Ausgabe zu. Mit frischer Tatkraft stellten Adelige wie Bauern ihren Mann gegenüber diesen Neuerungen, die den alten Schlerrdricm beseitigten. Tie Adeligen nahmen auf ihren Gütern die Zügel selbst in die Hand und neben sie traten wetteifernd und anspornend bürgerliche Mariner, deren Unternehmungslust der niedrige Preis der Guter angespornt hatte. Der Bauer erwachte aus seiner SchlÜftig- teit, seit er wußte, daß er für sich und für seine Kinder arbeitete. Steigende Erträge und steigende Getreide- und Viehpreise führten eine Glanzperiode herauf, die es den Besitzern ermöglichte, ihr Vermögen in kurzer Zeit zu verdoppeln. wöau gewöhnte sich rasch daran, die Zukunftsaussichten einer weiteren aus steigenden Entwicklung in dem hohen Wert der Güter zu kapitalisieren. Diese Gewöhnung aber wurde verhängnisvoll, als der Weltverkehr uns Länder mit jungfräulichem Loden preisbestimmend naherückte. Die geistige und wirtschaftliche Verfassung, in der die neuen Zeitnöte die landwirtschaftliche Bevölkerung antrafen, schildert der berufene Beobachter in seiner ruhigen Weise vielfach vortrefflich Man kann seine Ansichten über diese einschneidenden Fragen also zuscunmenfaisen:
Von der zweiten 5^älfte des vorigen Jahrhunderts und ncnnerttlich von der Gründung des neuen Deutschen Reiches ab griff eine mehr realistische Strömung im ganzen deutschen Volke Platz. Sie hing zusammen mit dem allgemein zur Einführung gelangten Parlamentarismus, mit der zunehmenden Wohlhabenheit, mit dem Aufschwung von Industrie und Handel und nicht zum wenigsten mit dem überwiegenden Einfluß, den die Naturwissenschaften auf das Tenten von Gelehrten und Ungelehrten gewonnen hatten. Wie stark letzterer gerade aus die Landwireschaft in Theorie und Praxis gewirkt hat, wurde bereits dargelegt. Man erzielte durch die Anwendung richtigerer technischer Grundsätze fortdauernd steigende vcoh- und Reinerträge. Hierdurch wurde zunächst das Streben uad) weiteren materiellen Erfolgen geweclr. Tie Rücksicht aus einen hohen Geldgewinn
trat viel mehr als früher in^den Vordergrund, während die ideale Auffassung, welche Thaer und seine Zeitgenossen von der Landwirtschaft hatten, stark verblaßte. Cs kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Landwirtschaft dieser realistischen Richtung große Fortschritte zu verdanken hat. Turch sie würden die Landwirte zur Crnführung vieler ihnen Gewinn versprechender Verbesserungen angespornt, die sie sonst unterlassen hätten. Aber sie führte and) zu nachteiligen Folgen, die allerdings meist erst in späterer Zeit sich fühlbar geltend machten. Durch das zu einseitige Streben nach privatem materiellem Gewinn verleitet, übersah man den. Zusammenhang, welcher zwischen der Landwirtschaft als die Grundlage aller wirtschaftlichen Tätigkeit besondere Forderungen zu stellen berechtigt wäre. Der Grundiatz des gegenseitigen Gewährenlassens fand nirgends mehr Anhänger als unter den Landwirten, besonders den Großgrundbesitzern des Ostens, die ohnedies mit der in anderen Teilen des Reiches anfblühenoeu Industrie wenig in Berührung kamen. Viel nähere Beziehungen hatten sie zu den Vertretern des Handels. Mit diesen teilten sie den Grundsatz des Gewährenlassens. Bis zur Mitte der 70er Jahre hatte der Freihaudel leine überzeugteren Vertreter als die ostelbischen Landwirte. Unter der überseeischen Konkurrenz hatten diese, die Schafzüchter ausgenommen, bis dahin nicht zu leiden; dagegen war es ihnen darum zu tun, Eisen, Maschinen und Geräte, auch manche sonstige gewerbliche Erzeugnisse möglichst billig zu beziehen. Die vorwiegende Rücksicht aus den unmittelbaren materiellen Vorteil und die Verkennung der allgemeinen ökonomischen Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion verleitete die Landwirte zu Maßregeln oder Unterlassungen^ die mit Notwendigkeit früher oder später verhängnisvoll wirken mußten. Es trat dies besonders in drei Dingen hervor: in dem übertriebenen Heraufschräuben der Güterpreise, in der übermäßig starken Verschuldung uird in der Nichtberück- fichtigung oder verkehrten Behandlung der Arbeiterfrage. Das Angebot von Gütern nahm ab, die Nachfrage zu, Geld war reiasticher vorhanden, die Reinerträge hatten sich verdoppelt und verdreifacht. Käufer und Verkäufer, Erblasser und Erben glaubten au der bisherigen Gewohnheit festhalten zu dürfen, die Güter ihrem Kapitalwert nach höher zu schätzen, als dem zeitigen Ertragswert entsprach. Auf Grund dieser Anschauung geschah es nicht selten, daß bei Kaufen das Gut mit 80 Prozent oder gar’ 90 Prozent des Ankaufspreises belastet wurde. Stand letzterer nun 20 Prozent bezw. 10 Prozent über dem Ertrags wert, so war das Gut bis zur vollen Höhe dcs letzteren verschuldet. Ebenso kam es häufig vor, daH ein Erblaiser dem von ihm als Erben bestimmten Kinde das Gut so hoch anrechnete, daß diesem eine Schuldenlast von 8Q—90 Prozent des wirklichen Erckragswertes aufgeburdet wurde. Die weitsichtigeren Landwirte sahen wohl ein, daß hierin eine große Gefahr für viele ihrer Berufs gen offen lag; aber sie wagten ihre Meinung höchstens in vertrautem Kreise zu äußern. Bei der Mehrzahl der Gutsbesitzer war die Ansicht herrschend geworden, daß hohe Güterpreise und die Möglichkeit einer hohen hypothekarischen Beleihung im allgemeinen Interesse der Landwirtschaft liege. Man vermied es gefllsjerctlich, die beiden Fragen, ob die ortsüblich angenommenen Güterpreife den tatsächlichen Ertragswerten enrs.prächen und wie hoch unter normalen Verhälrnissen die hypothekarische Verschuldung eines Gutes sein dürfe, einer öffentlichen Besprechung zu unterziehen. Man glaubte, daß die Klarstellung dieser Punkte ein Sinken der Güterpreise herbeiführen, sowie die Erlangung eines hohen Immobiliarkredits erschweren würde und daß infolgedessen viele Landwirte in Verlegenheit kommen oder in Ver,olgung ihrer Zukunftsplane gestört werden könnten. Hierin hatte man auch nicht unrecht Aber der durch das Verschweigen hervorgerufene Nachteil stellte sich späterhin als weit größer heraus, als der Schadei: gewesen wäre, wenn man rechtzeitig die wahre Sachlage aufgedeckt unü ihr fest ins Auge gesehen yätte.
Tie allzu realistische Verfolgung der augenblicklichen privaten Interessen brachte es endlich mit sich, daß man der Entwicklung der Arbeiterverhältnisse nur eine geringe 1
153* Jahrgang Samstag 5. Dezember 1803
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