Ausgabe 
2.5.1903 Viertes Blatt
 
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Großh. Handelskammer Gießen,

S. Sitzung

für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Protoko ll-Au8zug.

Gießen, den 29. April.

Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch, Vorsitzen­der, Balser, Dürbech Jhring, Katz, Nomack, Namspeck, Rinn, Schirmer, Wallachs Zurbucb, sowie der Syndikus Dr. Knipper.

1. Aus dem Geschäftsbericht ist Folgendes mit* Meilen:

a. Bei dem Reichspostamt in Berlin wurde beantragt, im Interesse der deutsä)en Ausfuhr nach China darauf hin- zuwrrken, daß die Briefbesörderung via Sibirien nach Shanghai und anderen chinesischen Plätzen zugelassen wird. Nach Auskunft des Reichspostamts ist die Briefbesörderung über Sibirien von Mitte Juni ab zu erwarten.

b. Infolge wiederholter Beschwerden über das Mit­hören telephonischer Gespräche durch dritte Personen im Ortsfernsprechverkehr Gießen hatte die Kammer bei dem Postamt Gießen die Beseitigung dieses Mißstandes angeregt. Nach Mitteilung der Po st Direktion beruht das Mithören auf Induktion der Leitungsdrähte, die nur durch Einführ­ung des Doppelleitungsbetriebes beseitigt werden kann. Nachdem Erhebungen über die entstehenden Kosten für Gießen angestellt sind, ist anzunehmen, daß der Umbau des hiesigen Fernsprechnetzes in nicht allzu ferner Zeit in Aussicht steht. Es wird empfohlen, wichtige Unterhalt­ungen bis dahin weniger laut zu führen.

c. Auf das Dankschreiben der Handelskammer an den Preußischen Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten für die Umwandlung der D-Züge 75 und 76 in gewöhnliche Schnellzüge mit 1. bis 3. Klasse ist ein in warmen Worten gehaltenes Anerkennungsschreiben des Herrn Ministers ein­gegangen.

d. Die hauptsächlich im Interesse der Geschäftsreisen­den in Gemeinfd>aft mit der Großh. Handelskammer Bingen beantragte Gewährung von Freigepäck für zusammenstell- bare Fahrscheinhefte ist abgelehnt worden, da zu einer solchen Maßregel die Zustimmung sämtlicher dem Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen angehöriger Bahn-Ver­waltungen erforderlich ist, die aber zur Zeit nicht zu erlangen sei.

e. Für den Sommerfahrplan 1903 der Staatsbahnen hatte die Kammer folgende Anträge gestellt: L Einlegung eines Spätzuges Gießen-Hungen.

2. Zulassung des Gülerzugs 7503 Gelnhausen-Gießen *ur Personenbeförderung ab Hungen, bezw. Beförderung der von dem Güterzug mitgefuhrten Personenwagen ab Stock­heim oder 9ttdda dis Gießen als besonderen Personenzug.

3. Anschluß des Schnellzuges 79 Frankfurt a. M. - Cassel (Gießen ab 7.15 morgens) an den vom 1. Mai 1903 ab verkehrenden Schnellzug Erfurt-Emden in Cassel.

4. Anschluß des Zuges 512 Fulda-Alsfeld an T. 1 Frank­furt a. M. - Bebra (Fulda an 11.48 abends .

5. Anschluß des Zuges 531 Gicßeu-Fulda an T. 74 Cassel- Frankfurt durch spätere Abfahrt des Zuges 531 D. 74 kommt in Gießen an 9.15 abends, Zug 531 fährt ab 9.13 abends).

6. Anschluß des Schnellzuges 77 Frankfurt a. M.-Marburg an den Zug 529 Gicßen-Fulda, durch früheres Eintreffen des Schnellzugs in Gießen und spätere Abfahrt des Zuges 529, bezw. Wetterführung eines der Zuge 805 (Frankfurt-Bad-Nauheim- und 805a (Frankfurt-Fried­berg) bis Gießen.

7. Einstellung weiterer Personenwagen 3. und 4. Klasse auf

der Strecke Lauterbach-Grebenhain an Samstagen und Sonn- und Feiertagen.

Leider ist diesen Anträgen im Sommerfahrplan nur in ganz ungenügendem Maße Rechnung getragen, indem lediglich ein Anschluß des Schnellzugs 79 an den neuen Schnellzug Erfurt-Cassel-Emden hergestellt ist.

Auf den Antrag betr. Einlegung eines Spätzugs Gießen-Hungen will die Eisenbahnverwaltung eventl. erst für den Sommer 1904 zurückkommen. Die Kammer war der Ansicht, daß die Eisenbahnverkehrsverhältnisse im nörd­lichen Oberhessen dringend einer Verbesserung bedürfen und wird in diesem Sinne bei Großh. Ministerium der Finanzen vorstellig werden. Als besonders erforderlich wurde die Einlegung eines Spätzuges Gießen-Hungen be­zeichnet.

f. Für den Sommerfahrplan der Biebertalbahn hatte die Kammer mehrere Anschlüsse auf der Station Abend­stern, namentlich in der Richtung Gießen-Abendstern-Wetz- lar, beantragt. Mit Rücksicht auf entgegenstehcnde Inter­essen hat die Kammer einige dieser Anträge zurückgezogen, hält es jedoch für erforderlich daß der Anschluß Greßen- Abendsterrr-Wetzlar zwischen den Zugen 12 der Biebertal­bahn und 1112 der Staatsbahn durch geeignete Früher­legung des ersteren (ab Gießen 2.45 nachmittags) und Spä­terlegung des letzteren Zuges gewahrt wird.

g. Die Kammer hat ferner auf Anregung Großh. Kreis­amts beantragt, daß die Rückfahrkarten Gießen-Wetzlar und Gießen-Lollar der Staatsbahn auch zur Fahrt über Abendstern Giltigkeit erhalten.

h. Zur Verbilligung und Hebung des Güterverkehrs auf der Biebertalbahn hat die Kammer in einem Gutachten sich für die Ermäßigung der Staatsbahnabfertigungs­gebühr beim Uebergang von der Biebertalbahn auf Die Staatsbahn und umgekehrt ausgesprochen.

i. Dem Herrn Reichskanzler sind die Wünsche der Leinen­industrie des Bezirks bezüglich ausländischer Zollsätze mit­geteilt worden.

k. Infolge geringer Benutzung find vom Kaiser!. Patent­amt der Patentschriftenauslegestelle Gießen (Universitäts­bibliothek) einige Klassen der Patentschriften entzogen wor­den. An der genannten Stelle liegen noch aus die Schriften der Klassen: 2 (Bäckerei), 42 (Instrumente), 49 ^mechanische Metallbearbeitung), 51 (Musikinstrumente), 70 (Schreib-, Zeichen- und Malgeräte) und 79 iTabak, Cigarren, Ciga­retten , deren Benutzung den Interessenten wiederholt empfohlen wird.

2. Kaufmännische Fortbildungsschulen. Nach dem Bericht des Leiters der Kaufmännischen Fort­bildungsschule Gießen haben im letzten Schuljahre die Lehr­linge einiger Firmen wegen angeblich geschäftlicher Ver­hinderung häuftg den Unterricht der Fachschule versäumt. Tie Kammer hat daher in einer Bekanntmachung nochmals auf die Bedeutung der^Fachfchule als staatlich anerkannte Unterrichtsanstalt im Sinne des Handelsgesetzbuchs und der Gewerbeordnung hingewiesen und bestimmt, daß künftig in solchen Fällen die Schüler aus der Schule auszuschließen und, sofern sie noch im fortbildungsfchulpflichtigen Alter stehen, der städtischen allgemeinen Fortbildungsschule zu überweisen sind. Zur Förderung des Kaufmännischen Unterrichtswesens beschloß Die Kammer, für die Lehrer der ihr unterstellten Schulen gemeinsame Konferenzen einzu­richten, die abwechsel'.td in Gießen, Alsfeld und Lauterbach stattfinden sollen. Tie Großh. Handelskammer Friedberg wird ersucht werden, sich auch für ihre kaufmännische Fort­bildungsschule an dieser Einrichtung zu beteiligen.

3, Abänderung der Lonkursordnung. Ent­

sprechend einer Eingabe des Verbandes der Vereine Kredit­reform an den Reichstag erklärte sich die Handelskammer für die Veröffentlichung von Zahlungseinstell­ungen in Fällen, in denen mangels Masse ein Konkurs­verfahren nicht eingeleitet wird.

4. Manifestanten listen. Im Anschluß an eine weitere Eingabe des genannten Verbandes beschloß die Kammer, das Großh. Fustizministerium zu bitten, daraus hinzuwirken, daß Die bei Den Gerichten geführten Listen der Manifestanten jedem zur Einsicht offen stehen und daß jedermann gegen die Erstattung der Abschreibegebühren sich davon eine Abschrift anfertigen lassen kann.

5. Der Bund deutscher NahrungsmiUelfabrikanten und -Händler hat in einer Eingabe an Den Herrn Reichskanzler beantragt, daß die sachlichen Unterlagen zur Begründung gesetzgeberischer Maßnahmen auf dem Gebiete der Nähr- ungs- und Genußmittel, sowie der Gebrauchsgeaenständ^ im Sinne des NahrungsmMelgesetzes, bevor sie als Grund­lage der Gesetzgebung verwendet worden, veröffentlicht und der Kritik der beteiligten gewerblichen und wissenschaftlichen Kreise zugängig gemacht werden. Die Kammer erklärte ihre Zustimmung zu diesem Antrag.

5. Die von der Polizeibehörde für die Gießener Viehmärkte erlassene Bestimmung über das Aus­melken der Kühe vor dem Auftrieb hat verschiedene Be­schwerden in den Kreisen der Viehhändler her vor gerufen. Tie Kammer wird zunächst Erhebungen hierüber veran­stalten und nach Eingang des A'laterials Stellung zu der Frage nehmen.

6. Von verschiedenen Seiten wurde über den Mangel an Fernsprechverbindungen von Gießen geklagt und weitere Anschlüsse beantragt. Tie Kammer wird Er­mittelungen für Gießen, Alsfeld und Lauterbach einleiten und auf Grund der einlaufenden Wünsche Anträge an die Postverwaltung richten.

7. Ter erste Teil des Jahresberichts wurde verlesen und der Voranschlag der Handelskammer für das Jahr 1903/04 genehmigt.

8. Eingänge.

a. Ergebnis der von dem Großh. Ministerium der Fi­nanzen veranstalteten Erhebungen über die Frage der Warenhausbesteuerung.

b. Bericht über die Verhandlungen des 16. Hessischen Handelskammertags am 8. März 1903.

c. Bericht über Die 29. Vollversammlung des deutschen Handelstags am 18. und 19. März 1903.

d. Bürgels Nachschlage buch mit Lrtslexikon für das Deutsche Reich (enthält ausführliche Artikel, über Post-, Tele­graphen-, Eisenbahn-, Zoll, Münz-, Maß- und Gewichte wesen, Exporttechnik, Verkehr mit der Reichsbank, Schiffahrt, Gesetzgebung, MusterschuRechte und Pflichten der Agenten, Handlungsreisende, Verzeichnis in- und ausländischer:Üechts- anwälte, Konsulate, Handelskammern, Syndikate, Kartelle, Preiskonventtonen usw.,.

e. Jahresbericht des Verbandes reisender Kaufleute Teutschlands.

Von Zuverlässiger Seite find der Kammer ferner zu­gegangen: Liste zweifelhafter Firmen in Holland, Belgien, Großbritannien, Spanien, Rumänien, Rußland, Berichte über Den amerikanischen Tabaktrust, jie Mexikanische Ex- porrkommisfion, Die Allgemeine deutsche Aufstellung für bewerbe, Industrie und Landwir:sa,a't .-i Aussig, Zolltarif für Transvaal, die Eröffnung und Förderung deutscher In­teressen in Argentinien.

Tie Eingänge können während der üblichen Geschäfts­kunden nn Bureau der tzandeWanuna* einLeiehen wenden-