Nr. 303
Dienstag 34. Dezember 4001
Erstes Blatt
151. Jahrgang
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-sGt- General-Anzeiger v LML
ML- Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
nern!prechanschlußNr.51. v -»6< ! KF geigenteil: Hans Beck.
Trennung.
Eine Weihnachtsbotschast, die allenthalben das größte Aufsehen erregen muß, kommt heute aus der Residenz unseres Großherzogtlims. Wie uns ein heute in den Vormittagsstunden zugehendes Telegramm offiziösen Charakters aus Darmstadt meldete, ist
durch Urteil des Großherzogl. Oberlandesgerichts vom 21. d. M. die Ehe Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs und I. K. Hoheit der Großherzogin geschieden worden.
Das hessische Volk in seiner Gesamtheit wird diese Meldung, die für Staat und Volk von gleich weittragender Bedeutung ist, mit der schuldigen Ehrerbietung aufnehmen. Wir können nur wünschen und hoffen, daß dieser bedeutungsvolle Schritt zum Segen des hessischen Landes und seines erhabenen Herrschers gereichen wird.
Deutsches Deich.
Berlin, 22. Dez. Der Kaiser hörte gestern die Vorträge des Staatssekretärs v. Tirpitz und des Chefs des Marinekabinetts v. Senden-Bibran. Um 12 Uhr mittags empfing der Kaiser den neuen siamesischen und den neuen chinesischen Gesandten in Audienz.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die „Dtsch. Tagesztg." behauptet bestimmt zu wissen, daß der preußische Handelsminister dem Bundesrate einen Antrag auf Abänderung des Bhrsengesetzes unterbreitet habe, obwohl an anderen Regierungsstellen Bedenken dagegen obwalteten. Die Annahme beruht auf einer groben Verkennung unserer verfassungsmäßigen Verhältnisse, und ^insbesondere der Rechte und Pflichten des obersten Beamten im Reiche und in Preußen. Der dem Bundesrate vorliegende Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung des Börsengesetzes ist ein Antrag Preußens, der die Unterschrift des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten trägt. Es kann daher weder von der Einbringung desselben durch einen einzelnen preußischen Minister noch auch in irgend welchen Gegensätzen innerhalb der preußischen Regierung oder der Reichsverwaltung hinsichtlich dieses Gesetzentwurfes die Rede sein.
— In der heutigen Sitzung des Bun de s rats wurden die Vorlagen betreffend a) ein Verzeichnis der gemäß § 13 Abs. 2 des Schlachtvieh- und Fleischbeschaugesetzes zu bestimmenden Einlaß- und Untersuchungsstellen für das in das Zollinland eingehende Fleisch; b) den Entwurf von Ausführungsbestimmungen au dem Schlachtvieh- und Fleischbeschaugesetze betreffend die Untersuchung und gesundheitspolizeiliche Behandlung des Schlachtviehes und Fleisches bei Schlachtungen im Jnlande den zuständigen Ausschüssen überwiesen.
— Das preußische Kultusministerium hat nach einer Meldung aus der Provinz sämtliche Regierungs-Präsidenten angewiesen, gegen die Eintragung von Vereinen für Feuerbestattung in das Vereinsregister des Amtsgerichts Einspruch zu erheben, und beim Ministerium Anzeige zu machen.
— Das Direktorium des Zentral-Verbandes v
deutscher Industrieller hat sich veranlaßt gesehen, an die Mitglieder des Zentralverbandes die dringende Aufforderung zu richten, den Entwurf eines Zolltarifs einer erneuten eingehenden Prüfung zu unterwerfen und deren Ergebnis mit thunlichster Beschleunigung der Geschäftsstelle des Verbandes zugehen zu lassen. Das Direktorium hat in Aussicht genommen, in etwa sechs Wochen den Ausschuß des Zentralverbandes zu einer Sitzung einzuberufen und ihm die Wünsche und Anträge der Mitglieder zu unterbreiten.
— Das „Bert. Tgbl." meldet aus New-Dork: Hier verlautet gerüchtweise, daß der Rücktritt des Staatssekretärs Hay unmittelbar bevorsteht, und der Gouverneur der Philippinen Taft zu seinem Nachfolger ausersehen sei.
— Wie das „B. T." erfährt, hatte man in hiesigen amtlichen Kreisen gestern nur von dem Falle des „Prinz- Re g en t Lu i t p o l d", nicht aber von dem des „Neckar"' Kenntnis. Man glaubte den Fall als durch die Freigabe des Schiffes als erledigt ansehen zu können. Jetzt erscheint die Sacke in einem etwas veränderten Lichte und die Frage der Zulässigkeit der australischen Abgaben bedarf einer näheren Erörterung. Es ist zweifellos, daß aus diesem Anlaß diplomatische Schritte in London gethan werden.
— Die deutschen Anarchisten lassen Anfang nächsten Jahres eine Anzahl Broschüren zur Propaganda für den Anarchismus erscheinen. Zur Massen-Verbreitung kommt ein Flugschrift, die unter den deutschen Arbeitern Stimmung für den Generalstreik machen soll.
Pos en, 22. Dez. Major En dell lehnte die neuerliche Wahl in die Posener Landwirtschaftskammer ab und legte sämtliche A em ter in der Landwirtschafts kam- mer und im Bund der Landwirte nieder. Ebenso schied er aus dem deutschen Landwirtschaftsrat und dem preußischen Landesökonomie-Kollegium aus.
Kiel, 22. Dez. Der Großherzog von Hessen ist von Darmstadt kommend heute vormittag 11 Uhr hier eingetroffen und auf dem Bahnhof vom Großfürsten und der Großfürstin Sergius und dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich begrüßt worden.
Ausland.
Brüssel, 22. Dez. In einem Meeting zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechts kam e^ gestern abend zu tumultuösen Auftritten. Die anwesenden Arbeiter brachten Hochrufe auf die Revolution aus. Ein Redner erklärte, man werde event- das allgemeine und gleiche Stimmrecht sich mit Gewalt verschaffen. Die Versammlung trennte sich unter Absingung der Marseillaise.
Paris, 20. Dez- In den Wandelgängen der Kammer wurde gestern erklärt, daß ein heftiger Wortwechsel zwischen dem Sozialistenführer Viviani und dem früheren Kabinettschef Brisson stattgeftmden habe. Brisson soll Viviani erklärt habe, daß er, trotz seiner 60 Jahre, zu seiner Verfügung stehe.
— Unter großem Audranae der Bevölkerung fand heute die Enthüllung des Standbildes des im Dezember 1851 auf den Barrikaden gefallenen Volksvertreters Baud in statt. Als Deschanel in seiner Rede den Cäsarismus scharf verurteilte, ertönten aus der Volksmenge die Rufe: „Es lebe die Republik" und „Nieder mit dem Nationalismus". Als sodann Präsident Loubet und Ministerpräsident Waldeck- Rousseau den Denkmalsplatz verlassen hatten, betrat Dausset
(der Vorsitzende des Pariser Gemeinderates, der zu der Feier nicht geladen war. D. Red.) den Platz vor dem Denkmal und ergriff das Wort, obwohl er nicht in der offiziellen Rednerliste aufgeführt war. Gleich bei Beginn seines Ausführungen wurde der Redner durch feindselige Zurufe unterbrochen. Alsbald umringten Polizeiagenten Dausset- Es gelang ihnen mit großer Mühe, Dausset aus der Volksmenge zu befteien. Dausset konnte sich, von der Polizei gedeckt, entfernen.
Rom, 22. Dez. Das Memorandum desPrinzen Georg an die Großmächte enthält folgende Forderungen: Anerkennung der kretensischen Flagge, Schutz der Kretenser im Auslande, insbesondere in der Türkei, Uebergabe aller Kretenser, die sich in türkischen Gefängnissen befinden, an Kreta, Anerkennung der kretensischen Hafengebühren und Zölle, Zahlung der Patentsteuer für die in Kreta lebenden Fremden, Ueberweisung der Telegraphengebühren, die von der Castern Telegraph Cie. der Türkei gezahlt werden, an den kretensischen Staatsschatz, Anschluß Kretas an den Weltpostverein, Auszahlung der von den Großmächten der kretensischen Regierung in Aussicht gestellten Unterstützung und Regelung der Konsulargerichtsbarkeit.
Wien, 22. Dez» Die amtliche „W. Ztg." publiziert die mit Einwilligung des Kaisers erfolgte Verlobung der Erzherzogin Marie Christine mit dem Prinzen Emanuel Salm-Salm.
Graz, 22. Dez. Im abgelaufenen Kirchenjahr hatte die evangelische Gemeinde Graz durch Ueber- tritte einen Zuwachs von 468 Seelen, ein Mehr van etwa 110 gegenüber den beiden Vorjahren. In Mahrenberg (Süd- Steiermark) wurden am 1. Dezember wieder 10 Männer und 2 Mädchen in die evangelische Kirche ausgenommen, in Laibach (Krain) am Reformationsfest 14 Personen. Innsbruck hat dieses Jahr bereits 60 Aufnahmen zu verzeichnen. Auch Mähren sucht den anderen Kronländern nachzueifern. So wurden in Mährisch-Ostrau am Reformatiousfest 23 Personen evangelisch. Na chwie vor marschiert jedo chBöhmen an der Spitze. Dort ist jetzt mit Gablonz der dritte Pfarrbezirk hinzugekommen, dessen Uebertrittszisfer 1000 überschritten hat. In Asch wurden im November 36 Katholiken in die evangelische Kirche ausgenommen, wozu noch eine größere Anzahl Kinder kam Beii Gelegenheit der Glockenweihe in Klostergrab meldeten sich 15 Personen.
Peking, 20. Dez. Juanschikai stellte japanische Offiziere an, um sein Heer zu schulen. Eine Abteilung dieser japanischen Offiziere ist gestern bei Juanschikai in Paotingfu angekommen. Japan erbietet sich auch, einen General abzusenden, um das chinesische Heer zu reorganisieren.
New-York, 22. Dez. Präsident Roosevelt wurde von einem zudringlichen Burschen beleidigt, der seinen Arm packte und einen lärmenden Auftritt herbeiführte. Es han- oelt sich vermutlich um einen Verrückten. Roosevelt, der vom englischen Botschafter begleitet war, schlug den Mann nieder.
Dolilische Tagesschau.
Heber die süddeutsche Eisenbahnkonferenz
tn Stuttgart wird der „Frkf. Ztg." noch gemeldet: Wie der Gang der Verhandlung bewies, verschließt sich kein Staat der Erkenntnis, daß der gegenwärtige Zustand auf die Dauer unhaltbar sei und eine Ver- einsachun g und Verbilligung der Tarife not
Der ästhetische Henuß
von Prof. K- G r o o s.
(Gießen, I. Rickersche Verlagsbuchhandlung. 1902. Oktav. 263 Seiten. 4.80 Mk.)
Die Einleitung begrenzt die Aufgabe des Werkes. Don den beiden möglichen Ausgangspunkten, welche eine ästhetische Untersuchung nehmen kann, den Motiven des künstlerischen Schaffens einerseits, den Quellen des ästhetischen Genießens andrerseits, ist der letztere gewählt. Ms Methoden der Forschung auf diesem Gebiet sind genannt: die Selbstbeobachtung, der Vergleich mit Selbstbeobachtungsergebnissen anderer, die Beobachtung des Verhaltens anderer. Der eine Weg führt zu einer systematischen, der andere zu einer genetischen Aesthetik. Den Verfasser haben die interessanten Probleme der letzteren in seinen bisherigen Untersuchungen, (Spiele der Tiere, Spiele der Menschen) besonders beschäftigt.
Das erste Kapitel betrachtet den ästhetischen Genuß als „Spiel", ein Ausdruck, dem wir bereits in Schillers ästhetischen Studien begegnen. Das Spiel wird von anderweitigen Thätigkeiten dadurch abgegrenzt, daß für die letzteren der Erfolg wesentlich in Betracht kommt, für das erstere dagegen ist „die Freude am Erlebnis überhaupt" «ohne Rücksicht auf einen außerhalb liegenden Zweck das charakteristische. „Die sensorischen und motorischen Apparate, die Höheren geistigen Anlagen, der Kampf-, Liebes- und Nachahmungsinstinkt, die sozialen Bedürfnisse, — sie alle verlangen nach angemessener Beschäftigung oder Bethätig- ung, und die Erfüllung dieses natürlichen Verlangens sind et, wo ernstliche Anlässe fehlen, im Spiele statt." Es sind also sowohl sinnliche wie geistige Kräfte, welche solcherweise sich auszuleben begehren.
Tas zweite Kapitel behandelt die sinnlichen Faktoren des ästhetischen Genießens. Mit Guhau stimmt der Verfasser darin überein, „daß alle unsere Sinne ästhetische Gefühle Hervorrufen können." Die „Süße des Zuckers" könne dem „Not der No-e" wohl als etwas ästhetisch Gleichwertiges an die Seite gestellt werden. Doch muß freilich die geistiae
Armut der niederen Sinne zugegeben werden. Hoch über sie erheben sich die beiden „Spr ach sinne", Gesicht und Gehör, welche nach Tönen und Gebärden das Innenleben anderer beseelter Wesen uns verstehen lehren. Der erste sinnliche Faktor nun besteht in der einfachen Lust an der Betätigung dieser Smnesapparate, in der „Freude am ungehemmten Auskosten des sinnlichen Wahrnehmens überhaupt." Mit Recht wird dabei an den Plastiker Hildebrand erinnert der in seinem Schriftchen: „Das Problem der Form" diese „Freude am vollen sinnlichen Erleben mit überraschender Energie in den Vordergrund rückt." Den zweiten sinnlichen Faktor bildet die Luft an angenehmen ober die an intensiven Reizen, ein Unterschied, der „maßgebend ist für kunstgeschichtliche Entwickelungsformen wie Renaissance und Barock", der „einen fundamentalen Gegensatz im ästhetischen Genießen bedeutet." Hinweise auf Wölfslins „Renaissance und Barock" illustrieren Diese Auffassung deutlicher. „An dritter Stelle soll einiges über die sinnliche Seite der ästhetischen Form gesagt werden." Wieso der Verfasser erst hier auf den Ausdruck „Form" kommt, ist nicht recht klar. Beweist doch allein der Titel von Hildebrands Schrift, daß wir es auch bei dem ersten Faktor schon mit ihr zu thun haben. Verstanden ist unter dem Dritten Faktor das folgende: Wenn uns ein ästhetisch betrachtetes Objekt, ein Aus und Nieder, ein Hin und Her von Linien bietet, so glauben wir dieses Auf und Nieder, dieses Hin und Her in uns als eine Art Bewegung zu spüren, ähnlich als ob wir dem Linienzuge mit der Hand oder mit dem Blick folgten. Nach Groos erklärt sich dies daraus, daß wir als Kinder unsere Kenntnis der Körperformen thatsächlich zu einem sehr beträchtlichen Teil der tastenden Land veroanken, wobei dieser zugleich die Blickbewegung folgt. So entsteht eine Verknüpfung zwischen gewissen taktilen und gewissen optischen Erfahrungen. Nach genügend häufiger Wiederholung dieses Erlebnisses genügt bann schließlich bie bloße Augenbewegung, um auch bie entsprechenden Tastempfinbungen wenigstens anbeutungsweise wieber lebenbig werben zu lassen. Dieser britte Faktor I braucht aber nicht nur reproduktiv zu fein. Achnliche Organ» I empfindungen können auch ohne Criunerungsbilber zu stände
kommen, nämlich durch den Nachahmungstrieb. Der Verfasser macht wahrscheinlich, balß wir fast überall das Vorhandensein von imitatorischen Einstellungen voraussetzen müssen, die sich unmittelbar an den Eindruck des Objekts anschließen. Nicht nur im Kinde ruft bet Anblick von Bewegungen unb Haltungen häufig „Nachahmungsimpulse einschließlich ber bamit verknüpften Organempfinbungen" her- vvor, sonbern auch Erwachsene nehmen auf solche Weise noch vieles unwillkürlich an, was sie in ihrer Umgebung sehen ober Horen. Bei ästhetisch veranlagten Menschen reicht bie Wirkung solcher Organempfindungen möglicherweise viel weiter, als sich bis jetzt äußerlich seststellen läßt. Und wenn man auch nicht alle Gefühle in Organempfinbungen wirb auflösen wollen, so ist boch jebenfalls gewiß, daß bie inneren leiblichen Vorgänge von wesentlichem Mnfluß auf bie Frische unb Lebendigkeit unserer Gefühle sind." Welche hervorragenbe Bebeutnng dieser Faktor gewinnen kann, geht vor allem aus ber Wirkung ber Lesepoesie hervor, über welche im Schlußabschnitt bieses Kapitels in interessanter unb eigenartiger Weise gesprochen wirb.
Schluß folgt
Weihnachtslitteratnr.
Peter Rosegger, Sonnenschein. Preis 5 Mk. Leipzig, Verlag von L. Staackmann- Dieses Jahr legt Peter Rosegger seinen zahlreichen Freunden unb Verehrern auf. ben Weihnachtstisch ein Buch, bas er „Sonnenschein" betitelt hat. Es umfaßt eine Reihe von Erzählungen, bie alle von bem Zauber walbfrischer Ursprünglichkeit durchweht finb. Ergreifenb wirkt bie Tragobie ans ber Bergwelt „Die Feinbe", voll sonnigen Humors ist bie reizende Geschichte „Mein Vetter, ber Türke", eine urkomische Münch- hausiabe. Mag nun Rosegger bas Leben ber Bergbewohner schildern, ober in die Tiefen ber Seelenmalerei sich versenken, ober seine Kunst zu fabulieren, in origineller Art darthun, immer wirb bem Leser ein hoher Genuß geboten und bie Roseggergemeucke erhält immer neue Jünger; bani wirb auch bieses Buch beitragen.


