Ausgabe 
24.10.1901 Zweites Blatt
 
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schwer unterzubringen waren und teilweise unverkauft den Markt verlassen mußten.

Hannover, 22. Okt. In der heute stattgehabten General- verscunmlung der Aktien-GesellschastNordwesl - und Mittel-- deutschesPorlland-Cementsyndikal", wurde der aus der Tagesordnung stehende Antrag aus Kündigung des Syndikats- vertrages zum 1. Januar 1902 mit geringer Majorität abgelchnt, dagegen ein weiterer Antrag aus Auflösung des Syndikats zum 31. Dezember 1902 mit überwiegender Majorität angenommen.

Köln, 22. Lkt. (Telegramm deoGieß. 21nz." Die gestrige Borversammlung her Gewerkschaft Gießener Brauusteiubcrgwerke vorm. Feruie ergab die völlige Rechtfertigung deS seitherigen Borsitzendeu, Rechtsanwalts Grünewald - Gießen, der durch Mehr­heitsbeschluß beaustragt wurde» au Stelle der seither fnn- gterendeu Kommission Schmidt, Biukel und Klepzig, die Ber- haudluugeu mit Zeruie bezw. dessen Bevollmächtigtcu, Jn- stizrat Lr. Gutflcisch, und unter Zuziehung des Bucherrevi­sors Cohen wcitcrzuführen. Die Versammlung erkannte durch einmütige Zustimmung au, daß der Borsitzcude Grüne­wald in allen Punkten im Interesse der Gewerkschaft gehän­selt habe. Der neue Direkor Dr. E s ch soll alsbald die Geschäfte übernehmen.

Paris, 22. Okt. An der heutigen Börse war die Stim­mung gedrückt wegen der Wahrscheinlichkeit eines allgemeinen Aus­standes der B e r g w c r k a r b e i t e r. Dadurch ivar besonders Rente niedriger, Spanier auf Besserung des Wechselkurses etwas hoher. Brasilianer durch die Steigerung der Kaffepreise, die mit ungünstigen Ernteaussichten motiviert wurde, günitig beeinflußt. Bon Banken die Banque de France neuerdings steigend. Thomson- Houston durch Blairkoabgaben um 35 Frks. niedriger. Rio Tiirlo infolge der Kupferbaisse stärker rückgängig; auch Goldminen schwacher.

Sport.

(?) HerSfcld, 21. Okt. Vom schönsten Wetter begünstigt, hielt der Hessische Athleten-Verband feinen Delegrertentag hier ab. Vertreten waren sämtliche Vereine des Verbairdes. Nach Verlesung des Protokolls vom letzten Telegiertentag in Gießen wurde zur Tagesordnung übergegcmgcn. Der Kraftsporwerein Herakles" und der AchletcnLlubAdler", beide aus Kassel, und der MarburgerAthletenklub" wurden einstimmig ausgenommen. Der Main-Taunus-Gau wurde nicht in den Verband ausgenommen. Nach einer über eine Stmrde dauernden Diskussion wurde be­schlossen, in den Deutschen Achletenverband erst einzutreten, sobald dieser eine Unfallkasse errichtet hat. Nachdem noch verschiedene Punkte Erledigung gefunden hatten, schloß der L Vorsitzende Ernst Serdel ben Delegiertentag mit einem dreifachenKraft Heil" auf den Hess. Athletenverband. Der nächste Delegiertentag findet im April 1902 m Melsungen statt, verbunden mit Vorstenunerslunde. Ein Rundgang durch die Stadt, Besichtigung der Uebungs- lokale beider Athletenklubs und ein Tänzchen hielten die Delegierten noch lange in bester Stimmung zusammen. Man erhofft, daß sich die anderen, noch verbandslosen Vereine dem immer mehr empor- wachsenden Hess. Athletenverband anschließen werden.

Gerichtssaal.

D. Gießen, 22. Okt. (Strafkammer.) Der vielfach vor­bestrafte Johann Georg Jöckel von Zeilbach ist des Verbrechens gegen § 176, 3 des St.-G.-B., sowie zweier Diebstahlshandlungen, begangen gegen die Joh. Georg Guth Witwe von Bruchenbrücken und den Beigeordneten Michel von dort am 25., bezw. 5. August 1901, beschuldigt. Der Angekalgte leugnet in gewandter Rede; die Beweisaufncchme erbringt aber den überzeugenden Beweis seiner Schuld. Das Urteil lautet aus eine Gesamtzuchthausstrafe von 1 Jahr 9 Monaten und die Kosten des Verfahrens. Die bürger­lichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten ans die Tauer von 5 Jahren aberkannt. Der mehrfach vorbestrafte Heinrich Philipp Josef Dickhardt von Vilbel ist beschuldigt, in der Nacht vom 1. auf den 2. September 1901 au Vilbel den Maurer Adam Friedrich Dickhardt von da durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt zu haben. Der Angeklagte ist nicht geständig. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen ihn eine Gefängnisstrafe von 4 Jahren in Anbe­tracht der Rohheit der Thal. Das Gericht verurteilt ihn in eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren. Dem Verletzten wird eine Geldbuße von 360 Äik. zugefprochen. Der Heinrich Meininger 8r von Mittel-Gründau ist angeklagt, in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1901 zu Mittel-Gründau den Heinrich Kolb aus Lieblos durch vier Messerstiche erheblich körperlich verletzt zu haben. Der Angcklaate leugnet die ihm zur Last gelegte Sttafthat. Nach er­folgter Beweisaumahme beantragt die Staatsanwalrschaft Ein­stellung des Verfahrens mangels Beweises. Das Urteil lautet auf Freisprechung von Strafe und Kosten. Gegen den der Körper­verletzung angeklagten, aber zurHauptverbandlung nicht erschienenen Wilhelm Schwarz von Ilbenstadt wird die Vorführung zum neuen Dermin Dienstag den 29. ds. Mts. beschlossen. Die von dem Johannes Hofmann 7r in Hoch-Weisel gegen ein Urteil des Schöffengerichts Butzbach vom 6. September 1901 eingelegte Be­rufung wird zurückgenommen, In gleicher Weise nimmt der Taglöhner Wilhelm Merle in Angenrod das von ihm gegen ein Urteil des Schöffengerichts Alsfeld verfolgte Rechtsmittel zurück. (In unserem Bericht über die letzte Strafkammersitzung ist das gegen Bürgermeister Reuß von Torheim ergangene Urteil dahin zu berichtigen, daß er zu 3 Mk., nicht, wie es in jenem Bericht in­folge eines Druckfehlers hieß, zu 300 Mk. verurteilt wurde.

Der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Lütgenan war am 17. Mai von dem Schöffengericht in Dortmund wegen Betruges zu zwei Wochen Ge­fängnis verurteilt worden. Der Betrug wurde darin gefunden, daß Dr. Lütgenau im Jahre 1896, als ihm im Prozesse Hofsrichter 93 Mark übergeben worden waren, um die Ladung von Zeugen zu bewirken, das Geld behalten und sich den gleichen Betrag aus den beim Essener Meineids- rrozeß gesammelten Geldern hatte erstatten lassen. Gegen das Erkenntnis hatte Dr. Lütgenau Berufung eingelegt, die jetzt vor der Strafkammer in Dortmund verhandelt würbe. Das Mitglied des Parteivorstandes, Gerisch aus Berlin, stellte Dr. Lütgenau das schlechteste Zeugnis aus. Es sei schon vor der Reichstagswahl im Jahre 1898 bekannt gewesen, daß Dr. Lütgenau nicht würdig sei, der Partei anzugehören. Gegen seine wiederholte Aufstellung alsReichs- tagskandidat habe der Vorstand nichts machen können, weil die Aufstellung von hier aus erfolgt sei. Es seien aus der Partei immer mehr unlautere Sachen von ihm zum Aus­druck gekommen, weshalb ihm die Redakteurstelle bei der Zeitung gekündigt worden sei. Der Angeklagte erzielte in­sofern einen Erfolg, als das Gericht ihn nicht wegen Be­trugs, sondern wegen Unterschlagung verurteilte. Bei der Erhebung der 93 Mark habe der Angeklagte nicht die Absicht des Betrugs gehabt, wohl aber habe er später den Besitz des Geldes verschwiegen und es für sich verbraucht.

Universitäts-Nachrichten.

DerReichsanz." publiziert amtlich: Der ordentliche Professor Dr. Alfons Kißner zu Königsberg i. Pr- ist in gleicher Eigenschaft in die philosophische Fakultät der Universität zu Marburg und der ordentliche Pro­fessor Dr. Eduard Ko sch witz zu Marburg in gleicher Eigen­schaft in die philosophische Fakultät der Universität zu Königsberg i. Pr. versetzt worden. (Es ist in dieser amtlichen Publikation also nichts davon bemerkt, daß die Versetzung des Professors Koschwitz nach Königsbergaus dessen An­trag" erfolgt sei. Geschieht eine Versetzung auf Antrag!, so wird dies in der Regel auch in der Veröffentlichung durch denReichsanzeiger" dabei bemerkt.).

Landwirtschaft.

Berlin, 19. Olt. Saatenstaud in Preußen Mitte des Monats Oktober. (Es bedeutet: Nummer 2 gut, 3 mittel Durchschnitt.) Winterweizeu 2,4 (Oktober 1900 2,6), Winterspelz 2,2 (1,3), Winterroggen 2,4 (2,7), junger Klee 2,8 (3,1), Luzerne 2,7 (2,7). In den Bemerkungen der statistischen Korrespondenz heißt es: Das Ausnehinen der Kartoffeln ist in der verflossenen Berichtsperiode überall tüchtig gefördert tvorden. Lieber die Menge und Beschaffen­heit der Knollen ließen sich die Berichte meist günstig aus, jedoch wird aus fast allen Gegenden des Staates Befürcht­ung der Fäule laut, und letztere oft schon als vorhanden bezeichnet. Die bereits in der letzten Berichtsperiode teil­weise begonnene Beackerung, sowie die Einsaat der Winter­felder ist mit aller Macht fortgesetzt worden, sie konnte aber in nur wenigen Berichtsbezirken der östlichen Pro­vinzen und dann nur für Roggen beendet werden. Die Bestellungen von Weizenfeldern sind noch nirgends weit gefördert worden, denn infolge des am 5. Oktober einge­tretenen völligen Witterungswechsels sind sämtliche Feld­arbeiten gehemmt worden. Die Anfang September einge­brachte Saat entwickelte sich schon kräftig, die spätere ist kaum ausgelaufen und steht einstweilen noch dünn. Der Stand des jungen Klees hat sich nach fast überall reichliche erfolgten Niederschlägen meist erheblich gebessert.

Dieburg, 18. Okt. In den letzten Tagen fand im Beisein des Landstallmeisters v. Witlich und des Herrn Rittmeister Nägele zu Darmstadt der Abtrieb der im lausenden Sommer aus der hiesigen, dem Landespferde­zuchtverein für Hessen gehörigen Fohlenweide unterge- brachten Fohlen statt. Die Besitzer der jungen, meist schönen Tiere waren mit dem Resultate sehr zuftieden.

Heidesheim, 19. Okt. Der Wttrterbedarf von 20 bis 25000 Kilogramm Kartoffeln für die hiesige Siechenanstalt soll wieder an einen Produzenten vergeben werden. Angebote sind bis zum 26. Oktober an die Direktion der Anstalt einzureichen.

Birkenau, 18. Okt. Dem Oekonomen G. Gilmer hfer sind bis jetzt fünf feiner besten Pferde im Werte von min­destens 4000 Mark verendet, zwei weitere werden ebenfalls in kurzer Zeit der Krankheit erliegen. Die gestern und heute von Veterinärarzt Dr. Nuß von Rimbach unter Zu­ziehung zweier Tierärzte aus Mannheim bezw. Darmstadt an zwei gefallenen Pferden vollzogene Sektion ergab kein bestimmtes Resultat.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Mainz, 23. Okt. Von der hiesigen Eisenbahnbetriebs- Direktion wird amtlich gemeldet: Gestern Abend gegen IP/2 Uhr sind von dem D-Zuge Nr. 42 Berlin-Basel bei der Einfahrt in den Bahnhof Bischofsheim die Lokomotive mit einer Tenderachse, der Gepäckwagen und der Postwagen mit je drei Achsen, die Schlafwagen und ein Wagen dritter Klasse mit je einer Achse entgleist. Reisende sind nicht ver­letzt. Ein Postbeamter erlitt leichtere Verletzungen. Die Reisenden des D-Zuges sind nach einstündigem Aufenthalt mit dem Personenzuge Nr. 659 Darmstadt-Mainz weiter befördert worden. Die beiden Hauptgeleise sind für einige Zeit gesperrt. Eine Untersuchung ist eingeleitet. Die Ursache der löttgleisung ist noch nicht feftgefteUt

Theater, Kunst und Wissenschaft.

Darmstadt, 20. Oktober. Als Festvorstellung zur Ferer der Allerhöchsten Gcburtsfestc des Groß herzogs und der Groß Herzogin wird die Planquettesche OperetteDie Glocken von Corneville" vorbereitet.

Tycho Brahe, der große nordische Astronom, ist am 24. Oktober (neuen Stils) 1601 gestorben, und mit Recht hat man in vielen wissenschaftlichen Kreisen von dem Gedenktage Kenntnis genommen. Hat doch sogar der Him­mel die Erinnerung an die Ty chemische 9Looa in der Cassiopeia vom Jahre 1572 durch Austeuchtenlassen eines neuen Sternes in deren Nachbarschaft, nämlich im Perseus, wieder ausgefrischt. Geboren wurde Tycho am 14. Sep­tember 1546, also kurz vor der Kalenderresorm, die sein Leben scheinbar um einige Tage verlängert hat, zu Kaud- strup bei Helsingborg, baä damals zu Dänemark gehörte. Er entstammte einem alten Adelsgeschlechte; trotzdem ist das seinem Familiennamen häufig vorgesetztede" ein Fehler. Von unruhigem und hochfahrendem Geiste beseelt, machte er viele Reisen. Der Landgraf Wilhelm von Hessen, ein Freund der Astronomie, erkannte seine hohe Begabung und veranlaßte Friedrich II. von Dänemark, ihn zu unterstützen. Von 15761597 beobachtete er auf der ihm von diesem Fürsten angewiesenen, reizend ge­legenen Insel Hveen (angeblich insula venusta beeeuteno- im Sund, wo er die berühmte Uraniborg und die Stjerne- borg (Stellaeburgum) erbaute. Seine großen Instrumente bezeichnen wohl das Beste, das ohne Anbringung von Mi­kroskop und Fernrohr geleistet werden konnte. Streitig­keiten veranlaßten seinen Weggang nach Prag, wo ihn Ru­dolf II. zum kaiserlichen Mathematiker ernannte. Er hat diese Stelle nicht lange verwaltet, da er schon nach vier Jahren einem traurigen Zufall zum Opfer viel, der ihn in weiteren Kreisen ebenso bekannt gemacht hat wie feine Arbeiten. Auch die silberne Nase, die er infolge eines unglücklichen Duells trug, und deren Spuren neulich bei der Ceffnung seiner Gruft gesunden sein sollen, ist be­kannt; seltsamerweise muß noch 300 Jahre nach seinem Tode ein Antiduellkongreß tagen, ohne vielleicht mit dem alten Unfug aufräumen zu können. Seine Standesgenossen, deren Vorurteile chm nicht ftemd gewesen sind, verfeindete er sich gleichwohl (noch vor der Uebersiedelung nach Hveen) durch eine Mißheirat. Es sind besonders die Marsbeob­achtungen von Tycho, die seinem größeren und liebens­würdigeren Schüler Johannes Kepler das Material zur Auf­findung seiner Gesetze lieferten. Das sogen. Tychonische Weltsystem bedeutet insofern einen Fortschritt gegen das Ptolemäische, als es die Epicykel abschaffte und auf wenige Kreisbewegungen alle§ zurück führte. Tycho glaubte es gegen das Kopemikanische verteidigen zu sollen, well dieses Fixsternparallaxen verlangte, die ja thatsächlich entdeckt worden sind, aber erst im 19. Jahrhundert. Die beiden An­lagen auf Hveen sind verfallen, und die Mauern zum Teil zur Errichtung anderer Gebäude verwandt. Die Haupt- instrumente standen, wohl zum Schutze gegen Winddruck, in tiefen Ausschachtungen (Mypten"), die mit Mauerringen aus Findlingsblöcken umwallt waren. Ellr Stein über dem Eingänge zur ©temenburg trug die stolze Inschrift: 9Zec fasees nec opes, sola artis sceptra perennant.

Frankfurt a. M., 23. Okt. Konsiftorialrat Pfarrer Dr Jung ist gestorben.

Frankfurt a. M., 23. Okt. Oberbürgermeister Adickes erhielt folgendes Telegramm: Seine Majestät der Kaiser und König lassen für die Meldung der Eröffnung der Akademie für Handclswissenschaften bestens uanfen mit dem Wunsch, daß die neue Bildungsstätte von reichem Segen begleitet sein möge. Ans Allerhöchsten Be­fehl der Geh.-Kabinetsrat v. Luvanus.

Berlin, 23. Okt. DieBerl. Pol. Nachr." melden: Dem Vernehmen nach ist das neue Z0lltarif g esetz in den Bundesratsausschüssen schon zur Annahme gelangt Wie man hört, wird sich in einigen Tagen in der militärischen Vertretung Bayerns im Bundesrat ein Wechsel vollziehen.

It Berlin, 23. Okt Der Chef der Reichskanzlei, Geh^ Rat Conrad, erschien gestern m der Wohnung Georg v. Siemens, um im Auftrag des Reichskanzlers sich nach dem Besinden des Kranken zu erkundigen. Auf Grund genauester Informationen können wir mitteilen, daß Staats­sekretär v. Tirpitz die Aeußerung über den Zusammenhang zwischen Flottenvermehrung und Freihandel nicht gethan hat

Paris, 23. Okt. Bezüglich der Abstimmung über den Antrag betr. den Achtstundentag und einen Minimallohn füc die Bergarbeiter wird noch berichtet, daß daß die Majorität auch viele gemäßigte Republikaner umfaßte, die sonst gegen das Kabinet Waldeck-Rousseau stimmten; die Minorität setzte sich zusammen aus sämtlichen Sozialisten und großen Teil der Radikalen, die sonst immer für das Kabinet stimmten.

St Etieune, 23. Okt. Die Delegierten der Berg» arbeiter beschlossen, an den Ministerpräsidenten ein Schrei­ben über die Forderungen der Bergarbeiter zu richten, und falls die Antwort Waldeck-Rousseaus nicht befriedigend aus­falle, mittels geheimer Parole den Gesamtausstand zu be­schließen. Ein Delegierter erklärte, daß der Gesamtausstand in einem ihnen am geeignetsten erscheinenden Augenblick an- geordnet werden würde. Die Delegierten beschlossen ferner, den Mitgliedern sämtlicher Bergarbeitersyndikate ein besonderes Zeichen zuzusenden.

Neapel, 23. Okt. Der hiesige Panama-Skandal erweist sich als noch schlimmer als erwartet wurde. Der Senator Saredo, der Chef der neapolitanischen Untersuchungskommis­sion, veröffentlicht - heute seinen Bericht in zwei Bänden von 1000 Seiten. Er deckt die Korruption der Verwal­tung auf, indem die Geschichte einzelner Klientelen und Ca­morrabünde eingehend untersucht und dargelegt wird. Im letzten Teile spricht Saredo von den Mitteln der Sanierung der Stadtsinanzen; er schlägt die Unifizierung aller städtischen Anleihen, eine staatliche Anleihe zum Ankauf der Wasser­leitung, die Vergemeindlichung aller Verkehrsinstllute, sowie von Gas und Elektrizität vor und zuletzt die Schaffung eines großen Freihafenbezirks, um Neapels Handel mit dem Orient zu beleben. Der Bericht stellt fest, daß verschiedene Stadt­verordnete und Stadträte sich kaufen ließen und verschiedenen die Stadt benachteiligenden Kontrakten zugestimmt haben. Zeitungsredakteure, die mit Namen genannt werden, erhielten Entschädigungssummen in Hohe bis zu 100 000 Lire in ein­zelnen Fällen. Technische Beamte unterzeichneten und fälschten mit Wissen des Magistrats die Bücher.

New-Zork, 23. Okt. Präsident Roosevelt ist gestern morgen bei seiner Schwester in Farmington eingetroffen. Der Präsident, für dessen Sicherheit auf der Reise die sorg­fältigsten Maßregeln getroffen wurden, begiebt sich morgen nach Newhaoen, um das thm von der Universität Pala verliehene Diplom als Doktor der Rechte entgegen­zunehmen. Roosevelt ernannte einen Gelddemokraten zum Einnehmer der Jnlandsteuern in Süd-Karolina an Stelle des nominierten republikanischen Kandidaten.

Berlin, 23. Okt. In den letzten acht Tagen find 9 Kondukteure der großen Berliner Straßen­bahn des Betruges und der Unterschlagung überführt und zur Verantwortung gezogen worden. Die Leute haben die Straftaten dadurch begangen, daß sie bereits verkaufte Fahrscheine, die von Fahrgästen im Wagen weggeworfen wurden, zum zweiten Male verkauften.

St. (Stiemte, 23. Okt. Die hiesige Gruben-Direktton hat beschlossen, die Arbeiten in ihren Gruben vom 31. Oktober ab einzustellen, und sie erst nach Ablauf der jetzigen un­ruhigen Periode wieder aufzunehmen. Der Eingang zur Stadt wird den ausständigen Arbeiten! während des Streikes nicht erlaubt werden. Den in der Stadt ansässigen Arbei­tern werden Pässe ausgehändigt. Der Ausstand wird auch die hiesigen Wafsenfabriken in Mitleidenschaft ziehen.

Rom, 23. Oktober. Bei Sassari wurde der Postwagen von 7 maskierten Banditen überfallen. Die das Gefährt, begleitenden zwei Carabinieri wurden verwundet, eine inti Wagen befindliche Frau getödtet. Es gelang dem Postillon aber, die auf 10 000 Lire bewerteten Postsachen in Ächerheit zu bringen.

Wien, 23. Okt. In der gestrigen Sitzung der evangel. Generalsynode wurde beschlossen, den auf den 31. Oktober fallenden Reformationstag zum Festtag der evangel. Schule zu erheben.

Lemberg, 23. Okt. Der Gutsbesitzerssohn Hidvck rourbe- zu einem Monat schweren Kerker üerurteUt, verschärft durch Fasten, weil er ein 17jähriges jüdisches Mädchen in eini Kloster gebracht, wo sie sich zur Vorbereitung ihrer Tause< befindet.

Telephonischer Kursbericht,

Frankfurt a. 31., 23. Oktober.

S'/gf/o Reicheanleihe . . 100.50 Kreditaktien.....171.10

30/9 do. ... 89.40 Diskonto-Kommandit . . 117.50

3*/,% Konsole .... 100.20 Darmstädter Bank . . . 118.80

3°/o do...... 89.60 Dresdener Bank .... 118.00

S'/gO/o Hessen .... 98.10 Berliner Handelsges. . . 131.00

50/j Italien. Rente . . . 98.80 Oesterr. Staatsbahn . . , 132.90

4 /q Griech. Monopol-Anl. 41.80 Gotthardbahn.....154,50

S°/o Portugiesen .... 25.40 Laurahütte......179.50

3u/o Mexikaner .... 00.00 Bochum.......159.50

dVzVa Chinesen .... 84.40 Harpener......154^0

Tendenz: fest.

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