9iv. 71 Drittes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 24. März 1901
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Kunstpolitik.
Man ist bei uns in Deutschland gewohnt, der Kunst eine sehr nebensächliche Bedeutung beizulegen. Man hält sie mehr oder minder für ein Suxusprodukt, für eine Sache, nut der man sich nicht notlvendig zu beschäftigen braucht, die freilich sehr hübsche Gesprächsthemen abgiebt, aber doch sehr viel leichter zu entbehren ist als andere Tinge. So sehr hat man sich an die Borstellung gewöhnt, daß Kunst ellvas sei, was nur der Reiche besitzen und unterstützen' könne, daß man Kunstpflege und viel Geld für zwecklose, Dinge ausgeben für gleichwertige Begriffe hält. Diese absolut falsche Vorstellung von den, Wesen der Kunst kann es allein erklären, daß die Kunst in unserem öffentlichen, -eben eine so ärmliche Rolle spielt, daß man immer nuv Klagen über die Ausgaben für >runstzwecke hört, nirgends aber ernsthafte Versuche sieht, die Kunst in einer für das Allgerneinwohl nützlichen Art zu fördern.
Die Kunst ein Luxus! Natürlich dient sie nicht zur Leibes Nahrung und Notdurft, aber darum ist sie doch ein wirtschaftlicher Faktor, dessen hohe Bedeutung nur der verkennen kann, dessen Urteil durch Sachkenntnis nicht getrübt ist. Blumen sind auch Luxus, aber wieviel Millionen guten deutschen Geldes, das nicht nur die Reichen mit Freuden zahlen, wandern dafür jährlich nach Frankreich und Italien! Etwas, was zu einem Lebensbedürfnis erhoben werden kann, ist doch nur bedingungsweise als Luxus anzusehen Wenn man immer die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse allein im Auge gehabt hätte, würde es leinen Unterschied geben zwischen einer schönen, eleganten Pariserin und einem nach Thran duftenden Eskimo- kveibe. Die Kunst als Lebensbedürfnis setzt allerdings einen Kulturzustand voraus, dessen man sich in Deutschland aus verschiedenen Gründen leider noch nicht erfreut. Aber dürfen wir darauf verzichten, ihn zu erstreben? Niemals: denn wir verdienten nicht den Namen eines Kulturvolkes, wenn uns der Ehrgeiz fehlte, die Blüte der Kultur — die Kunst in prangender Schönheit auch einmal in Deutschland zu sehen.
Aber selbst wenn verlangt wird, daß die wirtschaftliche Bedeutung der Kunst durch ihre materielle Leistung b'e= wiesen wird, steht sic weder hinter der Industrie und dein Bandel noch hinter der Landwirtschaft zurück: denn nichts ist an Kostbarkeit den Werken der Kunst zu vergleichen. Werte, wie sie die Kunst zu schaffen vermag, giebt es auf keinem anderen Gebiete der menschlicheir Bethätigung, weil hier etwas Immaterielles bezahlt wird, nämlich eben die Kunst. Man braucht nur die dauernden Preissteigerungen zu verfolgen, deren sich die wertvollen Kunstwerke erfreuen, um einzusehen, daß die Investierungen von Kapital in Kunst die allervorteilhaftesten Anlagen von der Welt sind. Italien ist eins der am meisten verschuldeten Länder der Erde, aber es könnte mit Leichtigkeit seine sämtlichen Ver- pflichtungen erfüllen, wenn es einen verhältnismäßig kleinen Teil seiner Kunstschätze veräußern wollte. Aus guten Gründen verzichtet es darauf, denn diese Kunstschätze führen ihm einen Fremdenstrom zu, der ungezähltes Geld im Lande läßt, und erhalten diesem das Ansehen einer Kulturstätte ersten Ranges. Man rechne nur einmal nach, wieviel Frankreich alljährlich durch seinen überwiegenden Geschmack verdient, oer lediglich die Folgeerscheinung einer hochentwickelten Kunstkultur ist: welche unsinnigen Summen etwa Rußland und Ainerika freiwillig für die an sich wertlosesten Dinge zahlen, die man nur in Frankreich zu machen weiß. Hebung der Kunst im Lande bedeutet Hebung des National
wohlstandes. Das hat man eben in Frankreich längst erkannt und den Posten eines Ministers der schönen Künste geschaffen, um der Kunst eine offizielle Vertretung in der Regierung zu sichern. Tas deutsche Reich überläßt es dem Glück, dem Zufall, der Gelegenheit, die Kunst hoch zu bringen. Nun zeugt das nicht allein für Unbildung, sondern auch für Mangel an politischen Fähigkeiten und wirt- schaftlicher Intelligenz. Tie Unbildung besteht darin, daß man, in Berlin an den maßgebenden Stellen nicht zwischen Kunst und Handwerk zu unterscheiden weiß. Unpolitisch handelt man, weil man dem Zufall vertraut, anstatt mit gegebenen Größen zu rechnen, und wirtschaftliche Intelligenz fehlt, weil man unglaublich viel Geld unter dem Vorgeben der Kunftförderung zwecklos aus dem Fenster wirft.
Unter solchen Umständen erwächst jenen, die den Wunsch haben, daß Deutschland allmählich auch die ihm gebührende Kunstkultur erhält, die Verpflichtung, eine Politik zu treiben, die das Interesse der einheimischen Kunst im Auge hat.
Der Direktor des Musee du Luxembourg in Paris, Mr. Leonce Benedite, äußerte sich, wie Hans Rosenhagen im „Tag" erzählt, im vergangenen Sommer einem deutschen Bekannten gegenüber: „Ich würde so sehr gern ein gutes deutsches Bild auf der Weltausstellung kaufen, aber leider ist kein solches da". Tas Wort sollte zu denken geben. Es ist, soviel man gehört hat, überhaupt kein deutsches Bild in Paris verkauft worden. Auf den Chauvinismus der Franzosen kann man die Thatsache nicht schieben; denn sie haben Bilder von Leibl, Liebermann, Uhde und Kuehl zu Zeiten gekauft, als die Gesinnung gegen Deutschland eine viel weniger freundliche war, als im letzten Jahre, wohl aber zeugt sie dafür, wie gleichgiltig den leitenden .^reifen bei uns die Sache gewesen ist. Tas Geld, das man zur Ausstattung der Ausstellunasräme bewilligte, und das Gabriel Seidl seinem Freunde Lenbach zuliebe pflicht schuldigst verpulverte, ist für nichts und wieder nichts ausgegeben und eine der besten Gelegenheiten, Propaganda für die deutsche Kunst zu machen, mit größter Geschicklichkeit verpaßt. Tie Reichsregierung hüllt sich achselzuckend in den bekannten Mantel der Unschuld. In der That haben die deutschen Kunstgenossenschaften — Institutionen Don absoluter Ueberflüssigkeit — den Mißerfolg der deutschen Kunstausstellung in Paris auf dem Gewissen; aber die Reichsregierung spielte bei der ganzen Geschichte die Rolle des Mannes, der eine Dummheit verhindern könnte, jedoch zu bequem dazu ist. Wenn die Regierung sonst etwas unterläßt, was sie hätte thun können, giebt es sofort Interpellationen in den Parlamenten. Tie bedauernswerte Blöße, die sie sich in Paris gegeben, hat keiner ihrer Gegner benutzt, um sich einmal über die dilettantische, ziel- und zwecklose Kunstpolitik in Deutschland auszusprechen. Mit der Bewilligung von Geldern für Kunstwerke ist es allein nicht gethan. Tie Kunst bedarf einer rationellen Pflege. Es kommt nicht blos darauf an, daß Geld für Kunstzwecks da ist, es muß auch mit Vernunft ausgegcben werden. Ter ungebildete Par- venu, der sich als Mäcen zu etablieren wünscht, und für große Summen schlechte Kunstwerke kauft, nützt nicht nur der Kunst nicht, sondern schadet ihr geradezu; denn erdrückt die Thatkraft der tüchtigen Leute herab, indem er ihnen etwas entzieht, um die Mittelmäßigkeit oder gar die Unkunst in ihren Bestrebungen zu stärken und sie noch eingebildeter zu machen, als sie ohnehin schon sind. Ganz
abgesehen davon, daß dieser Pseudomäcen sein Geld nie Wiedersehen wird; denn schlechte Kunstwerke zahlt nur der Kunstunverständige teuer.
Rationelle Kunstpflege besteht nicht darin, daß man große Summen für alte Meister ausgiebt, oder für die bewährten Schöpfungen namhafter Künstler, sondern darin, daß man die gute Kunst der Zeit rechtzeitig und verständ nisvoll unterstützt. Die größte Schwierigkeit wird ja frei lich immer darin liegen, zu entscheiden, welches die gutk Kunst ist; aber selbst Mißgriffe können vertragen werden, wenn sic in guter Absicht geschehen. Tie Schwierigkeit der Entscheidung über den Wert oder Unwert von Kunstwerken ist wirklich nicht so groß, als man meint. Sie kann durch eine rationelle Bildung des Kunstgeschmacks bis zu einem gewissen Grade beseitigt werden, und hier scheint die Reichsregierung thatsächlich Vorbereitungen zu treffen, die auf eine künstlerische Erziehung der Jugend in den Schulen hinausgehen. In dieser Richtung darf man also wieder einiges Vertrauen zu dem guten Willen der Negierung haben. Indessen möchte man wohl die Fratze aufwerfen: Wäre es nicht im hohen Grade zweckdienlich, wenn ein Vertreter der Kunst in jedem Ministerium säße, kein Künstler, sondern ein Kunstpfleger von bewährter Tüchtigkeit und Erfahrung? Vorkommnisse wie sie >die Pariser Weltausstellung gezeitigt, oder eine so beschämende Blamage, wie sie sich Preußen mit seinen Kronjubiläuins- münzen bereitet hat, sollten in geordneten Staatswesen doch unmöglich sein, und sie wären es, wenn auch nur eine kunstverständige, mit den Verhältnissen vertraute Persönlichkeit allenthalben ihr Urteil abzugeben hätte.
Man scheint sich bei uns ferner auch gar keine Rechen schaft darüber zu geben, von welcher Bedeutung die K u n st p f l e ß e für d i e J'n d ü st r i e ist, die ja doch nun einmal das Handwerk mehr oder minder abgelöst hat. Gerade die Industrie ist es, die jetzt für die Verbreitung künstlerischer Ideen zu sorgen hat. Sie wird ja niemals Leistungen bieten können, die es an künstlerischer Qualität, mit denen des .Kunsthandwerks aufzunehmen vermögen,; aber es braucht kein frommer Wunsch zu bleiben, daß sie unter die Herrschaft des guten Geschmackes gerät und künstlerisch wertvolle Vorbilder benutzt. Und schließlich ist eine künstlerisch anständige Schöpfung der Industrie eben doch mehr wert als eine jammervolle Handarbeit mit mißverstandener künstlerischer Tendenz. Alles, was des großen Bedarfs wegen in Massen hergestellt werden muß, ist und bleibt auf die Industrie angewiesen. Es.käme nur barauj an, dieser begreiflich zu machen, wie sehr sic ihre Erfolge steigern könnte, wenn sie mit den allerbesten Künstlern zusammen arbeitete. Hier fehlt es an allen Anregungen, und der Begriff Fabrikware bleibt nach wie vor einer der schlimmsten. Einige Industrien bestätigen allerdings bereits wirkliche und moderne Künstler, aber diese vernünftige Idee sollten alle aufnehmen, die unter dem Ein flusse des Geschmacks stehende Dinge produzieren. Auch in diesem Falle wäre zu wünschen, daß der Staat mit gutem Beispiel voranginge und, wo es möglich und nötig ist, tüchtige Künstler beschäftigte. Tas lüäre auch einer der Punkte, wo eine verständige Kunstpolitik einzusetzen hätte. Und immer wieder muß betont werden, daß alle aus Kunstpflege gerichteten Bestrebungen den besten Teil und das eigentliche Ziel ihrer Wirkungen verfehlen, wenn sie nicht auf die Kunst der eigenen Zeit gerichtet sind; denn nur so ist Kunstförderung möglich. Die Verdienste aller jener berühmten Mäcene, deren Namen mit der Geschichte der
Kerliner Dries.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Frühling in Berlin: Im Tiergarten - Bei den Sommer- wirten — In den Puhgeschaften. — In den Leihhäusern. —
Zu de» Schulen.
Je älter die eitlen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts werden ich rede wirklich nur von der kleinen Minderheit der eitlen, und schließe alle meine Leserinnen feierlichst aus! — je älter sie also werden, je längere Zett verwenden sie auf ihre Toilette. Berolina, die entschieden keine von den jüngsten mehr ist, wenn sie auch wie ein halbflügger Backfisch wächst und wächst, daß ihr alles zu cng wird, braucht daher auch eine gehörige Portion von Zeit, ehe sie sich im feschen Frühlingskostüm präsentiert, trotzdem ein ganzes Heer von Arbeitern bei dem Aufputz beschäftigt ist. Im Tiergarten wimmelks von fleißigen Menschen, die den Spuren des Winters unnachsichtig zu Leibe gehen, das alte Laub beseitigen, die Bäume ausputzen, den Rasengrund pflegen und die Wege in Stand setzen und in der S i e g e s a l l e e besonders ist man fleißig am Werk. Aus Veranlassung des Kaisers wirb nämlich von den vier Lindenreihen in der Allee jeder zweite Baum niedergelegt, um die Denkmalsgruppen zu besserer Wirkung gelangen zu lassen; auch ist mau mit der Aufstellung der wenigen noch fehlenden Herrscher-Statuen beschäftigt, von denen besonders die Begas'sche unseres alten Kaisers Wilhelm mit Spannung erwartet wird. Beim Transport nach dem Standort ereignete sich das kleine Malheur, daß die Spitze von der Pickelhaube der Figur durch die Ungeschicklichkeit eines Arbeiters abgestoßen wurde. Ein paar Kunstkritiker der Straße, von denen der eine ein Bayer
sein mochte, stellten über die Folgen dieses Unfalls ihre Betrachtungen an. Der Berliner war der Meinung, daß an einem richtigen Helm die Spitze so wie so erst aufgesetzt würde, und nicht aus dem Leder herauswüchse, während der Andere eine Aenderung, die den ganzen Helm beseitigen müßte, für angebracht hielt, was den Spree-Athener jedoch zu der spöttischen Bemerkung veranlaßte: „Tu hast woll Raupen im Koppe? Jerade die Pickelhaube muß sein; das is die Hauptsache!" Ich wartete das Ende ihrer ästhetischen Auseinandersetzung nicht ab, sondern begab mich jveiter nordwärts, wo die Vorbereitungen zur Aufstellung des Bismarck-Denkmals in vollem Gange sind. Auch dieses wird noch im Frühling seiner Vollendung entgegen gehen und dadurch das imposante Gedächtnisviertel am Brandenburger Thore um einen interessanten Punkt vermehren.
In den Sommerwirtschaften macht man gleichfalls „Frühlings"-Toilette. Ganze Fässer voll grüner Oelfarbe werden an Gartenzäunen und Gartenmöbeln verstrichen, die Veranden sind längst in Stand gesetzt, das alte Schild wird aufgefrischt und die weithin sichtbare Fahne, das tröstliche Wahrzeichen für alle anrückenden durstigen Seelen, flattert frisch gewaschen im Märzenwind. Hier und da plätschert sogar schon ein Springbrunnen von mindestens Meterhöhe und so dick wie ein Zuckerstrick. Nur die Blumen und Blätter trauen dem Aufputz noch nicht recht und können sich nur schwer entschließen. Den Kalender-Termin innezu- Ijaiten; höchstens ein paar Schneeglöckchen stecken die vorwitzigen weißen Köpfchen aus der Erde. Aber ein richtiger Berliner Sommerwirt weiß sich zu helfen, und mit immergrünen Tannenzweigen und nie verwelkendem Rosapapier zaubert er den blühendsten Lenz in seinem feuchtfröhlichen Revier hervor, sodaß die immer zahlreicher werdenden Sonntagsgäste ihre helle Freude daran haben.
Auch in den Putzgeschäften ist der Frühling längst am Ruder. Ganze Berge von Rosen und anderen schönen,
Blumen lugen nach den vorüber flanierenden Hausfrauen und Haustöchtern aus und locken, sodaß der wegen Erkältungen besorgte Gatte und Vater nicht im stände ist, die andächtige Viertelstunde vor einer solchen Auslage auch nur um eine Sekunde abzukürzen. Uebrigens eine ganz überflüssige Besorgnis. Vor echten Pariser Frühlmas-Modell- Ijüten und wenn sie blos 50 Mark das Stück kosten - Wirb den Tamen so warm ums Herz, daß sie sich höchstens einen Schnupfen holen, wenn „Papachcn" auch so gar kein Verständnis für einen chiken Frühjahrshut zeigen will.
Ein fröhlicher Frühlingshauch dringt auch in die Leihhäuser, die nachgerade zu Aufbewahrungs-Magazinen der im Winter entbehrlichen Fahrräder geworden sind. Ter Andrang bei beginnendem Winter ist ganz erstaunlich, und mancher der Inhaber von Pfandgeschäften hat einen besonderen Speicher mieten müssen, um die blanken Rößlein, die glücklicherweise kein Futter verlangen, unterbringen zu können. Nun ist er die meisten wieder los und sicht dafür die Zahl der Pelze unb Wintermäntel wachsen. Es sind das feine Frühlingszeichen. Auch' die festlich geschmückten Vierzehnjährigen, die — der großen Menge wegen schon von den ersten Märzsonntagen an — heuer konfirmiert werden, verraten es, daß es Lenz wird. Ach, wie jämmerlich klein, blaß und doch unjugendlich ist der Durchschnitt dieses Berliner Nachwuchses! Fürwahr! aus diesem Schlag kann der König seine Garde nicht rekrutieren! Mit roten Nasen und ziemlich durck)gefroren lausen sie in diesen Tagen durch die Berliner Straßen; denn der alte Winterpaletot paßt nicht mehr zu der stolzen Gewandung aus der „Goldenen 110" und ähnlichen Wunder-Magazinen. Wenn sie nur innerlich auch so sauber und fleckenlos aussähen, die quasi modo geniti! Es wäre da manches aus de n Schulen zu plaudern, in denen die Frühreifen ohne Wissen der Ettern unb Lehrer gesessen? ... 4 '


