Nr. 301
Viertes Blatt.
151. Jahrgang
Sonntag 22. Dezember 1901
Erscheint täglich Mit Ausnahme beS Montags.
Die Giehrner LamNie«. vlatter werden dem Anzeiger tm Wechsel mit dem »Hess. Landwirt* und den -Blättern für hessische Volkskunde' viermal wöchentlich bei- gelegl.
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Politische Tagesschau.
Der amerikanische Konkurrent.
Man schreibt uns: T-ie Amerikaner senden ihre Kohle tn steigenden Mengen nach dem alten Kontinent. In erster Reche fdjeinen die Häfen des Mittelmeeres zum Ziel ersehen zu sein. Nach einer Schätzung des amerikanischen Konsuls in Marseille dürfte sich die Zufuhr transatlantischer Kohle nach diesem Hafen für das Jahr 1901 auf mindestens 200 000 Donnen belaufen, gegenüber knapp 15 000 Donnen im Vorjahre. Tiefe Entwickelung ist aus Kosten der englischen Kohle erfolgt, deren Ausfuhr nach Marseille entsprechend zurückgegangen ist. Noch intensiver soll die Verschiffung amerikanischer Kohle nach Genua betrieben werden. Dort ist die Errichtung eines großen Kohlendepots in Aussicht genommen. Nach der Auffassung fö:^;nu^nni^(^)er Kreise unterliegt es kaum einem Zweifel, ß, wenn erst die eigens für den Kohlentransport konstruierten Schiffe, deren Rückfracht nach Amerika nötigenfalls in Wasser bestehen wird, in Aktion treten, die Kohlenversorgung sämtlicher Staaten des Mittelmeeres in der Hauptsache durch die amerikanische Union bewerkstelligt werden wird. Gegenüber der Massenförderung und niedrigen Schiffsfrachten dürfte sich die europäische Konkurrenz allerdings kaum behaupten können. Und ist den Amerikanern das Unternehmen bei der Kohle geglückt, dann werden sie wahrscheinlich auch ihr Eisen den „Sie-geszug" nach der alten Welt antreten lassen.
Vermischtes.
* „Ritualmvrd." Eine Mitteilung, die großes Aufsehen erregen wird, kommt aus Amerika. Des Skurzer Mordes, eines angeblichen jüdischen „Mtualmordes" aus dem Jahre 1884 an dem Knaben Cybulla zu Skurz im Kreise Preußisch-Stargard, war s. Z. der (christliche) Schlächter Wehrend angeklagt; er wurde freigespvochen, obwohl er stark verdächtig war, und ging nach Amerika. Dort ist er kürzlich gestorben. Vor seinem Tode aber hat er, wie durch Verwandte einer Skurzer jüdischen Familie nach Deutschland berichtet wurde, eingestanden, daß er den .Knaben Cybulla ermordet habe.
* Sind Se denn so dumm, dat Se ümmer wat denkenmöt? Proben niederländischen Humors teilt ein Leser der „D R-" mit; sie sind dem Leben nacherzählt. „Mein Großvater hatte ein schönes, großes Thermometer und ein altes, treues Mädchen. Eines Tages geriet ersteres beim großen Neinmachen ins Schwanken und fiel herunter. „Um Gotteswillen, Jette", rief mein Großvater, „das Thermometer ist doch nicht entzwei?" — „Nee, Herr Burnt", sagt sie glückstrahlend und erleichtert, „bat >is heel bleben, man blot's de lütte Knop is ab!" — Ein Professor geht die Landstraße entlang, da sieht er drüben auf dem Felde einen Hirten sitzen, die Hände unterm Kinn, anscheinend in tiefe Gedanken versunken. Was der wohl denkt! Der Professor möcht's wohl wissen, er geht weiter, wie er nach einer Stunde desselben Weges zurückkommt, sitzt der Hirte «och immer so sinnend da. Da muß ich doch wirklich mal fragen, was der denkt, murmelt der Professor; er klopft dem Hirten auf die Schulter: „Sagen Sie mal, Mann, worüber denken Sie denn so tief und lange nach?" Der fieht ihn verblüfft an und sagt dann bedächtig: „Sind Se denn so dumm, dat Se ümmer wat denken nwt?!" — Der Großherzog von......geht auf der Landstraße
bei einem Steinklopfer vorbei. „Nun, wie geht's bei der
Arbeit?" fragt der Landesherr jovial. Der Mann antwortet .licht, klopft ruhig weiter. „Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?" — „Nee." — ,^Jch bin nämliche der Gvoßherzog jon......" — „So?" sagt der Steinklopfer und hält
sich für geutzt, klopft ruhig werter und sagt nur noch, „dat's n' goden Possen, den holl' man wiß!"
* Nettes Telegramm. „Dringende Familienangelegenheit Komme sofort zurück. Mutter." Dieses Telegramm erhielt der Handlungsreiseude Dupree, als er mit feinem Kaufherrn in Nordfrankreich reiste. Eiligst fuhr Dupree nach Paris und kam nicht wieder. Nun begab sich der Kaufmann selbst nach der Seinestadt. Dort fand er, daß es sich bei seinem jungen Herrn Dupree allerdings um eine dringende Familienangelegenheit gehandelt hatte, nur daß diese ihn (den Kaufmann) selbst betraf. Der Reisende war mit des Kaufherrn Frau durchgebrannt, nachdem sie vorher das Geschäft ausverkauft hatten. Zum Ueberfluß hatten sie die Abfahrt mit dem Automobil des Geschäfts gemacht!
*New-Porker Gehälter. Welch' eine Macht der erste Bürgermeister von Groß-New-Pork ist, erkennt man, wenn man die Gehaltsliste derer betrachtet, die der Bürgermeister ein- und absetzen kann. Da ist vor allem der „Korporationsanwalt" mit 15 000 Doll. Jahresgehalt und dessen 23 Gehilfen mit einem Gesamtgehalt von 148000 Doll., von 10000 absteigend bis zu 5000. Der Polizeikommisiar und seine zwei Assistenten beziehen zusammen 17 500 Doll., der Brückenkommissar mit einem Assistenten 12 500 Doll., und so geht es die lange Reihe von „Kommissaren" hindurch, denn es giebt Kommisiare für Straßenreinigung, für Feuerwehr, Docks und Dampffähren, öffentliche Wohlthätigkeit, einen Gesundheitsrat, ein Parkdepartement, ein Steuer- und ein Rechnungsdepartement, und wenn man nur die Stellen von 5000 Doll, und darüber zusammenrechnet, über die der Bürgermeister wahrer Meister ist, so erreichen wir die stattliche Zahl von 54 mit einem Gesamtgehalt von 337 000 Doll. Das sind aber nicht alle hochbezahlten Aemter der Stadt New-Pork; der Bürgermeister selber bezieht 17 500 Doll, und ebenso viel die verschiedenen Mitglieder des städtischen Obergerichts, und dazu kommen noch weitere, wie der Staatsanwalt mit seinen Gehilfen, die Polizeiobern usw. Es ist ausgerechnet worden, daß die Unionsregierung für ihre hochbezahlten Beamten, d. h. für solche, die ein Gehalt von über 4000 Doll, beziehen, rund 175 000 Doll, weniger auslegt, als die Stadt New-Pork allein.
Mteratur.
Die Beziehungen zwischen Landwirtschaft und Technik sind bei weitem enger und wichtiger, als man gemeinhin glaubt. Im gegenwärtigen Augenblick, wo es gilt, über den neuen deutschen Zolltarif zu einer Verständigung zu gelangen, wird den weitesten Kreisen der Bevölkerung ein ausführlicher, sachlicher Artikel willkommen sein, den Prof. Dr. Friedrich Albert in Gießen, früher in Halle, eine Autorität auf diesem Gebiete, über den Zusammenhang von Landwirtschaft und Technik bezw. Industrie im 9. Heft der illustrierten Zeitschrift „Für Alle Welt" veröffentlicht. In derselben Nummer dieser weitverbreiteten, vom Deutschen Verlagshaus Bong & Eo., Berlin W. 57, herausgegebenen Zeitschrift (Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pf.) sind noch von besonderem Interesse
die bildergeschmückten Beiträge über die Photographie des elektrischen Lichtbogens, über die in einem alten Kupferbergwerk bei Colama entdeckte versteinerte Indianerin, über eine automobile Feuerlöschmaschine in Boston, die Umkreisung des Eiffelturmes usw.
ZSerynachtsmustk.
Humperdincks neue „Kinderliebes und sein „SternvonBethlehe m" werden in der herannahenden! Weihnachtszeit von Groß und Klein willkommen geheißen. Diese allernebften Kinderlieber (2 Mark 50 Pfg.) und das! erwähnte neue Weihnachtslied (1 Mark) sind bei Max Brockhaus in Leipzig erschienen, ebenso Leonen v a l l os neueste Komposition ,Valsemelanevlique* (2 Mark). Seinen Namen verdankt dieser außerordentlich effektvolle Walzer wohl der träumerischen Hauptmelodie^ die jedoch auch mancher heiteren und übermütigen Weise- Platz machen muß.
Sport. "
Brüssel, 19. Dez. Der Sekretär des Kabinettchefs versicherte einem Sportsfteunde gegenüber, der Minister habe die Genehmigung zum Bau eines Weges für Autvmobilfahrer durch ganz Belgien bis zur deutschen und französischen Grenze gegeben. Dieser Weg soll au&- schließlich für Automobil- und Radfahrer bestimmt sein. Wöchentliche Uebrrficht der Todesfälle in der Stabt Gießen.
50. Woche. Vom 8. bis 14. Dezember 1901. Sterblichkeitsziffer: 10,04,
nach Abzug von 3 Ortsfremden 4,Ol%o. (Einwohnerzahl: angenommen zu 25 900 (inkl. 1600 Mann Militär).
Kinder
Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr Lungen-Tuberkulose 2 (1) 1 — 1 (1)
Krebs 2 (2) 2 (2) — —
Darmverschluß 1 1 — —
Summa: 5 (3) 4 (2) — 1 (1)
Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel bet Todesfälle in der betreffenden KrankheU aus von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Schisssnachrichten.
„Red ©tat 2tnie" Antwerpen.
Der Postdampfer „Vaderland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 17. Dezember wohlbehalten in New-Pork angekommen.
Warnung vor Fälschung
ximdai» ln Villen noch in Pulverform noch mit Cacao
W vllvl gemischt, sondern 7081
in Flaschen mit eingepr>em Namen ist
UHl Dr. HommeFs Haematogen echt.
Mit der Herausgabe eines Tages-Abreiß-Kalenders für das Jahr 1902 überrascht soeben die Westdeutsche Hundekuchen- und Geflügelfutter- Fabrik, Langenfeld-Köln ihre Kurrden. Die einzelnen Tagesblätter sind rückseitig mit sachlichem, auf Hunde- und Geflügelzucht bezüglichen Text versehen, der hin und wieder von kleinen, belustigenden Reimen unterbrochen wird. Interessenten wird der Kalender gegen Erstattung der Portokosten von 10 Pfg. ebenfalls gern zugesandt.
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Malwine v. Werner f. — Der Abschluß der Siegesallee. — Weihnachtsgänge: an der Spree; bei Frau Holle; in den Bazaren.
Mehr noch wie Reinhold Begas, dessen 'Schöpf- Vngen den Jungen und Jüngsten so wenig behagen, ist sein Freund Anton v. Werner, der Direktor der Berliner Akademie, den Anfeindungen und Verspottungen des künstlerischen Nachwuchses ausgesetzt. Er hat sich manche beißende Satire auf den allzu spiegelklaren Glanz der Reiterstiefel auf seinen .großen historischen Gemälden gefallen lassen müssen. Nicht fetten ließ sich Herr v- Werner in einen regelrechten Federkrieg verwickeln, bei dem neben seinem kräftigen Zorn doch immer eine gute Laune fühlbar wurde. Nun ist die Gefährtin, die in all den guten und schlimmen Tagen ihm getreulich zur Seite gestanden, plötzlich von ■ einer Seite gerissen worden. Der gute Geist seines Hauses st einem unerwarteten Schlaganfall erlegen, und wie Begas teht Herr v. W. nun vereinsamt im Herbste des Lebens. Frau v. Werner war nicht wie Grete Begas eine Frau, die von ganz Berlin gekannt wurde. Sie begnügte sich damit, in ihrer vornehmen Häuslichkeit als ideale Hausftau zu walten; für die Berliner Gesellschaft bedeutet ihr Heimgang nicht halb so viel als der Tod Grete Begas'; aber in der Gartenvilla in der Potsdamer Straße, wo sie kurz vor dem Eintreffen der Gäste, die dem nach Dresden berufenen Landschafter Br a ch t zu Ehren geladen waren, am 15. bewußtlos zusammensank, um nicht wieder zu erwachen, wird ihr Scheiden ein unersetzlicher Verlust fern und bleiben. Im Palacs der Kaiserin Friedrich unter den Linden hängt ein Bild Anton v. Werners, das ein Tausfest bei dem Maler veranschaulicht, zu dem sich Kaiser F r i e d r i ch und seine Gemahlin zu Paten geladen hatten. Darauf sieht man beide noch in jugendlicher Frische und Anmut, Malwine v. Werner und Grete Begas : auch des Kronprinzen Heldengestalt grüßt wehmütig aus dem Rahmen; Moltkes Charakterkopf leuchtet hervor; Gustav Richter, Exzellenz Stephan
und noch mancher andere, der längst den letzten Schlummer schläft. Und nun wird man auch die Wirtin jenes Familienfestes unter den fahlen Rasen betten, die den stolzen Tauftag wohl als einen Höhepunkt in ihrem Leben empfunden haben mag. Zwei Töchter und drei Söhne trauern an der Bahre der nur 54 Jahre alt gewordenen, die eine Tochter des Düsseldorfer Malers, nachmaligen Akademie-Tirektors von Karlsruhe, Adolf Schrödter, war.
In der Siegesallee ist am Mittwoch in Gegenwart des Kaisers nun auch die letzte der Denkmalsgruppen, das vom Bildhauer Martin Wolfs geschaffene Standbild Johann Georgs, enthüllt worden. Der Kurfürst steht, belleidet mit den Zeichen der Kurwürde, auf einen Sessel gestützt, das energische Antlitz vom Vollbart umrahmt, neben sich den Plan von Spandau, für das er viel gethan hat. Als Nebenfiguren sind Graf Lynar, sein Baumeister, und Lamprecht Distelmeyer, der Leipziger Schneiderssohn, der als brandenburgischer Kanzler große Verdienste sich erwarb, gewählt worden. Die nun abgeschlossene Fürstenstraße bietet im Dezember feinen angenehmen Anblick. Gespenstisch ragen die weißen Gruppen aus dem kahlen Strauche und Baumgezweig, in ihrer künstlerisch unvermeidlich gewesenenWieder- holung wenig erfreulich Der stimmungsvolle grüne Hintergrund, den der Mai erst wieder dazu zaubern wird, ist recht notwendig für die beiden schier endlosen Reihen der in gleicher Größe und Anordnung paradierenden Marmorgruppen.
Aber bis zum schönen Monat Mai ist's noch lange hin — und vorläufig haben die Berliner auch gar keine Sehnsucht nach ihm, zumal die jungen, die dem immer näher rückenden Weihnachtsfest mit ungezählten Wünschen ent» gegengehü. An allen verfügbaren Plätzen sind die frischen Festbäume aufgepslanzt, meist manneshohe Fichten, aber auch etliche Riesen, die durch zwei Etagen zu reichen scheinen; auch etliche silberschimmernde Edeltannen sind darunter. Das drastisch Feilschen im waschechten Berliner Dialekt fördert manche sprachliche Probe zu Tage; mehr noch in diesem Genre bekommt man zu hören, wenn man zu den „Aeppelkähnen" an die Spree hinunter wandert, wo Tausende
von Berliner Hausfrauen ihren Bedarf an Weihnachtsäpfeln decken. Es ist meist böhmisches Obst, das hier in den Handel kommt und ein fast unerschöpflicher Reichtum birgt sich im Innern einer solchen Wasserkammer. Von 10 Psenriig an! kann man das Pfund da kaufen bis hinauf zu den feinsten Sorten. Und wenn die frühe Dämmerung herabsinkt, wird' das Geschäft bei einer vorsintflutlichen Oelfnnzel flott fortgesetzt bis in die Nacht hinein. Die Jugend lungert auch, hier herum, diensteifrig, um sich durch das Schleppen der eingekauften Lasten ein paar Nickel zu verdienen, oder lüstern nach den „fleckigen" schielend, die sie „doch keenen mehr anschmieren können!" Wer es fertig bringt, Vatern das Geld für eine Vorstellung von „FrauHolle" abzubetteln, die im Berliner Theater alle Kinderherzen lauter klopfen macht, der ist natürlich nicht bei den Aeppelkähnerv zu finden. Es ist eine wirklich sehenswerte Verkörperung des prächtigen Märchens von der Goldmarie und der Pech- marie, die Jung-Berlin da zu sehen bekommt. Und man muß die glühenden Wangen, die leuchtenden Augen der Kleinen gesehen, die stammelnden Laute des Entzückens, die tiefen Seufzer, das beifallswütige Klatschen am Schlüsse gehört haben, um seine volle und richtige Weihnachtsfreude zu empfinden. Die guten Großmütter, die ihre Enkelkinder dorthin begleiten, lassen die Papas ruhig lächeln; sie wissen schon, warum sie nicht fehlen wollen, ob's auch jenseit deri Rampe nicht allzu realistisch zugeht! Inmitten dieses andächtig lauschenden Kinderpubllkums zu sitzen, ist das doppelte Eintrittsgeld wert, und dabei kostet es blos das halbe! In den Bazaren steigert sich das Gedränge von einem Tag zum andern. Natürlich blüht dabei das fixe Gewerbe der Langfinger. Bei Wertheim, der ca- 50 Geheimpolizisten allein in feinen Lagern in der Leipziger Straße umherwandern läßt, wurden an einem Tage nicht weniger als elf Taschendiebe mit zum Teil nicht unerheblicher Beute gefaßt; auch ein Weihnachtsbild, aber eines von jenen trüben, die in per Millionenstadt leider so vielfach die Blicke auf sich lenken. 3L


