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Nr. 93 Zweites Blatt.
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Sonntag 21. April 1901
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MetzenerAnzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Elberfeld, 18. April.
Eine rricht geringe Spannung zeigte sich heute auf den Mienen aller beteiligten. Sollte doch heute der Prozeß in eine neue Phase treten durch das Erscheinen des Oberstabsarztes T-r. Schimmel als Zeugen, und durch ausführliche allgemeine Darlegungen hervorragender Sachverständiger. Sliy vor Beginn der Verhandlung fuhr in einer Droschke Dr. Schimmel in Begleitung eines Äabsoffiziers des Bezirkskommandos Barmen vor. Tr. Schimmel, eine bochgewachsene, kräftige Erscheinung, betrat in voller Uniform den Saal. Die große Reihe der Verteidiger, von denen in den letzten Tagen nur wenige anwesend waren, ist lheute wieder vollzählig erschienen. Die Zahl der Sach- verftändigen ist heute durch die Professoren Schede und Bohl and noch erhöht worden. Ter Zuhörerraum und die Batterien sind dicht gefüllt. Trotz dieser großen Menschenmenge herrschte schon lange vor Erscheinen des Gerichtshofes tiefe Stille. Rach Eröffnung der Sitzung beginnt Generalarzt Dr. Stricker-Berlin eine Erörterung der Frage, ob Krankheiten wie Herzfehler und Druchleiden heilbar sind und ob zwischen erster und zweiter Musterung solche Leiden sich mindern können oder sogar ganz verschwinden. Generalarzt Dr. H e r t e r - Berlin ergänzt diese Darlegungen und giebt dazu statistische Erläuterungen. Geh. Medizinalrat Dr. S ch e o e -Bonn bezeichnet auf Grund neuerer Forschungen sein früher ausgestelltes Gutachten, daß ein Bruch, der ausgewachsen war und wieder zurückgetreten ist, zu ernennen sein müsse, als nicht richtig. Mit dem Fall Tilima ns beginnt die Behandlung der Fälle, in denen ein Geständnis der Militärpflichtigen über Beziehungen zu Baumann vorliegt und in denen Dr. Schimmel als untersuchender Militärarzt thätig war. Tillmanns aus Wald wurde wegen eines Herzfehlers und einer Anlage zum Bruche zurückgestellt. An allen drei Orten war Tr. Schimmel untersuchender Militärarzt. Tillmanns war von Baumann jedesmal an diese Orte geschickt worden und hatte dort zum Schein seine Wohnung genommen. Zwischen den Sachver ftänbigen entspinnen sich lange Auseinandersetzungen, ob bei Tillmanns damals Herzfehler und Bruchanlagen vorhanden waren oder sein konnten.
Ter Präsident befiehlt nun, den Oberstabsarzt Dr. Schimmel als Zeugen aufzurufen. Auf Antrag des Ersten Staatsanwalts beschließt der Gerichtshof, die Ber- eidigung dieses Zeugen auszusetzen. Dr. Schi m m e l erklärt auf Befragen des Präsidenten, er heiße mit Vornamen Klemens, sei 50 Jahre alt, und katholischer Konfession. 1874 sei er Assistenzarzt zweiter, 1877 Assistenz
arzt zweiter, 1877 Assistenzarzt erster Klasse geworden. 1882 sei er zum Stabsarzt des Westfälischen Feldartillerie-Reai- ments Nr. 7 in Osnabrück ernannt worden. 1890 sei das Regiment nach dem Elsaß versetzt worden. 1893 fei er zum Stabsarzt des Magdeburgischeu Feldartillerie-Re- girnents Nr. 4 ernannt und 1897 als Oberstabsarzt erster Klasse zum 11. Husaren-Regiment nach Düsseldorf versetzt worden. Er sei in eine große Anzahl von Städten: Magdeburg, Halberstadt, Oeynhausen, Detmold, Hörde, Bochum, Essen uftvi zum Zwecke der Militäraushebung kommandiert worden. Zur Sache selbst bemerkt der Zeuge, daß er sich auf den Fall Tillmanns nicht erinnern könne. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Schede erklärt, Tillmanns sei ein außergewöhnlich kräftiger und muskulöser Mensch, dessen Bruchleiden so minimal sei, daß er für den Militärdienst nicht untauglich gewesen sei.
Es wird alsdann die gerichtliche Aussage des inzwischen nach Amerika ausgewanderten Kaufmannes Adolf Rhode verlesen. Sein Vater sei mit einem Manne zwecks Frei- macbung in Verbindung getreten, dessen Beschreibung voll- stänoig auf Baumann paßh Letzterer bestreitet, von der Angelegenheit etwas zu wissen.
Handlungsgehilfe Gustav Heinrichs ist auf Anraten seines Onkels und seines Vaters zunächst mit Wilhelm Schmitz in Remscheid, der als Freimacher bekannt war, zwecks Freimachung in Verbindung getreten. Schmitz sei aber sehr bald, da ihm die Verhaftung wegen Münz-Ver- brechen drohte, nach Amerika entflohen. Daraufhin habe sich sein Vater an Baumann gewandt. Tiefer gab ihm Pillen mit der Anweisung, diese einzunehmen und anzugeben, daß er an Gelbsucht leide und herzleidend sei. Er habe sich zunächst in Mettmann gestellt und sei dort für dienstuntauglich erklärt worden. Als er sich zur Generalmusterung stellen sollte, sagte ihm Baumann, er müsse sich in Hörde an melden, damit er sich dort stellen könne, in Mettmann habe er (Baumann) schon zu viele. Er habe dies gethan, und sei für dienstuntauglich erklärt worden. Ter Onkel und der Vater dieses Zeugen bestätigen dies und geben an, daß sie an Baumann 1800 Mark gezahlt haben. Baumann bestreitet aufs entschiedenste, die Leute auch nur zu kennen. Auf weiteres Befragen bemerkt der Zeuge Heinrichs fr., er sei niemals herzleidend gewesen. Bei der Generalmusterung sei et einer der letzten gewesen, er habe sich deshalb gar nicht auszuziehen brauchen.
Oberstabsarzt Tr. Schimmel: Diese letztere Angabe halte er für unmöglich Angekleidet werde niemand gemustert. Auch. Generalarzt Dr. Hertel bezeichnet dies für undenkbar. Die Leute müssen schon ausgekleidet ins Musterzimmer kommen. — Generalarzt Dr. Stricker schließt sich dieser Ansicht an. — Dr. Schi mmel bemerkt
noch daß er höchstens einen notorischen .Krüppel auge- kleidet untersuche.
Präsident: Herr Oberstabsarzt, Ivie erklären Sie es sich daß Baumann stets seine Kunden derartig dirigierte, daß sie immer von ein und demselben Arzt untersucht wurden?
Oberstabsarzt Dr. Schimmel: Das ist sehr erklär- lich Baumann ging vielleicht von der nicht ganz falschen Ansicht aus, daß der Arzt, der bei der ersten Musterung einen Fehler gefunden hat, diesen bei der zweiten Musterung wieder finden wird. — Präs.: Wodurch mag Baumann erfahren haben, welcher Arzt die Musterung in den vor- schiedenen Städten vornehmen wird? — Dr. Schimmel: Tas ist ja 4—6 Wochen vorher zu erfahren, das ist durch aus fein Geheimnis. Ich habe sogar schon in Zeitungen gelesen, welche Aerzte zur Musterung kommandiert seien.
Kaufmann Walter Josua Gvmmann ist angeblich wegen eines Mastdarmleidens freigekommen. Er hat sich in Detmold, Essen, Köln und im Elsaß gestellt und ist teils von Dr. Schimmel, teils von Dr. Lindemanngemustert worden. Er versichert, er habe keinerlei ungesetzliche Mittel angewendet, sondern sich in den genannten Städten deshalb gestellt, da er geschäftlich dort zu thun hatte. — Baumann erklärt auf Befragen des Präsidenten, daß ihm von der ganzen Angelegenheit nicht das geringste bekannt sei. — Geh Medizinalrat Prof. Tr. Schede be* kündet, daß er ein Mastdarmleiden bei dem Zeugen nicht entdeckt habe.
Hierauf wird die Verhandlung auf Freitag Vormittag 9 Uhr vertagt.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 20. April 1901.
** Wichtig für alle Wehrpflichtigen ist die bisher geheim gehaltene, aber soeben zur öffentlichen Kennt- nis gelangende kaiserliche Verordnung über die Beförderung der im Mobilmachungsfall Einberufenen. Nach dieser neuen Anlage zur Militärtransportordnung sollen alle Eisenbahnen Deutschlands verpflichtet sein, während des mobilen Verhältnisses die Einberufenen der bewaffneten Macht (Heer und Marine) und des Landsturms ohne Fahrkarte zu kostenfreier Benutzung der Bahn nach dem Gestellungsort zuzulassen und zwar: a) die Mannschaften des Beurlaubtenstandes gegen Vorzeigung des Gestellungsbefehls oder anderer Militärpapiere; b) die Mannschaften des Landsturm- innerhalb des betreffenden Korpsbezirks auf Grund ihrer mündlichen Erklärung, daß fie dem Landsturm angehören und eingezogen sind; c) Kriegsfreiwillige und Freiwillige
licher Hinweis auf die mangelnde Grazie, die der Pariserin
schon in die jüngst wieder den „Briefen die seinerzeit Napoleon III.
Wiege gelegt wurde, fehlt nicht, und da- hervorgeholte Wort Prosper Merimees auft an eine Unbekannte", über Bismarcks Fra», mit in Biarritz bei der Zusammenkunft mit
war, ist geradezu typisch für die Taxe bet lieben Franzosen. Merimee hat nichts von Frau von Bis
marck gesehen, als ihre Füße. Es sind die „größten in deutschen Landen". laneben begegnet man auch Ähilder- ungen, die sich mit dem sittlichen Niveau der Berlinerinnen beschäftigen und zu dem Resultate kommen, daß die Pariserinnen wahre Engel gegen sie sind. „Tie moralischen Skrupel, der ganze Aufwand an Schamhaftigkeit, mit dem sich in Paris selbst das junge Mädchen aus dem Volke umgiebt, macht bei der dem kleinen Kaufmannsstande angehörigen Berlinerin einer vollkommenen Indifferenz Platz usw." Eine ganz besondere Sorte des Berliners schilderte vor kurzem ein Herr Louis Bois im „Matin". Er heißt Gustav Müller und ist in jeder Straße des arbeitendem Berlins zu Dutzenden zu finden. Natürlich kann er auch Schulze ober Lehmann, Schmibt ober Krause heißen. Go- mar Unteroffizier bei der Artillerie, ist selbstverständlich Mitglied des .Kriegervereins, des „Vereins zur vollständigen Verdeutschung der Sprache", gehört außerdem dem „Verein der fröhlichen Radfahrer von Spandau" an und — man lese und staune, auch dem „Verein der Wagner- freunde". Natürlich ist er vom Militär her streng und, ordnungsliebend, und nicht nur die Kinder, nein auch die „sanfte dicke Grete", seine Frau nämlich zittere, wenn er heimkommt. Denn es regnet mitunter Ohrfeigen. Nur am Sonntag schmilzt die harte Rinde, die sein rauheS Herz umgiebt. Er führt seine Familie dann, mit dem nötigen Futterkorb versehen, ins „Grüne". Da gehts auß einem „Tingltanal" in den andern, auch ein paar „Tanzböden" werden absolviert. Eine Kneipe macht den Beschluß. Ta Gustav Müller Wagnerfreund ist, so verfehlt er natürlich nicht, seine Harmonika mitzunehmen, und seiner Familie darauf Wagner vorzuspielen. Man muß hören, wie er auf diesem Instrument den--„Walkürenritt" spielt?
faßt ernsthaft Herr Louis Bois. — Sie bleiben ein lustiges Völkchen, die Franzosen, ob sie wollen oder nicht? önb1 ihre wirklich hellen .Köpfe, die sich in diesen Tagen übec die Fortschritte unserer Jndusttie, unserer sozialen Einrichtungen, unserer Museen usw. geradezu begeistert ausgesprochen haben, werden noch lange tauben Ohre» jrebigen. Für die Pariser bleiben wir nach wie vor Gustav Müllers, unsere Frauen haben die größten Fuße und unsere erbeuteten Kanonen sind von Holz? -sei es drum. A. R.
lich, als ob etliche derselben „von Holz" wären, und natürlich dürfen wir doch eine so beschämende Thatsache nicht merken lassen. Seine weiteren Liebenswürdigkeiten, die sich auf die Figur der Drake'schen „Borussia" beziehen, von der wir ja schon selber wissen, daß sie „das einzige Frauenzimmer in Berlin ist, das kein Verhältnis hat", erschöpfen sich fast in Hohn und Spott. So vergleicht er das Fettreichen mit dem eisernen Kreuz, das die Borussia in der Linken hält, mit einem Besenstiele und erinnert dadurch, allerdings ohne es zu wollen, an das fräftige Arndt'sche Wort vom Marschall Vorwärts, der „mit eisernem Besen das Land rein gemacht hat." Aber er täuscht uns trotz aller ironischen Künste nicht: einen heimlichen Respekt vor dieser „trostlosen ©tobt", die ihm, vom Rathausturm aus gesehen, wie ein großer Oelfleck erscheint, der sich allmählich immer weiter ausdehnt, hat er doch!
lieber die Genußsucht der Berliner fand ich vor etlicher Zeit von einem anderen Franzosen ein bedeutsames Kapitel Er hatte beobachtet, wie ein Mann des Mittelstandes in einem Bierpalast drei Portionen Pökelfleisch mit Sauerkraut und dazu sechs halbe Liter Bier vertilgt hatte. Und das alles in einer halben Stunde? Er ließ bescheiden burchblicken, daß wir mehr ober minder alle derartiger ßeiftunaen fähig wären. Auch über die guten Manieren, durch die wir uns auszeichnen, zumal wenn wir beim Weißbier sitzen, tischt man den Parisern herrliche Tinge auf. „Das Weißbier hat nämlich feine besonderen Eigenheiten, von denen man in der Gesellschaft nicht zu sprechen pflegt. Man verstehe mich recht. Das Bier entwickelt sehr viel Kohlensäure: ist dieselbe einmal eingefangen, so muß sie auf irgend eine Art einen Ausweg finden . . . und nun giebt man sich immer einer Beschäftigung hin, die namentlich die Engländer nach dem Essen mit Vorliebe zu üben pflegen: man geniert sich! bei eintretender Gelegenheit durchaus nicht, durch ein tief empfundenes Rülpsen zu bezeugen, daß man gut gespeist hat." usw. usw. Ja, wenn wir so gar wenig Schliff haben, kann man's den feinen Parisern eigentlich kaum verdenken, daß sie lieber nach Petersburg fahren und von Berlin nur den Friedrich- straßen bahn Hof zu sehen bekommen. Je weiter nach Osten, je höher und vornehmer die Kulturformen, das ist seit dem Besuch des verstorbenen Schahs von Persien eine bekannte Geschichte, und in verschiedenen Fürstenschlössern an den Fenstervorhängen illustriert worden.
Was die deutschen Mädchen und Frauen betrifft, so figurieren sie in manchen Berichten noch immer als mehr oder minder gelehrige blonde Bärinnen mit viel Unbeholfenheit, Schüchternheit und Sentimentalität. Sin gelegent*
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Saiserstadl.)
(Nachdruck verboten.) Kranzbsifcheb über Deutschland: Die Sanoneu an der Sieges- finit. — Berliner beim Weißbier. — Die deutsche Weiblichkeit., — Gustav Muller im Grünen. — Meinungen der Unparteiische».
Ich konstatiere von vornherein, daß ich des Glaubens ihn, auch wir erhalten von unseren lieben deutschen Plauderern an der Seine manches über Paris aufgebunben, unb die Herren Franzosen macken sich, wenn sie es lesen, mit vielem Behagen über uns luftig. Es beruht eben alles <mf Gegenseitigkeit. Ein wenig freilich bürsten wir Deutschen noch immer im Vorteil sein: es gehen viele Tausenbe von uns weit eher nach Paris, als daß Franzosen an die Spree kommen, um die Stabt ber Barbaren enblich einmal aus eigener Anschauung kennen zu lernen — unb unsere lieben, manchmal immer noch hitzigen Nachbarn Dürften auf biefe Weife ihre fünf Milliarben von anno1 dazumal längst wiederbekommen haben. Die Kolonie von Franzosen in Berlin ist thatsächlich noch immer nicht groß und gar nicht zu vergleichen mit dem Heer von deutschen Kaufleuten, Kellnern, Künstlern usw., die in Paris ihrem Hrwerbe, resp. ihren Studien nachgehen. Die großen ftan-
Zeitungen haben natürlich alle die Jahre her rrefponbenten hier gehabt, und auch manches Mit- ostied ber Botschaft hat nach seiner Rückkehr dieses unb jenes von feinen Beobachtungen in der Hauptstadt des deutschen Reiches zum besten gegeben. Die Leute von heute befleißigen sich durch die Bank schon einer milderen Auffassung, die wütenden Lächerlichmacher der 70 er und 80 er Jahre sind nach und nach verstummt; aber ein deutlicher Beigeschmack der alten gallischen Ueberlegenheit äußert sich auch noch in den Berliner Berichten der Pariser Presse aus dem letzten Jahrzehnt. Gersal z. B., der viele ganz treffende Bemerkungen über Deutschland und Berlin gemacht hat, ivird doch seine beklemmenden Gefühle, die ihn sofort zu Schiefheiten verleiten, beim Anblick des ,,Zeughauses" nicht los: „Tas einzig vornehm aussehende Baudenkmal auf dem Platze unter den Linden; ein massives Viereck, keineswegs originell, aber solide und ernst wie thne preußische Schildwache auf ihrem Poften, in dem bie Soldaten Sonncags ihre freien Stunden zubringen." Von der Siegessäule weiß er zu berichten, daß die dänischen, Ziterreichischen und französischen Kanonenrohre, die in die »ännelierungen des Schaftes eingelassen sind, „aus guten Gründen" in Vergoldung erstrahlen. Es scheint ihm näm-


