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17.1.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 14 Zweites Blatt. Donnerstag den 17. Januar 151. Jahrgang 1901

Gießener Anzeiger

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Die Dueil'Iuterpkllatioll des Centrums im Reichstag.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 15. Januar:

Die wiederholt im Reichstage erörterte Frage des Zwei­kampfes im Offizierkorps bewies auch heute ihre Anziehungs­kraft auf das Publikum. Der Ansturm auf die Tribüne war gewaltig. Viele mußten umkehren, da der Kartenvorrat bald erschöpft war. Unter den Hörern befanden sich be­greiflicher Weise zahlreiche Offiziere. Im Parkett sah es zunächst trübselig leer aus, auch die Bundesratsestrade wies spärliche Besetzung auf. Der preußische Kriegsminister von Goßler mit zwei Departementschefs und die Militär­bevollmächtigten Bayerns und Württembergs, das war die Front", mit der die verbündeten Regierungen insGefecht" rückten. Leidenschaftslos, wenn auch durchaus bestimmt, klang die Begründung der Interpellation durch den Ver­treter der Stadt Köln, Ahg. Trimborn (Ztr.). In dieser rheinischen Metzeopole hatte sich bekanntlich das der Inter­pellation zu Grtzinde liegendeTrauerspiel" wie es Abg. Trimborn nannte abgespielt, des Inhalts, daß mehrere Reserve-Offiziors -Aspiranten nicht zu Offizieren gewählt wurden, weil sie sich bei Nachforschungen als grundsätzliche Gegner des Duells bekannt halten. 9hir das konnte der Grund sein, meinte Trimborn, weshalb man die absolut einwandfreien Aspiranten habe durchfallen lassen. Darüber sei ganz Köln einer Meinung. (Hört! Hört!) Das militärische Wahl-Ver­fahren stehe im Widerspruch zu der Erklärung des Kriegs­ministers vom 11. Dezember 1897, wonach derartige Fragen an die Osfiziersaspiranten auf Grund bestimmter Aller­höchster Befehle durchaus unzulässig seien. Der be­treffende Bezirkskommandeur hat also entweder in grotesker Unkenntnis gehandelt oder sich über die Allerhöchsten Be­fehle einfach hinweggesetzt. Diese mit erhobener Stimme gesprochenen Sätze fanden lebhaften Beifall im Zentrum und links. Die Herren von der Rechten verhielten sich schweigend. Abg. Trimborn schloß seine wirkungsvolle Rede mit einer glänzenden Ehrenerklärung für die zurück­gesetzten Offiziers-Aspiranten. Das Zentrum spendete enthusiastischen Beifall.

Der^Saal hatte sich inzwischen merklich gefüllt, sodaß der preußische Kr i e g s m i n i st er vor einem stattlichen Auditorium das Wort zur Erwiderung nehmen konnte. Er enttäuschte insofern, als er sich nicht darüber äußerte, wie er die Wiederkehr solcher Fälle zu verhindern gedächte. Das Vorkommnis in Köln werde Gegenstand der Untersuch­ung sein, im übrigen genügten die bestehenden Bestimm­ungen, gegen die ja zweifellos seitens des Kölner Ehren­rats verstoßen sein würde. An Allerhöchster Stelle dieser- ' halb vorstellig zu werden, liege keine Veranlassung vor. Das war das Wesentliche der kurzen Erwiderung des Kriegsministers, die, in dem, Herrn v. Goßler eigenen überlegenen Tone gehalten, vom Hause schweigend ent­gegengenommen wurde.

Der Redner der Nationalliberalen, Abg. Büsing, fand die ministerielle Erklärung nicht ausreichend, obschon kein Grund vorliege, die Duellfrage jetzt von neuem aufzurollen. Seine Fraktion stehe noch immer auf dem Boden des seinerzeit von Bennigsen verteidigten, das Duell grund­sätzlich verwerfenden Antrages. Dem Unmut des Zentrums über die kühle Antwort des Kriegsministers gab der Kölner Rechtsanwalt Abg. Dr. Bachem (Zentr.) beredten und kräftigen Ausdruck, nachdem vorher per freisinnige Redner Abg. Dr. P a ch n i ck e die undeutsche Sitte des Zweikampfes bekämpft hatte, den abzulehnen fast mehr Mut erfordere, als ihn anzunehmen. Dr. Bachem erhoffte von der Be­sprechung der Interpellation eine aufklärende Wirkung. Beim Offizierkorps werde sich schwerlich viel ändern: für dieses sind und bleiben maßgebend die Anschauungen der Heeresleitung, die dem Duell nicht grundsätzlich abgeneigt sind, was aus der Antwort des Kriegsministers unschwer zu entnehmen sei. Das widerspreche ja auch keineswegs der Tendenz der Kabinettsordre vom 1. Januar 1897, die bestimmt, daß den Zweikämpfen der Offiziere mehr als bisher vorgebeugt wird. Daß die Duelle sich seither ver­mindert haben, wurde auch in der Diskussion konstatiert. Abg. v. Levetzow (kons.) fand das Verhalten der bet dem Wahlakt in Köln thätigen höheren Offiziere inkorrekt und beklagenswert, doch stehe es wohl vereinzelt da. Er wenig­stens habe von ähnlichen Vorfällen nichts gehört und wurde, wenn heute eine derartige Anfrage an ihn gerichtet wurde, die Antwort rundweg verweigern. Wie er in seiner ^ugend gehandelt haben würde, könne er freilich nicht sagen. ~,er ! sozialistische Redner, Abg. v. Kollmar, selbst ein ehe­maliger Offizier, verurteilte das Kölner Vorkommnis wie das Duell überhaupt. Er meinte aber, daß, wenn m bicjer Beziehung noch immer zu Klagen Anlaß sei, der Reichs­tag, nicht zuletzt das Zentrum, mit die Schuld trage. Helsen könne nur ein absolutes Verbot des Zweikampfes, das der Reichstag einmütig fordern müsse. Das Zentrum solle sich mehr von höfischen Rücksichten sreimachen. Ob das jetzt noch möglich fei, wisse er freilich nicht. (Große Heiterkeit.) Abg. v. Kardorff (Rp.) teilte die Anschau­ungen Herrn v. Levetzows und zieh den Abg. Pachnicke völli­

ger Unkenntnis germanischer Bräuche. Das Duell sei keines­wegs romanischen, sondern kerndeutschen Ursprungs. Abg. Müller-Sagan (freis. Volksp.) resümiert im Tone tiefer Entrüstung dahin, daß man sich nicht täuschen solle über den Eindruck, den die heutige Reichstagsverhandlung im Lande Hervorrufen werde. Zu allseitiger Ueberraschung er­hob sich noch ein Mitglied des Zentrums, Dr. Lieber, um einige schwer wiegende Worte über das Kölner Jnqui- sitorium zu sagen und seinem Erstaunen über die unbe­friedigende Antwort des Kriegsministers Ausdruck zu geben. Es liege doch in Köln eine offene Auflehnung vor gegenüber einem kaiserlichen Befehl, lieber die Frage des Zurverant- wortungziehens der schuldigen Kölner Bezirksoffiziere sei der Kriegsminister leicht hinweggeglitten. Er, Dr. Lieber, würde dem derart mißbrauchten militärischen Wahlrecht, wenn die oberste Kommandogewalt es abschasfen wollte, keine Thräne nachweinen. Tie Ursache des Hebels sei nicht zuletzt bei studentischen Korporationen zu suchen, die solchen exklusiven Gewohnheiten huldigen und ihre An­schauungen in die Armee hinübertragen. Tarin pflichtete ihm der sofort entgegnende preußische K r i e g s m i n i st e r bei. Einen unfreiwilligen Heiterkeitserfolg erzielte er, als er weiterhin hervorhob, daß er der Allerhöchsten Kom­mandogewalt nicht vorgreifen wolle, dennwenn ich der Armee zu befehlen hätte, dann wäre oas das größte Unglück für diese!" Verdutzt blickte der Minister, der sich des Doppelsinns seiner Worte im Augenblick nicht bewußt wurde, zu dem aufs höchste belustigten Auditorium hin­unter. Er hatte überhaupt rednerisch wieder keinen guten Tag.

Dann kam die Duelldebatte zu Ende. Des Reichs­parteilers Graf Bernstorff-Lauenburg kurze Ausführ­ungen waren in dem Gebraus der mit Macht aphebenden Privatunterhaltung vollständig verhallt. Ein Abgeordneter meinte draußen im Foyer, die ganze Sache fei ausgegangen wie dasHornberger Schießen". Er hatte nicht Unrecht.

Engländer und Buren.

Die letzten Meldungen aus Südafrika lauten fortgesetzt günstig für die Buren. In Kimberley drückten die Einwohner den Wunsch aus, die Regierung möge den Be lagerungszustand über sämtliche Distrikte der Kapkolonie ver hängen. In Port Elisabeth vereinigten sich die Behörden zur Ergreifung von Maßregeln zum Schutze der Stadt gegen einen möglichen Angriff der Buren.

Lord Kitchener berichtet aus Kroonstad, daß mehrere hundert Buren die Eisenbahn überschritten haben.

Eine Kapstädter Drahtung derTimes" besagt, Adrian Hofmeyer 'habe sich im Auftrage Lord KitchenerS natt Pretoria begeben, um den Buren vorzustellen, wiehoff nungSlos" ihr Kampf und wiegroßmütig" KitchenerS Be dingungen seien. Der Herr wird mit seinem Auftrage wenig Glück haben.

Aus Pretoria wird derMorn. Poft" vom 14. Jan aedrahtet: Die Truppen des Generals Alderson und des Obersten Plumersäuberten" die Gegend von Irene von Buren und erbeuteten viel Vieh des Kommandanten Beyer, dessen 2000 Mann starkes Kommando nach Osten entkam. Die britische Kavallerie nahm heute seinen Adjutanten ge fangen. Die Buren griffen gestern die Station Zuur fontein an, wurden aber von einer kleinen britischen Streit kraft zmückgeworfen. Eine Depesche KitchenerS auS Pre toria vom 14. Januar meldet:Kommandant Beyer über­schritt am Samstag die Eisenbahn hei Kalfontein mit der ganzen Mannschaft und wandte sich nach Osten. In den Verhältnissen der Kapkolonie hat sich nichts Wesentliches ge ändert. Einige kleine Barenabteilungen scheinen auf dem Rückwege nach dem Oranjefreiftaat zu sein. Einige Auf ständische, die sich den Buren in der Kapkolonie anschlossen, ergaben sich."

In Koffyfontein ist vor einiger Zeit ein Deutscher, der Kaufmann Diehl, durch Engländer gefangen genommen worden. Das Reichskanzleramt hat auf die von dem Bruder des Gefangenen gemachte Eingabe geantwortet, der deutsche Generalkonsul in Kapstadt sei zu telegraphischer Bericht­erstattung über die Sachlage, sowie über die unter nommenen Schritte aufgefordert worden. Don der Bericht rftattung des Generalkonsuls hänge es ab, welche Schritte durch den deutschen Botschafter in London unternommen werden.

*

Karte des Afrikander-Aufstandes im Kap­lan de und deS Angriffskrieges der Buren. Mit 4 Neben­karten, Begleitworten und einem Original-Brustbild des Generals Christian de W^t. Bearbeitet von Paul Lang Hans. Gotha, Justus Perthes. Preis 1 Mk. Wieder erscheint zur rechten Zeit Prof. Paul Langhans, dessen be­kannteBurenkarte" in Hunderttausenden von Exemplaren über die ganze Welt verbreitet ist, mit einerAsiikanderkarte"

vor dem Publikum, ihm den Verfolg der sich überstürzenden Ereignisse zu ermöglichen. In klarer Anschaulichkeit zeigt er den Verlauf der einzelnen Einfälle der Buren ins Kapland, die berühmten Streifzüge de Wets und die Stellung der anderen Burengeneräle. Nebenkarten stellen dar die An« strengungen der E g'änder, durch Verstätkungen aus allen ihren Kolonien den A.fstand niederzuringen, sowie die Lager der gefundenen Buren bei Kapstadt, auf St. Helena und Ceylon. Ein wohlgelungenes Originalbild zeigt die energische» Züge des betühwten de Wet, deff-n Geist über allen neueren erfolgreichen Kriegsthaten der Buren schwebt.

Telegramme deS Äirfirtter Anzeigers.

London, 16. Jan. Aus Kapstadt wird gemeldet, daK General Brand in einer Versammlung der vereinigten Bürgermeister eine Verstärkung von etwa 1000 Mann berittener Gruppen zur Verteidigung der Kolonie ver­langt hat. /Sie Buren sind in den letzten Tagen nicht weiter üach, Äüden vorgedrungen. Nur einige Vorposten sind in der Nähe von Tulbach, ea. 100MeilenvonKap- stadt gesehen worden. Die Buren halten noch Clan- william besetzt.

London, 16. Jan.Evening Standard" glaubt melden zu können, daß in Washington ein Komplott ent­deckt worden ist, das bezweckt, die englischen Dampfer, die Pferde nach Südafrika bringen sollen, zu zer­stören. - v ,

London, 16. Jan. Tie heutigen Morgenblätter be­schäftigen sich eingehend mit den Maßregeln, die vom Kriegsamt getroffen sind, um neue Verstärkungen nach Südafrika zu entsenden. Tie meisten Blätter glauben, daß es dem Kriegsamt aelingen wird, eine große Anzahl neuer Rekruten anzuwerben.Daily Mail" weist auf die Thatsache hin, daß alle diese Maßregeln nicht genügten, wenn nicht wenigstens 50bis60000Rekruten gesandt werden könnten. Jedoch lasse es die Regierung an Maß­regeln fehlen, dieses auszuführen.

Kapstadt, 16. Jan. Deutsche Farmer, die ut der Nähe der Hauptstadt angesessen sind, sollen ein be­rittenes Korps gebildet haben, um die in die Kap- Kolonie eingefallenen Buren zu verjagen. (?)

Zürich, 16. Jan. Die schweizerische Liebesgaben- Sammlung für die Witwen und Waisen der Buren ergabt bisher 140000 Franks.*

London, 16. Jan., 11 Uhr 15 Min. vorm. (Privat­telegramm des G. A.) Wie in Hofkreisen verlautet, besprach Lord Roberts bei seinem Besuch bei der Königin in Osborne die südafrikanischen Ereigniffe. Die Königin fragte Lord R. um seine Meinung, betreffs Beendigung des Krieges. Die Antwort Lord R. soll sehr pessimistisch gelautet haben; er erklärte, daß an eine baldige Beendigung des Krieges nur durch eine Unabhängigkeitserklärung der beiden Republiken möglich sei, ferner, daß England nur dann Aussicht auf Erfolg haben könne, wenn es dauernd eine Armee von 300000 Mann in Südafrika statio­nieren könne. Man glaubt, daß England deshalb in abseh­barer Zeit direkt oder indirekt den Republiken mit Fr iedenS- vorschlägen (?) näher treten wird.

China.

Feldmarschall Graf Waldersee meldet aus Peking: Die Kolonne Pawel ist zurückgeführt, nachdem die Haupt­kräfte Hsuenhwa erreicht hatten. Erne Abteilung untev Major T h i e m i g (Kommandeur der Mun.-Kol.-Abteilung) ist von Tientsin nach der Gegend von Thsang, 95 Kilometer südlich von Tientsin, abmarschiert, wo sich räuberische Ban­den gezeigt haben. Die chinesischen Truppen, die früher durch die Kolonne des Grafen Yorck über Kalgan hinaus zurückgetrieben worden waren, hatten nach dem Rückmärsche der Kolonne des Grafen York wieder ihren Vormarsch auf Peking angetreten und waren schon bis Hsüenhwa gelangt. Von hier hat sie das Erscheinen der Kolonne Pawel von neuem vertrieben. Tas Bestreben der chinesischen Führer, die ihre Truppen noch in der Hand haben, möglichst nahe an Peking heranzukommen, wird voraussichtlich zu einen abermaligen Rückkehr der chinesischen Truppen führen. Der Paß von Nankou, der auf ihrem Wege nach Peking über­schritten werden müßte, scheint von den Verbündeten

dauernd besetzt zu sein.

Den Verkehr zwischen den deutschen und den französischen Truppen schildert Henri Dumollard, der den Feldzug in China mitgemacht hat, in derRevue Bleue" folgendermaßen:Heute abend spielt (in Tient­sin) die Kapelle eines deutschen Regiments zum erstenmale im Parke. Das ist .ein Ereignis; folglich mn ich pünktlich zur Stelle. Im Augenblicke meines ^ntressen sind nur wenige Leute da. Die meisten Ziehen » vor, auf der Terrasse des benachbartenAstor-you e tzu sitzen und zu trinken. Die Damen haben sich meistens!