Ausgabe 
15.12.1901 Viertes Blatt
 
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Sonntag 15. Dezember 1901

Nr. 295

Viertes Blatt

151. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Niontags.

Die Gieheuer ZamMen- tlätler werden dem An­zeiger im Wechsel mit dem »Hess. Landwirt" und denBlättern für Hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei­gelegt.

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Annahme von Anzefae» zu der für den folgende« Tag erfcheinenden Nr. dis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Dermitt- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen An­zeigen entgegen.

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Verantwortlich für den allgemeinen TeU: P. Wittko; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v -

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Aus Stadt und Sand.

<Der Abdruckder unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten stt nur unter genauer Quellenangabe:Gictz. An;." gestattet.)

Gießen, den 14. Dezernber 1901.

** Vakanzen für Militärauwärter im Bereiche de8 18. Armee- k»rpS. Kaiserliche Ober-Postdirektton Darmstadt, Briefträger, 9V0 Mk. Gehalt und der gesetzliche Wohnungsgeldzuschuß. Kaiserliche Ober-Postdirektion Dortmund, Landbriefträger, IDO Mk. Anfangsgehalt und der gesetzliche Wohnungsgeld- Wschuß. Wiesbaden, Kreisausschuß des Landkreises Wies­baden, KreiSausschuß-Bote, Gehalt jährlich 900 Mk, steigend Dem 3 zu 3 Jahren zweimal um 100 Mk., fünfmal um 180 Mk., auf 1500 Mk. und freie Wohnung oder 180 Mk. Wohnungsgeldzuschuß.

** Der hesfische Lehrerivneuverem hat an das Ministerium t»e Bitte gerichtet, den Lehrerinnen durch Einrichtung aka­demischer Lehrgänge die Ablegung der Oberlehrerinnen­prüfung zu ermöglichen. Erhebungen, die darauf abzielten, ixie Zahl der Teilnehmerinnen festzustellen, hatten ein über- re.schendes Ergebnis. Es meldeten sich so wenige Lehrerinnen, daß von den Lehrgängen vorerst abgesehen wird.

** Eine für Krankenkassen-Mitglieder interessante Entscheidung. Der Schmied Robert M. in Hamm in Wests, erkrankte im Juli, und war deshalb | bis zum 27. November in einer Lungenheilanstalt unter­gebracht. 'Als er nun vor einigen Tagen aus der Anstalt ti»tlassen wurde, forderte er von der Ortskrankenkasse L Fvrtgewährung der Kranken Unterstützung oder Aufnahme in. das Krankenhaus. Die Ortskrankenkasse lehnte diese sZwrderungen ab, da Klager nicht zwei Wochenbeiträge ge- lckstet, und außerdem seit dem 27. November Jnvaliden- miterstützung erhalte. M. klagte nun gegen die Kasse, und) das Urteil des Schiedsgerichts erging dahin, daß b»c Kasse verpflichtet wurde, dem Kläger bis zum 28. Januar 19'02 Unterstützung zu gewähren. Durch das für sofort vr-llstreckbare Urteil tritt der seltene Fall ein, daß der A amt Kranken- und Jnvalidenunterstützung zu gleicher Zeit erhalt.

** Von der Eisenbahn. Der Minister der öffent­lichen Arbeiten hat aus Anlaß der großen Zahl der bis iirm Schlußtermin eingegangenen Meldungen für die Prüfungen zum Stationsvorsteher oder Güter- ex.pedienten in einem Erlasse an sämtliche Direktionen bue Vermutung ausgesprochen, daß sich Beamte zu den Ve:förderungsprüfungen gemeldet haben, die den Anfor- becungen an die Beförderungsstellen nicht gewachsen sind. Der Minister erwartet daher von den Prüfungs-Kom- müssionen, daß sie das Ergebnis der Prüfungen auf das gewissenhafteste prüfen, und keinerlei Erleichterungen ge- üxähren. Vorher aber sollen die Eisenbahndirektionen im Hinblick auf die großen Anforderungen, welche heutzu­tage an die Dienststellenvorsteher, namentlich auf den großen Bahnhöfen, gestellt werden, die Anmeldungen genau prüfen und alle Beamten, welche ungeeignet erscheinen, vL°n den Listen streichen, einerlei ob sie die höhere Prüfung bestanden haben oder nicht.

** Strahenlokomotiven. Das Großbritannische Driegsministeriurn erläßt in deutschen Blättern einen Auf- riaf zu einem Wettbewerb von Selbstfahrern (Straßen- lolomotiven). Der Wettbewerb wird unter Aufsicht einer tarnt englischen Kriegsminister ernannten Kommission im Frühjahr 1903 in einer Anzahl von Versuchen zu mllitäri-

Feuilleton.

Streik. Ein Zeitstück in 5 Aufzügen von Fritz Som­mer lad. E. Piersons Verlag in Dresden. Mark 2,50. Oie Zeit des Naturalismus in der Kunst ist heute so ziem­lich überwunden. Seit man ansing, Böcklin zu begreifen, begann man ihn zu lieben und unter seinem Einflüsse bc llzog sich, anfangs vollkommen unbewußt, allmählich eine Wandlung in dem Kunstgeschmack überhaupt. Unter dem direkten Eindrücke der Böcklm'schen Kmrst schuf Gerhart Hauptmann, der Dichter des größten Werkes des deutschen ^cnturalismus, derWeber", seineVersunkene Glocke", und heute Hüpfen neben dem berufeneren Fulda, selbst Blumen­thal und Schönthan und Koppel-Ellfeld auf den Brettern uiiit Versfüßen umher, die leider so ganz anders sind als jene, auf die ShakespeareRomeo und Julia" für die Ewigkeit stellte, jene Dichtung, die Fr. Th. Vischer in . {einen prächtigenShakespeare-Vorträgen" (2. Bd. Stutt- oa:rt, Cotta), einem Werke, das jeder dramatische Autor Iminen sollte, mit einerglühend roten Rose" vergleicht. Seiten nur begegnet man heute noch einem Kunstzverke> dass aus der sozialrevolutionären Bewegung unserer Tage kirnen Stoff schöpft. HeyermansHoffnung" bildet eine Ausnahme,Streik" von Fritz Sommerlad eine zweite. Der Verfasser ist Oberlehrer an der Gießener höheren Mädchen- chnlle, darum hat sein Drama für uns erhöhtes Interesse. Jüc können über das Stück nur nach der Lektüre urteilen, eini Drama aber will erschaut werden, um voll gewürdigt L>e:rdeit zu können. Sommerlad gehört, wenn man ihn liniier die Naturalisten rechnen wlll, zu der sehr kleinen 6e!:lte derGutgesinnten". Die Arbeiterbewegung stellt er als» etwas Ungehöriges hin.Die Leute sind eben verhetzt - vollkommen verhetzt. Und sie lassen sich auch ganz 6tmt verhetzen sie haben den Machtkitzel er ist ihnen einigeimpft worden gründlich sie wollen sich nicht Ehr fügen!" Die ganze Schar der Arbeiter, die er auf die: Beine bringt, ist unverständig, rennt in allen £'^cn3= kg gen geradeswegs ohne Überlegung ins eigene Ele . rut­

schen Zwecken abgehallen. Als Preise sind 20 000, 15 000 und 10 000 Mark ausgesetzt. Fabrikanten solcher Fahrzeuge können die näheren Bedingungen durch eine Eingabe an den Kgl. Gvoßbrit- Militär-Attache in Berlin, Nr. 70, Wilhelmstraße, erfahren.

Sichenhausen, 9. Dez. Die Schacht ar beiten sind nun­mehr beendet. Jeden Tag wird das Wasser von drei ziemlich starken, gefaßten Quellen (darunter diejenige eines Nidderarmes) von zwei Leuten aus dem benachbarten Herchen- hain gemeßen. Auch sind meteorologische Instrumente in un­mittelbarer Nähe der Meßbassins ausgestellt.

Villiugen b. Hungen, 12. Dez. Nachdem unser seitheriger erster Lehrer Repp in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde, ist gegenwärtig die hiesige erste Lehrerstelle zur Wieder­besetzung ausgeschrieben. Der Fürst von Solms-Braunfels hat das Präsentationsrecht. Die Bewerbung ist anscheinend bedeutend reger als früher, was wohl in der günstigen Bahn­verbindung unseres Ortes mit der Umgegend seinen Grund hat. Können doch von hier aus die Kinder sehr gut das Gymnasium in Laubach besuchen.

Bad-Nauheim, 12. Dez. In der am Mittwoch abgehaltenen Gemeinderatssitzung wurden die Rechnungen des städt. Gaswerks Bad-Nauheim pro 1900/01 und der Stadt Bad-Nauheim pro 1900/01 genehmigt. Bezüglich der Pachtfestsetzung für die Apotheken wurde bestimmt, daß das Pachtgeld für die Zell vom 1. April 1902 bis dahin 1903 15000 Mark betragen sollte. Wenn die Stadt vor dem 1. Oktober 1902 eine zweite Apotheke anderwärts in der Stadt betreiben läßt, und infolge dessen der Umsatz des Pächters der bestehenden Apotheke innerhalb des Jahres geringer wird, so vermindert sich die Pachtsumme in dem Verhältnis, in dem sie jetzt auf Grund des zulekt er­wähnten Jahresumsatzes berechnet und festgesetzt worden ist.

Mainz, 12. Dez. Für militärische Bauten in Mainz sind in dem neuesten Etat für das Reichsheer wieder 1 097 000 Mk. vorgesehen. Zu den neuen Magazingebäuden in der Rheinaüee, welche zu 1 440 000 Mk. veranschlagt sind, verlangt der neue Etat 282 000 Mk. nach deren An­nahme noch 200 000 Mk. vorbehalten bleiben. Für zwei neue Kasernen werden gefordert 800 000 Dck. und 15 000 Mk. Eine der Kasernen, die für ein Infanterie-Regiment bestimmt ist, ist auf 2 800 000 Mk. veranschlagt, von denen 1 508 000 Mk. bereits früher bewilligt wurden. Für die zweite Ka­serne, die für ein Bataillon Fußartillerie bestimmt ist, beträgt der Ueberschlag 1040 000 Mk., davon find 71 000 Nck. früher genehmigt worden.

Hanau, 12. Dez. In der an der Straße nach Großau­heim gelegenen Kiesgrube des Bauunternehmers F. Rumpf hier stießen die dort beschäftigten Arbeiter in einer Tiefe von 5 Meter auf einen Zahn von 150 Zentimeter Länge und einem Durchmesser von 17 Zentimeter am Grunde. Der Zahn wurde unversehrt an das Tageslicht befördert und blieb leider den ganzen Tag über an der Lust liegen. Am folgenden Tage bildeten sich infolge dessen zahlreiche Risse in ihm, und das prächtige Fundstück zerfiel nach und nach in Stücke, von denen einige noch etwa 20 Zentimeter lang sind. Der Vorstand der Wetterauischen Gesellschaft erhielt erst gestern Kunde von dem interessanten Funde. Man versucht nun, die Stücke vor weiterem Zerbröckeln zu schützen. Es ist dies der vierte Mammuthzahn, der im Kreise Hanau gefunden wurde.

fesselt einen Streik ohne Grund, ist eine Horde blinder Herdenmenschen, die in bemitleidenswerter Tchorheit einem schurkischen Leithammel folgt, der, ein akademisch gebildeter Taugenichts, von der Dummheit der Genossen lebt, sich nebenbei aus der Börse der Großindustrie spicken läßt und die Töchter seiner guten Freunde unter der Arbeiter­schaft ohne Geist und Grazie zu Dirnen macht. Die Leute sind rohe Gesellen, die selbst vor einer Blutthat nicht zurückschrecken. Man sieht, der Himmel, beit Sommerlad stürmt, ist dicht mit Wolken behangen. Wie sehr er uns aber in den Schatten der Nacht führt, und wie düster auch die Bilder sind, die er zeigt, wie gut es ihm zuweilen auch gelingt, in Aeußerlichkeilen, in der Form wahr zu sein, den Volkston zu treffen, wie gern er Realist sein möchte es fehlt ihm dazu die unnahbare Unparteilichkeit, die jedes Kunstwerk erfordert. Auf eine Seite seines Gemäldes lagert er allen Schatten, auf die andere alles Licht, hart neben einander, ohne vermittelnde Vertiefung des Hinter­grundes. Sommerlad malt mit starkem Auftrag einer Gift­farbe, die zu schreiend ist, als daß sie lebensecht sein könnte. Er schlägt das gewaltige Thema von dem sozialen Widerstreite unserer Tage an, er blickt hinein in die unter den gegebenen Umständen tron uns Heutigen nur lose überbrückbare, aber niemals zuzuschüttende Kluft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, aber er taucht nicht in ihre Tiefe. Er bleibt oben, ganz oben, unb bezichtigt in entrüsteten Worten die Mißleiteten der Kurzsichtigkeit und niederträchtigen Roheit. Er verabscheut aufs lebhafteste die Agitatoren und schleudert chnen die schwersten Anklagen ins Gesicht, ist aber dabei selber ein Agitator, ein Agitator für die Interessen der Industriellen. Ueber eine, mehr legere als vulgäre Sprache geht sein Naturalismus nicht hinaus. Schon Hebbel ging viel weiter. Ein soziales Ideal darf es für den Künstler nicht geben, geschweige denn eine krasse Tendenz. Die Kunst braucht individuelle, nicht boftrinäre Größen zu ihrer Rechnung. Do viel über den geistigen Gehalt des Stückes. Doch nun ein Anderes: ist das Sommerladsche Drama bühnenfähig? Ich glaube ja, wenn es auch, nach Kleist'schem Muster, häufig

Bemerkenswert ist, daß die Arbeller etwa 6 Meter von der Fundstelle des Zahnes einen platten runden Knochen üon 30 Zentimeter Durchmesser fanden, der Angabe nach eine Kniescheibe, die vielleicht von demselben Tiere herrührt. Leider wurde dieses wertvolle Fundstück aber unbeachtet gelasien und später unter die Kieselsteine geworfen.

Fulda, 12. Dez. Gegen eine hiesige Hebamme ist der Verdacht entstanden, durch Fahrlässigkell das gefährliche und ansteckende Kindbettfieber verbreitet zu haben, dem be­reits zwei hiesige, von ihr bediente junge Wöchnerinnen er­legen sind, während noch zwei Frauen daran bamieberüegen. Eine der Verstorbenen sollte gestern beerdigt werden; die Be­erdigung wurde jedoch auf Anordnung der kgl. Staatsanwalt­schaft zu Hanau verschoben und die Leiche gerichtlich obdu­ziert. Gegen die Hebamme wird wahrscheinlich die Anllage wegen fahrlässiger Tötung erhoben werden. Die Errich­tung eines Elektrizitätswerkes ist von den hiesigen städttschen Behörden beschloßen worden. Es ist beabsichtigt, einige der neuesten, noch wenig bekannten Lampen, die Nernst- lampe oder die Osmiumlampe, die gegen die alten Kohlen­fadenlampen eine Stromersparnis von 56 Prozent ermög­lichen, oder auch die Quecksilber-Dampf-Lampe einzurichten.

Vermischtes.

Duisburg, 11. Dez. Angeregt durch den Reichs- tag§ ft reit Bebel-Graf Arnim stellte der Lehrer E. den Kindern seiner Klasse, genau wie sein Kollege in Köln es gestern gethan haben soll, die Frage:Warum möchtet ihr ä|m Himmel sein?" Und auch er erhielt von einem Knaben bemittelter Eltern, die ihren Sohn zweifellos niemals haben hungern lassen, die Antwort:ImHimmel braucht man feinen Hunger zu leiden." Der Duisburger Lehrer ging nun der Sache auf den Grund und gelangte zu einem Ergebnis, das nicht so überraschend ist. Er fragte weiter:Hast Du denn schon Hunger gelitten?* Antwort:Nein." Frage:Aber wie kommst Du dem, zu der Antwort, im Himmel brauche man keinen Hunger zu leiden?" Antwort: ,La, das fingen wir immer." Frage:Wo denn." Antwort:Auf der Straße." Lehrers Dann sing' einmal." Ter Junge zögert und singt endlich verschämt (wörtlich):

Weißt Du Mutter, was i träumt hab'

Der ganze Rhing da wör Schabau, j > Der Kölner Domne Schwademage, Das fressen (!) wir in Kiautschau.

Da brauchen wir kein' Hunger leiden. Und leise es im Fieber spricht:

Weißt Du Mutter, was i träumt' hab'?'"

DasselbeLied" war auch, wie der Lehrer feftfteöte, einer Reihe anderer Kinder geläufig. In dem Original heißt es befcmnntcy:

I hab' in Himmel eini g'sehn,

D war'n so viele Heine Engerl'n, Zu denen möcht' ich gerne geh'n. Dort brauchen mir fein Hunger leiden usw.

Man wird umsomehr auch berechtigt fein, auch den von Bebel zitierten Fall in Köln auf eine ähnliche Ent- stehung zurückzuführen, als es sich bei der schänd er vollen Parodie zweifellos um ein Kölner Gewächs handelt, das von hier feinen Weg in andere niederrheinifche Städte ge­funden hat.

den Ort wechselt, und so der Inszenierung Schwierigkeiten bereitet, eine Aufführuno zudem sehr in die Länge zieht. Der Dialog ist geschickt, die Sprache von jedem Darsteller bequem ju handhaben. Es giebt keine langen Reden, feinen langweiligen Vionolog, es geschieht viel, was die Aufmerk­samkeit des Zuschauers zu fesseln vermag kurzum, die Darstellung ist lebenbig. Der Wunsch aller derer, die Som- merlad'sStreik" gern auf den Brettern sehen möchten/ sei unserersells gern unterstützt. P. W.

Weihuachtslitteratur.

Goethes Ausgewählte Gedichte in chronologi­scher Folge mit Anmerkungen herausgegeben von Ottio H a r n a d. Klein-Oktav, geb. in Lnwd. 3 Mk. (Verlag von Friedr. View eg L Sohn in Braunschweig.) Das vor­liegende Bändchen umfaßt alle Gebiete von Goethes lyrischer Produktion und enthält daher auch zahlreiche Gedichte, die, obwohl von Bedeutung, doch in den gewöhnlichen Ausgaben fehlen. Goethes menschliche und küustlerrsche Entwickelung spiegeln sich am deutlichsten in feinen Gedichten ab, deren übliche Anordnung freilich diese Spiegelung wenig erkennen läßt, und deren große Anzahl Ueberblick und Vertiefung erschwert. Es ist daher ein verdienstvolles Unternehmen, daß ein so gründlicher Kenner und Forscher wie der als Vorsitzender des hessischen Goethebundes bekannte und ge­schätzte Darmstädter Professor O. Harnack aus Goethes Ge­dichten die wichtigsten herausgehoben hat und in dieser auf durchaus neuen und selbständigen Grundsätzen beruhen­den Auswahl in chronologischer Folge ein vollendetes Bild des persönlichen dichterischen Lebensganges Goethes dar­bietet. Der eigenartige Vorzug der Harnack'schen Auswahl wird noch dadurch erhöht, daß zu jedem Gedicht kurz er­läuternd die Stelle, die es in Goethes Lebenswerk ein­nimmt, oder der Gesichtspunkt, von dem aus er zu be­trachten ist, angegeben ist, was zur Erleichterung des Ver­ständnisses und oer Würdigung des Dichters in weiteren) Kreisen wesentlich beitragen wird.