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Nr. 87 Erstes Blatt.
löl. Jahrgang.
Sonntag 14. April 1901
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GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger ö ** Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Der BogelSberger Geflügel- und Vogelzuchtvereiu Hal nm Erla»d»is zur Veranstaltung einer Lotterie gelegentlich dir vVm 18. bis 20. Mai zu Grünberg stattfiudeuden Geflügel« auSstellung nachgesucht.
Wir haben die Erlaubnis hierzu mit der Maßgabe erteilt, daß 1500 Lose, A 40 Pfg. das Stück, auSgegebe» Verde» dürfen, und 60 Prozent des BruttoerlSseS zum A»- kauf von Gewiunsten verwendet werden müssen.
Der Vertrieb der Lose ist zugleich für den Bezirk der tkretseS Gießen gestattet worden.
Gießen, den 10. April 1901.
Großherzogliches Kreisarzt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Verhütung von Waldbrändeu.
Mit Rücksicht auf die zurzeit bestehende trockene Witte r»ng find wir veranlaßt, die Angehörigen des Kreises dringend davor zu warnen, ohne ausdrückliche Genehmigung der zuständigen Oberförsterei in oder au Waldungen Feuer auzuzüude«. Namentlich ermahnen wir die Ellern, chre Kinder nicht unbeaufsichtigt in Wäldern umherlaufen zu lasten.
Die hier eiuschlagenden Strafbestimmungen sind außer den die vorsätzliche Brandstiftung betreffenden folgende:
Reichsstrafgesetzbuch § 309: „Wer durch Fahrlässigkeit einen Brand der in §§ 306 und 308 bezeichneten Art (auch Inbrandsetzung von Walduuge») herbeiführt, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder mit Geldstrafe bis zu 900 Mk. bestraft."
§ 368, Ziffer 6: „Mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Hast bis zu 14 Tagen wird bestraft, wer an gefährlichen Stellen in Wäldern Feuer anzündet."
Forststrafgesetz Art. 66: „Ist ein mit oder ohne Erlaubnis der Forstbehörde angezündetes Feuer verlosten worden, ehe solches gänzlich anSgelöscht war, so trifft den Schuldigen bloS darum eine Strafe von 1,80 Mark."
War das Feuer in jungen, unter 40 Jahre alten Schlägen angezündet, so tritt eine Strafe von 6,90 Mk. ein.
Unter Umständen haben auch die Eltern, Vormünder, Dienstherren u. s. w. für die Handlungen ihrer Untergebenen »» hafte».
A»f Grund des Artikels 79 der Kreis- und Proviuzial- orduung wird das -tauchen itt Waldungen außerhalb der Staatsstraßen, Kreisstraßen und chauffierten Orts- Verbindungswege verboten. Zuwiderhandlungen gegen dieses verbot werden mit Geldstrafe bis zu 90 Mark bestraft.
Die Schulvorstände werden ersucht, die Kinder durch die Lehrer im Sinne gegenwärtiger Bekanntmachung eindringlich bckehre« und verwarnen zu lasten.
Gießen, den 2. April 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
v. Bechtold.
Gießen, den 2. April 1901. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au Großh. Poltzeiamt Gießen und die Großh Bürgermeistereien und die Großh. Gendarmerie des Kreises.
Die Großh. Bürgermeistereien wollen obige Bekannt machung wiederholt ortsüblich bekannt machen lasten und das Auffichtspersonal geeignet instruieren.
Die Großh. Gendarmerie wird die erforderliche Aufsicht strengstens führen.
v. Bechtold.
Die Gießener Theaterfrage.
Am letzten Gastspielabend der Irene Triesch hatte sich nach der Vorstellung von Hebbels „Maria Magdalena" ein kleiner Kreis! von Theaterfreunden im Hotel „Großherzvg von Hessen" zusammengesunden. Der Vorsitzende unseres ^heatervereins, Prof. Dr. Fromme, nahm damals Gelegenheit, die Frage nach Errichtung eines Theaters in Gießen zu berühren. Er erinnerte an das für das Jahr 1907 bevorstehende Jubiläum unserer Universität, erachtete es für notwendig, daß spätestens bis zu diesem Termin Gießen ein würdiges Theater haben müsse, und sprach die Bitte aus, daß namentlich der wohlhabende Teil unserer Bürgerschaft durch Spenden das Seine dazu thun möge.
Es ist uns nicht zu Ohren gekommen, ob diese Bitte irgendwelchen Erfolg gehabt hat, und müssen daher annehmen, daß auch sie, wie alle früheren Anregungsver-^ suche, der längst schwebenden Frage eine festere Gestalt zu geben, leider vergeblich gewesen ist.
Niemand wird hestreiten, daß der gegenwärtig als Theater benutzte Saal für diesen Zweck durchaus ungenügend ist. Biele unserer Mitbürger, die das Theater sonst gern besuchen würden, werden von der Unwürdigkeit des Raumes abgestoßen, ja ganze Gesellschaftskreise bleiben aus diesem Grunde dem Theater fern. Höhere Offiziere z. B. sieht man in unserem Theater nie, und viele Studenten verlassen im Wintersemester Gießen nur deshalb, weil die Theatcrverhältnisse hier nicht genügen.
Man könnte wohl auf den Gedanken kommen, zunächst hier eine Sommertheaterhalle zu errichten, etwa in Steins Garten oder inz Kaisergarten, und, wie es in vielen Städten von weit größerer Einwohnerzahl geschieht, die keinen würdigen Theaterbau besitzen, ein gutes Künstlerpersonal dazu zu engagieren. Die besten Mitglieder recht respektabler Theater, wie z. B. der in Breslau, Düsseldorf, Bremen, Straßburg, Halle, Krefeld, Oldenburg usw., nehmen gern Sommer-Engagements an, und es ließe sich bei uns in Gießen mit Leichtigkeit ein künstlerisch weit über unserem Wintertheater stehendes und vielleicht auch lukratives Sommertheater-Unternehmen ins Werk setzen. Llber es könnte doch nur wenige Monate, etwa von Pfingsten bis zu den Sommerferien, bestehen. Don Studenten wird Gießen im Sommer wegen seiner landschaftlichen Vorzüge ausgesucht; da schweift die akademische Jugend lieber in der Natur umher, statt in das Theater zu gehen; im Winter ist das gerade Gegenteil der Fall. Heidelberg, obwohl nicht viel größer und reicher als Gießen, hat ein ganz passables Theater, und das Theater in dem kleineren Göttingen ist im Verhältnis zu dem in unserer Stadt eine Vtusterbühne, dazu in höchst repräsentablem Raum. Die Keinheit unserer Bühne hindert von vornherein die Aufführung von klassischen
Stücken, zumal von Werken Shakespeares Und Schillers, der beiden größten Dramafiker, die die Welt kennt. Auch eine Fausb-Aufführung auf unserer Bühne ist undenkbar^ Jede Bühne aber hat ihren Beruf versehlt, die die erhabenste deutsche Dichtung nicht darzustellen vermag.
Eine Stadt der Wissenschaft muß dafür sorgen, daß das Theater aus der Höhe steht. Wie kein anderes Kunst- instttut vermag es erzieherisch zu wirken und ÄufkläruivF in die weitesten Schichten des Volkes zu tragen. Auf die Bildung der Allgemeinheit übt ein Theater einen weit unmittelbareren und nachhaltenderen Einfluß aus als zehn der vortrefflichsten Volkslesehallen.
Wir Haden bekanntlich einen Theaterverein, bet sich eifrig bemüht, unsere Theaterverhältnisse künstlerisch zu heben. Seine Bestrebungen aber liegen mehr auf litte- rarischem, als auf rein praktischem Gebiete, indem er seine« Mitgliedern eine Reihe von sonst selten zu sehenden, aber besonders markanten dramatischen Dichtungen unter Heranziehung auswärtiger namhafter Kräfte in möglichst abgerundeter Darstellung vorführt. Auch in dem verflossenen Winter ist er diesem Programm treu geblieben und hat die weit überwiegende Mehrzahl seiner Mitglieder vollauf tefrieirigt Die Theater bau frage berührt den Theater- verein direkt nicht.
Fürs nächste möchten wir dem Theaterverein die Anregung geben, in der nächsten Spielzeit für einige Opern- vorstellungen Sorge zu tragen. Im Schauspiel könnten wir uns vorläufig mit unserem ständigen Personal überhaupt begnügen. Ein Anschluß an die Frankfurter Oper ließe sich gewiß bewerkstelligen. Zum mindesten dürfte die Anknüpfung von Verhandlungen mit dem neuen Intendanten der Frankfurter Oper sich, empfehlen.
Wir haben aiyt) einen Saalbauverein, von dem man freilich in jedem Jahre nur zweimal etwas zu hören pflegt, bei .der alljährlichen einmaligen Veranstaltung irgend eines Künstler abends — diesmal solls der große Lieder- sänger Dr. Ludpng Wüllner sein, der den Verhältnis- mäßig winzigen Saalbausonds um ein paar hundert Mark vermehren soll — und bei der prompten Einkassierung der Jahresbeiträge. Auch dieser Verein hat in der Theater- bau frage bisher nichts Erhebliches geleistet.
Für das Wohl der Stadt ist in den letzten Jahre« außerordentlich viel geschehen. Unser ftüherer Oberbürgermeister, der jetzige Finanzminister Gnauth, hatte sich mit ungewöhnlicher Energie und Umsicht an die Spitze vieler Neueinrichtungen gestellt. Das ist stets auf das Wärmste anerkannt worden. Aber für das Theater ist leider auch während seiner Bürgermeisterschaft nicht viel geschehen. Sv ist es eine Art Aschenbrödel der Stadt geblieben. Die neue Stadtanleihe sieht keinen Betrag für einen Theaterneuba« vor. —
Es ist jetzt an der Zeit, daß wir uns nicht mehr, wie früher, auf die Zukunft vertrösten, sondern daß der Frage ernstlich näher getreten wird. Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, daß unser neuer Bürgermeister die Angelegenheit bei entsprechender Unterstützung durch die Bürgerschaft gut zu Ende führen würde. Ein dringende« Bedürfnis für den Theaterbau ist unter allen Umstände« vorhanden; wenn wir nicht rechtzeitig dafür sorgen, kommen wir mit anderen Universitätsstädten nicht mehr mit.
Vorläufig fehlt es an nichts anderem als an der nötigen Opferwilligkeit der ge samten Bürgerschaft. Änen geeigneten Platz haben wir bekanntlich in dem städttschen Gartengrundstück an der Ecke des Neuenwegs und der Johannessttaße.
Vielleicht empfiehlt sich die Gründung ein>es neuen Komitees, dem der Vorstand des Laalbau-
Woöerk Schumanns Iaustszenen.
Gießen, 13. April.
Wir waren vor einiger Zeit in der Lage, unfern Lesern Mitteilen zu können, daß Universitätsmusikdirektor G. trautmann mit seinem akademischen Gesangverein eine Aufführung von Robert Schumanns Faustszenen vorbereitet. Wir wiesen damals in einigen Worten auf die Größe der tufgabe hin, die außergewöhnliche Anforderungen an alle Mtwirkenden, Dirigent, Chor, Orchester und Solisten stellt. Wir dürfen ja nach den Erfahrungen der letzten Jahre damit rechnen, daß die Ansttengungen ihren Lohn finden »erden, vor allem in der Anerkennung eines zahlreichen inb kunstsinnigen Publikums; und so dürfen wir auch diesmal der bestimmten Erwartung Ausdruck geben, daß die herrlichste Komposition der erhabensten Szenen aus Äoethes Faust einen reichen, überreichen Zuhörerkreis finden »erde.
Heute sei es uns erlaubt, soweit unsere schwachen Ääfte dazu hinreichen, dieser Aufgabe gerecht zu werden, hier ein wenig näher auf die textliche Gestaltung des Werkes einzugehen, wie es Schumanns musikalisches Genie aus dem erhabenen Grundtext zusammenstellte. Ta man ein Werk, wie Faust, nicht oft genug lesen kann, wir auch an dieser Stelle nicht den Raum zur Verfügung haben, um den Schumann schen Text vollständig zu bringen, so dürfen ruir eben hiervon wohl absehen. Wer Interesse an unseres •'dptmann unübertrefflichem Werke nimmt, wird ja mit ümerfter Freude seinen Goethe zur vand nehmen, um sich O"»lich in den Geist des Grundtextes zu vertiefen, sich!
so völlig selbst hineinzuversetzen, wie es diese Zeilen gewiß nicht vermögen.
„Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust, Tie Eine will sich von der andern trennen; Tie Eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit flammernben Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Tust Zu den Gefilden hoher Ahnen."
Schumann hat diese Worte nicht in Musik gesetzt, aber fast mehr noch seiner Szenen Auswahl, als dem Grund- text, könnte man sich versucht fühlen, gerade diese Worte als Motto voranzustellen; sie enthalten gewissermaßen den innersten Kem des tragischen Konfliktes in Goethes Faust, und mit den kurz vorhergehenden Worten:
O glücklich, wer noch hoffen kann. Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! ist das ersehnte Ziel, die etftrebte Lösung im allgemeinen angedeutet. Wir haben hier die beiden Elemente des Konflikts und das vorgezeichnete Ziel; Schumann in der ge- gewählten Szenenauslese hat es in der glücklichsten Weise verstanden, beide Elemente und vor allem die schließliche Lösung zu verkörpern, wobei er natürlich die Kenntnis der Dichtung im übrigen voraussetzt und nur überall die Höhepunkte der Handlung bringt. Daß er sich dabei nicht hat verleiten lassen, einseitig nur solche Szenen zu bringen, die für die musikalische Änkleidung hanz hervorragend geeignet erscheinen müssen, verdient besonders hervor- gehoben zu werden. Die Treue, in der er dem Goethe'sck^n Text, im Gegensatz zu Gounod und andern, bis auf eine einzige Stelle — und diese Abweichung ist höchst tnter»
essant — folgt, zeigt und beweist uns, in welcher herrliche« Weise Schumanns Genius in dem Goethes aufging, wie es ifm einzig und allein barauf ankam, der Trchtung gerecht zu werden. Und das ist ihm in geradezu wunderbarer Werse gelungen. ... ., ,
Schumanns Faustszenen beginnen textlich mit der Gartenfzenc zwischen Faust und Gretchen ; daber blerbt all^ fort, was nicht allein dienlich ist, den völligen oieg Fausts, die völlige Hinneigung Gretchens darzuthun. Noch aber folgt sie ihm nicht. Aber der Hörer weiß ja alles, wte eS tarn und wie es kommen wird, und Schumann darf deshalb alsbald weitergehen und alles Zwischenliegende überspringen; er wählt mit unverkennbarem Geschick sofort die Szene im Zwinger, da Gretchen ihren Schmerz bekennt unb hilfeflehend betet:
„Ach neige, Du Schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!"
Es ist interessant, daß Schumann davon absieht, das gerade für die musikalische Interpretation so dankbare Lied Gretchens am Spinnrad zu übernehmen. Es würde für de« Musiker« zwar sehr verlockend sein, aber es würde die Entwicklung zu sehr verzögern, und Schumann will vor allem die Lösung bringen, und nicht bei allem dem verweilen, was er als bekannt ja doch voraussetzen kann; das ist zweifellos eine große Erleichterung für den Komponisten, der leine Oper geben will. <5b übergeht jetzt die Valentin-Szenen und bringt sofort die Szene im £>om mit dem gewaltigen .Dies irae\ A,r11nh ocnüaenb
Mit diesen wenigen Szenen ist bei Gruuv genugemv gelegt- es ist die tragische Schuld Fausts für die folgende Vertonung der zur Erlösung und Verklärung hrndrängenden


