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1901
151 Jahrgan
Mittwoch b?n 13. Februar
Erstes Blatt
Zlnrts- und Anzeigeblatt für den Gieren
Alle Anzeigen-Vermittlungsslellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzetga entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf., auswärts 20 Ps
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Ochulstrahe Nr. 7.
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Gießener Anzeiger
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S«mtrten 6 fdtter erden dem Anzeiger bn Wechsel mit „Hess. Hemdwirt" u. „Blätter für b^ss. Volkskunde- -chN- 4 mal beigelegt.
die Ver
Welt und denen des Geistes, zu genügen. Für die deutsche Bühne neu war es und imponierte auch vielen „Kindern des Geistes", reformatorische Ideen und Sünden der Zeit im Theater Halbwegs ernsthaft und nicht ohne Geist behandelt zu sehen, gute alte Gedanken eines wackeren Bürgertums hübsch neu aufgeputzt und geschickt und prägnant zurecht gestutzt mit dem Brusttöne einer biederen Ueberzeugung vor getragen zu hören. Die leichtlebigen, lustigen Kinder der Welt aber kamen zu dem Vergnügen, im Theater einen litteransch sich gebährdenden Sinnenkitzel zu verspüren, in pikanter Wollust mit Grazie herumzuplätschern und ihr Abbild auf der Bühue mit behaglichem Schmunzeln verständnisvoll zu genießen. So kam damals die Mehrzahl der bei weitem überwiegenden Theaterbesucher auf ihre Kosten. Heute dagegen ist die Zahl derer doch schon etwas gewachsen, die das ganze Komödiantenhafte dieser Scheinrealistik, die so ganz unmögliche Moralpathetik des Theatergrafen Traft ebenso schwer vertragen können, wie die sentimentale Tugend- boldigkeit seines Freundes Robert.
Graf Traft, der von der „Gesellschaft" seiner „Ehre entblößte Märchen-Krösus, ist der Träger der dramatischen Handlung und des gesamten europäischen Kaffeehandels. Herr Oskar Bohnee aus Köln als^Gast, „Ehrencavalrer Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen von Lusignan, Ehrenmitglied der König!. Akademie der Wissenschaft und Künste zu Florenz" wie es auf seiner Visitenkarte heißt, errang als dieser halbasiatische, halb europäische Ueberkultur- Uebermensch einen äußerlich großen dramatischen Erfolg. Diesen Herrn mit der großen Visitenkarte ist man leicht geneigt, im Tone gänzlicher Naivetät nach Suder- manischem Vorbilde zu fragen: „Sonst nichts?" O doch, Herr B. ist sonst noch etwas, er ist ein Bühnenroutinier, wie man ihn nicht allzu häufig findet. Er ist ein Mann von imponierender Gestalt, schönem Organ und ausdrucksvoller
Amtlicher Teil.
SMmtmri (fnttt (j.
Betr.: Bezug von künstlichen Düngemitteln.
Auf die Bekanntmachung vom 23. v. MtS. find bis jetzt einige Bestellungen eingegangen. Ich richte daher nochmals die Aufforderung an alle Interessenten, möglichst bald ihre Bestellungen machen zu wollen. Die Vorteile des Bezuges sind Scontoabzug, Rabatt, zuverlässig gute Ware und für die Mitglieder des landwirtschaftlichen BezirkSveretns Frachtfreiheit bis zur nächsten Bahnstation bis zum Betrage einer Bestellung von 40 Mk.
Gießen, den 11. Februar 1901.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
v. Bechtold.
Bekanntmachung, betreffend die Außerkurssetzung der Bereinsthaler österreichischen Gepräges.
Vom 4. Dezember 1900.
Unter Bezugnahme auf die nachstehende Bekanntmachung wird zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die Einlösung und Umwechslung der mit Wirkung vom 1. Januar 1901 außer Kurs gesetzten VereinSthaler österreichischen Gepräges bis zum 31. März 1901 bei der Grohh. Hauptstaatskasse, den Großh. DistriktSeinnehmereien und Untererhebstellen statt- fiuden kann.
Darmstadt, am 4. Dezember 1900.
Großherzogl. Ministerium der Finanzen
Gnauth.
Bekanntmachung.
Sonntag, 17. b. Mts., nachmittags 31/* Uhr, wird Herr Oekonomiecat Leithiger von Alsfeld im Saale des Johs. SameS zu Queckborn einen Bortrag über Aeldbereiniguug halten.
Ich lade dazu jedermann, der sich dafür interessiert, freundlichst ein, und ersuche die Herren Bürgermeister von Queckborn und der Nachbarorte um Bekanntmachung.
Gießen, am 7. Februar 1901.
Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Am 26. Januar ist bei der Posthilfsstelle Ober Hörgern eine Telegraphenaastalt mit Fernsprechbetrieb er öffnet worden, mit der eine Unfallmeldestelle und eine offent liebe Sprechstelle verbunden ist.
Darmstadt, 30. Januar 1901.
Kaiserliche Ober-Postdirektion.
Holfeld.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 11. Februar.
Tas Haus erledigt ohne Debatte den Rest des Etats des Reichsjustizamtes und geht dann zur Beratung vcL Reichsschabamtes über. .
Aba. Bassermann (nl.) bemängelt, daß iniWioer spruch mit der letzten Stempelsteuernovelle für Preußen die Stempelsteuer für nicht vollbezahlte Stammaktien, vom vollen Aktienbetrag erhoben werden.
Abg. Dr. Böcke! (Antis.) beklagt die zunehmende Schuldenwirtschaft und vermißt eine rationelle Finanzwirtschaft- Dic Anleihe verkleisterte nur die zerfahrene F^nanzwirt- 'chaft. Die Pumpwirtschaft mehre sich ja auch in Preußen durch die nach Redners Ansicht sichere Annahme der Kanal- Vorlage. Das Schuldenmacken sei nur eine Vertu,chimg, man solle lieber neue ehrliche Steuern Vorschlägen. Wie denkt sich denn der Staatssekretär diese Entwickelung? Er sitzt bei alledem dabei und lächelt (Heiterkeit). A-urd) die Schuldenwirtschaft kommen wir auch in eine unnitt arößere Abhängigkeit von der Börse, die unsere ganze Freiheit und unser Recht beeinträchtigt. Und was verlangt die Bör e als Aequivalent ? Eine Abänderung des Börsen^ Gesetzes. Ich kann die Entwickelung der letzten ^ahre nur bedauern; will man schon Anleihen, so mache man nntor« tifiirbarc. ßertet Die Kanalvorlage würde
allerdings viel Geld kosten; ich zweifle aber daran, daß sie angenommen wird. Ob hinter den Kulissen etwas gespielt hat, oder „gemimt" ist, weiß ich nicht, es entzieht sich meiner Kenntnis, ich war nicht dabei. (Heiterkeit.) Ter Redner hält die Bemängelung Böckels für übertriebe». Er ersucht den Schatzsekretär um baldige Fertigstellung des Zolltarifs im Interesse der Landwirtschaft.
Reichsschatzsekretür Frhr. v. Thielmann erklärt, der Abschluß der Vorarbeiten der Zolltarife im Reichsschatzamt sei in allernächÜer Zeit zu erwarten. Schon seit einem Jahre werde mit allen Kräften daran gearbeitet, Hand in 5->and mit dem Reichsamt des Innern. Er hoffe, daß in kurzem die Sache an die anderen zu befragenden Instanzen abgegeben werden könne und daß diese Instanzen den Zolltarif in kürzester Frist an den Bundesrat gelangen lassen werden. vx„, /t., „
Äbg. Dr. Paasche (nl.) weist die Bocke! sche Kritik als unberechtigt und stark übertrieben zurück. Gerade bic Antisemiten hätten immer für Ausgabevermehrung und gegen Anträge auf Schuldentilgung gestimmt.
Abg. Speck (Ztr.) fragt, wie es mit der weiteren Ausprägung von Kronenstucke n fei: bemängelt die künstlerische Ausführung der preußischen Jubilaumsdenk- münze Ist der Kunstwerk der neuen Denkmünzen schon fragwürdig, so gilt dasselbe von der Ausführung. Der Ruhm Münchens, in diesem Punkte an der Spitze Deutschlands zu marschieren, wird in absehbarer Zett nicht ge-
Auf Grund des § 1 des Gesetzes, betreffend rinSthaler österreichischen Gepräges, vom 28. Februar 1892
(ReichS-Gesetzbl. S. 315) hat der Bundesrat die nachfolgenden Bestimmungen getroffen.
§ 1*
Die in Oesterreich bis zum Schluffe des Jahres 1867 geprägten VereinSthaler und Vereinsdoppelthaler gelten vom 1. Jarrrrar 1901 ab nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel. Es ist von diesem Zeitpunkt ab außer ben mit der Einlösung beauftragten Kaffen niemand ver pflichtet, diese Münzen in Zahlung zu nehmen.
§ 2.
Die Thaler der im § 1 dieser Bekanntmachung bezeichneten Gattung werden bis zum 31. März 1901 bei den Reichs und LandeSkassen zu dem Wertverhältniffe von drei Mark gleich einem Thaler sowohl in Zahlung als auch zur Umwechselung angenommen.
§ 3.
Die Verpflichtung zur Annahme und zum Umtausche (§ 2) findet auf durchlöcherte und anders als durch den gewöhnlichen Umlauf im Gewichte verringerte, sowie auf verfälschte Münzstücke keine Anwendung.
Berlin, den 8. November 1900.
Der Reichskanzler.
In Vertretung: Freiherr von Thielmann.
Gießen, 4. Februar 1901.
Betr.: Wie oben. _
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen att die Rechner der KreiSkasse, der Gemeinden,
Kirchen und Stiftungen im Kreise.
Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, darnach zu verfahren. Vom 1. Januar 1901 ab wollen Sie womöglich keine Thaler der obigen Art in Zahlung nehmen, die vorhandenen rechtzeitig vor dem 31. März 1901 bei den Reichskaffen oder der Großherzogl. Hauptstaatskasse, den Großh. Bezirkskaffen (Distrikts Ein nehmereien) oder den Untererhebeftellen zur Einlösung oder Umwechselung vorlegen.
v. Bechtold.
Redeweise im Sinne der Jffland'schm Theaterart, cm Manu wie geschaffen, ein für das Komödienhafte in der Komödie schwärmendes Publikum hinzureißen. Er versteht es ganz vorzüglich, fi-h di- Allüren eines alle überragenden Geistes zu geben, mit einem getragenen Theaterpathos zu sprechen, wie man es heute selten hört, er besitzt den echten TheaterweltmannSschl.iff, echten Theatersarkasmus, kurzum eine alles subordinierende Theatererfahrung, die die gesamte Theaterkonvention mit samt ihren sämtlichen bekannten Nüancen von Jffland bis Haase vollkommen beherscht. Hätte er dem Grafen Traft einen zwanglos "^ürlichen, warm« Herzenston gegeben, dann hätte er ihn über die Sudermann- fche Theaterfigur erhoben. Er gab ihn nach Sudermann- scher Vorschrift und erreichte damit am Montag einen un- aewöhnlich lauten Erfolg. ,
Frl Wohlbrück gab die Alma. Dieser Simili-Diamant der Familie Heinecke, eine stark auf die vom Freunde bezahlten Stiefeletten gestellte Figur aus der übergoldeten Hefe der Gesellschaft, die ihrer Verdorbenheit gar nicht bewußt ist, die den Unterschied zwischen Schuld und Unschuld nicht kennt und auch in ihrem Innersten keine Empfindung dafür besitzt, bietet wegen dieser eigenartigen einheitlichen Zwiegestaltung von Naivetät und Verworfenheit für die Darstellerin keine ganz leichte Ausgabe. Frl. W. traf aber den Grundton ganz richtig. Ihre leicht schnippische Art fand sich mit der Alma ganz annehmbar ab. Den jungen Heinecke, der mit der Blindheit pietätvoller Liebe geschlagen ist und den ganzen Abend zu den Seinigen „indianisch" spricht, die gänzlich mißlungene Hauptfigur des Stückes, spielte Herr di
Aus d-m Robert läßt sich m. E. überzeugende L-b-nsM- noch weil schwieriger auspressen als aus dem ®tofen Straft. Herr B. gab sich darum alle Mühe. Em- Dosis "Sicher Ruhe könnte Robert wohl «ertragen, er braucht mch «J oon indischer Leidenschaft und indischem Wortschwall bei-si-n
Gießener Stadttheater.
Vt- Ehre
von Hermann Sudermann.
Um die Wende der Jahre 1889/90 wars. Allenthalben herrschte in deutschen Landen bei der urteilsfähigen Gesell schatt Unzufriedenheit mit der Litteratur. Man hatte sich übergetanzt auf den Traumböden eingebildeter, unwahrer Menschlichkeit und sehnte sich nach dem festen und gediegen gründigen Boden der Wirklichkeit in der Kunst. Auch auf ben Brettern, die, einem unverbürgten Gerüchte zufolge, die Welt bedeuten sollen, wünschte man Leben, volles, wahres, warmes, saftiges Leben, das Leben wie es ist, bedeutend und unbedeutend, die Gattung Mensch in ihrer Mannigfaltigkeit und Abstufung, die Verkörperung des gesamten Zeitgeistes. Da traten zwei markante Gestalten hervor, ein stattlicher, klug blickender Mann, der kürzlich erst das Alter erreicht hatte, das Dante die Mitte des Lebensweges genannt hat, und ein Jüngling, damals unreif noch, aber in seines Augen rin Meer von Hoffnungen bergend — Hermann Sudermann, der Oftpreuße, und Gerhard Hauptmann, der Schlesier. A!« Sudermanns dramatische Erstlingsgabe am Berliner Lessing Theater gegeben wurde, ward er mit frappierender Einstimmigkeit als der lange erwartete deutsche Volksdramatiker gepriesen. Allerdings hat er diese Hoffnung kaum erfüllt. Seine „Ehre" aber eroberte sich rasch und dauernd siegreich die erdrückende Mehrzahl der deutschen Bühnen. Nur die Hoftheater verschlossen ihre Pforten vor der „Ehre". Sudermann machte es sich viel leichter als Hauptmann. Er verfuhr nach einem bewährten alten Rezept. „Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und denen des Geistes gefallen, malet die Wollust, doch malet den Teufel dazu." Mit großem Geschick wußte er beiden Parteien, den Kindern der


