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12.4.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 85 Erstes Blatt.

Freitag 12. April HN)1

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151. Jahrgang

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Erscheint töglich mit N»1o»b»e deZ Montag-.

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GietzenerAnzeiger

" General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf« schlags von Fünf vom Hundert pro Monat März 1901 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen: Hafer Mk. 16,80, Heu Mk. 9,20, Stroh Mk. 6,60.

Gießen, den 6. April 1901.

GrotzherzoglicheS SveiSamt Gießen, v. Bechtold

-ir,Klssmm»kll»st des deutsche« Keichsksurlers mit dem italienische« Miuisterpraßdeute«.

Mailand, 7. April.

Die aus dem Holsteinischen stammende Familie derer v. Bülow Pflegt alljährlich sich einmal zusammenzufinden; fo ljat es der Vater des derzeitigen deutschen Reichskanzlers etngeftihrt, und darum pflegt Graf Bernhard v. Bülow derzeitiges Haupt der Familie regelmäßig zu Ostern die Semigen um sich zu versammeln. Die Wahl der Oster- seiertage zu diesem Zwecke datiert aus dem römischen Aufenthalt des deutschen Staatsmannes,' als er, Bot- scl^after des Reiches im Palazzo Caffareli, den ©einigen dieEwige Stadt" im Frühlingsschmuck und die welt­berühmten Ceremonien der katholischen Kirche in der Pe- terskirche und in der Sixtinischen Kapelle zeigen wollte. Im vergangenen Jahre traf sich die Familie des deutschen Staatssekretärs für das Auswärtige, nachdem er selber die erste Station im Hotel du Pare zu Lugano gemacht hatte, im Grand Hotel Baveno am Lago maggiore. Als Quartier­macher traf ein der Fürst von Camporeale aus Palermo, dann folgten Donna Laura Minghetti, der deutsche Ge­sandte in Bern, Dr. Karl v. Bülow, der deutsche Staats- Sekretär mit seiner Gemahlin Maria Zoe di Beeadilli, Prinzessin von Camporeale aus Neapel, der leidende Bruder Peter, der seit Jahren als Privatmann in Lugano lebt, und endlich der jüngste, Rittmeister v. Bülow, Militärattache on der deutschen Botschaft zu Wien.

Für dieses Jahr war Venedig als Stelldichein der Familie verabredet. Dort hatten sich schon vor zehn Tagen die Frau Reichskanzler mit ihrer Mutter Donna Laura Minghetti und dem greisen Freunde des Hauses, Se­nator Blaserna, dem berühmten Physiker und Professor! an der Universität Rom, zusammengefunden. Nach und imch trafen auch die übrigen Familienglieder ein, nur der Schwager, Fürst von Camporeale, ließ sich unter Hin­weis auf seine neue Amtsbürde als Bürgermeister von Palermo entschuldigen. Ein ganzer Rattenkönig von Ver­mutungen hat sich nun an daszufälligeZusammen- treffen v. Bülows mit Zanardelli'auf dem Bahnsteig von Verona angeklammert. Zuförderst ist

die Nachricht irrig, daß auch der deutsche Botschafter in Wien an derKonferenz" zu Verona teilgenommen habe. Fürst; Ph. v. Eulenburg lebt gesundheitshalber seit Wochen in Meran, und hat sich seinem durchfahrenden Chef ledig­lich auf dem Bahnhof von Bozen gemeldet; die dienst­liche Unterredung währte wenige Minuten, worauf Fürst Eulenburg nach Meran zurückfuhr.

Sr st eineViertel stunde vor Eintreffendes Berliner Schnellzuges in Ve,ona hatte Za- nardelli die Ankunft des deutschen Reichs­kanzlers erfahren. Der italienische Ministerpräsident bat sich aus seinen Ersparnissen der Schöpfer des ita­lienischen Strafgesetzbuches gilt als der sck)arf sinnigste und erfolgreichste Rechtsanwalt Italiens eine Villa zu Ma- derno am Gardasee, worin sich ein vorzüglicher Wein­keller befindet, erworben, wohin er regelmäßig von seinen römischen Sorgen zurückkehrt. ZanardeNis Weg führt über Bologne-Verona nach Desenzano, von wo ihn der Dampfer in die Bucht von Salo Gardone bringt. In der Nähe liegt sein Wahlkreis Jsev, der ihm volle vierzig Jahre treu ge­blieben ist. Als der Zug in die alte Stadt Dietrichs ein­fuhr, mußte der deutsche Reichskanzler erst aus dem Schlafe geweckt werden. Zanardelli hatte inzwischen den könig­lichen Wartesaal verlassen und war barhäuptig seinem Kollegen e n t g e g e n g e e i l t, ihm beide Hände entgegenstreckend und ihn im Namen Italiens auf italienischem Boden willkommen heißend.Ich hatte die Ehre, Ew. Exzellenz bei Enthüllung des Denk­mals für König Viktor Emanuel in Neapel kennen zu lernen." Graf Bülow, sichtlich erfreut und der ita­lienischen Landessitte huldigend, umarmte darauf den greisen Gelehrten zweimal.

Inzwischen war eine Schar Journalisten, die, von der Ankunft Zanardellis tags zuvor unterrichtet, den italieni­schen Ministerpräsidenten zum Interview gestellt hatten, auf den Bahnsteig gekommen und hatte eifrig zu schreiben begonnen, als des Reichskanzlers Sekretär, Dr. Lindenau, dazwischen fuhr und in seinem Italienisch rief:Signori, niente Jcriüere! Niente!" (Meine Herren, nichts schreiben?

Lachend verfügten sich darauf die beiden Staatsmänner in Bülows Salonwagen, wo sie genau sieben Mi­nuten lang ohne Zeugen in eifrigem Gespräche blieben, lieber den Inhalt dieser Unterredung hat Graf Zanardelli sich mit großem Freimut geäußert. Die Unter­redung betraf selbstverständlich den Drei­bund und streifte mit zwei Worten die Halt*. ung, die in der letzten Zeit die Mailänder Presse wieder einmal gegenDeutschlandeinnimmt. Za­nardelli hob hervor, daß alle gesetzgeberischen Faktoren Italiens, der König, das Gesamt­ministerium, derSenatundauchdie Kammer, der Verlängerung des Dreibundvertrages günstig gesinnt seien. Ta Graf Bülow Ende der Oster­woche nach Como kommt, so wird eine neue und zwar von Anfang an schon in Berlin ins Auge gefaßte Unter­redung zwischen Zanttrdelli und Graf Prinetti, dem Ab­geordneten von Brivio bei Secco am Cornersee, z. Z. Mi­nister des Auswärtigen Italiens, einerseits und dem deut­

schen Reichskanzler anderseits an den Ufern des Lario stattfinden.

Volttische Tagesschau.

Der Vorstand des Deutschen Apotheker. Vereins hat dem Bundesrate eine Denkschrift über dreRegelung des d en t s ch e n A p o t h e ke r we s e n s nut der Bitte unterbreitet, auf der Grundlage der in der Denkschrift enthaltenen Vorschläge die reichsgesetzliche Re­gelung des deutschen Apotbekerwesens herbeizuführen. Tie Vorschläge beruhen im wesentlichen auf folgenden Grund­sätzen:

1. Die bisher vererblichen und veräußerlichen Be- triebsrechte behalten diesen Charakter; dazu sind auch zu rechnen die Personalkonzessionen, welche, wie die vreußischen sogenannten Realkonzessionen, die bayerischen, die sächsischen Konzessionen usw., trotz ihres formal per­sönlichen Charakters tatsächlich als verkäuflich behandelt werden. 2. Die preußischen Konzessionen mit zehnjähriger Unverkäuflichkeit werden nach Ablauf dieser Frist ohne weiteres frei veräußerlich und vererblich. 3. Die be­stehenden unveräußerlichen und unvererblichen Personal- konzessionen bleiben dies zunächst. 4. Alle neu zu ver­leihenden Konzessionen dürfen erst nach zehn Jahren veräußert oder vererbt werden; ihre Inhaber zahlen vom dritten Jahre ab von dem Reingewinn eine Abgabe. 5. Die jetzt bestehenden Personalkonzessionen (Ziffer 3) können durch Zahlung bezw. Nachzahlung der Abgabe bis zum Höchstbetrage von 10 Jahresraten in vererbliche und ver­äußerliche Apotheken umgewandelt werden. 6. Die Ge­nehmigung zum Fortbetriebe einer Apotheke darf der Regel nach demselben Apotheker nur dreimal erteilt wer­den. 7. Frei vererbliche und veräußerliche Apotheken dürfen verpachtet werden.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 11. April 1901.

Personaluachrichteu. Der Großherzog hat den LehramtSaffeffor Bruno Aschenbrenner aus Frankfurta. M. zum Oberlehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Mainz, den LehramtSaffeffor Johann Josef Krämer aus Mainz zum Oberlehrer an der Realschule und dem Pro- gymnafium zu Bingen, den Lehramtsassessor Lic. theol. Dr. Frhr. August v. Gall aus Lemgo zum Oberlehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Mainz, den LehramtSaffeffor Heinrich Sohn aus Meisenheim zmn Ober, lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Mainz, den LehramtSaffeffor Heinrich Glenz aus Michelstadt zum Oberlehrer an dem Gymnasium und der Realschule zu Offen­bach, den LehramtSaffeffor Jakob Hellwig aus Lampert­heim zum Oberlehrer an dem Realgymnasium und der Real­schule zu Mainz, den LehramtSaffeffor Moritz Repp aus Bromskirchen zum Oberlehrer an der Realschule und dem Progymnafium zu Bingen, den LehramtSaffeffor Dr. Max

$>er Sludienpkan des Kronprinzen

für fein erstes Semester in Bonn ist unter Mitwirkung der Universitätsverwaltung und hervorragender Universi­tätslehrer mit großer Sorgfalt ausgearbeitet worden. Den breitesten Raum nehmen darin die juristischen und histori­schen Vorlesungen ein, doch wird er auch litterarhistorische, sprachliche unb naturwissenschaftliche Studien treiben, um in alle Wissenschaftsgebiete einen Einblick zu gewinnen. So wird der Kronprinz im einzelnen folgende Vorlesungen hören: Grundzüge der allgemeinen ReckMlehre und fön- leitung in das Privatrecht bei Professor Zitelmann, Rechts- Encykwpädie bei Professor Cosack, Ueberblick über die Ge­schichte und Grundzüge des deutschen Rechts bei Professor Loersch, Reichs- und Staatsrecht bei Professor Zorn, bio­graphische Einzelbilder aus der alten Geschichte bei Pro­fessor Nissen, Zeitalter Friedrichs des Großen bei Professor v. Bezold, Geschichte der Kunst in den Rheinlanden bei Professor Giemen, Goethes Faust bei dem Litterarhistoriker Professor Litzmann, Schillers Dramen bei Professor Drescher, Les chefs d'oeuvre du theatre elassique franeaise und fran­zösische Hebungen bei dem Lektor Gaufinez, Zoologie und Paläontologie. Insgesamt sind für die Vorlesungen 20 Stunden wöchentlich festgesetzt. Außerdem wird der Kron­prinz neben sportlichen Üebungen auch das Vivlinspiel fortsetzen, das er schon seit Jahren betreibt. Auch wird er uzährend seiner Studienzeit in das Korps Borussia eintreten, dem schon sein Vater, Kaiser Wilhelm IL angehört hat. Cs ist nicht ohne Interesse, mit diesem Studienplan des Kronprinzen die Studien zu vergleichen, die sein Vater und Großvater vor 24 und 52 Jahren betrieben haben, taifer Wilhelm war 18 ein halb Jahre alt, als er im iberbft 1877 die Universität Bonn bezog, um sich vier Semester lang den akademischen Studien zu widmen. Tas Hauptgewicht wurde bei ihm auch auf die juristischen Vor­lesungen gelegt, die er während der vier Semester bei den Professoren Hälschner, Loersch und v. Stintzing hörte. Dazu kamen drei Semester lang national-ökonomisch und sozial­politische Vorlesungen bei den Professoren Held und Nasse,

zwei Semester historische Vorlesungen bei Maurenbrecher, je ein Semester Philosophie bei Professor Jürgen, Bong, Meyer, Physik bei Professor Clausius, Chemie bei August Kekule, deutsche Litteraturgeschichte bei Wilmanns, antike und moderne Kunstgeschichte bei Reinhold Kekule und Justi. Die Mehrzahl dieser Vorlesungen besuchte Prinz Wilhelm mit allen anderen Zuhörern gemeinsam, während einige als sogenannte Privatissima für ihn allein gelesen wurden. Daneben betrieb der Prinz noch eifrig Fechtübungen und huldigte dem Reit- und Rudersport. Kaiser Friedrich bezog die Universität in Bonn im November 1849 und studierte bis Ostern 1852 mit einer Unterbrechung im Sommersemester 1851, das der weiteren militärischen Aus­bildung gewidmet war. Im ersten Semester las er mit Curtius die Annalen des Tacitus, hörte die Geschichte des römischen Rechts bei Professor Walter, Kulturgeschichte des Mittelalters bei Professor Löbell, Geschichte der fran- zösischen Komödien und französische Üebungen bei Pro­fessor Monnard, Englisch hei Dr. Walther-Perry. Im zweiten Semester wurden die Geschichtsvorträge bei Pro­fessor Löbell, sowie die französischen und englischen Hebungen fortgesetzt; außerdem hörte Prinz Friedrich römisches Privat­recht bei Walter, Geschichte des deutschen Rechts bei Pro­fessor Perthes und vergleichende Völkergeschichte bei Emst Moritz Arndt. Ter Studienplan des dritten Semesters um­faßte: deutsche Rechlsgeschichte und Staatsrecht bei Perthes, deutsches Privatrecht bei Walter, allgemeine Geschichte seit dem 14. Jahrhundert bei Löbell, Politik bei Professor Dahl­mann, Geschichte und Geographie Englands und Frank­reichs, französische und englische Konversation. Im vierten Semester wurden gehört: Staatsrecht bei Professor Perthes, Völkerrecht bei Professor Hälschner, Kriminalrecht bei Pro­fessor Dauer band, Kirchenrecht bei Professor Bluhme, deutsche Literaturgeschichte bei Professor Löbell und Befestigungs- funft bei Oberst Fischer. So spiegelt sich in den mitgeteilten Lehrplänen der akademische Studiengang dreier Gene­rationen unseres Herrscherhauses an derselben Universität wieder.

-k- Thea terbrie saus Mainz. Man schreibt uns aus Mainz: Die Theatersaison eilt hier mit Riesenschritten ihrem Ende entgegen. Noch acht Tage 15. April und die Pforten des Musentempels schließen sich zu fünf­monatlicher Pause. Noch keine Saison hat in materieller Beziehung einen so günstigen Erfolg aufzuweifen wie die nun abschließende. Man spricht von 40- b i s 50 000 M k, die Direktor St einfach während der sieben Monate verdient hat. Von Opemvorstellungen tvaren namentlich Aida" undTristan und Isolde" dank der stimm­gewaltigen Primadonna, Fräulein M a t e r n a, des Helden- lenors Helm, und des Heldenbaritons Rünger höchst genußreich Erfreulicherweise bleibt uns dieses hervor­ragende Künstlertrio auch in kommender Saison erhalten, ebenso wie die vortreffliche, jugendlichdramatische Sängerin Fräulein Cora. In der Operette, in der Fräulein Zieg­ler excellierte, übten namentlichGeisha" unbSe e - fabett" große Zugkraft aus. Die Partie honteufe der Oper bildete der numerisch unzureichenbe Chor, der statt der prospektmäßigen 36 Herren unb Damen schließlich auf 22 Personen zusammengeschrumpft war. Hier muß für nächste Saison entschieden eine Wendung zum Bessern eintreten. Im Schauspiele hatteFlachsmann als Erzieher" den Löwenanteil des Erfolges. Er brachte es auf zahlreiche ausverkaufte Häuser. In der Titelrolle wie in vielen anderen Partien bewies der Charakterdarsteller Kauer 'eine Meisterschaft, der uns leider mit Ablauf dieser Saison verläßt. Es gehört zu den vielen Unbegreiflichkeiten der Theaterleitung, daß sie diesen ausgezeichneten Schauspieler nicht wieder verpflichtete, ebensowenig die hochbegabte Naive, Fräulein Spier, die wir an die Meininger Hofbühns abgaben. Es wird der Direktion nicht leicht fallen, aiufj nur annähernden Ersatz hierfür zu schaffen. Die Damen Pflüger utib Schach ert, sowie die Herren Widmann, Wirth, Herz, Rücker rc., gleichfalls ausgezeichnete Mit­glieder, bleiben dagegen unserem Schauspiel erhalten. Die Erfahrungen der diesjährigen Saison wird sich die Di­rektion wohl zu Nutzen gemacht haben und zu Gunsten der kommenden Saison verwenden.