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12.3.1901 Zweites Blatt
 
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I)r. 60 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Dienstag 12. März 1001

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen

Freiherr v. Stumm

der

Den Ruhm jedoch, eine eigenartige, überzeugte und energische Persönlichkeit gewesen zu sein, werden ihm auch die Gegner lassen.

seiner Seite hat.

Die parlamentarische Mitarbeiterschaft der Sozialdemo­kraten in der hessischen Kammer ist uns allen bekannt und wir wissen sie nicht weniger zu schätzen, als einer unserer hohen Staatsbeamten, der neulich, demTag zufolge, geäußert haben soll, der Abgeordnete Ulrich hätte in vielen Dingenganz vernünftige Ansichten". Wir stehen hier der sozialdemokratischen Entwicklung unbefangener gegen über, als die maßgebenden Kreise in dem führenden Staate des deutschen Reiches. Allerdings wollen intime Kenner der Sozialdemokratie auch einen Unterschied in ihren Anhängern erkennen, je nach ihrer Landsmannschaft. Die Norddeutschen gelten als die Vertreter der schärferen Tonart. Herr von Vollmar, der Bayer, ist in aller Welt bekannt als ein Sozial demokrat von gemäßigterer Färbung.

Wie werden die norddeutschenGenosien" sich nun mit -er Thatsache abfinden, daß einige ihrer Parteifreunde von der alten Gepflogenheit abgehen und sich's in guter Manier in bürgerlicher Gesellschaft wohl sein lassen? Sie werden vermutlich nicht behaupten, daß eine parlamentarische Hummer- Mayonnaise die verhängnisvolle Rolle des alttestamentarischen Linsengerichts gespielt habe, aber sie werden vor die Frage gestellt, warum das, waS in unserer Landeshauptstadt ge­schehen ist, nicht auch in der Reichshauptstadt, wo parlamen tarische Bierabende die verschiedenen Parteien zwanglos mil Staatsmännern zusammenführen, geschehen soll. Und die Frage wird erweitert werden müffen.

Bekanntlich haben die Sozialdemokraten im Reichstag als drittstärkste Partei dem Herkommen gemäß Anspruch auf eine Präsidenten- und eine Schriftführerstelle. Sie find bisher regelmäßig übergangen worden, angeblich, weil sie sich weigern, den mit diesen Aemtern verbundenen höfischen Re präsentationspflichten nachzukommen. Innerhalb der Reihen der Sozialdemokratie selbst wird durchaus nicht von allen Seiten diese Zurückhaltung gutgeheißen, und beim Eintritt desGenosien" Millerand in das französische Kabinett Waldeck-Rousseau wurde die Frage der staatlichen Mitarbeiter­schaft besonders lebhaft in der sozialdemokratischen Litteratur ventiliert, freilich ohne direkte Beziehung auf deutsche Ver hältnisse. Und das aus guten Gründen. Aber in der Zu­rückhaltung, wie sie jetzt von der Sozialdemokratie im Reichstag beobachtet wird, liegt unzweifelhaft ein Widerspruch: man darf nicht auf den Ausbau des Parlamentarismus dringen, und auf der anderen Seite die Konsequenzen ablehnen, die sich aus der Mitarbeit im Parlament ergeben. Indessen das ist rin häuslicher Streit der Partei, und die andern Parteien haben kein Interesie daran, sich einzumischen. Sie sehen nur |

mit Spannung der Weiterentwicklung entgegen, die sich bei uns zu Lande in den ersten Anfängen zeigt unter der Re aierung eines unbefangen, fein und klug um sich und in sich blickenden Monarchen. Die deutsche ReichSweltordnvua ,iegt dadurch wahrlich keinen Knacks, wenn vielleicht auch mancher Mächtige einen kleinen Schnupfen baonn crhält.

Neues Licht.

Zur Zeit Tycho de BraheS knüpften sich an das Er­scheinen eines neuen Sterns noch abergläubische Vorstellungen, und die Fraubasen hatten die Wahl, ob fie sich für Hungers­not oder Pestilenz oder gar für einen kleinen Weltuntergang entscheiden sollten. Wir sind inzwischen in der Erkenntnis sortgeschritteu und wissen, daß, wenn in jenen Regionen ein Weltuntergang stattgefunden haben sollte, unser Erdenschicksal nicht davon berührt wird. Allerdings ist jetzt in höheren Regionen eine Erscheinung beobachtet worden, so neu, so eigentümlich, wie nie zuvor, und ängstliche Gemüter fragen sich, ob sie nicht doch am Ende als ein Vorzeichen des Zu sammenbruches nicht der Welt, sondern unsere Leier merken, daß wir nicht den neuen Stern am Himmel im Bilde de« Perseus meinen deutscher Reichsherrlichkeit zu deuten sei.

Da man schrieb den 7. März 1901, hatte, wie wir be­richteten, der Präsident der Zweiten hessischen Kammer, Ge heimrat HaaS, einen parlamentarischen Abend veranstaltet, an dem auch der Großherzog teilnahm. Hierbei hat sich S. K. H. mit dem sozialdemokratischen Abg. Ulrich-Offen bach längere Zeit unterhalten. Dieser war mit anderen Parteigenossen zum ersten Male zu einer derartigen Derau fialtung erschienen. Welchen Eindruck seine Persönlichkeit und die von ihm vermutlich geäußerten Ansichten auf unfern Laude-herrn gemacht haben, wird nicht berichtet, jedenfalls ist der Himmel nicht eingestürzt und die Staatsordnung ist nicht aus den Fugen gegangen. Der Vorgang an sich ist für uns höchst bemerkenswert und zeugt von der außerordentlichen Vorurteilslosigkeit unseres Monarchen. Er lehrt auf das unzwei­deutigste, wie unser Großherzog ernsthaft bestrebt ist, von den Stimmungen und Wünschen unsei er Bevölkerung unterrichtet zu fein, an den Empfindungen jeder Volksklasse teilzunehmen, fie aus eigenem Urteil zu beobachten, zu beachten. Wir sino hier in Süddeutschland Gott sei Dank von dem spezifischen Preußen­tum in vielem erheblich verschieden. Wir sehen nicht gleich in jedem anders Denkenden einen Staatsverräter, wir achten die Gesinnung jedes ernsthaften Mannes und schätzen gering die starre Beobachtung steifer gesellschaftlicher Konventionen. Und wir Hessen können stolz darauf sein, daß unser Landesherr in dieser Beziehung uns mit bestem Beispiele vorangeht. Er kann versichert sein, daß er zum mindesten die einsichtsvolle Mehrheit des Volkes auch in diesem Falle ganz und gar auf

Klassen nach Gleichberechtignng im ftaatlid^n und wirtschaftlichen Dasein richtig zu würdigen. Alles Gute und alles Notwendige wollte er ihnen zuteil werden lassen, aber ihre Stellung zu den Unternehmern sollte dieselbe bleiben, wie sie einst unter ganz anderen Verhältnissen gewesen war. Patriarchalisch wollte er über seine Untergebenen herrschen, und er vermochte nicht einzusehen, daß das heutige Geschlecht nicht mehr dazu geschaffen ist, unter solcher Bevormundung ruhig und zufrieden dahin zu leben. In dieser Einseitigkeit verlor Stumm den Blick für jeden not­wendigen Fortschritt auf politischem Gebiete, und der aus seiner konsequent und starr festgehaltenen Anschauung sich ergebende Gegensatz zur Sozialdemokratie beherrschte schließ­lich sein ganzes Denken und Empfinden im parlamentari­schen Kampfe, brachte ihn zu scharfen, persönlichen Feind­seligkeiten und verbitterte mit der zunehmenden Erkennt­nis der Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen die letzten Lebens­jahre in hohem Maße.

Sein Wirken wird ihn freilich, wie zu befürchten ist, auch hierin überleben, insofern er das Seine gethan hat, Ideen der Unterdrückung und Gewaltsamkeit Anhänger und Stützen zu schaffen. Im Parlament "und in der Presse, in industriellen Körperschaften und in maßgebenden Regier­ungskreisen ist Frhr. v. Stumm einflußreich und thätig genug gewesen, wenn auch in der letzten Zeit mit augen­scheinlich vermindertem Erfolge. Aber der liberale Gedanke wird noch nach seinem Hingange seinen Spuren vielfach be­gegnen und seinen Schatten zu bekämpfen haben.

Engländer und Buren.

Ter siebentägige Waffenstillstand zwischen Botha und Küchener, von dem in beu letzten -ragen viel die Rede war, müßte schon am 6. März abgelaufen sein. Die nächste Zusammenkunft zwischen Kttchener und Botha hat aber nach einer Meldung aus Pretoria erst am 8. früh -stattgefunden, und zwar bet Pretoria, wo inzwischen auch der neue Gouverneur für Südafrika Milner ein» getroffen ist. Die Besprechung hat einige Zeit gedauert, zu welchem Ergebnis sie geführt hat, ist unbekannt. Was den Waffenstillstand anbetrifft, so könnte er sich nur auf Botha und die seinem Kommando direkt unterstehenden Leute beziehen: denn auf allen andern Teilen des Kriegs­schauplatzes hat der Kampf nicht geruht. French wird wohl die Verfolgung der Buren unter Lukas Meyer fort­gesetzt haben. Ebensowenig wie D e l a r e y, der Lichtenbnrg belagert, ist De Wet selbstverständlich in den Waffen stillstand nicht eingeschlossen. Die Briten sind ini süd­westlichen Freistaate auf der Suche nach ihm, und iteyen jesst in der Höhe von Petrusburg, haben aber seine- Spur augenscheinlich vollkommen verloren, da .

ung nach feiner alten Taktik wieder m Heute Trupps Streut hat. In der Kapkolonie twllend^^en tn den letzten Tagen ziemlich heftige Kampfe stattig f

Der SO» Geburtstag des Prinzregenteu von Bayer«.

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München, 10. März.

Die offiziellen Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag des Prinzregenten begannen gestern mit einem großen militari» chen Empfang in der Residenz, zu dem die gesamte Gene­ralität sowie die in München wohnenden Stabsoffiziere er- chienen waren. Prinz Leopold hielt eine Ansprache, m der er die Glückwünsche der Armee zum Ausdruck brachte. Der Prinzregent, dessen Frische und Rüstigkeit von^ allen An­wesenden freudigst bewundert wurde, erwiderte nut be­wegten Worten. Im Laufe des Voimttttags empfina dann der Prinz-Regent zahlreiche Deputationen, darunter die der Akademie der Wissenschaften, der Universitäten, der techni- chen Hochschule, des germanischen Museums in Nürnberg, der Münchener Mnstlervereine, des Bayerischen ^eteranen- bundes nsw. Heute empfing der Prinzregent sämtliche Bürgermeister und ersten Vorstände der Gemeindekollegien aus allen größeren Städten Bayerns. Der erste Burger meister von München, Ritter von Borscht, sprach un Namen der bayerischen Stadtvertrettmgen Glückwünsche aus und überreichte eine künstlerisch ausgeführte Kassette mit einer Adresse. Später fand Frühstückstafel statt, an der alle Mit­glieder der königlichen Familie und sämtliche Bürgermeister und Gemeindevertreter teilnahmen. Am Nachmittag wurde dem Prinzregenten im Thronsaale der Residenz in Anwesen­heit aller Prinzen und Prinzessinnen eilte großartige Hul­digung von 2000 Münchener Schulkindern gebracht, wobei ein Kinderfestspiel aufgeführt und Ehorgesänge von den Kindern vorgetragen wurden. Der Prinzregent, der nut seltener Frische auf alle im Laufe des Tages an ihn ge­richteten Ansprachen antwortete, hob hervor, daß ihn diese Huldigung der Schuljugend ganz besonders freudig ergriffen habe. An Stelle des Kaisers ist der Kronprinz nach, München gereift.

Der Kaiser hat an den Prinzregenten folgendes Tele­gramm gesandt: ' , .,

An des Prinzregenten von Bayern Königliche Hoheit, München. Mit dem schmerzlichsten Bedauern muß Ich Dir an dem Ehrentage fern bleiben, mit dem Du Tein 80. Lebensjahr vollendest. Fühle, daß Ich mit herzlichsten Gedanken im Geiste Dir nahe bin. Mein ältester Sohn muß Mich vertreten. Laß Dir von ihm sagen, mit welch inniger Freude Ich an diesem Tage mir Deine kraftvolle Gestalt vergegenwärtige, wie Ich mit dem treuen Bayern­volke, ja mit ganz Deutschland dem Fürsten und Helden Heil wünsche, in dem Gottes Güte uns einen der hervor­ragendsten Waffengefährten Kaiser Wilhelms des Großen erhalten hat und'den sie uns in seiner wunderbareu Frische und Rüstigkeit noch lange bewahren möge.

Wilh el m."

Der Prinzregent Luitpold erwiderte alsbald mit folgendem Telegramm: ,

Sr. Majestät Kaiser Wilhelm, Berlin. Soeben von einer Ausfahrt nach Schloß Nymphenburg zurückgekehrt, erhalte Ich Dein liebes Telegramm, dessen Inhalt Mich innig rührt. Ich sage Dir für Deine so warmen und schmeichelhaften Worte aufrichtigen Dank. Mit tiefem Bedauern erfüllt es mich, daß Deine liebenswürdige Ab­sicht, die Feier Meines 80. Geburtstages durch De,ne Anwesenheit zu verherrlichen, durch den so verabscheuungs­würdigen Zwischenfall vereitelt wurde. Ich freue Mich jedoch, daß Du Dich entschlossen hast, Deinen geliebten Sohn, den Kronprinzen, welcher Meiner herzlichsten Auf­nahme versichert sein darf, als Deinen Vertreter hierher i tu senden. Ich hoffe zuversichtlich, von ihm günstige Nach- ' richten über Dein Befinden zu vernehmen.

> * Luitpold/

Die großartige Entfaltung der deutschen Industrie in ... zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in der Ge- chichte immer verbunden bleiben mit den Namen einer kleineren Zahl von Männern, die, teils auf schon überkom­menen Grundlagen weiterbauend, teils aus eigenen kleinsten Anfängen heraus bewundeiTungswürdige Unternehmungen der ausgedehntesten Art geschaffen haben. Zu den ersten gehörteKönig Stumm", wie der Heimgegangene Beherrscher der Eisenindustrie des Saargebietes, so lange er noch nicht den Freiherrittitel führte, genannt wurde. Er hat die An­lagen und Betriebe, die feine Vorfahren in bescheidenem Umfange errichtet und zum Gedeihen gebracht, zu Riesen­werken ausgestaltet, in denen er über eine Armee von Tausenden von Arbeitern gebot, und deren Ruf und An­sehen sich in der ganzen Welt verbreitet hat. Was Frhr. v. Stumm auf diesem Felde gewirkt und erreicht hat, wird ihm dauernde Anerkennung sichern und ist über alle Partei­gegensätze und persönliche Gegnerschaft erhaben.

Nicht minder wird jeder nickst ganz Befangene zu wür­digen wisseii, was der Schloßherr von Halberg in Schöpf­ungen für das Wohl der von ihm beschäftigten Arbeiter ge­leistet hat. Die Ehrenpflicht, für ihre Gesundheit und Sicherheit, ihren Wohlstand und ihre Bildung zu sorgen, hat kein Leiter eines großen gewerblichen Unternehmens tiefer empfunden und allseitiger bethätigt, als er, und in dieser Hinsicht durchaus mustergiltige und vielfach vorbild­liche Einrichtungen geschaffen. Ist er doch auch thatsächlich der Erste gewesen, der den Gedanken der staatlichen A r b e i t e r v e r s i ch e r U n g schon 1869 im Parla­ment angeregt hat, und wie er an der Gesetzgebungsarbeit nach dieser Richtung den regsten Anteil genommen, hat er noch in den letzten Jahren wiederholt auf Einführung der Witwen- und Waisenverficherung gedrungen.

Sind das Seiten, die den Verstorbenen als einen Mann ' des vollsten Erfassens des Lebens und Strebens der Gegen­wart zeigten, so stand er dafür in einem von Wenigen er­reichten Maße verständnislos den politisch-sozialen Ström­ungen und Erfordernissen unserer Zeit gegenüber; er war unfähig, das Verlangen der arbeitenden