60 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Dienstag IS. März 1901
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Gesuch der Firma Heyligenstaedl und Comp. von Gießen um Genehmigung zur Aufstellung eines Dampfkessels.
Die Firma Heyligenstaedl und Comp. beabsichtigt, auf dem Grundstück Flur XXIX am Aulweg der Gemarkung Gießen einen Dampfkessel zu errichten.
Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses in dem „Gießener Anzeiger- an gerechnet, auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Gießen zur Einsicht der Jntereffenten offen.
Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meldung des AuSschluffeS bei Großh. Polizeiamt Gießen vor- zubringen.
Gießen, den 7. März 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
v. Bechtold.
Brinz Wegent Luitpold von Bayern.
Zum 80. Geburtstage (12. März).
Am 12. März erreicht der Prinz-Regent Luitpold von Bayern sein 80. Lebensjahr. In warmer Verehrung und mit seltener Einmütigkeit der Gesinnung richten sich aus diesem Anlaß die Blicke von ganz Deutschland auf die ehrwürdige Fürstengestalt. Zu den Urhebern des gemeinsamen deutschen Glanzes gehört auch Bayerns Regent. Er war es, der am 3. Dezember 1870 zu Versailles jenen weltgeschichtlich bedeutenden Brief König Wilhelm überreichte, in dem Jlöuig Ludwig II. von Bayern im Einverständnis mit den übrigen deutschen Fürsten dem siegreichen Führer der deutschen Heere die Kaiserkrone anbot. Was sein Vater, König Ludwig I., an die Spitze seines Testamentes schrieb: ,,Meine Söhne seid deutsch, deutsch in Wort und That, un zcrtrennlich haltet an Deutschland!" ist stets des Prinzen Richtschnur geblieben. Aus dieser Gesinnung heraus wurde er zu jener feierlichen Stunde geführt, die das Deutsche Reich neu erstehen ließ. Aus dieser Gesinnung heraus hat er auch in Bundestreue und mit treuer Hingebung an der Entwicklung des großen Ganzen mitgearbcitet, nachdem er am 10. Juni 1886 für den geisteskranken König die Regentschaft in Bayern übernommen hatte.
Schuldet ihm daraufhin jeder Deutsche herzlichen Dank, so noch mehr jeder Angehörige des Bayernvolkes, dessen Wohlergehen und Gedeihen er nach allen Richtungen hin mächtig gefördert hat. Mit der segensreichen Wirksamkeit im engeren Heimatlande ist auch den großen deutschen Interessen bestens gedient worden., denn eine organische Gemeinschaft wie das Reich bleibt nur gesund und tüchtig, wofern die einzelnen Glieder frisch und kraftvoll erhalten werden. Das aber bedingt für die einzelnen Glieder eine gewisse Freiheit der Bewegung nach dem Grundsätze: „In necessa- riis unitas, in reliquis libertas, in omnibus earitas!" Wer die bayerische Politik der letzten Jahrzehnte verfolgt, wird finden, daß sie im wesentlichen von diesem Grundsätze aus- geqangen ist.
Achtzig Jahre sind seit der Geburt des Prinzen dahin- gegangen. Als er die Zügel der Regierung ergriff, stand er schon in der Mitte der Sechziger und konnte mit Recht davon reden, daß ihm am Abende seines Lebens die Vorsehung noch schwere Pflichten auferlegt habe. Er bestieg den Thron nicht mit der feurigen Begeisterung eines thaten- durstigen Jünglings, sondern mit der gereiften und erprobten Erfahrung und dem ruhig prüfenden Blick eines Mannes, der die Welt kennen gelernt hat und sich über den Wert der Menschen und Dinge klar geworden ist. Dieses nüchterne Erwägen des Alters/ dieses klare Denken und diese zielbewußte Energie waren nach der Regierung des phan tastisch-romantischen Ludwigs II. sicherlich die besten Regententugenden, die sich Bayern für fehlen Herrscher wünschen konnte. Fast ein halbes Jahrhundert hindurch eins der eifrigsten Mitglieder der Kammer der Reichsräte, ein treuer Berater seines Bruders, des Königs Maximilian II., Vorsitzender im Staatsrat unter König Ludwig II., ein thatkräftiger und umsichtiger Militär, der den Artilleriedienst vom Kanonier bis zum Oberst praktisch übte und als Generalinspekteur die bayerische Armee zu jener Schlagfähigkeit erhob, die so wesentlich zu den Erfolgen des Krieges von 1870/1871 beigetragen hat, bot der Prinz für eine that- kräftige und fruchtbare Regierung die sicherste Gewähr. Run, da der Regent in die Achtzig tritt, haben sich dem Vertrauen zu dem greisen und doch noch so rüstigen Patriarchen lauf dem Throne Liebe und echte Volkstümlichkeit in L>tadt Unb Land gesellt. Der 80. Geburtstag des Regenten ist ein Volksfest im Bayernlande geworden, wie man em solches in gleichem Umfange bisher wohl kaum gefeiert hat. Und Such im übrigen Deutschland nimmt man an dem Geburtstag Anteil. Bei uns in Gießen findet auf Anregung aus »akademischen Kreisen am Abend des Festtages ein Kommers im Cafe Ebel statt. , '.
Die Wiege des Prinz-Regenten stand m der Main stabt Würzburg. In dem Schloß der ehemaligen Fürstbischöfe, einer meisterlichen Architekturschöpfung des 18. Jahrhunderts, in dem der Genius Tiepolos eine Reche köstlicher Fresken geschaffen hat, kam der Prinz am 12. März 1821 als
dritter Sohn des damaligen Kronprinzen, späteren Königs Ludwig I. und dessen Gemahlin Therese, einer geborenen Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen, zur Welt. Unter mehreren Dokumenten, die soeben vom historischen Verein für Untersranken und Aschaffenburg bezüglich der Geburt und der Taufe des Prinzen veröffentlicht worden sind, befindet sich auch folgendes:
„Den 11. März nachts 11 Uhr wurde der Unterzeichnete von einem durch den König!. Hosinarschall Washington abgeschickten Hoflakai benachrichtigt, daß die Entbindung I. K. H. der Kronprinzessin bevorstehe und daß nach einer halben Stunde ein Hofwagen erscheinen werde, um mich nach Hof abzuholen. Der Unterzeichnete setzte sich in Uniform, jedoch nach, vorgängiger Verabredung nur mit Stiefeln, wogegen, wenn die Entbindung bei Tage ge- fdjaffen wäre, Herr General-Kommissar und ich in Schuhen und Strümpfen erschienen fein würden. Ich fuhr, als der Pagen angelangt war, zu dem Quartier des Herrn General-Kommissars Frhrn. von Asbeck, welcher meiner schon vor seiner Hausthür wartete und sich alsbald zu mir in den Wagen setzte. Wir langten bei Hofe nach halb 12 Uhr an und wurden durch den Kammer fourier in das rot drapierte Vorzimmer, an das Schlafzimmer I. K. H. der Kronprinzessin anstoßend, geführt. Es befanden sich daselbst: Herr Hofmarschall Washington, Herr Oberhofmeister Graf Pocci, dann die Hofdame Fräulein von Grafenreuth. Den 12. März 1821 morgens erfolgte die Entbindung I. K. H. der Kronprinzessin. Das Schlafzimmer der hohen Wöchnerin wurde eröffnet und die anwesenden Zeugen überzeugten sich von der Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheit, und in demselben Augenblicke erschien die Hebamme M. Weichselbum aus München und brachte das soeben geborene 5vind Ihrer Königlichen Hoheit und zeigte es, auf einem Teller liegend, den An wesenden, die an ihm einen wohlgestalteten Prinzen erkannten. Herr General-Kommissar hatte einen Entwurf der Verhandlung mitgebracht. Der Unterfertigte redigierte und änderte, was den vorgefallenen Umständen entsprach. Der also redigierte Akt wurde den Anwesenden vorgelesen, genehmigt und von denselben unterzeichnet. Rach eingenommener Erfrischung fuhren der Herr General- Kommissar und der Unterzeichnete in ihre Wohnungen zurück. Würzburg, den 12. März 1821. I. M. Seuffert, Präsident."
Das Geburtszimmer des Prinz-Regenten im Würzburger Schloß wird noch jetzt in seiner ehemaligen Ausstattung gezeigt. Es ist ein hohes, fast quadratisches Gemach von vornehmer Einfachheit mit apfelgrünem, leicht gemustertem Damast an den Wänden und Möbeln in Empirestil, lieber der dunkelpolierten Bettstelle erhebt sich ein grünseidener Baldachin. Auf dem gleichfalls dunkelpolierten Nachttischchen, das zylindrische Form besitzt, steht in goldenen Lettern das «Wort: „Somno", d. h. dem Schlafe, und von der Decke hängt eine Alabaster-Ampel herab, welche des Abends mildes Dämmerlicht verbreitet. Wenn der Prinz- Regent nach Würzburg kommt, Pflegt er in diesem Gemach zu wohnen.
Das Kind wuchs zum Jüngling heran. Es war, als ob der Vater des Knaben eine Ahnung gehabt hätte, daß dieser einst im späteren Alter zur Regentschaft berufen werde. Mit außerordentlicher Sorgfalt wurden feine Erziehung und feine Studien geregelt. Es wurde ihm eine Hochschulbildung zu teil, bei der insbesondere auf die Staatswissenschaften der höchste Wert gelegt wurde. Aber den Jüngling trieb es mit besonderer Lust zur Armee und vornehmlich zur Artillerie hin. Sein Gedanke war, daß der Soldatenberuf fein Leben ausfüllen werde. Als er an feinem 14. Geburtstage zum Hauptmann im ersten bayerischen Artillerieregiment ernannt wurde, war er entzückt und hätte am liebsten gleich, mit dem praktischen Dienste begonnen. Aber die theoretischen Studien gingen vor, unb in den aktiven Dienst trat der Prinz erst am 1. April 1839, indem er an diesem Tage, mittags von 12 bis 1 Uhr und abends von 6 bis 8 Uhr, sowie am nächsten Morgen um 6 Uhr in der Hauptmannsuniform unb mit der Muskete im Arm vor dem Hause des Generals Karl v. Zoller in der Dienersgasse zu München Posten stand. Die guten Münchener eilten herbei und hatten an der vornehmen Schildwache ihr Vergnügen. Nur mit Mühe hielt sich der Prinz die enthusiasmierten Bürger vom Leibe, um vor den vorüberfahrenden hohen Anverwandten die Honneurs machen zu können. Auf das Posten- stehen folgte der Dienst als Korporal, dann als Jour Unteroffizier, Feuerwerker, Oberfeuerwerker usw., bis er am 17. Mai 1841 als Oberst an die Spitze seines Artillerie- Regiments trat. So hat der Prinz seinen Beruf als Soldat von der Pike aus gelernt
Am 31. März 1848 trat Prinz Luitpold als Generalleutnant unb Artillerie-Korpskommandeur an die Spitze der gesamten bayerischen Artillerie, der er bis zum 4. August 1856, da er zum Kommandanten der ersten Division ernannt wurde, länger als 20 Jahre angehört hat. Am 6. Juni 1861 wurde er zum Feldzeugmeister bei der General- Inspektion der Armee ernannt. In bem Feldzuge von 1866 waren es die blutigen Gefechte bei Helmstatt unb, Hettingen, in benen sich ber Prinz auszeichnete. Sein Sohn, Prinz Ludwig, der ihm als Ordonnanzoffizier atta- chiert war, wurde bei Helmstadt durch einen Schuß in den Oberschenkel schwer verwundet. Am 8. Januar 1869 erfolgte die Ernennung des Prinzen Luitpold zum General
inspekteur der bat)erifchen Armee, die ein halbes Jahtz päter mit den übrigen deutschen Truppen gegen Frankreich rückte und sich bei Weißenburg, Wörth, Beaumont, Paris, Orleans und in zahlreichen anderen Schlachten und Gefechten unvergängliche Lorbeeren errang. Im Hauptquartier des Königs Wilhelm machte der Prinz den ganzen Feldzug mit, Zeuge der wackeren Thaten, welche seine Bayern vollbrachten. So lag eine reiche militärische Laufbahn hinter dem Prinzen, als er die Regentschaft übernahm. Als Herrscher ist er bestrebt gewesen, in weiser Fürsorge die Tüchtigkeit seiner bayerischen Armee noch zu steigern, um mit ihr die Wehrkraft Deutschlands zu stärken.
Aber in der richtigen Erkenntnis, daß die Größe eines Staates nicht nur in der militärischen Machtentfaltung, sondern auch in den Künsten des Friedens beruht, hat er den sozialen Reformen, den modernen Anforder ungen der Zeit, der Pflege der Justiz, der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie seine Sorge in gleichem Maße zugewandt. Wie seine Vorgänger, hat er sich bemüht, der Kunst und der Wissenschaft ein wirksamer Protektor zu sein und München zu einer Hauptkunststätte Deutschlands weiter auszugestalten. Wenn die Hauptstadt Bayerns für das geistige Leben Deutschlans immer bedeutungsvoller geworden ist, so hat dabei die Fürsorge des Regenten einen wesentlichen Anteil.
Ein Achtzigjähriger zu fein, und die Zügel der Re gierung noch fest in den Händen zu halten, noch den Anstrengungen der Repräsentation, der Reisen, der Jagd genügen zu können, sich noch frisch, urkräftig und heiter zu geben, für jedermann aus dem Volke ein freund liches Wort der Teilnahme zu haben, erregt Bewunderung. Tie feste Stählung, die der Prinzregent in der Jugend erfahren hat, indem er allen Leibesübungen mit freudigem Eifer huldigte, trägt im Alter ihre Früchte. Die Jahre mögen dahinrauschen, aber was in gesunder Kraft wurzelt, bricht nicht so leicht zu Boden. Möge dem Prinzregenten Luitpold diese Kraft noch viele Jahre zum Wohle des wackeren bayerischen Volkes und des gesamten deutschen Vaterlandes erhalten bleiben.
Politische Wochenschau.
Zum zweiten Male innerhalb weniger Monate ist der deutsche Kaiser in ernste Lebensgefahr geraten, ihr aber durch eine glückliche Fügung ohne schwere Verletzung entronnen. Wiederum war es eine geistig anormale Persönlichkeit, die sich von krankhaften Instinkten ju einem tief bedauerlichen Gewaltakt hinreißen ließ. Von Mitschuldigen hat man keine Spur entdeckt, ja man darf sogar mit Sicherheit annehmen, daß dem Attentäter jedes politische Motiv gänzlich fern lag. Die Teilnahme für den Kaiser gab sich sofort in zahlreichen Kundgebungen aus aller Welt zu erkennen, vor allem gaben die Präsidenten der Parlamente, auch der unserer Zweiten Hessischen Kammer, der Stimmung der Bevölkerung warmen Ausdruck.
Im Reichstag kam in dieser Woche unsere heftig befehdete auswärtige Politik zur Sprache. Graf Bülow verstand es, wie immer, die hochgehenden Wogen nationaler Bedenken und Besorgnisse durch kluge Worte zu besänftigen. Er ist conciliant gegen England und conciliant gegen Rußland; aber unsere vollständige Unabhängigkeit nach beiden Seiten hin betonte er trotzdem mit allem Nachdruck. Manche Leute waren von feinen Ausführungen enttäuscht. Sie hatten über die neuesten Differenzen in Ost- afien eingehende Aufklärungen erwartet: der Reichskanzler sprach aber über diesen Punkt kein Wörtchen. Wer wollte daran zweifeln, daß sein Schweigen verständiger war, als die Erwartungen jener Enttäuschten? — Der Konflikt, der sich infolge des Mandschurei-Abkommens zwischen Rußland und fast allen anderen Großmächten entwickelt hat, ist eine ernste Sache. Sie kann um so leichter zum friedlichen Aus- trag gebracht werden, je mehr die beteiligten Staatsmänner darauf bedacht sind, darüber viel zu denken und wenig zu
reden.
Im englischen Paria mente ging es in der vorigen Woche etwas stürmisch zu. Einige Irländer wollten öfter- reichische Gepflogenheiten an die Westminster Abtei verpflanzen. Sie widersetzten sich der Hausordnung und mußten auf gewaltsame Weise aus den ehrwürdigen Räumen des Unterhauses entfernt werden. Um der Wiederkehr solcher häßlicher Auftritte gründlich vorzubeugen, nahm das Haus schon am nächsten Tage eine Aenderung der Geschäftsordnung an, wonach derartige Radaubrüder unter Umständen für die Tauer der Session von den Sitzungen ausgeschlossen werden. Eine drakonische Maßregel fürwahr! Hoffentlich wird
ihr Mißbrauch durch die politische Reise des britischen Parlaments verhindert werden! — Auch im Oberhause ging es
heiß her. Wegen der Mißstände im englischen Heerwesen gerieten der ehemalige Höchstkommandierende General Wo!« feiet) und der frühere Kriegsminister Landsbowne heftig
aneinander. Letzterer scheint die besseren Gründe auf feiner Seite zu haben: ersterer erfreute sich dagegen der größeren Sympathien. So mußte denn im Parlament wie in der
Presse der Civilist den Kürzeren ziehen.
Spanien hat wieder ein Ministerium. Weder Sil vela noch Villaverde waren im stände, ein lebensfähige-- konservatives Kabinett auf die Beine zu bringen.. Die Ko- nigin-Regentin mußte sich daher mit schwerem ^rzen die ihr unsympathischen Liberalen wenden. ' ,,
Führer, hatte dann rasch seine Regierung beisammen. Um


