Zweites Blatt
Freitag 2. Angnst 1901
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151. Jahrgang
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Staatsminister Bosse
Der frühere preußische Kultusminister D. Dr. Bosse ist Mittwoch mittag 12 Uhr im Alter von 69 Jahren gestorben.
Europa seine Seuchen übertragen hat; vielleicht wartet das letztere nur daraus, um endlich Tabula rasa am Bosporus zu macken, und den Türken dorthin zu spedieren, wohrn er gehört, in die asiatische Heimat, zurück. Als Dr. Weyl seinen Bericht an die türkische Regierung über seine Beobachtungen in Stambul abliefern wollte, wurde ihm bedeutet, daß das Wort Kanal darin nicht Vorkommen dürfe, weil der Sultan der Meinung sei, daß, sich in einem unterirdischen Kanal allerlei Verbrechen verstecken könnten. Richtig wird auch heute wieder von einem neuen Pestopfer berichtet.
Nun ist es eine Gepflogenheit der heißen Zeit, daß die politische Stille des Hochsommers angenehm durch, kleine Chosen vom Balkan unterbrochen wird. Alte Zeitungsleser wissen aber längst und regen sich darum auch nicht im Geringsten auf, wenn diese Seeschlange wieder dort erscheint, wo die Donau ihre breiten Wellen ins schwarze Meer ergießt. Auch dieser Sommer ließ nicht von seiner Gewohnheit. Nach dem Verbrüderungstoast des russischen Großfürsten auf die deutsch-bulgarische Armee kam die Nachricht, daß Alexander Michailowitsch bei seinem Stambuler Besuche die Unabhängigkeit Bulgariens und die Einverleibung Kreta's in Griechenland angeregt habe. Auch inter pocula? Zu so wichtigen Fragen braucht man doch nicht reisende Großfürsten! daneben: hier schnitten sich einige Albanesen und Altserbier die Kehlen gegenseitig ab, Verschwörungsversuche im Harem des Padischah, die ein paar armen Eunuchen und Sklavinnen das Leben kosteten, eine Posttrisis, ein Quarantänekonflikt und endlich die rumänische Hauptbombe: daß Oesterreich und Rumänien eine Konvention geschlossen Hütten, wonach im Kriegsfall Rumänien mit vier Korps sich zwischen die Truppen Serbiens und Bulgariens einschieben und deren Vereinigung hindern solle, und mit den anderen Korps zur österreichi- schen Armee direkt gegen Rußland stoßen werde. Nün die kleinen Konflikte hier bereits gehört oder in Lösung, die großfürstliche Forderung wird heute nachträgliche dementiert, nachdem ja doch kein Mensch daran geglaubt hat, und auch die Pläne der um die Verteilung der rumänischen Armee im künftigen Balkankriege besorgten Wiener Presse werden vergessen werden, diese besonders zu dementieren, nimmt sich niemand die Mühe, lieber die Balkan frage Haden sich aL Abschluß, der Kretawirren Oesterreich und Rußland verständigt, und soweit das menschenmöglich ift, jenen Explosionsstoff unter Wasser gestellt. Der alte Bismarck sagt zwar in seinen Erinnerungen „Keine große Nation ivirb je zu bewegen sein, ihr Bestehen auf dem Altar der Vertragstreue zu opfern, wenn sie gezwungen ist, zwischen beiden zu wählen." Und so mag man ruhig annehmen, daß jener Kampf um die Herrschaft am goldenen Horn trotz alledem noch ausgefochten wird, für absehbare Zeit aber ist das Interesse aller Mächte, am Status dort nicht zu rütteln, und auch, für großfürstliche Reisen gilt diese Parole dieses und der nächsten Jahre.
Auch lvas aus dem Lande der Vettern und Brüder Mikosch' kommt, braucht uns nicht so besonders aufzu- regen. Sieht doch das meiste, was die heißblütigen Herren zu Budapest angeben, in der That so aus, als hätte Mikosch beim Tokaier die Feder geführt. So wenn z. B- ein Herr Csavalsky — original ungarisch ist der Mann doch nicht? — in einer Broschüre eine Zweiteilung der habsburgisch-lothringischen Monarchie zwischen Magyaren und Czechen empfiehlt. Die Deutschen als ein absolut unpolitisches Volk kommen nicht mehr in Betracht. Den Deutschen Oesterreich-Ungarns, mit ihrer: traurigen Parteiungen, von denen jeder eine Leidenschaft und nicht ein Fünkchen abwägenderr Verstandes besitzt, ist diese Lektion eigentlich zu gönnen. Die slaviscken Völker Oesterreichs sind politisch .lebendig, sind es seine deutschen' Stämme auch? Und mir wo Leben, ist Zukunft. Die paar Millionen Magyaren treten die in der Gesamtheit weit zahlreicheren anderen Völkerstämme Transleithaniens, bis der ungarische Globus fertig ist. Der Eisenbahnschaffner spricht nur ungarisch, wenn er den Schienensttang Cisleithaniens ver- lciß, der deutsche Schäffner redet jeden Passagier in seiner Muttersprache an, und das heißt etwas in Oesterreich- Ungarn. Diesem allgemeinen Tohuwobohu gegenüber machen die wenigen deutschen Gemeinden Deutsch-Böhmens mit ihrem tapferen Kampfe um ihre alte Sprache und Sitte nichts aus; leider ist der politische Kampf dort mit dem religiösen verquickt und wer in diesem auf die Dauer siegen wird, ist unschwer zu erraten. Was aber dann, wenn Wien czechisiert ist, das ist gar nicht so lächerlich, als es beim erstenmal hören klingt —? Wenn die Italiener in Tirol, die Slovenen in Steiermark immer mehr Boden gewinnen? Bei einer der letzten Volkszählungen in Pest hat ein österreichischer Erzherzog als sein Vaterland Ungarn, als seine Muttersprache französisch und ungarisch in die Listen eingeschrieben.
Wir haben den Dreibund; gewiß Aber man lese einmal nach, was der Schöpfer des Dreibunds selber über diesen und seinen Wert geschrieben hat. Kaiser Franz Josef ist ein Gentleman, und hält an dem Vertrage, unter welchen er seinen Namen gesetzt. Sein Nachfolger Franz Ferdinand ist czechisch gesinnt, die Frau seines Herzens und Mutter seines ersten Kindes, eine Czechin, außerdem stehen beide völlig in klerikalem Einfluß „Die Eindrücke und Kräfte, unter denen die Zukunft der Wiener Politik sich zu gestalten haben wird, sind kompliziertes als bei uns, wegen der Mannigfaltigkeit der Nationalitäten, der Divergenz ihrer Bestrebungen, der klerikalen Einflüsse und der in den Breiten des Balkan und des Schwarzen Meeres für die Donauländer liegenden Versuchungen. Wir dürfen'Oesterreich nicht verlassen, aber auch die Möglichkeit, daß wir von der Wiener Polittk frei»
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Halbafieu.
Es fängt gleich hinter Wien an, wo im Süden der Donau die Leitha, nördlich die March die Grenze gegen das ~anb der Mikosch bildet. Weiter drunten Donau abwärts bei den interessanten Völkerpartikeln des Balkans fafa keinen Unterschied mehr in Sitten und Gebrauchen der einzelnen Herrschaften, Albanesen und ~ rufen, z. B. um Konstantinopel selbst, wenn es auch mit »einen Haupttetlen nod) auf dem Boden Europas- steht, t r 2OT1 Asien. Daß solche Wirtschaft in dem Welt- teu, der sich für den gebildetsten hält, noch existieren kann, ist eigentlich ein Schandfleck. Man muß die Schilderungen zur ^"er Hygienikers Weyl über seine Besuche dort, m Galata und Kassim Pascha, fennen und man wird vergehen, warum Cholera und Pest in jenem Menschensumpf :nie völlig verschwinden. Es ist ein Wunder, daß dieser fortwährende Infektionsherd noch nicht auf das übrige
: GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger "
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
In der Stellung eines Ministers befand der im privaten, später im provinziellen Verwaltungsdienst ernpor- gekommene Dr. Bosse sich eigentlich bereits seit dem Jahre 1890, in dem er zum Staatssekretär des preußischen Staatsrats ernannt wurde. Ein Jahr später wurde er Staatssekretär des ReichsjuMzamts und seit 1892 leitete er mehr als sieben Jahre lang das preußische Kultusministerium. Der Verstorbene verwaltete dieses einflußreiche Amt im Sinne der positiven Richtung und oft mußte er, wenn auch ohne wirkliche Berechtigung, in der Oppositionspresse den Vorwurf hören, daß er ein finsterer Reaktionär sei. Von bem freien Hauche der Falkschen 9tera war freilich in seiner staatsmännischen Thätigkeit nichts zu spüren. Der Verstorbene war ein hochgebildeter, geistig regsamer Mann, der auch litterarisch mehrfach hervorgetteten ist. Er schrieb anonym „Grundzüge konservativer Polittk in Briefen", unter feinem Namen „Die Vorbildung zum höheren Verwaltungsdienst in den deutschen Staaten, Oesterreich und Frankreich." Die Eindrücke der Palästzina-Reise, die er an *cr Seite unseres Kaiserpaares unternahm, hat er in geistvollen Schilderungen niedergelegt.
D. Dr. Robert Bosse ward geboren am 12. Juli 1832 zn Quedlinburg. Nach beendetem Studium der Rechte und der Staatswissenschaften auf den Hochschulen von Heidelberg, Halle und Berlin wurde er 1858 Gerichtsassessor. 1861 trat er in die Dienste des Grafen Stolberg-Roßla als Kammerdirektor und Konsistorialassessor. 1868 trat Bosse wieder in den preußischen Staatsdienst zurück und wurde Amtshauptmann zu Uchte, dann 1870 Konsistorialrat zu Hannover, und 1872 Oberpräsidialrat daselbst Nach Berlin wurde Bosse 1876 berufen. Hier nahm er nacheinander die Stellen ein als Vortragender Rat des Kultusministeriums (1876), des Staatsministeriums (1878), als Direktor im Reichsamt des Innern (1881) und als Unterstaats-Sekretär des genannten Reichsamts (1889).
Seine damalige Mitwirkung bei der Ausarbeitung und parlamentarischen Vertretung der sozialpolitischen Gesetzgebung ist nod) bekannt, 1890 wurde er zum Staatssekretär des Staatsrats, 1891 in gleicher Eigenschaft in das Reichs- justtzamt berufen; in letzterem Amte war er zugleich auch Vorsitzender der Kommission für die Bearbeitung eines Bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich 1892, nach des Grafen Zedlitz-Trützschler Rückttitt, übernahm Bosse das preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Vhedizinal-Angelegenheiten, das er bis zum Jahre 1899 time hatte, in dem feine Verabschiedung mit dem Titel und Range eines Staatsministers erfolgte.
Aus Berlin schreibt man uns: Abendblätter beschäftigen sich zum Teil an leitender Stelle mit dem Wirken des preußischen Ministers Dr. Bosse. Seine hervorragenden menschlichen Eigenschaften werden allseitig anerkannt. In Bezug auf seine ministerielle Thätigkeit gehen die Urteile naturgemäß auseinander. Die „Kreuzztg." hat Worte dankbarer Erinnerung für das edle Streben des wahrhaft christlichen Mannes; die „Voss. Ztg.- dagegen meint, daß das Beste, was unter Bofses Leitung geschehen sei, nicht auf seine Anregung zurückgeführt werden könne. Das Urteil der preußischen Lehrerschaft läßt sich wohl dahin zusammenfaffeu: solange es eine Volksschule in Preußen giebt, wird das Andenken an Dr. Bosse in Ehren gehalten werden wegen seiner großen Verdienste um die Verbesserung der Lage der Volks- und Mittelschullehrer.
willig ober unfreiwillig verlassen werden, nicht aufgeben." — Bismarck, Gedanken und Erinnerungen.
'Kan braucht Herrn Csavolsky oder gar den Franzosenfreund, vielleicht besser gesagt, Gelderfreund Ugron nicht tragisch zu nehmen, ganz für Blasen ihres Gehirns, in dieser tropischen Hitze getrieben, darf man sie aud) nicht ansehen. Geraste in Ungarn gilt das Sprichwort von einem Narren, der viele macht, und wie der edle Magyare auf „Bruder Schwob" herabsieht, weiß man.
Doch um auch ein lustig Mng aus diesen heißen Tagen zu melden, so hat Reuß alt. Linie wieder das Bedürfnis gefühlt, in großer Polittk zu machen und hat wie immer das Vaterland gerettet: es hat dem Gustav Adolf-Verein jeden Aufruf zu Gelstsammlungen für die evangelische Bewegung in Bosnien verboten. Ader stoch nur innerhalb der eigenen Landesgrenze, da ist dann der Ausfall nicht allzu groß
VaMsche Tagesschau.
Dieser Tage wurde aus Berlin gemeldet (vgl. unsere Nr. 177, 1. Bl.), daß die in Danzig für die Zeit der deutschen Flottenmanöver geplante Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Zaren Nikol.aus auf hoher See stattfinden werde. Dagegen soll nach einer Kopenhagener Meldung der Zar Ende August mit der Kaiserin nach Kopenhagen gehen und von dort aus am 10. September zu den Kaisermanövern in Danzig eintreffen, wo er drei bis vier Tage zu bleiben gedenke. Sodann kehre der Zar nach Kopenhagen zurück und werde sich von dort aus mit feiner Gemahlin an den Darmstädter Hof begeben, wo er bis Anfang November verbleiben dürfte. Wenn nicht ganz unerwartete Zwischenfälle einträten, fei dann noch ein Aufenthalt in der Krim in Aussicht genommen, sodaß das Zarenpaar ebenso wie im Vorjahre erst kurz vor Weihnachten wieder in Petersburg eintreffen dürfte. Auf Grund dieser Reisedispositionen habe der Zar trotz der Fürsprache des Grafen Lambsdorff feine Entscheidung dahin gefällt, den König von Serbien sowie die Fürsten von Bulgarien und Montenegro in diesem Jahre nicht in Petersburg zu empfangen.
An wohlunterrichteter Stelle wird es in Berlin nach wie vor wohl für möglich gehalten, daß Kaiser Wilhelm im Spätsommer mit dem Zaren zusammentrifft, doch wird eine solche Begegnung vermutlich auf deutschem Boden stattfinden, wenn der Zar sich entweder über Eydtkuhnen oder über Kopenhagen nod} Darmstadt begiebt. Doch ist die Frage einer Begegnung der beiden Monarchen nach wie vor offen, von der Bestimmung genauerer Einzelheiten über das Wo und Wie kann also noch durchaus keine Rede fein. Es ist noch immer denkbar, daß unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten und die Zusammenkunft in diesem Jahre ganz unterbleibt, wenn auch nicht zu bestreiten ist, daß die Aussichten auf ihr Zustandekommen gerade in letzter Zeit gewachsen sind. Daß die geplanten Besuck)e der Fürsten der flmnifd/en Balkanstaaten in Petersburg in diesem Jahre noch nicht stattfinden sollen, Hingt ebenfalls nicht gerade unwahrscheinlich. Das russisch-österreichische Abkommen über die Erhaltung des Status quo auf der Dalkanhalbinsel läuft erst int nächsten Jahre ab, in diesem bleibt noch alles beim alten. Der Zar würde also ein größeres Interesse daran haben, gerade 1902 die Ansichten und Wünsche der slawischen Balkanfürsten persönlich zu vernehmen. ______________________________
Aus Stadl und Zand.
Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.
** Peufiouieruug. In den Ruhestand wurde versetzt der AmtSgerichtSdiener am Amtsgericht Nieder-Olm Georg BeiS- manu auf sein Nachsucheu unter Anerkennung seiner lang- jähttgen treuen Dienste mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts seine« Nachfolgers an.
** Ernennung. Ernannt wurde der Gefangeuwärter am Gefängnis in Darmstadt Karl Kaufmann zum Gefangen- aufseher an dieser Anstalt mit Wirkung vom 15. August 1901.
*• Die Aussichten für die Jagd, die demnächst zur Eröffnung kommt, sind im allgemeinen gute. Hasen gibt es in Menge. Auch die Hühnerjagd verspricht, wenigstens an vielen Plätzen, eine vortteffliche zu werden. Man hofft, daß die Jagd auf Hühner in dem größten Teil des Großherzog- tums (mit Ausnahme einiger Oberhessischen Kreise) bereits 20. August freigegeben wird, da bis dahin die Ernte eingebracht ist. Die Jagd auf Hasen wird am 1. September eröffneL$e^c^Bfl Flüsfigkeitsprobeu in Wellpapppackungen. Staatssekretär Krätke hat durch eine soeben erlassene Ver> fügnng die Versendung von Flüssigkeitsproben in Wellpapppackungen mit der Briefpost im inneren deutschen und im Wechselverkehr mit Oesterreich-Ungarn zugelaffen. Diese Der- sendungSart hatte sein Vorgänger, Herr v. PodbielSki, im Mai vorigen Jahl^s versuchsweise für den inneren deutschen Verkehr und im September auch im Wechselverkehr Oesterreich-Ungarn eingeführt. ---
•• Den Gebrauch von Thermometern bety^nb, hat das Ministerium des Innern, Abteilung für SchMangelegenheiteu, an sämtliche unterstehenden Behörden eine Verfügung erlaffen, daß nach § 7, Absatz 5, der PrüfungSbbstjmmungen für Thermometer vom 25. Januar 1898 mit "dem 1. Januar d. I. alle mit Reaumur Skalen versehenen Thermometer von der Prüfung ausgeschloffen find. Diese Bestimmung verfolgt den Zweck, die Reaumur-Thermometer allmählich auS dem
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