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29.7.1900 Drittes Blatt
 
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Nr. 175 Drittes Blatt. Sonntag den 29. Zuli

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Kichmer Anzeiger

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MtzMimif, Spedition und Baiimi: Nr. 7.

GrÄisvEagr«: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uotkskonde.

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Fernsprecher Nr. 5L

Neue Haudelswege in Süd-Afrika.

Unterm 20. Juni schreibt man aus Kapstadt:

Der elegischie Teil des südafrikanischen Krieges mag vielleicht bald vorüber sein, von dem tragischfen Teil, der nun anfängt, läßt sich das Ende nicht absehen. England hat es verstanden, die Sympathien selbst der Mehrzahl seiner Unterthanen in Süd-Afrika gänzlich zu verscherzen. Das erwachte Nationalgefühl, das dieser Krieg hervor­gerufen, geht stille, aber für Englands Herrschaft ver­hängnisvolle Wege. Und das wird sich auf allen Gebietest bemerklich machen, vorab auch auf kommerziellen. Ein Blick auf die Entwickelung der Handelswege in letzter Zeit wird zeigen, was sich da anbahnt und für die Zukunft zu erwarten steht.

Die großen Handelshäuser in England haben M ust e r- lager in den großen Seestädten errichtet und lassen ihre Handelsreisenden von da aus das Land durchziehen. Die Folge war, daß man, besonders in Orten, die an oder in der Nähe der Bahn gelegen, nun Gelegenheit hatte, die Muster zu prüfen und direkt zu importieren. Zudein wurde wenigstens ein dreimonatlicher Kredit gewährt, die Zah­lung war leichf, entweder durch die Agenten oder durch Pie Banken, deren es ja hier schon in Städtchen von nvch nicht 1000 Einwohnern giebt, einzuziehen. Für die klei­nen Jnlandstädte sorgte der Shipping-Agent in der Hafen­stadt, daß die Güter schnell nach Ankunft per Bahn ihren Bestimmungsort erreichten.

Aber auch dem Privatmann wurde es möglich gemacht, durch Einsendung eines kleinen Betrages per Post nach England mit dem nächsten Postdampfer seine kleine Bestellung von vielleicht noch nicht "20 Mark an seiner Thür abgeliefert zu sehen, und zwar noch billiger als von seinem Ortskaufmann bezogen. Damen auf Bauernhöfen haben nur nötig, das Muster auszusuchen, ihr Maß ein­zusenden, nebst dem bezeichneten Betrag brauchen keine Schneiderin, die möglicherweise nicht überall zu haben und nach sechs bis sieben Wochen haben sie das Gewünschte nachs der neuesten Mode. Das sind also Erleichterungen auf dem Handelswege, welche die Großhändler in Eng­land zu benutzen verstehen. Zudem senden englische Groß­händler auch solche Handelsreisende, die nur die großen See- und Jnlandstädte (wie Kimberley und Johannesburg) besuchen und dann nach Indien und anderer: Länderu weiter reisen. Aber wohlverstanden, nur um für eng­lische Handelsware Absatzgebiete zu suchen.

Es giebt aber auch hier Bedürfnisse, die besser von Änderen Ländern bezogen werden. Und deutscheKauf- leute, die vieles aus Deutschland beziehen, haben hier für manchen Artikel geradezu Bahn gebrochen. Als ein j Beispiel will ich anführen, daß die Wintermonate in dem I

südwestlichen Teile der Kapkolonie ungemütlich naßkalt sind und daß es in den meisten Häusern keine Heizvorrichtung giebt. Es war also vorab ein Mangel an warmer Fuß­bekleidung fühlbar. Einige deutsche Kaufleute in Kapstadt haben das Verdienst, darin Wandel geschaffen zu haben durch Einführung von Filzschuhen und Holzsckuhen (d. h. nur Sohle von Holz und das Oberleder inwenoig mit Filz gefüttert) die jetzt allgemein bei Weißen wie Farbigen beliebt sind.

Es sei gleich hier bemerkt, daß die Einführung von Pelzmützen, wie z. B. in Leipzig üblich, eine lohnende sein wird. Die Nachtfröste sind in der Karroo und per nordöstlichen Kapkolonie so stark, daß das Eis kaum wäh­rend des Vormittags schmilzt und die schönsten Eisblumeri sich an t> en Fenstern der gebeizten Kupees der Bahnwagen während der Nachtfahrt bilden.

Es giebt hier in den größeren Seestädten deutsche Häuser, und niemand nimmt es ihnen übel, daß sie ihre Bezugsquellen alsGeschäftsgeheimnis" hüten, falls sie nur dem Kaufmann der kleineren Jnlandstädte einen an­sehnlichen Rabatt gewähren würden. Der kleinstädtische Kaufmann begnügt sich mit der englischen Ware, die er auch wohl direkt importieren kann, und die in gewissen Branchen dem deutschen Fabrikat ja auch nicht nachsteht. Trotzdem giebt man zum Beispiel dem deutschen Pflug und der deutschen Schrotsäge hier im Lande den Vorzug vor dem englischen Fabrikat. Um dem deutschen Handel itf Kleiderstoffen und Lederwaren (auch Bijouterie­waren) jetzt größere Absatzgebiete zu verschaffen, ist es nötig, die englische Praxis zu befolgen. Es genügt nicht, daß große deutsche Häuser ihr Musterlager und Vertreter nur in London haben. Vielmehr ist es jetzt gerade ge­boten, daß mehrere deutsche Handelshäuser sich vereinigen, ein Musterlager in Kapstadt zu errichten und einige tüch­tige Handelsreisende nach den kleineren Städten zu ent­senden, so wie oben angedeutet die englischen Häuser es thun. Und thun wir Deutschen das nicht sofort, so werden Holländer und Franzosen und andere Nationen, die so warme Sympathien für Südafrika an den Tag gelegt, und die in dieser Angelegenheit auch, Anregung von hier er­halten, uns zuvorkommen. An einzelnen Orten bilden sich hier schon Gesellschaften, die in Zukunft nicht mehr von England importieren wollen, so zum Beispiel in Cradock eine mit 20 000 Pfd. Sterling Kapital.

Aus Stadt und Land.

Gieße«, 28. Juli 1900.

**O. Dr. Arcularius. Der in New-Dork verstorbene praktische Arzt Dr. L. Arcularius hat nicht nur einen

eigenartigen Bildungsgang durchgemacht, et hat auch sein engeres Vaterland Hessen jenseits des Ozeans hochgehalten, er hat viele Landsleute mit Rat und Thal unterstützt und seiner Vaterstadt Schotten bedeutende Mittel für eine Turn­halle u. dgl. überwiesen. In Bezug aus seinen Bildungs­gang sei bemerkt, daß er sich anfangs dem Lehrerberufe widmete. Er besuchte von Ostern 1857 bis 1859 baS Schullehrerseminar in Friedberg und zeichnete sich durch Fleiß und gute Leistungen aus. Interessant ist, daß der Kurs von 1857 bis 1859 noch verschiedene Persönlichkeiten enthielt, die sich mit großer Energie weiter bildeten und dem Lehrerberuf entsagten. Besonders erfreulich ist unter ihnen aber auch, daß sich alle eine große Anhänglichkeit be­wahren, die sich dadurch kund giebt, daß Schulfreunde alle fünf Jahre zusammenkommen und ihre Jugendfreundschaft erneuern und bekräftigen. Die letzte Zusammenkunft d.r 1859er sand am 6. April 1899 in Friedberg statt, wo dem einzigen noch lebenden Lehrer, Geh. Kirchenrat Dr. Diegel, eine besondere Ehrung dargebracht wurde. Arcularius warf sich, nachdem er 1859 das Friedberger Seminar verlassen hatte, mit großem Eifer aus die alten Sprachen, machte nach kurzer Zeit das Maturitäts-Examen und traf mit mir 1862 in Gießen zusammen, wo er Medizin studierte. Auch die Musik wurde nicht vernachlässigt, wir brachten ein Streichquartett zusammen und würzten uns die Stunden, indem wir Studium, Musik und Erholung auf Gängen in die Umgegend Gießens mit einander zu verbinden wußten. Eine unglückliche Liebe trieb Arcularius nach vollendeten Studien über den Ozean; den Amerikanern widmete er feine besten Kräfte, wie Dr. Preetorius, Redakteur der Westlichen Post" in St. Louis, dem die Universität Gießen am 28. Januar 1899 sein Doktordiplom erneuerte. Andere Hessen, die in Gießen studierten und dann nach Amerika gingen, verdienen hier auch kurze Erwähnung, z. B. Leiß, atud. theol., Redakteur desFreidenkers" in New Aork; K. Hesse, stud. cam., Notar in New Dort; L. Dauber, atud. theol., Apotheker in Mascotah (Illinois), Th. Schild­wächter, Arzt in Amerika, u. a. Nur noch wenige von diesen sind am Leben. Fast alle waren geistig hoch begabte Männer, denen es zu Hause nicht behagte und die jenseits des Ozeans Besseres suchten, aber ihr Vaterland nicht ver­gaßen.

** Hessischer Goethebuud. Herr Prof. Dr. Harnack in Darmstadt, der provisorische Vorsitzende des Hessischen Goethebundes, teilt uns mit, daß die Mitgliederzahl der

Berliner Aries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

Die Racher unsrer Ehre. Gepäckstudieu. Gedenke der Jugend!

Kernige junge Gestalten, blühende Gesichter, in denen kühne, abenteuer frohe Augen blitzen, beleben das sommer­liche Straßenbild von Berlin. Die schlichte, luftige und leichte Khaki-Uniform, dazu der graue breitkräm- prge Sckstapphut tauche überall auf. Unwillkürlich muß die Buren denken, die unseren. Kämpfern gegen dre Gelben nicht unähnlich uniformiert sind. Berlin schwärmt für diese wagemutige Jugend, die freiwillig hin- auszreht in den heißen Kampf, tausend unbekannten Ge­fahren entgegen, vielleicht einem martervollen frühen L,ode geweiht. Ueberall begegnet man ihnen mit Begeiste- und wer s dazu hat, spendet den wackeren Jungen kühlen Gerstensaft, und mehr oder weniger schön duftende, aber aus bestem Herzen gegebene Havannahs. Die Ab- schredskonzerte der schnell gebildeten neuen Reairnents- kapellen, die selbstverständlich an die Leistungen unserer Garde-Musikkorps noch nichttippen" können, wie der Ver­lier sagt, haben einen Riesenzulauf, und die patriotischen Lieder, die auf diesen Programmen eine Hauptrolle spielen werden zu allgemeinen enthusiastischen Kundgebungen mit Hurrahs, nachfolgenden Rede-Improvisationen und unzäh­ligenBierlagen" für die allzeit durstigen Musikantew- kehlen. Dieser wie ein Blitz aus heiterem Himmel ge­kommene Feldzug ist so populär, wie es selbst unsere eingefleischtesten Kolonialschwärmer niemals für möglich gehalten haben und die forschd Art unseres Aus­wärtigen Amtes findet in allen Kreisen freudigen Wider­hall. Li-Hung-Tschang, der alte Schleicher hat kein Glück mit seinen Kniffen und Minken und wenn er das Leben der in Peking eingeschloMnen Fremden von der Einstellung des weiteren Vormarsches der verbündeten Truppen auf die Hauptstadt abhängig machen will, so wissen wir vom alten Wrangel her, daß bange machen nicht gilt. Denn als dieser 1848 in Berlin einziehen wollte, sekam er aus Stettin, wo seine Familie lebte, einen Droh­

brief, in dem man ihm versicherte, daß man, sobald er feinen Entschluß ausführe, dafür seine Gattin aufhängen werde! Natürlich ließ sich Papa Wrangel dadurch, nicht im geringsten an fechten, und wie er am anderen Tage an der Spitze seiner Truppen seelenruhig durch das Branden­burger Thor ritt, sagte er, halb für sich, halb zu feinem Begleiter gewendet:Nu soll mir blos wundern, ob sie der Alten hängen werden!"

Was übrigens alles dazu gehört, um den Herren Chi­nesen eine längere Visite abzustatten, ist gar nicht wenig. Da wimmelt es von Lagerdecken, Strohhüten, Luftkissen, Moskitonetzen, Feldmenagen, zusammenlegbaren Laternen, die Feldapotheke zum persönlichen Gebrauch nicht zu ver­gessen. Nun, Glück auf die Reise, Du mutiges, junges Blut!

Einen ganz amüsanten Zeitvertreib gewährt es, in diesen wanderlustigen Tagen auf den großen Bahnhöfen Gepäckstudien zu machen. Am Gepäck noch mehr wie am Kleiderschnitt erkennt man vielfach den Stand und Beruf der Reisenden, Irrtümer selbstverständlich Vorbehalten. Die großen. Musterkoffer mit den aufgepinselten Buchstaben der Firma geben keine Rätsel auf; ebensowenig die bescheidene^ billige, schon ein bischen abgetragene Handtasche. Da geht ein kleiner Beamter, der Jahre lang festsitzen muß, end­lich einmal aiuf acht oder vierzehn Tage zu einem Ver­wandten aufs Land. Dort die altmodische Reisetasche mit den gestickten Rosen darauf und dem schön blankgeputzten Messingbügel gehört sicher einer alten braven Tante, die sich von dem Erinnerungen weckenden Inventar ihrer lange verschollenen Jugend nicht trennen mag. Die verschnürten Kästen bergen die Reise-Utensilien einer Handwerker-Fa-i milie, die in den Ferien einmal nach Schlesien oder sonst wohin in Vaters Heimat reist. Jene steife Hutschachtel mag einem Professor gehören, der auch an der Ostsee nicht anders als mit seinemSchornstein auf dem Denkerhaupt" zu wandeln gewillt ist. Seltsamerweise bemächtigt sich ihrer in diesem Augenblicke ein hageres, bebrilltes altes Fräulein. Mein Gott, sollte das ein Damenzylinder sein, und die gute Alte sich in Ahl deck zu Pferde präsentieren, wollen? Nicht so voreilig, Weiser Beobachter. Die Schachtel hat Luftlöcher, und wie Du Dich neugierig bückst, um

Klarheit zu erlangen, schnarrt Dir zu Deinem Schrecken eine menschliche Stimme in schönster Deutlichkeit:Alter Schafskopf!" entgegen. Die alte Dame nimmt in dieser Enveloppe ihren Papagei mit in die Sommerfrische. Vor dem Bahnhof begegne ich einem Frachtwagen mit einer Sintflut von Koffern aller Größen, alle in jenem feinen dezenten Lederton, der ein großes, wohlgefülltes Porte­monnaie verrät. Neben dem Kutscher sitzt als Begleiter dieser Fuhre ein glattrasierter Jüngling, den ich als Diener in einer begüterten Familie kenne.Haben Sie Ihre Stelle, gewechselt und sind Sie Spediteur geworden?" frage ich Tas erste bejaht er, aber Spediteur ist er nicht. Er ist jetzt Kammerdiener bei einer Börsenbaronin und dieser Wagen enthält ihr Gepäck für Ostende. Es ist eine eigene Gepäck-Lowry dafür bestellt. Diese Koffer enthalten nur Hüte, die großen dort unten Kleider, weiter oben ist ein solcher für Seifen und Parfums, hinten der schmale hohe enthält das Schuhzeug oder dieChaussure", wie Friedrich vornehmer sagt. Dort unten sind auch zwei Koffer für Mimi. Mimi ist nicht etwa die Tochter der gnädigen Frau, auch nicht die Kammerzofe; Mimi ist der kleine süße, seidenhaarige Spitz, ohne den Madame nicht leben kann und der mitsährt nach Ostende wie der Papagei pachs Göhren oder Binz, aber nicht in einer Pappschachtel, sondern in einem mit Seide ausgeschlagenen, schön bronzierten Körb­chen und natürlich nicht Hundekupee, sondern erster Klasse mit feiner Herrin ganz allein!

Angesichts dieser Wagenladung fallen mir die armen, blassen Proletarierkinder ein, die für die Ferien­kolonie bestimmt werden und schließlich! doch nicht niit- kommen, weil sie das zweite Paar Stiefel oder die nötigen sechs Hemden nicht aufweisen können. Es ist ein grauen» erregender Gegensatz. Und zugleich muß. ich daran denken, wie in tausend Familien die Hemden vergilben und die Hös­chen von den Motten zerfressen werden, aus denen der Stammhalter herausgewachsen ist. Wie mancher arme nerl wäre fotamit glücklich zu machen in der Zeit, wo es an pie Rüstung zur Kolonie geht. Ihr Mütter, gedenket: der Jugend und revidiert Eure Wäschespin - den und Klei der schränke! A. R.