Da die Sitten in China anders find, so find derartige Bequemlichkeiten nur ein Nachteil. Der Befürworter der Eisenbahnen sagt: Wenn Eisenbahnen vorhanden sind, können die Mandarinen selbst die Angelegenheit überwachen, indem sie sich an Ort und Stelle begeben. Weiß denn der Befürworter nicht, daß die Behörden oft die Quelle der größten Unordnung sind unmittelbar unter den Augen der Mandarinen? Eine Abhilfe kann nur gefunden werden in der Persönlichkeit der Mandarinen, nicht in den Vorteilen der Eisenbahnen."
Unter den neun Gefahren, die aus dem Besitz von Eisenbahnen erwachsen, find u. a. namhaft gemacht : „Wenn die armen Leute ihr Land für Eisenbahnbauten verkaufen, dann werden sie das Geld, daS sie dafür erhalten, vergeuden und es nie zurückgewinnen. Gegenwärtig st eßen auS China regelmäßig 10 Millionen TaelS; wenn otc Eisenbahnen eröffnet sind, werden 100 Millionen TaelS jährlich ins Ausland strömen, und die Fremden werden um so einträglichere Arbeit erhalten. Außerdem werden die Völker, wenn das geliehene Geld nicht zurückgezahlt wird, China ebensowenig in Ruhe lassen, wie sie eS mit der Türkei gethan haben. Die Sitten werden geschädigt durch die Eisenbahnen. DaS Landvolk ist besser als die Dorf, bewohuer, und die Dorfbewohner sind besser als die Städter. Wenn Eisenbahnen eingeführt sind, werden alle die schlechten Sitten der Städte in die Dörfer und aufs Land gebracht werden. Selbst wenn im ganzen Reich Eisenbahnen gebaut werden, berühren sie doch nur ein Zehntel des Landes; neun Zehntel werden doch ohne BerkehrSerleichterung bleiben. Wenn man aber alles daS nicht glaubt, so leihe man sich 70 Millionen und baue eine Eisenbahn; dann wird man schon bald den Schaden entdecken. Viele fremde Spekulanten kommen nach China, um sich umzusehen, ob sich nicht irgend ein großes Geschäft zu ihrem Nutz und Frommen machen läßt. Man sollte sich nicht durch fremde Dinge irre leiten lassen, nicht ein großes Vermögen bei einem Mahle verschleudern. Man lasse unsere Jugend fortsahren im Studium unserer alten Klassiker: DaS ist daS beste." Die in dieser Denkschrift zusammengesaßten mannigfachen Gründe, so bemerkt Dr. Schumacher, sind von der konservativen Partei in allen Phasen des Kampfes um die Eisenbahnen vorgebracht worden. Ost läßt sich in dem wechselvollen Streit nicht klar übersehen, warum sie schließlich doch, allen Gegengründen zum Trotz, durchdringen, und wer ihnen zum Sieg verhilft. Ost möchte man annehmen, sie seien endgiltig widerlegt und dauernd von jeder Beein- flussung zukünftiger Entschließungen ausgeschieden; den Köpfen der Hydra gleich aber recken sie, kaum besiegt, stets von neuem mit frischer Kraft sich empor. Das muß man sich gegenwärtig halten, um den chinesischen Kampf um die Eisenbahnen, der vom Kampf mit Gründen sich zu einer politischen Machtsrage auswächst, zu verstehen und das Vorgehen der kleinen Fortschrittspartei richtig zu würdigen. Erst auf dem dunklen allgemeinen Hintergrund hebt sich in rechter Beleuchtung das mutige und einsichtsvolle Streben der wenigen chinesischen Vorkämpfer für Eisenbahnen ab, wenn auch dieses selten den von Vorurteilen durchtränkten Boden verkennen läßt, aus dem es erwuchs.
Vermischte».
* Köln, 22. August. Nunmehr ist die T y p h u s s e u ch e auch beim 65. Infanterie-Regiment in Mülheim ausge- brochen. 50 Soldaten wurden bereits ins Lazarett über« führt. Seitens der Militär-Verwaltung sind die um- faffendsten Vorsichtsmaßregeln bezüglich des Verkehrs mit Civil Personen getroffen.
* Der Irrsinnige im Eisenbahnkonpee. Eine aufregende halbe Stunde hatten dieser Tage die Paffagiere eines Abteils in einem von Brighton nach London zurückkehrenden Extrazuge durchzumachen. In das schmale, nur für acht Personen bestimmte Koupee waren 15 Menschen gepfercht worden. Geduldig ließen sich die Reisenden bis zur äußersten Möglichkeit zusammenquetschen und sahen resigniert der anderthalbstündigen Tortur entgegen, die sie durch die Hitze und das Geschrei eines anwesenden Babys zu erdulden haben würden. Sie ahnten nicht, daß ihnen etwas viel Schlimmeres bevorstand. Kaum hatte sich der überfüllte Zug in Bewegung gesetzt, als einer der stehenden Passagiere, ein noch junger Mann, zu Boden sank. Man glaubte, daß ct in der stickigen Atmosphäre ohnmächtig geworden sei und die Zunächstsitzenden wollten ihn aufrichten. Da aber sprang er von selbst wieder aus und versuchte, sich aus dem offenen Fenster zu stürzen. Nur mit Gewalt konnte er daran gehindert werden. Man erkannte sofort, daß man eS mit einem Irrsinnigen zu thun hatte. Während sich je drei Herren vor die beiden Thüren postierten, bemühten sich die übrigen männlichen Paffagiere, den in dem engen Raum hin und her rasenden Unglücklichen zu beruhigen, und als er immer ausgeregter wurde, ihn zu überwältigen. Der Tobende hatte einen Reisenden bereits ernstlich verwundet. Die anwesenden Damen und Kinder schrieen um Hilfe, zwei junge Mädchen bekamen Weinkrämpse und durch den Lärm steigerte sich die Wut des Wahnsinnigen immer mehr. Wie das schon mehrfach bei englischen Vergnügungszügen vorgekommen ist, hatte das Notsignal nicht den geringsten Erfolg. Der Zug tagte unaufhaltsam weiter, bis er nach länger als 30 Minuten, die die Jnsaffen deS Abteils in Todesangst verlebten, in Earlswood anhielt. Erst nach einem heftigen Kampf, bei dem noch zwei Eisenbahubeamte verletzt wurden, gelang es, den Geisteskranken unschädlich zu machen. Dfr verwundete Passagier beabsichtigt, die Eiseubahngesellschaft zu verklagen, da er, wenn die Notbremse funktioniert hätte, nicht zu Schaden gekommen wäre.
* Wie berühmte Männer zu ihren Frauen kommen! Auch im Leben der über das allgemeine Niveau Erhobenen spielt die Geschichte ihrer Werbung eine wesentliche Rolle. Aber die Art, wie sie zustande kommt, ist sehr verschieden und
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ost sehr charakteristisch. Eine englische Zeitschrift teilt auS 1 >em Leben der berühmten Männer intereffante Fakta darüber mit. Gladstones Werbung war, seinem ganzen Wesen entsprechend, sehr ceremoniell. Bei einem Diner sah die chöne Miß Glyane den jungen Mann, dem sie ihr ganzes Leben weihen sollte,zum erstenmal. „Sehen Sie jenen jungen Mann," fragte sie ein neben ihr sitzender Staatsmann. „Einst wird er Premierminister von England werden." Natürlich war das Interesse deS jungen Mädchens erwacht, und als sie im folgenden Winter einander in Italien, dem traditionellen Lande der Liebenden, trafen, machte die | Werbung Fortschritte, und dort wurde der Grund zu der bekanntlich sehr glücklichen Ehe gelegt. Sehr romantisch war Richard BrinSley Sheridans Werbung um Miß Linley, die schöne „Nachtigall von Bath". Sie hatte an zwanzig Freier, aber Sheridans romantische Ergebenheit gewann ihr Herz. Er verkleidete sich als Kutscher, nur um das Ver- gnügen zu haben, sie zu fahren, er begleitete sie in ein französisches Nonnenkloster, wohin sie sich vor den Verfolgungen eines verhaßten Bewerbers rettete, mit dem er ihretwegen zwei Duelle aussocht. So führte er sie denn 1773 an den Altar. Nicht weniger hartnäckig war der berühmte englische Dichter bei seiner zweiten Werbung. Als Sheridan zum erstenmal die schöne Tochter des Dean os Winchester erblickte, war er ein Mann in mittleren Jahren und durchaus keine bezaubernde Persönlichkeit. Miß Ogle „tonnte seinen Anblick nicht ertragen" und nannte ihn „eine abscheuliche Kreatur" und „eine lächerliche Vogelscheuche". Aber nach kurzer Zeit reichte sie ihm doch die Hand zum Bunde und nannte ihn „den .bezauberndsten Mann Englands und einen Gatten, auf den jedes Mädchen stolz sein könnte." Der englische Staatsmann DiSraeli war bei seiner Werbung mehr der passive Teil. Er wurde von einer „altmodischen Witwe", Mrs. Leigh, umworben, die ihn mit ihrer Bewunderung und zarten Aufmerksamkeit verfolgte. DaS rührte schließlich sein Herz, und er heiratete sie. Die Kaiserin Eugenie sah ihren Gatten zum erstenmal unter sehr seltsamen Bedingungen. Das 14jährige Mädchen besuchte mit ihrer Mutter den Pariser Polizeipräfekten und sah am Fenster, wie Prinz LouiS Napoleon, schmutzig und mit aufgelöstem Haar von einem Gendarmerieosfizier in Gewahrsam geführt wurde. Damals ließ sie sich nicht träumen, daß der „lächerliche Prinz" sie später auf den Thron Frankreichs erheben würde. Lord Salisbury kam nur dadurch zu seiner Frau, daß er seinem Vater, der gegen die Verbindung war, das Versprechen gab, die Erwählte seines Herzens ein Jahr hindurch nicht zu sehen. Erst nach dieser Treueprobe konnte die Hochzeit statt-
schriftSmäßig an seine Mütze und sprach: „Meld' gchor- schämst, da Herr Hauptmann hat g'sagt, i soll vaschwmd n, i vaschandel cahm dö ganz' Kompagnie, und da hab i mi halt da 'raus g'flüchl und unteim Baam fliegt!" Der Erzherzog lachte herzlich und schickte den „Baschandler" nach Hause.
• Sin appetitlicher Salat. Bei einem ameiikanischkn Staatsmann in Washington, der in dem Rufe steht, lie beste Küche in der Präsidentenstadt zu führen, wurde den zu einem seiner exquisiten kleinen Diners geladenen Gästen unlängst eine eigentümliche Ueberraschung zuteil. Der Gastgeber wie die übrigen Speisenden äußerten bei der Tafel ihr Entzücken über einen Salat, der von dem französisch.n Koch nach einem ganz neuen Rezept bereitet zu sein schien. Da man sich garnicht beruhigen konnte und schließlich ein Gourmet behauptete, daß das zart Pikante des Salats eigentlich gar kein Geschmack sei, sondern nur im Geruch liege, ließ der Hausherr seinen Küchenchef rufen. Monsieur liebte es zwar nicht, nach einem Rezept befragt zu werden, aber durch das den Erzeugnissen seiner „Kunst" gespendete überschwengliche Lob fühlte er sich in so hohem Maße geschmeichelt, daß er sich herbeiließ, daß Geheimnis seines Salats zu verraten. Mit atemloser Spannung lauschte man den Worten des radebrechenden Kochkünstlers. In urkomischen Ausdrücken, mit zahlreichen französischen Brocken untermischt, führte dieser ans. wie er den Kopfsalat, den Sellerie und andere Gemüsesorten vorbereite, wie viele Arten kalten Bratens er hacke, aus welchen Ingredienzien er die Mayonnaise zusammenrühre u. s. w. Seinen tauber« welschen Vortrag beendete er folgendermaßen: „Zuletzt nehme ich ein Stück Knoblauch in den Mund, beiße tüchtig daraus herum und kurz bevor der Salat serviert werden soll, hauche ich ihn von allen Seiten ein paar Mal sanft an. Dadurch entsteht daS delikate Aroma." — Tableau! So viel ist sicher, daß den verblüfften Gästen nach dieser unerwarteten Enthüllung behaglicher zu Mute gewesen wäre, wenn sie
i den angehauchten Salat unangerührt gelassen hätten.
ebenso ist bei Belloin wendig. Mehr aber noch wie diese Operation setzen die Bißwunden an der Brust und am Halse sein Leben in
finden.
* Ein blutiges Drama entrollte sich vor wenigen Tagen in Puteaux bei Paris. Der 54jährige Arbeiter Francois Gouda hatte in Gesellschaft eines Freundes, des Lumpensammlers Auguste Belloin mehrere Weinkneipen besucht. Auf dem Heimwege nach 10 Uhr abends trafen die Beiden die Geliebte des Lumpensammlers, die mit einer dem letzteren verhaßten Frau freundschaftlich plauderte. Wütend schritt Belloin auf die Frauen zu, rief ihnen beleidigende Worte entgegen, und wollte gerade seiner Feindin eine Ohrfeige applizieren, als sein Gefährte dazwischen trat, und ihn an der Ausführung seines Vorhabens hinderte. Außer sich über die Einmischung, griff der angetrunkene Belloin nach seinem Messer und versetzte seinem Kameraden mehrere Stiche in Arme und Brust, worauf dieser blutüberströmt zusammenbrach. Dann wendete sich der Lumpensammler von neuem gegen die Frau, die von einem großen Neufundländer begleitet, diesen in ihrer Angst an ihre Seite rief. Ehe sie es verhindern konnte, sprang der Hund dem neben ihr stehenden Mädchen an die Gurgel und zerfleischte ihm mit seinem furchtbaren Gebiß Arm und Schulter. Nur mit Mühe konnte ihn die Frau von der Unglücklichen fortreißen. Mit einem Satz stürzte sich das Tier nun auf den Mann, der seine Herrin bedroht hatte, und riß ihm ganze Stücke Fleisch aus Brust und Armen. Im Blute schwimmend, wälzte sich Belloin neben seiner Geliebten auf dem Straßen« Pflaster. Auf das furchtbare Geschrei der Verletzten wie der Besitzerin des Hundes strömten von allen Seiten Menschen herbei. Nur mit eigener Gefahr vermochten mehrere Polizisten das wütende Tier zu bändigen. Dem Arbeiter " “ Lungenflügel durchbohrt, der jungen
ein Arm abgenommen werden, und
Gefahr. , ,
* Ein lustiges Stückchen wird aud L-alzburg berichtet: Vor einigen Wochen nahm daselbst Erzherzog Eugen eine allgemeine Truppenbesichtigung vor, zu der selbstverständlich Alles, was eine Waffe trug, auSrücken mußte. Natürlich machte hiervon die brave Landwehr keine Aus- nähme und stand stramm bereits lange vor bet Ankunft des hohen Herrn im Kasernenhose. Nun bemerkte einer der Hauptleute in Reih und Glied einen Mann, der durch seinen BlähhalS und fein thatsächlich vollkommen unmilitärisches Aussehen Jedermann auffallen mußte. Der Hauptmann hatte Angst, der Mann „verschandle" ihm die ganze Kompagnie und schickte ihn fort mit dem Auftrage, sich den ganzen Tag ja nicht sehen zu laffen. Der gute Mann wanderte hinaus in die herrliche Hellbrunner Allee, lagerte sich unter einem der dichtbelaubten Baumriesen und ergab sich dem Schlaf des Gerechten. Doch schon nahte daS Verhängnis. Der Erzherzog kam von der Stadt her gegen die Kaserne gefahren und bemerkte den Landwehrmann. Dem hohen Herrn war eS auffallend, hier einen Soldaten zu finden, er gab Befehl zum Halten und ließ den Mann zum Wagen rufen, wo er ihn freundlich befragte, was er hier treibe, warum er nicht bei der Truppe und ob er vielleicht krank sei? Der MarSsohn war ganz paff, als er sich plötzlich einem General gegenübersah, griff dann aber vor-
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Märkte.
Limburg a. d. Lahn, 22. August. Fruchtmarkt. Durchs schnittspreis pro Malter. Roter Weizen 00.00 Mk., Weißer Weizm —Mk-, Korn 12.00 Mk-, Neues Korn 0 00 Mk., Hafer 7.60 Mk., Erbsen —.— Mk., Kartoffeln —.— Mk.
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Wöchentliche Uebersicht der Todesfälle in Gießen.
33. Woche vom 12. Auzust bis 18. August 1900.
(Einwohnerzahl: angenommen zu 24 800, inkl. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 10,48%o, nach Abzug der Ortsfremden 2,09°/^.
Kinder
Summa: 5 (4) 4 (3) — 1 (0
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheü auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Handel nnd Verkehr. Volkswirtschaft.
Frankfurter B5r»e vem 22. August.
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