Ausgabe 
24.5.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 120 Erstes Blatt. Donnerstag den 24 Mai

1900

Gießener Anzeiger

Heneral-AnMer

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Amtlicher Feil.

Bekanntmachung.

Betr.: Abhaltung der Viehmärkte.

Die Btehmarkte zu Lich und Grüuberg am 5. Juni d. Js. können unter den mehrfach für die Lokal- HtSrftc bekannt gegebenen Beschränkungen abgehalten werden. (S. Gieß. Anz. Nr. 109.)

Gießen, den 22. Mai 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Bechtold.___________________

Bekanntmachung,

Betr.: Die Maul- und Klauenseuche.

Wegen Ausbruchs der Seuche zu Renzendorf, Kreis Alsfeld, ist Gehöftesperre angeordnet worden.

Unter dem Rindviehbestande des Heinrich Beck zu Günterod, Kreis Biedenkopf, ist die Seuche festgestellt und Gehöftesperre angeordnet worden. Wegen Verdachts der Seuche ist das Gehöft des Martin Hehl daselbst auf 14 Tage gesperrt.

Zu Nieder*Weisel, Kreis Friedberg, ist die Seuche nieder erloschen und find die Sperrmaßregeln aufgehoben Norden.

Nachdem das Erlöschen der Seuche zu Wohn seid, Kreis Schotten, amtlich festgestellt worden ist, ist die an* geordnete Gemarkungssperre aufgehoben worden.

Gießen, den 22. Mai 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Betreffend Schutz der Heilquellen im Großherzogtum Hessen. Nach dem Gesetze vom 15. Juli 1896 ist innerhalb des im Wege der Verordnung abzugrenzenden Umkreises von Heil­quellen freie, chemisch nicht gebundene Kohlensäure aus umterirdischen Fundstätten von dem Verfügungsrecht des Grundeigentümers ausgeschlossen; ihre Aufsuchung und Ge­winnung unterliegt den Vorschriften des Berggesetzes von 1:876. Auch dürfen zu anderen Zwecken Ausgrabungen und unterirdische Arbeiten über eine festzusetzende Tiefe nur nach vorgängiger Genehmigung des Kreisamts, und unter Beob­achtung der dabei festgesetzten Bedingungen vorgenommen werden. Die Genehmigung ist zu versagen oder an Be­düngungen zu knüpsen, wenn Gefahr besteht, daß Bestand und Benutzung der Heilquellen beeinträchtigt werden können. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis 150 Mk. bestraft, auch kann die Einstellung der Arbeiten und Wieder­

herstellung des früheren Zustands auf Kosten des Schuldigen angeordnet werden.

Durch Verordnung vom 22. März 1900 ist nunmehr der Schutzbezirk für die Heilquellen zu Bad-Salz­hausen festgesetzt worden, zu welchem aus unserem Kreise die Gemarkungen Rodheim, Stein heim, Raberts­hausen und Ringelshausen gehören; die Tiefe, bis zu welcher Ausgrabungen und unterirdische Arbeiten ohne kreisamtliche Genehmigung gestattet sind, ist auf 5 Meter festgesetzt.

Wir bringen dies hiermit zur öffentlichen Kenntnis.

Gießen, den 21. Mai 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Gießen, 21. Mai 1900. Betr.: Wie oben.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien Rodheim,

Steinheim und Rabertshausen.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie zur Kenntnis der Ortsangehörigen bringen und ihre Befolgung genau Überwachen.

v. Bechtold.

Die landwirtschaftl. Haushaltungsschule zu Lindheim.

Provinz Oberhessen.

Die zu Lindheim seit 1889 bestehende Haushaltungs- schiule des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhefsen steht unter Oberleitung und Verwaltung des landw. Bezirksvereins Büdingen! und eines Aufsichtsrats zu Lindheim und hat die Aufgabe, Mädchen im Alter von etwa 1620 Jahren die Gelegenheit zur Aneignung der­jenigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu geben, welche zur Führung einer wohlgeordneten, einfachen bürgerlichen Haushaltung erforderlich isind, sie an Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß, Ordnung und Unterordnung, sowie an Sparsamkeit im Haushalt zu ge­wöhnen, und auf Geist und Gemüt billdend einzuwirken.

In dieser Lehranstalt erhalten die Mädchen vorzugs­weise Unterricht und praktische Anleitung im Kochen. Die Unterweisung erfolgt hierin abteilungsweise an zwei Kochherden und ist auf die Erlernung der Zubereitung einer schmackhaften und kräftigen sog. Hausmannskost gerichtet. Weiter wird unterrichtet im Konservieren von Nahr­ungsmitteln, wie Einrnachen von Gemüsen und Früchten, Einsätzen von Fleisch, Räuchern von Fleisch und Wnrstwaren, sodann im Backen, im Waschen, in der Behandlung der Wäsche und Kleidung, im Bügeln und Putzen. Hieran- schließen fick) an: Molkerei­

wesen, (Behandlung dev <aus dem Orte Lindheim be­zogenen Milch und Bereitung von Butter und Käse in der in dem Anstaltsgebäude eingerichteten kleinwirtschaftlichen Molkerei), Bestellung und Ausnutzung des Gemüsegartens, sowie Zucht imty Pflege des Geflügels. Gründliche Unterweisung erfolgt ferner in der Fertigung weib­licher Handarbeiten (Stricken, Flicken, Stopfen und Weißnähen mit der Hand und der Maschine, Kleidermachen, wobei sich die Mädchen für den eigenen Bedarf und für denjenigen ihrer Familie beschäftigen dürfen). Auch wird in den F o r t b i l d u n g s f ä ch e r n, nämlich im Rechnen, in der Abfassung von Aufsätzen und Briefen und in der Buchführung Unterricht erteilt, wie auch Unterricht in den Anfangsgründen: der Gesundheits- und Kranken­pflege erfolgt. Esj ist in der Anstalt für eine geist- und gemütbildende Lektüre gesorgt, und wird der Gesang gepflegt. Ein Klavier ist der unentgeltlichen Benutzung der Mädchen überlassen.

Die unmittelbare Leitung der Anstalt ift einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Jndustrie- lehrerin) übertragen, welche beide in dem Anstaltsgebäude wohnen. Außerdem erteilen in der Anstalt der Großh. Kreisarzt zu Büdingen, ein Landwirtschaftslehrer, ein Volksfchullehrer und der Kreis-Obstbautechniker Unterricht.

Es finden jährlich zwei U n t e rr ich t s k urse von je 5 Monaten statt, in welchen jede Schülerin für Unter­richt, Wäsche und Logis 20 Mk. bei dem Eintritt, und für Kost und Verpflegung pro Tag 1 Mk. in Monatsraten praenumerando am 1. jeden Monats schuldet und zu ent­richten hat. Außerdem, sind noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.

Vom Tage des Eintritts an, also während des Kursus, dürfen die Mädchen ohne Erlaubnis oder Auftrag der Hausmutter außerhalb der Anstalt nicht verkehren und sie haben sich, der eingeführten Hausordnung unweigerlich zu fügen. Insbesondere ist ihnen auch, Ehrerbietung, Ge­horsam und Unterordnung (gegen das Aufsichts- und Lehrer­personal, Freundlichkeit, Verträglichkeit und liebevoller Verkehr untereinander und endlich Treue, Fleiß und Sorg­falt bei den, Arbeiten zur strengsten Pflicht gemacht.

An Sonn- untx Feiertagen werden die Mädchen ver­anlaßt, den Gottesdienst ihrer Konfession zu besuchen, wobei die Hausmutter bezw. die Assistentin die Begleitung übernimmt.' Morgens vor dem Frühstück, vor und nach dem Mittagessen und abends vor dem Schlafengehen findet gemeinsames liebet statt.

Besuche von Eltern und Schwestern sind gestattet, solche anderer Personen nun unter Begleitung eines Mitglieds des Aufsichtsrats.

In die Anstalt sind mitzubringen: 1 Bett- decke, 1 Unterbett, 1 Kissen, (Bettstelle und Matratze werden gestellt), 1 doppelter Ueberzug, 1 weißer Bettüberwurf, 3 Betttücher, 2 e in fache Druckzeugkleider, 6 Hemden, 4 Handtücher, 2 Bettjacken/(Kleider und Wäsche gezeichnet), 1 Kleiderbürste, 1 Schuhbürste, 1 Zahnbürste, 1 Regen­schirm, 1 Nähstein, Zeug und Leinwand zur Anfertigung

Wiesöadene^Ilaiftßspiese.

Aus Wiesbaden schreibt uns unser Korrespondent unterm 20. d. Mts.: .,

Wollte ich Ihnen ausführlich von allem berichten, was! hier in den Festspieltagen vor sich geht, von den Vercmstalt- unqen, von den vielen Zwischenfällen, von den Spazier­ritten und Ausfahrten des Kaisers in die von ihm so geliebten, herrlichen Wälder, von den hier weilenden ober geweilt habenden Fürstlichkeiten (darunter Prinz Heinrich, die ständig hier wohnende Prinzessin Luise, der Großherzog von Sachsen, die Prinzen! Karl Friedrich von Hessen und Adolf von Schaumburg-Lippe mit ihren Gemahlinnen, des, Kaisers Schwestern), von den Großwürdenträgern und son-, frigen illustren Persönlichkeiten, die sich jetzt dutzendweise hier aufhalten, Sie würden unter der raumbedrängenden Mle ebenso seufzen*) wie die Redaktionen unserer hiesigen glätter, dieganz Festspiel" sind, ganz wie die Bevölke- ning die schauend und staunend besonders das Schloß umlagert. Man kann nicht gerade behaupten, daß die Fülle der Plaisierlichkeilen, die stets in so reichem Maße über Wiesbaden ausgegossen wird, sehr ersprießlich wirke, und besonders in Tagen, wie diesen, mag mancher Arbeits- rnann, wenn er müde vom Tagewerk kam und nicht etttoa selber ein wenig blau machte, wenig erbaut davon gewesen sein, daß sich Frau und Kinder gaffend und hurra- ichreiend umhertrieben, und daß die teure Gattm Haus­halt eben Haushalt sein ließ.

Der Himmel, der mehrfach em drohendes Gesicht zeigte,

*\ Das tbun wir schon ohnehin angesichts der ja nun glücklich »«krachten Lex Heinze, des jüngsten Berliner Streik« rc. rc., um derentwillen wir diesen Bericht um ein piar Tage haben htnauS- Mben müfien. D. Red.

hat sich doch im allgemeinen den Festen günstig erwiesen. I ,Am Freitag ging der große Blumen korso glücklich von statten, der auf dem verhältnismäßig engen Raum des Kurplatzes ein farbenprächtiges Bild darbot, das der Kaiser, hoch zu Roß in der Uniform der roten Hu- saren, sich mit ansah. Ein Sechserzug, 14 Viererzüge und unzählige andere Gefährte waren vertreten, strotzend von Blumen, die oft ein raffiniert geschmackvolles Arrangement zeigten. Auch an originellen Ausschmückungen fehlte es nicht; so hatte ein Sportsman seinen Wagen ganz mit Zweigen künstlicher Kirschen appetitlich ausgestattet. Sams-? tagmorgen fand am gleichen Orte die Parade vor dem Kaiser statt, später gab's im Schloß ein Gast mahl zu Ehren des russischen Kaisers und nachmittags Preisverteilung nach dem Lawn-Tennis-Turnier, das einige Tage gedauert hat. Der Himmel ist auch dem großen Radfahrer-Preis- und Blumenkorso günstig, per eben vor sich geht, und dem Gartenfest im Kurhaufe mit Ballonauffahrt desKapitän" Farell, wobei Miß Polly mit einem Fallschirm aus schwindelnder Höhe zum angenehmen Grausen der Zuschauer abstürzt, wie sie schon so oft gethan, ein gefährliches Experiment, bei dem der Aeronaut Lattemann vor einigen Jahren zerschmetterte.

In Summa hatten wir hier seit Mittwoch außer den Festvorstellungen wohl gezählte sechs große Festveranstalt­ungen, was ausreichen dürfte, um bei normalen Menschen, die weniger auf Feste trainiert sind, als die Wiesbadener, eine gewisse Festesmüdigkeit hervorzurufen.

Das Hauptinteresse für die Festspiele war mit dettj beiden ersten Abenden einigermaßen erschöpft. Nach einer künstlerischen That, der Verbesserung desOberon", durch die geschickte Hülsen'sche Neueinrichtung, die glück­liche -Umdichtung des gesprochenen Textes durch Josef Lauff und die annehmbare, melodramatische Begleitung Schlarsj eine Niete: die Auguste Götze'sche Ergänzung des Deme­

trius. Und dann wieder in prachtvoller Ausstattung mit neuen Dekorationen und Kostümen zwei komische Opern: Lortzings jugendfrisches Werk:Zar und Zimmer­mann" ylmd AndersFra Diavolo". Ersteres war auch äußerlich wiederganz echt". Die Bevölkerung^ typen der niederländischen Maler Jan Steen und Gerhard Terburg entstanden vor unseren Augen zum Leben, und brachten uns wieder drei berühmte Gäste: die Wiener Schroedter, der jetzt frisch und keck den Peter Jvanoff gab, und Hesch, der den Bürgermeister mit großem Humor breit auf die Beine stellte, sowie der Braunschweiger Cronberger (französischer Gesandter) boten in Gesang und Spiel viel hervorragendes. Den Vogel schoß doch iit einem, wie im andern diesmal unser heimischer Herr Her als Zar ab. Manustaedt dirigierte das Werk und gab zu der neuenMarinevorlage" des letzten Bildes! (wie Der geistvolle und sarkastische Musikkritiker Otto Dorn bemerkt) einige instrumentale Zusätze. So was kann man nun einmal nicht lassen in Wiesbaden, wie man denn ja auch dem Kaffee immer etwas zufetzt.

Fra Diavolo" wurde ebenfalls prachtvoll herausge- bracht, hauptsächlich dank der vortrefflichen Zerline der Dresdener Hofsängerin Erika Wedekind. Schroedter sang die Titelrolle, Nebe aus Karlsruhe den Kookburn» Cronberger den Lorenzo, und unser heimisches Frl. Robinson war als Pamela ganz vorzüglich. Der Kaiser, her sich bei seinem Sinn für Humor an der Darstellung der beiden komischen Opern lebhaftergötzte , mehr als am Demetrius, bleibt bis zum 24. ds. »och hier. Er hatte (wie wir bereits mitteilten. D. Red. > mit: Moor Laufs schon verschiedentliche Besprechungen über em neueÄ Festiviel dessen Held diesmal ein uns naher stehenver Eoben^ollernfürst, wie Burggraf und Eisenzahn ist, nam- Hch^der große Kurfürst. Das wird also derClou der nächstjährigen Maifestspiele werden.