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Sonntag den 18. Februar
Drittes Blatt
Aints- uni> Anzsigeblatt für -en Kreis Gietzen
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Gießener Anzeiger
General-"Un^eiger
Feuilleton.
Aerkiner Arief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
$it Berliner bei Schliemann. — Museumsgedauke» und die lex Heinze.
Es ift eine alte Geschichte, daß die Schuster immer bie schlechtesten Stiefel haben. Was man eben alle Tage haben kann, verliert riesig an Reiz — oder erweckt nie^ Tinis welchen. So kommt es, daß immer nur die Fremden auf den Stephansturm in Wien oder in die Bavaria auf bcr Theresien-Wiese in München klettern. Dem Wiener fallt das gar nicht ein, und der biedere Münchener studiert Bon mH den vielen Sehenswürdigkeiten seiner Vaterstadt immer und immer wieder nur das Hofbräuhaus? Glauben 3ie, daß es die Berliner in ihrem Spree-Athen anders machen? Nickt für Geld geht einer, wenn ihm des Zufalls tauft einen freien Tag beschert, in die Nationalgallerie ober das Zeughaus. Das geschieht immer nur, wenn mal ein Onkel aus der Provinz kommt, der die schreckliche Angewohnheit hat, „was sehen zu wollen"! Dann schwingt er sich auf, studiert schleunigst noch einen schnell aufge- bkttelten „Führer" und fängt an, von den klassischen und moLernen Bildwerken allerlei Kennerworte zu verzapfen, die dem guten Onkel leider nicht immer zu imponieren vermögen, trotzdem er aus der Provinz ist. Eines der lehrreichsten und dabei am meisten vernachlässigten Institute ist ms. in der Küniggrätzer Straße gelegene Museum für Völker
vergeßlichen Kaiser Friedrich erinnert, tief gebräunt und wie von heimlich stolzer Freude überflogen. War's das Gefühl, so warm und herzlich begrüßt zu werden? War's das frohe Bewußtsein, wieder daheim zu sein? Wer konnte es wissen? —
Die bunten Bildwerke int Museum, führten nach dieser schönen Episode meine Gedanken zu den Debatten über die lex Heinze im Reichstag. Der schlimme Schaufenster- Paragraph fängt schon an, seine Wirkungsschatten voraus zu werfen. In einer unserer besten Kunsthandlungen Mußte unlängst ein Böcklin'sches Bild, das eine Zierde der Münchener Galerien ist, in einer künstlerisch wertvollen Reproduktion aus dem Schaufenster genommen werden, weil es nach Ansicht des betreffenden Polizei- Organes Anstoß errege.
Ja, wenn die Vertreter dieser prüden, überängstlichen oder vermuckerten Ansichten Recht haben, dann kann man sich eigentlich recht von Herzen freuen, daß die Museen in Berlin und anderswo immer so hübsch leer sind; denn das sind ja geradezu Schatzkammern des Anstoßes und der unschuldigste Besucher muß aus manchem der Skulpturensäle oder Gemälde-Abteilungen als sittlich verkommener Schurke wieder heraustreten, wenn ihn ein guter Geist nicht gleich mit Blindheit geschlagen! Wenn diese Leute recht haben, daun soll mau auch die Lehre vom menschlichen Körper schleunigst aus allen Lehrplänen streichen; dann soll man das Baden, das auch immer weiter um sich greift, nur noch in Einzelzellen gestatten und nur bei kohlpechrabenschwarzer Dunkelheit. Denn wenn die Nacktheit an sich etwas anstößiges ist, so können schließlich auch Selbstbetrachtungen zum Verderben fuhren! .$. . .
stand allgemeiner Liebe wurde der Dichter durch feinen Wohlthättg- keitSsinn, der fast keine Grenzen kannte. G. wurde am 2. April 1719 in ErmSleben geboren. c
— Vor 427 Jahren, am 19. Februar 1473, wurde zu Thorn der Begründer der heutigen Astronomie, Nikolaus Eoperntkus. geboren. Er lehrte die Drehung der Erde und dcr übrigen Planeten um die Sonne. Seine Bestimmungen der Umlauszetlen des Mondes dienten der von Gregor XIII. angeordneten Kaleuderv rbesserung zur Grundlage. Eoperntkus starb am 24. Mai 1543 zu Frauenburg.
Der Nutzen des Schnees. Schneefälle haben immer eine reinigende Wirkung auf die Atmosphäre. Bekanntlich ist unsere Atmosphäre — auch wenn wir die Luft für rein halten — bis zu einer beträchtlichen Höhe von unzähligen Staubteilchen erfüllt, deren unzählbare Menge wir am besten beobachten können, wenn sie im Sonnenlicht auf und abtanzen. Nun ist der Schnee die vorzüglichste; Sammelvorrichtung für diese Staubätome; denn die wirbelnden und langsam fallenden Schneeflocken reinigen die Luft von diesem „kosmischen Staub" viel mehr, als es der Regen vermag. Der aufgefangene Staub sinkt mit dem Schnee zur Erde nieder und wird hier abgelagert; schmilzt nun der Schnee, so rücken die einzelnen Staubteilchen immer näher uneinander und bilden (schließlich eine schwarze Schlammschicht, die allenthalben den Boden bedeckt. Zunächst enthält der Schneeschlamm den „Kulturstaub", welcher von den verschiedensten menschlichen Tätigkeiten erzeugt wird, ein buntes Gemisch mineralischer, pflanzlicher und tierischer Teilchen. Sodann aber setzt er sich aus allen jenen Ablagerungen zusammen, welche die Natur in dem unaufhörlichen Prozeß des Werdens und Vergehens selbst liefert. Die Schneedecke ist also ein rechter tzumusträger und das Sprichwort der Landleute besteht mit recht, das da heißt: „Der Schnee düngt". Die humusbildende Thätigkeit der Schneedecke ist die Vorbedingung für den Pflanzenwuchs in den Gebirgen. Und wenn unsere Berge so schön sind, und wenn an der Grenze der Firne und Gletscher grünende Matten und liebliche Blumen das Auge erfreuen und zahlreiche Heerden ernähren, so ist das zum größten Teil das Werk des Schnees. Die Schneedecke bildet aber nicht allein Humus, sondern sie hält auch die schon vorhandene Erdkrume fest, indem sie den Boden gegen den Wind schützt, der sonst einzelne Teile desselben; fortführen würde. Dies gilt sowohl für Gebirge, als für die Ebenen. Die Schneearmut der Passatregionen kannj für die Wüstenbildung mit verantwortlich gemacht werden, denn derselben liegt nicht allein die Dürre, sondern auch» die Humusarmut des ungeschützten Bodens zu Grunde. Wir wollen daher bei immer erneuten Schneefällen nicht bloß die Nachteile uns vergegenwärtigen, sondern auch an die wohlthätigen Wirkungen des Schnees denken!
Lokales.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalte-, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 16. Februar 1900.
** GeschichtSkalender. (Nachdruck verboten.) Vor 97 Jahren, am 18. F-bruar 1803, entschlief der Dichter der Grenadier lieber, Joh. Wilhelm Ludwig Gleim, in Halberstadt. Bet seinem vielseitigen Talent dichtete er auch Fabeln. Seine umfangreichste Arbeit ist sein religiöses Werk: „HalladeS, oder das rote Buch , welches durch Uebersetzung des Korans veranlaßt wurde. Ein Gegen-
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täglich eit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener »amilienvtStl-r »erden dem Anzeiger tm Wechsel mit „Hoff. gtobroitr m. .Blätter Br beff. «olttkunbe »Schtl. 4 mal beigelegt.
künde. Spärlich nur rinnt der Tropfenfall der Besucher, und es aiebt Tage über Tage, wo Verliebte, die um ein Rendezvous verlegen sind, sich dort ungestört treffen und aus-- sprechen können. Die alten Waffen, Schmuckstücke und Urnen sind verschwiegen, auch wenn sich plötzlich einmal Lippe an Lippe findet — und der Museumsdiener freut sich der erwünschten Abwechslung.
Ganz erstaunt war ich daher am Dienstag, als mich der Weg die Prinz-Albrechtstraße hinabftihrte, den Eingang zu dem prächtigen Kolossalbau unaufhörlich benutzt zu sehn. Und alles drängte sich nach rechts in die Schliemann-Sammlungen ! Waren die Berliner über Nacht klassisch angehaucht und zu Verehrern der „ollen Trojaner^ geworden? Nichts davon! Es war eine ganz andere Veranlassung, die sie hierher trieb: sie wollten allerdings' etwas sehn, aber nichts von den Schätzen des Priamos oder der Pharaonen, sondern die schönen großen Fenster nach der Königgrätzer Straße hatten sie gelockt, wo in wenigen Minuten der Kaiser mit seinem meereskundigen Bruder, dem beliebtesten der deutschen Prinzen, vorüberfahren mußte. So kam das schöne Museum endlich einmal zu.einer starken' Frequenz! Sck kamen auch' hohe Droschkenkutschersitze zu ganz eigenartigen, lieben, süßen Insassen. Denn wo Mama, Papa und sonstiger Anhang in den Wagenkissen keinen Raum Übrig ließ, da stieg Gretchen oder Evchen mit den Schelmenaugen und den langen Zöpfen auf den Bock hinauf, und der alte Kutscher schmunzelte, und der Gaul, der gewöhnlich nicht viel jünger ist, Hat ordentlich stolz. Endlich, endlich kam der Wagen. Eine Lawine von Freudenrufen kündete ihn lange vorher an. An der Seite des Kaisers saß der prinzliche Admiral, das schöne männliche Antlitz, das immer mehr an den un-
Sommers soll der Rest der Milizbataillone eingereiht werden. Große Lager, werden errichtet werden, in denen die ganze Miliz einer planmäßigen Ausbildung unterworfen wird. Die Miliz ist gegenwärtig 30 000 Mann geringer, als ihre gesetzliche Stärke, aber die Regierung hat alle Hoffnung, daß sie imstande sein wird, die Lücke auszufüllen. Den Freiwilligen ist in jeder Beziehung größere Förderung zu gewähren. Die Regierung glaubt erwarten zu dürfen, als Folge der einzuführenden Aenderungen etwa 100 000 Mann mehr zu erlangen. Man kann nicht erwarten, daß das Kriegsamt inmitten eines Krieges versuchen sollte, große organische Aenderungen durchzuführen. Die Zeit ist noch nicht gekommen, daß das Land zur Konskription wird greifen müssen. Diese ist dem Volke Großbritanniens äußerst zuwider. Die Regierung wird zu diesem Mittel nicht greifen, so lange nicht alle anderen Bemühungen fehlgeschlagen sind. Es werden jetzt im ganzen Reiche Leute aus freien Stücken mit großer Begeisterung heraustreten, und meiner Ansicht nach ist der gegenwärtige Augenblick nicht der geeignete, zur Auslassung der Miliz zu schreiten. Was nötig ist, ist nicht Zwang, sondern Förderung, und diese Förderung denkt die Regierung zu gewahren- (Beifall.) ,
Die Angaben des Kriegsministers enthalten ganz offenkundig große Uebertreibungen. Wir werden seine Behauptungen hinsichtlich der regulären Armee noch in einem besonderen Artikel den bisherigen offiziellen Angaben über die Truppensendungen nach Süd-Afrika gegenüberstellen. Für heute sei nur bemerkt, daß es bis jetzt noch nicht einmal möglich gewesen ist, die nötigen Cadres der Ersatzreserve für die regulären Truppen zu bilden. Wir berichteten bereits, daß die Anwerbungen für diese em geradezu klägliches Resultat gehabt haben. Statt eines Regiments kam z. B. in der Grafschaft Sommerset kaum eine kriegsstarke Kompagnie zusammen. Die wenigen Tausend Mann Freiwillige, die nach Südafria geschickt worden sind, bedeuten thatsächlich alles, was man bisher zusammengetrommelt hat. Alle anderen Mannschaften, aus denen man eventuell eine Armee von 215 000 Freiwilligen bilden konnte, d. h. die eventuell zum Dienste verpflichtet wären, tragen heute noch den Rock des Arbeiters und des Bauern. Wen will also der Krieas- minister mit seinen Zahlengrößen täuschen? Seine Landsleute ? Vielleicht glauben sie ihm.' Ganz Europa <afcer heiß, daß England schon seit Wochen bemüht ist, die berühmte achte Division zu mobilisieren, und daß alle anderen Truppenkörper bis jetzt nur auf dem Papier stehen.
Die papierene Armee Englands.
Die angekündigten Mitteilungen des englischen Kriegs- ministers über die Neuorganisation der britischen Armee sind dem Oberhause am Montag zugegangen. Es wird darüber aus London gemeldet:
Der Kriegsminister Lansdowne fuhrt vor sehr stark besetztem Hause aus, die Punkte, über welche das Haus Aus- hiuft wünschen werde, seien erstens, bis zu welchem Grade das Land von den geeigneten Vorkehrungen gegen einen Ein fall entblößt worden sei, zweitens, welche Schritte die Regierung ergreife, um für die Sicherheit der Insel während der Abwesenheit der Truppen in Südafrika Vorsorge zu. treffen, und drittens, welche Streitkräfte dem Kriegsamte zur Weiterführung des Krieges zur Verfügung ständen. Darauf bemerke er Folgendes: Im Lande seien gegenwärtig 98000 Mann regulärer Truppen mit 12 000 Mann Reserve, ferner 7000 Mann von der Yeornanry, 77 000 Mann Miliztruppen und 215 000 Mann Freiwilligen, alles zusammen 409 000 Mann. Für die Verteidigung de-5 Mutterlandes müsse eine Armee bereitgestellt sein, die mäst lediglich aus in Garnisonen stationierten Truppen besteht, sondern eine mobile Armee darstellt. „In der gegenwärtigen Lage des Landes liegt eine große Ironie. «Brr, die größte Seemacht der Welt, befinden uns im Kriege mit zwei kleinen Staaten, die nicht über eines Bootes Bemannung verfügen, und infolge dessen seitens unserer machtvollen Flotte unverwundbar sind. Wir sind in der Lage eines starken Mannes, der mit dem rechten Arm auf bei« Rücken gebunden kämpft. Aber dieser rechte Arm ist ungeschwächt und ist stärker, als er je in der Geschichte unseres Reiches gewesen ist. Dieses außergewöhnliche Zusammentreffen von Umständen hat dem Kriegsamte An- fhengungeu der schärfsten Art auferlegt. Es hat für eine weitere Feldarmee von 130 000 Mann Vorkehrung zu treffen, auf die, wenn nötig, zurückgegriffen werden kann, um weitere Verstärkungen zu entsenden. Daher ist beabsichtigt, die dauernde Stärke des Heeres außer den jetzt in der Aushebung begriffenen drei Bataillonen um weitere zwölf neue Linien - Infanterie - Bataillone zu vermehren. Die von der Artillerie in dem gegenwärtigen Krieg gespiel^ Rolle zeigte, wie nötig es ist, daß Großbritannien reichlich mit Feldartillerie versehen ist. Daher ist beabsichtigt, die Artillerie für zwei weitere Armeekorps auszuheben, nämlich 36 Batterien Feldartillerie und 7 Batterien reitende Artillerie. Wenn diese Vermehrung durchgeführt ist, kann das Kriegsamt zwei Armeekorps mit voller Artilleriestarke außer Landes senden, und gleichzeitig die gesamte Feld- artiUerie für drei Armeekorps im Lande behalten. Ferner itirb eine bestimmte Anzahl Haubitzen-Batterien neu errichtet werden. Sodann plant die Regierung, vier neue Kavallerie-Regimenter aus den Reserveschwadronen der im Airslande befindlichen Regimenter und drei weitere Regimenter aus der Yeomanry-Brigade zu formieren. Ebenso soll der Bestand an besonders ausgebildeten Pionieren und das Army Service Korps vermehrt werden. Eine der Lehren des Krieges ist der Hinweis auf die große und wertvolle Machtreserve, welche das Land in feinen Hilfs- etreitfräften besitzt. Während des Frühjahrs und des
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