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5 An einem 18. Juni, der im nächsten Jahre seine 80. i Wiederkehr feiert, drangen die bezaubernden Freischütz-
Melodien zum ersten Male in das Berliner Publikum, und wenn auch blitzende Ordenssterne und glänzende Uniformen nicht im Zuschauerraume zu bemerken waren, so hat doch die Zeit gelehrt, wer von den beiden herrlicher, größer u,nd inniger war! Aber Spontini klang so angenehm ausländisch, so stolz, so vornehm. So kam es, daß die Berliner von damals ihn zunächst einem simplen deutschen Weber vorzogen. Und so ist Sir Arthur Sullivan eben heute auch schon viel populärer als unsere deutschen Operettenkomponisten, und da er von der Königin von England seinerzeit zum Ritter geschlagen worden ist, idyemt es ihm daheim auch nicht an Ehren und Lorbeern zu fehlen. Das nötige Selbstbewußtsein, das daraus resultiert, hat er entschieden, sonst hätte er in der Unterredung mit dem Kaiser wohl kaum gewagt, von einer Popularität unseres Kaisers in England zu prahlen, die nur durch Lord Roberts übertroffen würde. Bei der England durchaus abholden Stimmung der weitesten deutschen Volkskreise war das eine Bemerkung, die Zeugnis davon gab, daß Sir Arthur eine Autorität auf allen Gebieten des Taktes kaum sein
dürfte. .
Gleichsam als Quittung für den liebenswürdigen Empfang ihres Komponisten hat das in musikalischer Beziehung immer von deutscher Gnade existierende England sich in der „Times" eine Kritik der Nibelungen-Aufführung im Covent-Garden-Theater zu London unter Felix Mottl, einem der besten Wagner-Interpreten, erlaubt, die die ganze Unverschämtheit der englischen Presse illustriert. Mottl hat die Tempi zu langsam genommen, so langsam, daß die Götterrosse ihnen wie alte Mähren vorgekommen sind rc. re. Man kann sich nicht allzusehr wundern: die Engländer sind durch das Feuer ihrer
berühmten Maultiere in Transvaal ein bischen verwöhnt worden. So flink können selbst Wagners Wallkürenrosse nicht sein! Aber Scherz beiseite: Giebt der Kontrast zwischen dem bejubelten Sullivan in Berlin und dem benörgel- ten Mottl in London nicht nachhaltig zu denken? —
Am 12. Juni hat ein halb vergessener Lyriker, aber als Volksvertreter noch immer Uuf seinem Posten thätiger, auch von seinen Gegnern ehrlich geschätzter Mann seinen 70. Geburtstag gefeiert. Es ist das der Gartenlauben-Dichter verflossener Jahre, der Freund Ernst Keils, Friedrich Hofmanns, Emil Ritterhaus', die alle vor ihm dahingeaangenr sind, während er noch in beneidenswerter Frische und Rüstigkeit seinen Rechtsanwaltspflichten zu genügen vermag: Albert Träger. Als Dichter einst durch die „Gartenlaube" sehr bekannt geworden, hat er in den letzten Jahrzehnten nur noch wenig poetisches von sich hören lassen. Er hat das Unglück, seit Jahrzehnten von allen möglichen Leuten für ein Gedicht gefeiert zu werden, das er gar nicht verfaßt hat. Aber sagen Sie selbst, verehrter Leser, was kennen Sie von Träger? Ich wette zehn gegen eins:. Sie antworten: „Wenn Du noch eine Mutter hast!" Aber es ist wirklich nicht von ihm, sondern von einem armen, unbekannten sächsischen Schullehrer, Kaulisch mit Namen, und Träger selbst hat es wer weiß wie oft erklärt und abermals erklärt. Es wird ihm nicht viel nütz^r, und allzu schwer wird er's auch nicht tragen, das Unglück, sonst sähe er nicht so fröhlich und immer noch kampflustig in die Welt, sonst schritt er trotz seiner 70 nicht so aufrech^ und elastisch durch die Straßen Berlins, sonst hatte er mchr so geistsprühend und von köstlichem Humor durchweht 6et seinem Jubelfeste auf seinen alten „Schwarm , die Frauen getoastet! $•
reitwillig a uf die Seite derjenigen, welche die Sonder- tellung des Gymnasiums aufheben wollten. „Humanisten" und „Realisten" — wenn es gestattet ist, sch die beiden Grundrichtungen zu bezeichnen — reichten sich in dieser Frage gleich in der ersten Sitzung die Hände. Freilich gingen sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Die grundsätzliche Gleichberechtigung aller neunklassiaen Schulen war in letzter Linie den Realisten eine Frage der Gerechtigkeit, den Humanisten mehr eine Frage der Zweckmäßigkeit. Sie hatten eingesehen, daß die bisherige bevorrechtete Stellung der Gymnasien diesen selbst nachteilig sein Mußte. Gerade hierdurch wurden die Gymnasien mit einem starken Beisatz von Schülern belastet, der für die humanistische Ausbildung weder durch die besondere Geistesrichtung noch durch die angestrebte Berufsrichtung geeignet war. Die weitere Folge mußte sein, daß der so oft betonte Widerspruch zwischen den Anforderungen der praktischen Berufsarten und dem humanistischen Bildungsgang in immer weiteren Kreisen gefühlt »wurde, und daß dadurch eine lebhafte und keineswegs zu unterschätzende Gegnerschaft gegen dieGymnasien entstand. Gerade die Freunde der humanistischen Bildung müssen deshalb in den jetzigen Beschlüssen zur Berechtigungssrage den Beginn einer Wandlung zum Besseren erblicken. Werden diese Beschlüsse so ausgeführt, daß wirklich Licht und Luft für die verschiedenen Richtungen der höheren Schulen gewährt wird, so kann sich das Schülermaterial viel richtiger auf die einzelnen Schulformen verteilen, ein Gewinn von großer Bedeutung.
Noch mehr hätte erreicht werden können, wenn es möglich« gewesen wäre, einen bis zur Obertertia reichenden gemeinsamen Unterbau der höheren Schulen zu schaffen. Das würde eine Maßregel fein, die gleichzeitig auch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus freudig zu begrüßen wäre. Für alte Eltern an allen Orten, an denen nur eine Form der höheren Schulen besteht — und das ist die überwiegende Mehrzahl der Orte —, würde das bedeuten, daß sie ihre Kinder unter allen Umständen bis zur Absolvierung der Obertertia bei sich behalten können, mögen sie sich später für die humanistische oder für die realistische Richtung entscheiden. Wer die inneren und äußeren Opfer kennt, die bisher vielen Familien auferlegt wurden, wenn ihre Söhne schon im zarten Alter nach anderen Orten abgegeben werden mußten, wird den großen Wert einer solchen Umgestaltung anerkennen müssen.
Die Begründung eines gemeinsamen Unterbaues wäre auf zwei Wegen denkbar, einmal durch Verlegung des griechischen Unterrichts an den bestehenden Schulen auf die Sekunden und Primen, und weiterhin durch Verallgemeinerung der Reformschulen nach dem Frankfurter System. Keins von beiden drang durch. Nach Anerkennung der Gleichberechtigung der neunklassigen Schulen wollten die .Humanisten nun auch das Gymnasium in seiner Eigenart erhalten und glaubten das bei einer Hinaufschiebung des Griechischen in die vier oberen Klassen nicht ermöglichen zu können. Was die Reformschulen betrifft, so muß ein
Zur Schulreform
fd>retbt man uns:
In dem Kampfe, der seinem Ende zuneigt, ist durch llebertreibungen viel gefehlt worden. So hat einer der Vorkämpfer der G Y m n a s i e n in einem Artikel der „Preußischen Jahrbücher" erklärt:
„Die Mehrzahl der Männer, die 1870 unsereTrup- pen geführt und selbst auf den Schlachtfeldern Frankreichs geblutet haben, ist eben in dem Bildungsgänge groß getoorben, den man heute als veraltet und unbrauchbar zuschließen will".
Diesem Gedankengange sekundiert die „Köln. Volkszeitung", indem sie schreibt:
„Schade, daß es in unserem statistischen Zeitalter noch feine Statistik darüber giebt, wie viele der höheren Offizielle, namentlich im General stabe, auf den Gym- nosialbänken gesessen und wie viele aus dem Ka- deittenhause hervorgegangen sind".
Hier wird also etwa gesagt, daß das Gymnasium die Sirge von 1870 erfochten habe und daß ein zweites Jena für Deutschland hereinzubrechen drohe, wenn an der Prä- pocenz der Gymnasien gerüttelt würde. Die erfolgreichsten Feldherrn von 1870 waren — von den fürstlichen Persönlichkeiten, die ja wieder einen ganz besonderen Bildungsgang durchzumachen pflegen, abgesehen — doch wohl Moltke, Roon, Blumenthal, Werder, von der T tu n n. Moltke hat die K a d e t t e n a n st a l t in Kopenhagen besucht, Roon und Blumenthal sind ebenfalls auZ dem Kadettenhause hervorgegangen; die Jugenderziehung Werders und von der Tanns ist uns nicht bekannt, aber da beide bereits im 18. Lebensjahre in das hee-r eingetreten sind, so darf man vielleicht daraus schließen, daß sie nicht ein Uebermaß gymnasialer Er- zichung hinter sich hatten. Was die gegenwärtigen Heer- fübirer anlangt, so hegen Kaiser, Armee und Volk das antete Zutrauen zu Waldersee und Haseler. Nun ist allerdings Graf Häseler aus einer humanistischen Vor- bilidung hervorgegangen, Waldersee aber ist Kadett. Trotz- bern darf mau vielleicht hoffen, daß auch er mt Kriegsfälle feilte Sache erträglich machen wird!
Ueber die Ergebnisse der Schulkonferenz wmd der „Nat.-Lib. Korr." von berufener Sette ge,chrieben. ber Schulkonferenz bedeuten nach der Ansicht derer, die ihren Wortlaut und den Gang der Ver- ssimdlungen kennen, einen wesentlichen Fortschritt der Andauungen, und es muß ausdrücklich festgestellt werden, & auch die Vertreter der humanistischen Gymnasien einen nicht.geringen Anteil an den erfreulichen Ergebnissen der Erratungen haben. Zwei Punkte sind es vor allem, an denen sich der Wandel der Anschauungen deutlich zeigte, no mlich das Berechtigungswesen und die Frage der Resorm-
^n der Berechtigungsfrage traten auch die Vertreter der humanistischen Gymnasien einmutig und be-
Aerkiner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)
Mikado. — Glossen. — Ein Dichter-Jubilaum
Trotz der noch immer nickst wieder zu Gunsten Englands umgeschlagenen Stimmung in der Spree-Metropole hrtt firfi ^err Arthur Sullivan, der Komponist des Mikad^" über seinen Empfang bei uns nicht beklagen können Mit der dem Mutschen angeborenen Begeisterung Üc attes ausländische hat man dem englischen Musiker lEiubelt und seinen drolligen, mitunter etwas gar zu Wren Mkadv-Rhytknn-N gelauscht. Es ist eben für, Deutschland und speziell für Berlin allemal «n ®reigntä> nta>nii pin fremder kommt. Leoneavallo und der ränke- Lchttge und ettle Spontini hat es vor 80 Jahren schon e-rauftt Freilich hat mancher darunter zu leiden, und « den Auszeichnungen unseres dcutlchesten Komponisten . J Svontinis Macht- und Glanztagen, wer bei Karl Maria von Weber liest, mit welchen Schwierigkeiten und Mnhrrniffen er zu kämpfen gehabt hat, ehe er seinen un- üblichen „Freischütz" in besäp-idener Ausstattung am £„ahnrmpnmarft zur Ausführung bringen konnte, wah- SSsota vorher Gasparo Spontinis Olympia" Ä L Moben mit einem Aufwand von über 20 000 Tha- K in aeradczu fabelhaftem Pomp über die Buhne des! N^rnboukes aeaanaen war, wird sich eines tiefen Seuf- R n?cht'entl>a?ten^k7nnen. Der König Friedrich Wilhelm de7Dritte hatte allen .Hauptproben beigewvhnt und war «mck> in den Zwischenakten der Ausführung auf der Buhne chien-n das Gros der Kritik hatte sich v Loboserheb- >mäen erschöpft; es gab nur eine Musik, die würdig war sitz? die Berliner Hosoper: das war die von Spontun.
unbefangener Beurteiler zugeben, daß die vorliegenden Er- ahriungen, so günstig sie sind, sich doch noch auf zu kurze Zeit erstrecken, gsts daß jetzt schon dieses System allgemein eingeführt werden könnte. Auch die, welche in der Reform- chule die Schule der Zukunft erblicken, gaben das zu. Die Konferenz hat sich denn auch dahin erklärt, daß es „zur Zeit" nicht ratsam sei, die Reformschule allgemein einzu- führen. Ein Versuch, aus dem Beschlußantrag die Worts „zur Zeit" zu streichen und dadurch eine unbedingte Verurteilung des neuen Systems auszusprechen, wurde abgewehrt. Die Konferenz hat weiter erklärt, daß eine„Wetter- führung" der Versuche mit den Resorrnschulen zu gestatten' und zu fördern sei. Diese „Weiterführung" schließt — das wurde in der Konferenz ausdrücklich festgestellt — auch die Zulassung weiterer derartiger Anstalten in sich, und so ist die Möglichkeit geschaffen, auf breiterer Grundlage das Frankfurter System zu erproben. Darin liegt ein Zugeständnis ast die neue Auffassung der Dinge, das eine große praktische Bedeutung gewinnen kann, und das viel weiter geht, als die Freunde der Reformschule selbst im Beginn der Beratungen erhofft hatten.
Wichtig sind auch die Besprechungen über die Behandlung des Englischen an den Gymnasien. Eme freie Wahl zwischen Englisch und Griechisch an den Gymnasien murde von keiner Seite befürwortet. Sie würde eine Spaltung des Lehrplans der oberen Gymnasialklassen bedeutet haben, die aus schultechnischen Gründen — wegen des verschiedenen Zeitbedarfs für die beiden Sprachen kaum durchführbar erscheint und in der Praxis außerdem vielfach 'an finanziellen Schwierigkeiten scheitern würde. Aber das Englisch soll neben dem Griechischen auch an den Gymnasien! wls wahlfreies Fach bestehen und möglichst gefördert werden. Gerade das Letztere ist wichtig; es zeigt, daß nach der Ansicht der Konferenz auch die humanistischen Gymnasien dem Englischen wegen seiner Bedeutung für das praktische Leben die erforderliche Beachtung sichern sollen. Das moderne Leben verlangt eben überall seine Rechte.
Für die Unterrichtsbehandlung wichtiger Fächer wurden Anforderungen entwickelt, die, wenn sie durchgeführt werden, eine bedeutsame geistige Vertiefung des Unterrichts, darstellen und reiche Fürsorge tragen können. Das setzt freilich voraus, daß Schstler und Lehrer sich ungestört ihren Aufgaben widmen können. Die Konferenz hat daraus auch sofort die Konsequenzen gezogen. Sie will zunächst dest Schülern das „A b s ch l u ß e x a m e n" (zwischen Unter- und Obersekunda) abnehmen. Einhellig wurde der ungünstige Einfluß dieses Examens hervorgehoben, das sich in den Ausbildungsgang störend eindrängt und die Kraftanspannung der Schüler in falsche Bahnen treibt. Eltern, Lehrer und Schüler werden ihm keine Thränen nachweinen. Die Konferenz hat aber auch mit einer wuchtigen Ueberein- stimmung ausgesprochen, daß die Sch ul frage vor allem auch eine Lehrerfrage ist, und daß die hochgesteckten Ziele nicht erreicht werden können, so lange nicht die schöne Kraft, die der Lehrerstand jetzt zur Agitatton für Verbesserung seiner materiellen und sozialen Stellung ver-


