in seinem eigenen Auge nicht (lebhafter Beifall). In der ZentrumS- oersammlung, die an demselben Tage in München stattgefunden, habe mau diejenigen, die jene Resolution eingebraHt, Vertreter der Fleischeslust genanrt. Aus Rücksicht darauf, daß der betreffende Herr ein Kollege von ihm, dem Redner, im bayerischen L-ndtage sei, wolle er ihm nicht mit einem einstlbigen Worte antworten. Eine künftige Zeit werde entscheiden, welche Auffassung lächerlicher und blamabler gewesen sei ES werde auch alles nicht- helfen. Die Kunst werde nicht umgebracht werden können, aber eine Menge Dummhiiten werde die Polizeiaufsicht über die Kunst zu Tage fördern. (H-iterkelt.) Wir Sozialdemokraten, so schließt Redner, werden hier für die F eiheit der Kunst eintreten. Wenn eS uns nicht gelingt, dies hier zu verhindern, dann werden Sie die Sozialdemokraten Seite an Seite mit der Kunst und Lttteratur finden. Und es wird dann dahin kommen, daß Kunst, Wissenschaft und Lttteratur treue Bundesgenossen der Sozialdemokratie im Kampfe gegen jede Reaktion werden. (Beifall.)
Abg. Himburg (kons.) tritt kurz für die drei Paragraphen ein.
Abg. Müller - Meiningen (frs. Bp.) hält Zentrum und Konservativen unter lebhaftem Beifall der Linken vor, sie seien in diesem Saale die Angeklagten (Gelächter im Zentrum und rechts) und Ankläger sei ein sehr großer Teil deS ganzen deutschen Volkes. Auf den Empfang der Künstlerdeputation beim Staatssekretär Nieberding eingehend, bedauert Redner, daß sich unter der Deputation kein Jurist befunden habe. Denn der Staatssekretär habe den Herren eine 'solche Maffe juristischer Spitzfindigkeiten an den Kopf geworfen, daß ihnen ganz dumm geworden sei (Stürmische Heiterkeit). Zu bemängeln an dem $ 184a sei zunächst die Wendung von Dingen, die „ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen". Es sei dies ein juristisches Monstrum. Ebenso das „Aergernts erregen". Geradezu ungeheuerlich sei daö Wort des Abg. Henning, daß dieses Gesetz der auf Abwege geratenen Kunst als Wegweiser dienen solle. Die lex Heinze als Wegweiser für die Kunst) Das sei zum Lachen I Redner gibt hierauf einige Beispiele der jetzt in Berlin thätigen, Kunstpatrouillen". Ein Kriminalkommiffar habe bei Keller und Reiner die Entfernung des bekannten Boecklin'schen Bildes aus dem Schaufenster mit den Worten verlangt: Nehmen Sie das Bild weg, das im Wasser liegt und die Brüste zeigt (Heiterkeit). Der Chef der Kriminalpolizei habe allerdings den Kommiffar desavouiert. Gegen die Verächtlichmachung der Reproduktionskunst durch den Abg. Roeren müffe er gleichfalls protestieren. Diesem sei namentlich die Leda mit dem Schwan als das Schlimmste erschienen. Wiffe denn Herr Roeren nicht, daß an der Mittelthüre der Peterskirche in Rom unter den Arabesken, die Christus umgeben, sich auch die Leda mit dem Schwan befinde? (Hört! Hört!). Ganz besonders sei auch der Theaterparagraph zu bekaempfen, und zwar in der neuen Kompromißfassung, in der man alles auf den Schauspieler werfen wolle. Für Sudermann müsse er, Redner, eine Lanze einlegen, Deutschland könne stolz auf diesen Dichter sein. Mit Recht habe gelegentlich des Erscheinens von „Sodoms Ende" Minister Herrsurth auf eine Frage von hoher Seite geantwortet, wenn nur aufgeführt werden dürfe, was man auch seine Töchter sehen lassen könne, dann müßten die besten Stücke unserer Klassizität von den Bühnen verschwinden. Die gesamte Künstlerschaft erblicke in dem vorliegenden Paragraphen eine schwere Gefahr. Würde dies hier Gesetz, dann würden die Namen derer, die es beschloffen, für alle Zeiten prangen, aber nicht mit goldenen Lettern, sondern mit — schwarzen (lebhafter Beifall). Er bitte um Ablehnung dieses Gesetzes (lebhafter Beifall).
Staatssekretär Rieberding bestreitet, daß die Mitglieder der Künstlerdeputation von den Verhandlungen mit ihm „ganz dumm im Kopfe" geworden seien. (Heiter!.) Die Herren hätten klar und unbefangen mit ihm diskutiert. Redner betont dann materiell die Notwendigkeit, Schamlosigkeiten, Gemeinheiten zu bestrafen, die nicht auf geschlechtlichem Gebiete lägen. Er erinnert an rohe Neujahrs-, illustrierte Postkarten u. f. w. Ein englischer Landpastor habe einmal an das Reichsamt des Innern geschrieben, er hätte geglaubt, seine zwei Söhne ohne Gefahr für Körper und Geist nach Deutschland reisen lasten zu können, habe sich aber hinterher überzeugt, aus dem, was seine Söhne hier in die Hände bekommen hätten, daß Deutschland kein so moralisches Land sei. § 184a sei durchaus kein Kautschukparagraph.
Abg. Gröber (Zentr.) führt aus, die Schärfe der Zentrumsredner hier sei nur die Folge der Angriffe auf das Zentrum in den Protefiversammlungen. Auf den Bühnen kämen so obszöne Dinge vor, daß eingeschritten werden müsse. Redner exemplifiziert auf das R-sidenz- theater, auf eine Vorstellung einer Operette im Darmstädter Hoftheater, auf die „Dame von Maxim". Ebenso abscheuliches gebe es in Bildhauerei und Malerei. Er empfehle dringend die Annahme dec Kompromißvorschläge. Die Spekulation auf die gemeinen Triebe sei nicht die hohe göttliche Kunst, die Förderung verdiene.
Geh. Rat Kruse meint, gewiß käme manches auf dem Theater vor, aber jedenfalls nicht solche Unstätigketten wie in früheren Jahrhunderten. In Preußen komme man jedenfalls mit den bestehendm Vorschriften aus. Im Namen der verbündeten Regierungen bitte er, S 184b als völlig überflüssig abzulehnen.
Abg. Deinhardt nl.) bekämpft entschieden die Kunst- und Theaterparagraphen als im höchsten Maße gefährlich. Die Kunst sei andernfalls in die Hand des Gendarmen gegeben. Der Richter, der seine zehn Semester habe studieren müffen, habe natürlich nicht Zeit für Kunststudien gehabt. Der Gendarm sage ihm: Beim Ansehen dieses Bildes schämte ich mich. Was solle also der Richter thun? Er muffe sich eben auch schämen (stürmische Heiterkeit) und verurteilen. Auf die Bemerkung des Staatssekretärs betreffs eines englischen Landgeistlichen frage er den Staatssekretär, ob er denn glaube, daß die Verhältniffe in England bester seien als hier? Da aber irre er. Oder in Frankreich. Herr Gröber? Er, Redner, sei in Frankreich, in Paris gewesen (Abg. Deinhardt macht eine Handbewegung, welche das Haus zu stürmischer Heiterkeit veranlaßt). Er, sowie seine Freunde wünschten eine freie Kunst für das ganze deutsche Volk und lehnten daher diesen Paragraphen ab.
Baierischer Bevollmächtigter Graf Lerchenfeld empfiehlt die Annahme des $ 184a. Derselbe habe mit der Kunst nichts zu thun.
Abg Payer (süddeutsche Volksp.) bekämpft hauptsächlich den S 184 b.
Abg. Stockmann (Rp ) meint, die Abgg. Aüller-Meinigen und v. Vollmar hätten die Künstler über den wahren Inhalt dieser Paragraphen aufklären sollen.
Abg. Schrader (frs. Vg.) erklärt, seine Partei wolle auch das Gemeine treffen, aber auch die Kunst schützen.
Um 6 Uhr abends wird von links Vertagung beantragt, jedoch vom Centrum und von den Konservativen abgelehnt.
Abg. Singer (Soz.) beantragt erneut Vertagung und zugleich namentliche Abstimmung hierüber.
Dieselbe ergießt Ablehnung der Vertagung mit 182 gegen 21 Stimmen. (Stürmische Bravoruse rechts und im Centrum).
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.) erklärt sich mit lauter Stimme für die $$ 184 a und b.
Um 6 Uhr 50 Min. bringt Abg. Singer (Soz.) nochmals einen Bertagungsantrag ein, und zugleich liegt ein Schlüßen- trag der Majorität vor. Ueber den Vertagungsantrag wird namentliche Abstimmung verlangt. Bei Beginn derselben verlassen Freisinnige und Sozialdemokraten den Saal. Laute Pfuirufe begleiten sie. Die Abstimmung ergiebt 186 Stimmen für die Vertagung, 4 dagegen. Als die Freisinnigen und Sozialdemokraten wieder im Saale erscheinen, werden sie mit Oh! -Rufen em- pfangm.
Morgen 1 Uhr: Fortsetzung und Gewerbenovelle.
Schluß 7»/r Uhr.
* Bom Kriegsschauplatz.
London, 15. März. Ueber die Einzelheiten der Einnahme von Bloemfontein liegen bisher nur dürftige Nachrichten vor. Aus einer Kapstadter Meldung des „Duiltz Telegraph" geht hervor, daß General French anfänglich unerwartet starkem Widerstand begegnete, jedoch bis aus fünf Meilen an die Stadt herandringen konnte. Montag abend schickte er einen Parlamentär mit der Aufforderung, zu kapitulieren, widrigenfalls am nächsten Morgen mit der Beschießung begonnen werden würde. Dienstag in aller Frühe wurde die weiße Flagge auf dem Präsidentschaftsgebäude sichtbar. Gegen zehn Uhr morgens war, wie dem „Daily Eronicle" zu entnehmen ist, Lord Roberts mit der .Hauptmacht herangerüctt, und es erschien eine städtische Deputation mit dem Bürgermeister Kellner an der Spitze, um ihm am Fuße des Spitzkop die förmliche Uebergabe der Stadt anzuzeigen. Präsident Steijn hatte den Ort am Abend vorher verlassen, ebenso die große Mehrzahl der kämpfenden Burghers. Mittags hielt Roberts seinen feierlichen Einzug in die Stadt, angeblich mit Enthusiasmus von der Bevölkerung begrüßt. Steijn hat den Sitz der Regierung nach Kronstadt verlegt.
— „Central News" melden aus Durban vom Mittwoch: Roberts Erfolg hat eine wichtige Aenderung in den Plänen des Generals Buller herbeigeführt. General Warren, dessen Division sich bereits eingeschifft hatte, um nach Kapstadt abzugehen, ist heute zur Front zurückgekehrt. Seine Truppen sind nun im Begriff, sich mit Bullers Truppen wieder zu vereinigen zugleich mit 1000 Mann Verstärkung, die von Kapstadt angekommen waren.
— Der Afrikanderausstand im westlichen Gebiet läßt bisher nicht nach. Die Aufständischen haben die Tele- graphenlinie südlich von Carnarvon zerstört und die Verbindung mit Kapstadt unmöglich gemacht, alle Pferde und Zugtiere im Bezirk von Van Wyks Vlei requiriert unb Josburg besetzt. Eine Deputation ist von Calvinia nach Kenhardt unterwegs, um die Aufständischen zum Niederlegen der Waffen aufzusordern. In Dordrecht ergaben sich Dienstag 160 Mann mit Waffen und Munition.
— Eine Depesche aus Pretoria bestätigt, daß Deutschland auf das Jnterventionsgesuch Krügers antwortete, nur vermitteln zu können, wenn beide Parteien darum ersuchten, mit dem Hinzufügen, Deutschland habe finanzielle Interessen in Südafrika, daher sei es besser, wenn zunächst eine uninteressierte Macht die Gesinnung der Kriegführenden ermittele, damit Deutschland nicht andere als humanitäre Gesinnungen untergelegt werden könnten. Dazu bemerkt ldas „Bert. Tagebl.": Wie wir dazu von gut unterrichteter Seite erfahren, ist die Situation für die deutsche Regierung, nachdem England den amerikanischen Vermittelungsvorschlag abgelehnt hat, jetzt völlig dahin geklärt, daß eine Vermittelung z. Zt. völlig ausgeschlossen ist.
* *
Telegramme deS „Gießener Anzeiger".
Loudon, 16. März. Der Kap - Korrespondent der „Exchange Company" berichtet, er erfahre aus gut unterrichteter Quelle, daß die Goldgruben des Ranch nicht beschädigt worden find. Die Behörden haben Besitz von der Eisenbahnlinie des Oranje-Freistaates ergriffen.
Loudon, 16. März. „Finanztal Times" melden, die Subskription für die Kriegs-Anleihe, für die 30 Millionen Pfund gefordert waren, hat die Höhe von 35 Millionen Pfund erreicht.
London, 16. März. Das Kriegsministerium macht be- kannt, daß General Gatacre gestern morgen den Oranjefluß bei St. Bethulie besetzt hat.
Loudon, 16. März. Der Stadtrat von Limertk hat den Delegierten Bellej beauftragt, sich nach Dublin zu begeben, um dort dem Protest Meeting, welches gegen
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Samstag dm 17. März
1900
Nr. 64 Erstes Blatt.
Siebener Anzeiger
Keneral-^Unzeiger
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Die Gießener »•wiftenlMtter ■wtfcen dem Anzeiger kn S*<t „Hess, ■eafctofrr x. Mäkler Wt he». •o(Urunbt- MGchtl. 4 »Alkeigelegt.
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Nttlag des Gießener Anjrigrrs.
Amtlicher Geil.
Bekanntmachung.
In Londorf ist die Maul- und Klauenseuche erloschen und die Aufhebung der Sperrmaßregeln verfügt worden.
Gießen, den 15. März 1900.
Großh. Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Maul- nnd Klauenseuche.
In St ein he im ist die Maul- und Klauenseuche erloschen und Aufhebung der Sperrmaßregeln angeordnet worden.
Gießen, den 16. März 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Deutscher Reichstag.
168. Sitzung vom 15. März. 1 Uhr.
$•/£).: Dritte Lesung der lex Heinze.
Die Beratung wird fortgefetzt beim § 184, Feilhalten, Verteilen, Verkaufen, Vorrätighalten, Busstrllen rc. unzüchtiger Schriften, Darstellungen rc. Auch die SS 184a, brr eigentliche Kunstparagraph (Schriften rc., welche, ohne unzüchtig zu bin, das Schamgefühl gröblich verfitzen) und 184b, der sogenannte Theaterparagraph, werden gleich mit zuc Beratung gestellt.
Abg. v. Vollmar (Soz) erblickt das eigentlich Verletzende darin, daß solche, die Kunst unter polizeiliche Aussicht stellende Bestimmungen in einem und demselben Gesetz mit den Kuppeleibe- sttmmungen sich befinden. Moralisten, die von sittlichem Niedergange gesprochen, hätten sich in jeder Zeit gefunden. Da, wo sich wirklich sittliche Verrohung zeige, trage die Kunst keine Schuld daran, im Gegenteil; die Verrohung werde eher verschuldet dadurch, datz die Msöre deS Lebens gar so vielen keine Zeit und innere Ruhe lasse, sich mit der Kunst, und dem, was sie schaffe, zu befassen. Unbegreiflich sei, wie ein Richter, wie Roeren, nicht einmal daran gedacht lo.be, datz im wesentlichen alles, was man h'er treffen wolle, schon lurch das bisherige Strafgesetz getroffen werden könne, ganz abge- schen, insoweit daS Theater in Betracht komme, von der Zensur, sind waS sei nicht alles in der Vergangenheit schon als unmoralisch mg^ sehen worden! Selbst religiöse Stoffe seien davon nicht verschont worden. Bezeichnend sei, wie ihm einst das bekannte Stück .Madragola" in einer Weise dargestellt worden sei, daß er es mit seinem sittlichen Empfinden nicht habe vereinbaren können, eS zu Itf.n. Er habe dies erst gethan, als er gehört, datz das Stück vor bmt Papste aufgeführt worden sei. (Heiterkeit.) Redner kommt auf He Venus von Milo zu sprechm, daS edelste Werk der Kunst. Äs dieselbe einmal in einer Münchener Kunsthandlung ausgestellt z.meserr sei, habe ein katholisches Zentralorgan dieses Werk als eine sinnlich wirkende Nudität bezeichnet. (Lebhafte Heiterkeit.) Da habe doch ber katholische Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Dere- eunbu8 vor zwei Jahren über die Engherzigkeit und Prüderie deS Zentrums geschrieben, Recht, wenn er sage, das Zentrum sei nachgerade |u einem Lager von Jlliteraten geworden. (Unruhe im Zentrum. Beifall.) WaS den „unverdorbenen Sinn deS Volkes" anlauge, so erinnere rr en eine Gerichtsverhandlung gegen drei Mägde, die einen Bauern- durschen auf dem Felde überfielen, und ihm die Hosen herunter- logau (große Heiterkeit) DaS Gericht habe sie freigesprochen, weil de Geschichte alS ErntesLerz angesehen worden sei (erneute große Merkest). Andererseits habe man wieder beu Bauernmäbchen ver- dvtsn, mit nackten Armen umherzugeben (Heiterkeit). DaS Zmtrum daba sich ausgehalten über den Ton der Resolution der Münchner tza sammluvg. Ihn, den Redner, habe dieser frische Ton gefreut. r-S Zmtrum beklage fich da über andere, sähe aber den Rtesenbalkm


