spruch auf schuldig der vorsätzlichen Brandstiftung. Der Vertreter der Staatsbehörde beantragte, auf 5 Jahre Zuchthaus und Ehrverlust auf die Dauer von 10 Jahren zu erkennen. Der Angeklagte sei ein roher, gemeingefährlicher Geselle, den man nicht lange genug hinter Schloß und Riegel bringen könne. Zwar sei der entstandene Schaden nicht erheblich; aber es sei nicht dessen Verdienst, daß die Feuerlöschung so schnell vor sich gegangen sei. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu vier Jahren Zuchthaus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren, die Höhe des Strafmaßes damit begründend, daß der Angeklagte vielfach vorbestraft sei und durch seine gemeingefährliche That sehr leicht hätten Menschenleben gefährdet werden können, und weil er ohne einen jeglichen Grund, sondern lediglich aus Rache gehandelt habe.
Sitzung -er Stadtverordneten
am 14. Juni 1900.
Anwesend Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Grüneberg und Wolff, vonseiten der Stadtverordneten die Herren Brück, EmmeliuS, Euler, Faber, Flett, Dr. Gaffky, Dr. Guts! eis ch, Hanau, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Huhn, Jughardt, Kirch, Krumm, Leib, Löber, LooS, Orbig, Petri, Scheel, Schiele, Schmall und Wallenfels.
Nach Eröffnung der Sitzung wurde die alljährlich stattfindende Auslosung der mit dem 1. Oktober d. I. zur Rückzahlung kommenden städtischen Schuldverschreib- ungen vorgenommen.
Der hierauf vorgetragene Voranschlag des Realgymnasiums und der Realschule für 1901/02 gleicht sich sich aus in Einnahme und Ausgabe mit 112,970 Mk. Die Haupteinnahmen setzen sich zusammen aus 45,855 Mk. Schulgeld, 36,924 Mk. Zuschuß aus der Stadtkasse und 29,966 Mk. aus der Staatskasse. Unter den Ausgaben erscheinen persönliche (Gehälter rc.) mit 105,120 Mk., sachliche mit 7150 Mark.
Zum Kaufvertrag mit Gg. Appel H über Weggelände in den GüntherSgräben wird Genehmigung erteilt.
Der Gießener Ziegenzuchtverein hat sich unter Hinweis auf seine geringen Mittel und die gestiegenen notwendigen Aufwendungen um Erhöhung der ihm bisher gewährten Subvention (25 Mk. pro Bock) an die Stadt- verordneten-Versammlung gewendet. Die Versammlung beschließt, dem Vereine mit Rückwirkung vom 1. April v. I. ab eine jährliche Zuwendung von Mk. 125, ohne Rücksicht auf die Zahl der Ziegenböcke, zu gewähren.
Der Präsident des hessischen Landwirtschaftsrates hat. sich mit einer Eingabe an die Stadtverordneten-Versammlung gewendet, in welcher dargelegt wird, daß es ohne Zuwendungen von anderer Seite nicht möglich sein werde, die im September in Darmstadt stattfindende landwirtschaftliche Ausstellung finanziell günstig zum Abschluß zu bringen. Das Gesuch geht dahin, die Stadt Gießen wolle einen baaren Zuschuß leisten und gleichzeitig bestimmen, ob derselbe ganz oder teilweise zur Beschaffung von Ehrenpreisen verwendet werden solle. Auf Antrag der landwirtschaftlichen Kommission werden 100 Mk. bewilligt, welche zur Prämiirung von Kühen und Kalbinnen Vogelsberger Rasse, die im Besitze von Züchtern (nicht Zuchthöfen) sind, verwendet werden sollen.
Herr Ludwig Weber hat um die Erlaubnis nachgesucht, während der Sommermonate Sonntags am Aus- sichtSturm an der Hochwarte Wirtschaft betreiben zu dürfen. Die Oberförsterei hat das Gesuch nicht beanstandet, sofern der Gesuchsteller für etwaigen Schaden aufkommt und für Reinigung des Platzes sorgt, ferner sich verpflichtet, Schankbier und gewöhnlichen Branntwein nicht zu verzapfen. Die landwirtschaftliche Kommission hat sich gegen das Ge- such ausgesprochen, und beantragt, das Gesuch wegen der zu erwartenden Unzuträglichkeiten abzulehnen. Wenn auch nicht die Annehmlichkeit einer durch Gewährung des Gesuchs ermöglichten Erfrischung an bezeichneter Stelle zu verkennen sei, so stehe andererseits zu befürchten, daß der allgemeine Genuß an der Schönheit des Waldes für die Spaziergänger gestört werde. Die Versammlung beschloß Ablehnung des Gesuchs. — Eine Anftage des Herrn Brück, ob nicht für die baldige Wiederherstellung des Wasserlaufs am Lumpen- mannSbrunnen etwas geschehen könne, beantwortet Herr Oberbürgermeister Gnauth dahin, daß dies bereits geschehen sei. Die Unterhaltung des Brunnens liege, wie er der irrtümlichen, in einem „Eingesandt- des „Gießener Anzeigers" kürzlich zum Ausdruck gekommenen Auffassung — als ob die Stadt für die Instandhaltung des Brunnens sorgen müffe —, gegenüber bemerken wolle, dem Kreise ob. Die Wiederherstellung habe sich nur etwas verzögert; man hoffe, daß nach der Fertigstellung der Brunnen ergiebiger werde.
Herr Kirch bringt das Beschmutzen und Beschreiben der Häuser durch größere Kinder zur Sprache; er fragt an, ob die Bürgermeisterei die Polizei nicht zum Erlaß einer entsprechenden Bekanntmachung und Androhung von Strafen veranlassen könne, und ob nicht auch der Schulvorstand gegen den Unfug, der ein schlechtes Licht auf unsere Schuljugend werfe, einschreiten könne. — Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt, daß von Zeit zu Zeit in den Schulen auf diese Ungehörigkeit hingewiesen werde; er wolle die Polizei benachrichtigen.
Herr Jughardt macht auf den ungenügenden Wafferumlaus in den Seitenbecken des Kriegerdenkmals aufmerksam. — Herr Schmall verlangt vermehrten Schutz der Pflanzungen in den öffentlichen Anlagen und Privatvorgärten und strenges Vorgehen gegen diejenigen, welche Zweige und Blätter von Sträucher» abreißen, um sie im nächsten Augenblicke wegzuwersen. — Herr Krumm verlangt entschiedenes Einschreiten gegen diejenigen schlecht erzogenen Personen, welche durch Beisammen stehen auf deu mitunter
recht schmalen Trottoirs den Passanten den Weg versperren. — Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärt, daß schon vor etwa zwei Monaten das Polizeiamt den Entwurf einer diesbezüglichen Verordnung vorgelegt habe. Der Entwurf habe bereits die Baudeputation passiert und liege zurzeit der juristischen Kommission vor; die nächste Sitzung werde sich damit beschäftigen.
Die vorliegenden Gesuche um Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb wurden, da cs sich ausnahmslos um Uebergang bestehender Wirtschaftsbetriebe auf andere Inhaber handelt, durch Bejahung der Bedürfnisfrage befürwortet. ES handelt sich um das Gesuch der Johann Klein Witwe im Hause Asterweg 12, desgl. des Johannes Marker im Hause Goethestraße 52, deSgl. des Zacharias Oppen Heimer im Hause Bahnhofstraße 15, desgl. des Wilhelm Wiedmann im Hause Frankfurterstraße 83 (Reiseonkel) und des Paul Dietmann im Hause Sonnenstraße 8 (Kaiserhof).
Aus Stadt und Land.
F. Friedberg, 14. Juni. Das Lehrerkollegium des hiesigen Gymnasiums hat den Beschluß gefaßt, unter sämtlichen akademisch gebildeten Lehrern und deren Familien der ganzen Provinz eine engere freundschaftliche Verbindung dadurch zu bewerkstelligen, daß gemeinschaftliche Zusammenkünfte abgehalten werden. Bei diesen Zusammenkünften sollen musikalische, deklamatorische, oratorische und theatralische Aufführungen, selbstverständlich von den Mitgliedern der Vereinigung, gegeben werden. Einleitende Schritte sind bereits unternommen worden. Um Irrtum zu vermeiden, sei hier bemerkt: nicht nur die akademisch gebildeten Lehrer an den höheren Bildungsanstalten, den Gymnasien, Realschulen u. s. w., sondern auch an deu höheren Bürgerschulen sind als Mitglieder vorgesehen. Die Zusammenkünfte sollen nach und nach an den besonders geeigneten Plätzen der Provinz stattfinden.
Vilbel, 14. Juni. Große Sensation erregt bei der gesamten Einwohnerschaft ein Vorfall, der seit Montag der vorigen Woche spielt. Ein hiesiger Maurer war nach einem Streite mit seiner Frau ins Wirtshaus gegangen. Die sehr jähzornige Frau suchte nun nach seiner Entfernung ihre vier Kinder zu vergiften, indem sie ihnen Schwefelsäure in den Mund träufelte. Bei dem jüngsten, noch nicht ein Jahr alten Kinde wurde die unnatürliche Mutter in ihrem Vorhaben gestört. Anscheinend reichte die Menge des Trunkes nicht, die Kinder mögen sich auch gesträubt haben, kurzum die beiden älteren Kinder von drei und sechs Jahren kamen ohne schwere Nachteile wie auch die Mutter selbst davon; dagegen wurde das zweitjüngste Kind, das etwa zwei Jahre alt ist, stark im Munde ver- brannt, in das Krankenhaus befördert. Die Frau ist verhaftet worden.
§ Grebenhain, 13. Juni. Gestern abend fand hier beim Gastwirt Strauch Generalversammlung des Krieg er- v er eins statt. An dem Fahnenweihfest in Engelrod am Sonntag, wird man sich nicht beteiligen. Es wurde sodann beschlossen, die Fahnenweihe und den Bezirkstag des Bezirksbundes Herbstein am 24. Juni zu Altenschlirf zu besuchen. Darauf fand eine Neuwahl für den von hier scheidenden Präsidenten des hiesigen KriegervereinS, Oberförster Weber, der nach Seligenstadt versetzt wurde, statt. Gewählt wurde Postverwalter Breitwieser von hier, seither ein eifriger Förderer des Vereins. Die übrigen Stimmen erhielt Dr. Bruchhäuser.
(!) Herchenhaiu, 14. Juni. Dem Vernehmen nach hat der Bürgermeister und LavdtagSabgeordnete Weidner hier gestern sein ganzes Besitztum, bestehend in Haus und Hof- raite, auch noch zwei von ihm früher erkauften älteren Häusern, nebst dem noch vorhandenen Grundbesitz an das Großherzogliche Haus, Familieneigentum, für 32,000 Mk. verkauft. Als stellvertretender Käufer fungierte Oberförster Weber von Grebenhain.
Darmstadt, 14. Juni. Dieser Tage ist, wie bereits mitgeteilt, der Privatdozent Fritz Pütz er in Aachen zum außerordentlichen Profeffor an der Technischen Hochschule zu Darmstadt ernannt worden. Diese Ernennung des noch nicht 30 Jahre zählenden Künstlers kommt der deutschen Architektenschaft nicht überraschend. Hat er es doch verstanden, sich durch eine Anzahl hervorragender Konkurrenz- arbeiten einen bekannten Namen zu machen. Sein Sieg bei der Konkurrenz für ein Verwaltungsgebäude in Aachen, bei der das Preisgericht sich für verpflichtet hielt, iu Anbetracht der ganz hervorragenden Leistung den ersten Preis von 5000 Mk. auf 6000 Mk. zu erhöhen, steht noch in guter Erinnerung. Und im Anfang dieses Monats fiel bei dem Wettbewerb für die Bebauung der Umgebung des Schloffes in Mainz der erste Preis von 3000 Mk. wiederum Pötzer zu. Durch seinen Baler, den ehemaligen Direktor der Oberrealschule in Aachen, wurden die zeichnerischen Anlagen des jungen Pützer ftühzeitig entwickelt. In einer mehrjährigen Lehrthätigkeit an der Schule seines Vaters entwickelte er sich rüstig weiter.
bm. Mainz, 14. Juni. Von dem schönsten Wetter begünstigt, hatte sich die heutige Fronleichnamsprozession eines außerordentlichen Zuspruchs zu erfteuen. Das Sanktissimum trug zum erstenmal der neuerwählte Bischof Dr. Brück. Zunächst dem „Himmel" gingen die katholischen Notabeln, Land- und Reichslagsabgeordnete, Stadtverordnete, Spitzen der Behörden, höhere Justizbeamte, vereinzelte Offiziere, Mitglieder des Lehrkollegiums u. s. w. Wie immer waren aus der Umgegend und insbesondere aus den protestantischen Nachbarstädten Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt, Mannheim, Worms zahlreiche Fremde zur Besichtigung des kirchlichen Umzuges hierher gekommen, die von dem ftühesten Morgen an der Stadt ein sehr belebtes Bild gaben. Der gesamte Umzug nahm etwa drei Stunden in Anspruch.
Oerichtssaat.
m y? «ensationsprozetz iu Brüssel. Bekanntlich ist der Prüfident der Transvaal-Republik, Krüger, vielfach beschuldigt fet Bestechungen zugänglich gewesen. Diese Woche hat man m Brüssel vor der Korrektwnellkammer des Gerichtes erster Jnstan» den Bewers der Wahrheit für die Bestechlichkeit Krügers und sämtlich!r an der Spitze der Transvaalregierung gestandenen Persönlichkeiten »u er" brmgen versucht, und das aus Anlaß eines Gründerprozeffes der infolge Antrages der Transvaalregierung in Brüssel gegen die Compagnie du Chemie de Fer du Nord de la Röpublique Südafrikaine weaen zwanzigfacher Buch- und Bilanzfälschungen, sowie wegen Betruges von« Staatsanwalt eingeleitet worden ist. Angeklagt waren die in Daris domizilierten Bankiers Freiherren Eugen und Robert v. Oppenheim der Lütticher Bankier Terwagne, der Lütticher Industrielle Braconnier,' der Brüsseler Rechtsawalt Warnaut und dessen Bruder Louis Warnaut der Unternehmer für die Firma Oppenheim war. Diese hatte die Romeffion jum Bau der 196 engt. Meilen langen Linie von Koomati-Poort nacb den Goldminen von Selatt im Jahre 1892 unter der Bedingung er- halten, daß die Baukosten nicht die Summe von 9600 Pfd. Stettin» pro Meile übersteigen dürften, und war zum Zweck der Beschaffung der Geldmittel ermächtigt worden, unter Zinsgarantie der Transvaal, Regierung die Bau erforderlichen Summen durch Begebung von Aktien und Obligationen bis zum Belauf der wirklichen Baukosten sich zu be, schaffen. Die Firma Oppenheim kontrahierte wegen des Baues mit einer Londoner Firma zum Preis von 7200 Pfd. Sterling pro Meile und strich nun die Differenz ein, nachdem fie statt auf Grund der wirk, lrchen Baukosten, auf Grund der von der Transvaalregierüna ad Maximum limitierten 9600 Pfd. Sterling pro Meile ihr Lktten- kapital gebildet und Schuldverschreibungen ausgegeben hatte Dieser Gewinn betrug genau 10 Mill. Frks. Um gegenüber der Transvaalregierung um drn Mitgründern diese Thatsache zu verschleiern wurden nun eine Anzahl Buchschiebungen vorgenommen und außerdem eme Personalschiebung in der Weise, daß die Pariser Firma ganz zurüä- ttat und als einzige faßbare Person nur noch der Ingenieur Louis Warnaut figurierte. Da die Transvaalregierung in all diesen Umständen die Thatsachen des Betruges und der Fälschungen erblickte, ließ sie durch Dr. LepdS in Brüssel, wo der Sitz der Gesellschaft sich befindet, die Klage betreiben. Die Angeklagten hatten fich den Beistand von ersten Rechtsanwälten gesichert. Außerdem hatten sie fich mit RechtS- gutachten von Waldeck-Rousseau und dem Bütonnier des Pariser BarreauS ausgerüstet, um nachzuweisen, daß sie berechtigt gewesen, ihren Aktten, und Obligationen-Begebungen den Maximalsatz von 9600 Pfd. Sterl. -u gründe zu lege» und daß die Bücherschiebungen regelrechte Buchungen und wirkliche Transaktionen darstellten. Die Firma Oppenheim bestritt, daß sie überhaupt soviel verdient habe; eS seien ihr außer 750,000 Frki. Nettogewinn nur für etwa anderthalb Million Aktien geblieben. Der ganze Rest sei zur Bestechung verwendet worden und in die Taschen des Präsidenten Krüger, der Frau Krüger, ihres Schwiegersohnes Eloff, des Generals Smit, des Generals Joubert und der Mitglieder der Regierung und des Bolksraad gewandert. Diese Behauptung erboten sich die Angeklagte» unter Beweis zu stellen. Während alle bekannteren Namen aus Pretoria und Johannesburg auf diese Weise in den Prozeß gezerrt wurden, blieb der des Dr. Leyds unberührt.
Der erste Prozeßtag brachte schon gleich interessante Dinge mit sich- Sofort zu Beginn der Verhandlungen stellten die Verteidiger den Antrag auf Vertagung, damit es ihnen ermöglicht werde, Zeugen aus der Transvaalrepublick zitieren zu lassen; die Reisekosten für dieselbe» seien die Angeklagten bereit, beim Gerichte zu hinterlegen. Der Staatsanwalt Demeur erhob jedoch Einspruch gegen diesen Antrag. Bara erwiderte, die Angeklagten hätten nicht angenommen, daß die Brüsseler Staatsanwaltschaft der ttansvaalischen Klage Folge gegeben hätte; jene Zeugen seien unentbehrlich, weil durch fie der Nachweis geführt werden solle, daß die Transvaalregierung, vom Präsidenten und seiner Umgebung angefangen bis zum letzten Mitgliede des Volks- raads, Bestechungen aller Art, in barem Gelbe, Aktien, Gemälden, Kleinodien, Uhren, Equipagen, angenommen hätten; diese Bestechungen stellten aber die Summe dar, welche nach der Anklage widerrechtlich in die Taschen der Angeklagten Oppenheim geflossen sein sollte. Das Gericht verwarf den Vertagungsantrag. Hierauf meldeten die Anwälte Bara und Graux sofort Berufung an mit dem Anttage, die Verhandlungen bis nach Erledigung dieser Berufung an den Appellhof zu unterbrechen. Aber auch hier stellte sich das Gericht auf den Standpunkt des widersprechenden öffentlichen Ministeriums; es beschloß, Kenntnis von der Berufung zu nehmen, aber die Verhandlungen fortzusetzen. Es begann sofort das Zeugenverhör. Als erster Zeuge wurde Dr. Leyds aufgerufen. Das Erscheinen des erst 41 jährigen eleganten Diplomaten, von dem seit acht Monaten in ganz Europa so viel die Rede ist, rief eine lebhafte Bewegung im dichtgefüllten Gerichtssaale hervor Durch Zwtschenfragen der Verteidiger ließ er sich nicht aus der Richtung sstner Angaben und Folgerungen herauSdrängen, wie verfänglich sie die Fragen auch stellen mochten. Daß vielfache Geschenke von Seiten der Unternehmergesillschast nach Pretoria gelangt seien, davon Hst auch L:ydS reden gehört; er weiß, daß dem VolkSraad für dessen Sitzungssaal KrügerS Oelbtld geschenkt wurde; ebenso ist ihm bekannt, daß den Mitgliedern deS Vocksraads Equipagen gc-' schenkt worden sind, aber er erklärt zugleich, diese „Großmut" Here in Pretoria und vorab unter den Beschenkten selbst allgemeine Hetttr- kett erregt. Ferner ist ihm bekannt geworden, daß sein erster LegationSsekretär, van Bosschoten, einen erheblichen Betrag Aktien erhalten Hai; jedoch ist ihm dafür eine Begründung mttgetetlt worden, welche keinerlei Bezug auf die GründungSgeschtchte der Bahn hat. So oft man ihm in Europa von der Bestechung?angelegenhett ce- fprochen, hat er seine Zweifel geäußert und Beweise verlangt. Jn- mitten der Aussagen beS Dr. Leyds gaben die Anwälte der Bcr- teidigung die Erklärung ab, daß Dr. LeydS persönlich mit den Bestechungen keinerlei Berührung gehabt habe, daß dessen Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit im Gegenteil über allem Verdachte erhaben sei. An Bemühungen, ihn zu kaufen, scheint eS nach dem Tone dieser Erklärungen nicht gefehlt zu haben. Der zweite VerhandlungStaz war nach einer kurzen Morgensitzung beendet, während deren LrybS seine Aussagen fortsetzte und seiner Ueberzeugung von dem betrügerischen Verhalten und den stattgefundenen Fälschungen Ausdruck gab. Diese Angaben wurden dann bestätigt von dem folgenden Zeugen, der die Bücher der Gesellschaft revidiert hatte. Hieraus stellten die Anwälte der Verteidigung einen neuen Bertagungsantrag, um Gegenbeweise 6er» beizuschafftn. DaS Gericht entschied gegen die Vertagung. Der Angeklagte Oppenheim erklärt, an Krüger ein Geschenk von 100,000 Francs gemacht zu haben.
Kunst und Wissenschaft.
Geh. «egierrrngSral Prof. Dr. «verdarb Schrader, der ausgezeichnete Affyrtologe, beging am 14. d. M. daS 25jährige Jubiläum als Ordinarius an der Universität Berlin. Geboren;u Braunschweig 1836, studierte er in Göttingen. Den ersten Erfolg brachte ihm eine Preisarbeit über da» W-fen der äthiopischen Sprache. Schon mit 27 Jahren erlangte er in Zürich eine ordentliche Professur für Theologie. In gleicher Eigenschaft wirkte er später In Gießen und Jena, bis er endlich am 14. Juni 1875 als Ordinarius für orientalische Sprachen nach Berlin öerufen wurde. ScU jener Zeit gehört er auch der Akademie der Wissenschaften an. Geheimrat Schrader trat literarisch zuerst mehr als Btbelkrltiker hervor, und ward erst später der für Deutschland bahnbrechende Erforscher der assyrischen Sprache und Kultur. Leider hat ihn vor Jahren em Srlaganfoll betroffen, deffen Folgen nicht völlig überwunden find. Der Gelehrte ist an den Rollstuhl gefesselt, vermag aber dank der Bewegungsfreiheit der Hände wiffenschaftltch wetterzuarbeiten, und in feiner Wohnung übt er auch eine beschränkte Lehrthätigkeit auS.


