Ausgabe 
10.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr 237 Zweites Blatt. Mittwoch den 10 Oktober 150 Jahrgang i«mm»

Gießener Anzeiger

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Die Wireeu irr China.

In Paotingfu, der alten Hauptstadt der Pro­vinz Tschilt, etwa 150 Kilometer südwestlich von Peking gelegen, scheint sich in kleinerem Maßstabe ein ähnliches Drama abzuspielen, wie wir es zur Zeit der Belagerung der Gesandtschaften in Peking miterlebten. Auch dort sollen eine Anzahl Ausländer eingeschlossen und belagert sein, und man hat ihnen offenbar, genau wie den Ge­sandten, den Vorschlag gemacht, unter chinesischer Bedeck­ung abzuziehen. Die Ausländer weigern sich aber, wie dem Reuterschen Büreau aus Tientsin vom 6. ds. gemeldet wird, Paotingfu zu verlassen, da sie einen Verrat der Chinesen fürchten. Infolgedessen dürfte eine wesentlich aus deutschen Truppen bestehende Entsatzexpedition in diesen Tagen nach Paoting aufbrechen. Eine deutsche Truppenabteilung von 500 Mann mit zwei Ge­schützen, die abgesandt war, um die Gegend nach Tsing- haihsien aufzuklüren und Wagen und Maultiere für die Expedition nach Paoting zu requirieren, kehrte nach vier­tägiger Abwesenheit zurück. Sie war 11 Kilometer über Tsinghaihsien hinaus gekommen und hatte viele Boxer gesellen. Zwei Mann, die vom Lager abgeirrt waren, wurden schwer verwundet; ein japanischer Kuli wurde in Stücke gehauen. Die Expedition nach Paotingfu wird, so fährt jene Reutermeldung fort, wahrscheinlich ihren Weg über Tsinghaihsien nehmen; die Expedition ist aufge- schoben worden urch wird am Montag oder Dienstag ab­gehen. Aus chinesischer Quelle wird berichtet, daß die Soldaten und die Bewohner aus Paotingfu geflohen sind und d zahlreiche Boxerbanden die Stadt und den Weg nach Paotingfu besetzt halten; man erwarte jedoch, daß s-ie fliehen werden, sobald sie vom Herannahen der Truppen chren. Man wird also voraussichtlich bald näheres über dihse Expedition nach! Paotingfu hören. Wie inzwischen, derDaily News" aus Peking vom 28. September gemeldet wird, haben Nachforschungen des Dolmetschers der deut­schen Gesandtschaft Cordes zur Entdeckung von drei Hinterladekanonen des neuesten Modells sowie eine Menge anderer Waffen und Munition in einem der Tempel der Stadt geführt. Die Kanonen waren in einzelne Stücke zerlegt worden, damit man sie leichter ver­stecken konnte, doch fehlte keines der Teile. Die Deut­schen stellten die Teil e der Kanonen wieder zusammen, durch die jetzt ihre Artillerie vermehrt worden ist. Nach derDaily News" hat der deutsche Dolmetscher Cordes seinen großen Waffenfund dadurch erzielt, daß ihm beim Verhör verschiedener Boxer die mehrfache Erwähnung des Buddhistentempels Tschangan auffiel, wo während der Belagerung Boxer und chinesische Truppen gehaust hatten. Er vermutete dort ein Zeughaus und die Nachsuchungen bestätigten seine Mutmaßung. DerTimes" wird aus Peking vom 1. ds. berichtet, daß nach der Abreise des russischen Gesandten v. Giers mit dem Gesandtschafts­personal das Gebäude der russischen Gesandtschaft von General Treskow, der die in Peking zurückgelassene russi­sche Garnison befehligt, besetzt worden sei. Vom 5. ds. wird derMorning Post" gemeldet, der britische Befehls­haber General Gaselee sei nach Peking zurückgekehrt und habe allen englischen Truppen mit Ausnahme des Regi­ments aus Weihaiwei den Befehl gegeben, sich für den Winter einzurichten. Das Regiment aus Weihaiwei kehre in seine Garnison zurück. Der Hauptteil der russischen Truppen sei bereits nach der Küste abgegangeen. Eine große Anzahl Fahrzeuge führen flußaufwärts mit Lebens­mitteln für die Japaner. Das scheint im Gegensatz zu der amerikanischen Meldung vom Rückzüge der japa­nischen Truppen darauf hinzudeuten, daß die Japaner beabsichtigen, den Winter über in Peking zu bleiben. Auch längs der Eisenbahn stellen die Japaner Marine- Abteilungen auf; ein Teil der französischen Truppen ver­läßt Peking. Der neue britische Gesandte für China, Sir Ernest Satow, der bisher England in Tokio vertrat, wird am Dienstag von Shanghai nach Taku abfahren.

DerMorning Post" zufolge soll neuerdings wieder einmal ein Angriff der Chinesen auf Shanghai be­fürchtet werden. So wird diesem Blatt e aus Shanghai vom 7. ds. Mts. telegraphiert, daß Chinesen einen 'An­griff auf Shanghai machen. 8000 Mann chinesischer Truppen sollen vom Norden her über den großen Kanal nach Süden marschieren, um mit den bereits hier stehenden Truppen zusammenzustoßen. Alle fremden Truppen in Shanghai werden in Bereitschaft gehalten, um einem An­griff zu begegnen. Ueber die politische Gestaltung der Dinge in China, insbesondere über die Bedeutung der neuesten kaiserlichen Erlasse geben auch die heutigen 9Nel- dungen keine Klarheit. Die meisten behaupten, diese Er­lasse und Beamtenernennungen ließen erkennen, daß der Hof nach wie vor bei seiner fremdenfeindlick)en Haltung beharre. Vom 1. Oktober wird derTimes" aus Peking berichtet: Der Kaiserin ist der Versuch, eine Schemregier- ung in Taiyuenfu einzurichten, mißlungen. Sie habe

Mandarinen in Peking, die früher hohe Aemter bekleideten, befohlen, sich dorthin zu begeben, alle aber hätten ab­gelehnt, unter dem Vorwand, daß sie die Linien der fremden Truppen nicht passieren könnten.

DerTimes" wird aus Peking vom 3. ds. ge­meldet: Das Zurückziehen der russischen Truppen ist noch vollständiger, als man zuerst gemeldet hatte. Sogar die Wache am Sommerpalast wird eingezogen und der Palast den Chinesen zurückgegeben werden. Li-Hung-Tschang hat dem Kaiser die deutsche Note übersandt, die die Bestrafung der Hauptanstifter fordert. Daraufhin hat der Kaiser den Beschluß unterzeichnet- wodurch Prinz Tuan und andere Boxerführer, die für die letzten Ereignisse verantwortlich sind, degradiert und bestraft werden sollen. Diese hohen Beamten bilden aber noch jetzt hauptsächlich die Umgebung des kaiserlichen Hofes, und sie selbst sind es, die dem Kaiser den Erlaß über ihre ebenen Strafen diktiert haben. Es steht außer Zweifel, daß diese Bestrafung gänzlich un­zulänglich ist und Deutschland keine Genugthüung bieten kann. Aus Shanghai wird demselben Blatt vom 5. ds. berichtet, daß nach Meldungen chinesischer Zeitungen Li-Hung-Tschang versprochen habe, Rußland die Mand­schurei unter der Bedingung abzutreten, daß Rußland fort­fahre, seine Truppen aus China allmählich vollständig zurückzuziehen und die übrigen Mächte dazu bestimme, Friedensunterbaltungen einzuleiten. Bis jetzt sei dieses Gerücht nicht bestätigt (und es dürfte sich sobald auch nicht bestätigen), aber es sei immerhin bezeichnend für die chi­nesische Auslegung der Schritte Rußlands, daß es in der eingeborenen Presse auftauchen könne.

Einem Telegramm aus Peking vom 3. d. M. zufolge hat sich Tungfuhsiang in der Provinz Schansi (soll wahrscheinlich Kansü heißen) geflüchtet, weil er seine Bestrafung fürchtet. Man gewinnt mehr und mehr den Eindruck, daß die kaiserliche Regierung Anstrengungen macht, um Hie Boxer zu zerstreuen und zu bestrafen. Kaiserliche Truppen zeigten sich am Montag in der Nähe von Peitatschu, man glaubt, daß ihr Auftreten mit jenen Anstrengungen im Zusammenhang stehe. Ter Vertreter des Vicekönigs von Tientsin machte bekannt, daß Befehle zur Niederwerfung der Boxer ergangen seien; zugleich erklärte er jedoch, daß er wegen der Anwesenheit der Ver­bündeten sich scheue, Trrtppen auszusenden. Bei einer aus­gedehnten Erkundung japanischer Truppen südlich von Pe­king gelang es nicht, den Feind zu entdecken. Wie jedoch ein Telegramm aus Tientsin vom 5. d. M. meldet, haben die Boxer gut ausgerüstete Kanonenboote auf den Kanal gebracht, um Paotingfu zu verteidigen, wohin am 8. eine Expedition abgehen soll. Chinesische Handelsleute sagen, daß Paotingfu thatsächlich verlassen sei, da die Be­wohner von dem beabsichtigten Angriff gehört hätten.

Aus Hongkong wird vom 7. gemeldet: Gestern griffen etwa tausend Aufrührer den Marktflecken Taiwan an, der acht Meilen nordöstlich von Samtschun an der Grenze des britischen Kaulungebietes liegt. Sie wurden indessen zurückgeschlagen. Hundert reguläre Soldaten sollen auf Samtschun marschieren. Ein Angriff auf diesen Ort wird heute erwartet. Die Polizei an der Grenze ist verstärkt und mit Maxims ausgerüstet worden, außerdem werden Truppen für alle Fälle bereit gehalten. Man glaubt, daß die Aufrührer Mitglieder von geheimen Ge­sellschaften sind. Nach den Meldungen aus Samtschun von heute früh ist dort noch alles ruhig, wenngleich die Läden geschlossen sind.

DieTemps" melden aus Tientsin vom 6. Oktober: Die Boxer sind noch nicht auseinandergetrieben. Der Posten von Mato-r ist soeben angegriffen worden, Lu- kautschao wurde von einer aus Franzosen und Eng­ländern bestehenden Kolonne besetzt. Die Russen sind auf dem Wege von Peking nach Tientsin. Die Fran­zosen schicken sich an, ihnen zu folgen. Der Abzug dieser Truppen beunruhigt die Europäer.

Aus Petersburg wird vom 8. gemeldet: Die Russen nahmen am 4. Oktober unter Generalleutnant Subbotitsch M u k d e n , nachdem die letzte chinesische Armee in der Mandschurei am 27. September bei Schischepu zer­sprengt war. Nach Meldungen, die dem Generalstabe zu­gegangen sind, haben die zur Eroberung von Mukden be­stimmten Truppen auf der Linie Jnkou bei Tschen sich gesammelt. Sie bestanden aus 11 Bataillonen mit 40 Ge- fchützen, 2 Sotnien Kosaken und 4 Schwadronen Eisenbahn­schutzwache. Sie wurden vom Generalleutnant Subbo­titsch befehligt. Am 26. September wurde An-schan- tschan, am 28. September Liaojang genommen. Während dieser Operationen befehligte General Fleischer sechs Ba­taillone Infanterie mit 10 Geschützen und 2 Sotnien Ko- aken auf dem linken Flügel, das Zentrum unter Oberst Artemonow bestand aus ztvei frisch aus Odessa angekom­menen Schützenregimentern und einem sibirischen Ba­taillon. Dieser verfügte über 36 Geschütze. Die rechte Flanke, die aus 4 Schwadronen Eisenbahnschutzwache mit 4 Geschützen bestand, und lediglich, mit dem linken Flügel der Chinesen zu kämpfen hatte, wurde von Oberst Mischt-

schenke befehligt. Der Feind zog sich kämpfend langsam aus den eingenommenen Stellungen zurück. Unsere Trup­pen hatten bis den 28. September dem Feinde 8 Geschütze neueren Systems abgenommen. Unsere Verluste be­tragen : 3 Osfiziere verwundet, 10 Mann tot, 64 verwundet.

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Telegramme deS Gießener Anzeigers.

Loudon, 9. Oktober. Aus Peking wird gemeldet: Die Deutschen wollten den von den Russen geräumten Sommerpalast besetzen, doch die Engländer kamen ihnen zuvor und halten ihn jetzt besetzt. Die Russen räumten das Gebiet des Kaiserpalastes außerhalb der verbotenen Stadt; dasselbe ist jetzt von den Deutschen okkupiert. Li-Hung-Tschang übermittelte dem Prinzen Tsching Waldersee's Forderungen, die Anstifter der Boxer-Bewegung zu bestrafen. Prinz Tsching er­klärte, nichts thun zu können, bevor Li-Hung- Tschang an gekommen sei. Nach Privatbriefen aus Tayen-fu soll Kaiser Kwangsü bei voller Gesund­heit, di§ Kaiserin-Witwe aber sehr leidend sein und dringend eine Verständigung herbeiwünschen.

London, 9. Oktober. Aus Peking wird gemeldet: Die Zahl der Deutschen, die in Peking überwintern werden, beträgt 1800. Die Zahl der übrigen Truppen, die ebenfalls dort Winterquartier beziehen werden, ist noch nicht festgestellt. Die Verbündeten sammeln augenblicklich große Mengen Lebensmittel.

Paris, 9. Oktober. Aus Tientsin wird berichtet, daß eine aus Franzosen und Engländern bestehende Ab­teilung die von den Boxern bedrohte Bahnstation Luku- tschao besetzte. Diese ist wegen Sicherung der Straße PekingTao-ting-fu besonders wichtig. Jetzt erst kann ernst­lich daran gedacht werden, gegen Tao-ting-fu vorzurücken.

Petersburg, 9. Oktober. General Matsiefsky, General-Gouverneur des Amurgebietes, sandte folgendes Telegramm: Der KriegSminifter teilt mir mit, daß der Kaiser mit dem Zweck, die guten Beziehungen zu China wieder anzuknüpfen, die Geneigtheit gehabt hat, zu be­schließen, daß kein Teil Chinas annektiert werden wird, und daß die zu treffenden Maßregeln auf das aller­notwendigste beschränkt werden müssen, nämlich zur Auf­rechterhaltung der Ordnung, zum Schutze der Mandschu-Eisenbahn und zur freien Schiffahrt auf dem Amur.

Der Krieg in Südafrika.

DasReuter'sche Bureau" meldet aus Ly den bürg vom 2. Oktober: Während der letzten fünf Tage ist General Buller ständig vor gedrungen, durch den Macmac­hügel, Pilgrimstbal, Pilgrimsrest und Kriegerspost, überall den Feind vor sich hertreibend, jetzt ist er in der Nähe von Okrigstad.

Aus Kapstadt wird vom 7. Oktober gemeldet: Die Freiwilligen Londons haben sich heute nach London eingeschifft. Vor der Abfahrt hielt Sir Alfred Milner eine längere Ansprache an die Scheidenden.

Aus Johannesburg wird telegraphiert: Mehrere Buren, die unter der Anklage standen, auf dem hiesigen Markte Lebensmittel für die Burenkommandos aufgekauft zu haben, wurden verhaftet. Aus Aliwalnorth wird vom 1. Oktober berichtet, daß eine englische Patrouille mit einer Anzahl Buren in der Nähe von Ronkville zusammentraf. Die B u r e n besetzten d i e S t a d t. Die englische Patrouille zog sich nach Aliwalnorth zurück. Zwei berittene Australier wurden von den Buren gefangen ge­nommen. De Wet steht eine Meile von Wepener ent­fernt. Sämtliche englische Posten in der Stadt und Um­gegend sind verdoppelt worden.

Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 9. Oktober.Daily Mail" meldet aus Pietermaritzburg: Ein hier ansässiger Bürger hat Lord und Lady Roberts das Anerbieten gemacht, ihnen das Grundstück, auf dem ihr Sohn getötet wurde, zu über­lassen, um darauf ein Denkmal für ihn errichten zu können. Lord und Lady Roberts nahmen dieses Anerbieten an.

London, 9. Oktober.Daily Mail" meldet, daß Lord Roberts wahrscheinlich mit den ersten nach England zurück­kehrenden Truppen sich in die Heimat einschiffen wird, also gegen Ende November oder Anfang Dezember.

Kapstadt, 9. Oktober. Cecil Rhodes ist hier ein­getroffen und wird sich in den nächsten Tagen nach Eng­land einschiffen.