Sonntag bett S September 150. Jahrgang tooft
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liften erfuhr der hiesige Vertreter des Dr. Wanner dem neuen Aufenthalt und am 27. August erschien der Vater mit seiner Urkunde in Stans und stellte hier bei der Polizeidirektion das Begehren um polizeiliche Hilfe. Diese wurde gewährt und Polizeiwachtmeister Lussy damit beauftragt Während Dr. Wanner in einem Gasthofe ttt Stans zurückblieb, fuhren gegen Mitternacht sein Anwalt in Stans, der Polizist und ein Privatdetektiv auy Zurich nach Hergiswyl und alarmierten hier die Leute in der Pension. Auf Befehl des Polizisten öffnete die Besitzerin das Haus. Von dem Vorhaben des späten Besuches m Kenntnis gesetzt, bat sie, sich bis zum Morgen zu gedulden, das Kind sei krank und bedürfe der Ruhe. Der Polizist bestand jedoch auf sofortiger Herausgabe. Die Mutter erklärte, sich von ihrem Kinde auf keinen Fall zu trennen. Als ihr Anwalt versicherte, daß sie Gelegenheit habe, mit dem Ehemann in Stans sich auseinanderzusetzen und der Polizist, wie behauptet wird, sie glauben machte, daß man ihr das Kind belasse, war sie endlich bereit, nach Stans zu kommen und mit dem Kinde nach Wien zu reisen, um die dortigen Gerichte entscheiden zu lassen. Zu diesem Zwecke übergab ihr Vater ihr das Reisegeld und man fuhr nach Stans in den Gasthof, wo Dr. Wanner wartete. Hier kam es zwischen den entzweiten Gatten zu etnem heftigen Auftritt, der Vater riß das Kind an sick^lvahrend die Mutter verztveifelten Widerstand leistete.- Der hilfsbereite Polizist hielt die Frau fest, und der Vater benutzte die Gelegenheit, mit dem Kinde ins Freie^zu gelangem Auf der Straße stand ein Fuhrwerk bereit, das den Vater mit dem Kinde und den Polizisten aufnahm und nach dem eine Stunde entfernten Buochs brachte, wo man um 4 Uhr morgens ankam. Der Polizist verlangte in em em kleinen Gasthause Unterkunft für eine Herrschet. In Be- aleituna einer unbekannten Dame bestieg Dr. Wanner mit dem Kind das erste Dampfboot nach Brunnen und ward nirgends mehr gesehen. Ob die Mutter nach Wien nachgereist ist, konnte man nicht erfahren. Ihr Anwalt hat g»eqen die Polizeidirektion beim Regierungsrat von Nidwalden Beschwerde geführt und gegen die Teilnehmer an dem Gewaltstreich Klage wegen Hausfriedensbruchs geführt Die Polizeibehörde von Nidwalden wird wegen ihres ungesetzlichen und gewaltthätigen Verhaltens in der Öffentlichkeit scharf getadelt, und man findet es unverständlich, wie eine schweizerische Behörde sich zu t einem derartigen Gewaltakt hergeben konnte. (Man wird hierüber auch die andere Seite hören müssen, ehe man em Urteil abgiebt.) „
** Eine steckbrieflich! verfolgte Grafrn. Bon den ungarischen Behörden wird eine Gräfin Oskar Haller steckbrieflich verfolgt. Sie hatte eine Orpheumgesellschaft organisiert, mit der sie im Lande umherzog. Doch hatte-
aber treiben den Betrug ins große und raisonnieren über die Kellerkontrolle, als ob dadurch der Weinstock in seiner Wurzel angegriffen würde. Wie lange noch läßt sich das Volk eine solche unverschämte Ausbeutung gefallen? Darum, ihr Weingutsbesitzer, gründet Winzeraenossen- schaften namentlich im Hinblick auf den bevorstehenden guten Herbst! Wir wollen dann den Wirten schon sagen, wo fie ihre Weine einkaufen müssen, wenn sie Gaste in ihrem Hause sehen wollen. Also fort mit der „Sodawasserkerwe"! Wir wollen kein Wasser! Wir wollen Wein, echte Gottesgabe, aus unserer sonnigen Pfalz.
* Baden-Powell als Heirats-Kandidat. Man schreibt aus London: Als Baden-Powell durch seine bekannte Verteidigung Mafekings das Interesse der ganzen englischen Nation in Anspruch nahm, wurden nach den Gepflogenheiten der hiesigen Presse auch seine intimsten Verhältnisse einer detaillierten Besprechung unterzogen, wobei sich denn u. cu auch herausstellte, daß der tapfere Oberst noch unbeweibt war. Was Wunder, daß es nun um seine Ruhe geschehen, und daß er vielleicht gewünscht, Mafeking nie gesehen zu haben, denn nach der Besremng Mafekings erfolgte eine neue Belagerung durch ungezählte Briefe seitens Damen jeden Standes und Alters, die ihm Herz und Hand anboten. Baden-Powell soll allen diesen Anerbietungen, selbst denen mit „goldiger Unterlage^, sehr kühl gegenüberstehen, mit Ausnahme von zwei Fallen, für die er wohl praktischen Sinn genug besitzt, um sw in nähere Erwägung zu ziehen. Es liegen nämlich zwei Offerten vor, in denen die schönen Schreiberinnen Jungfrauen in ungenanntem Alter) ihn als ihren dereinstigen Erben einzusetzen bereit sind, ohne irgendwelche Verpflichtungen oder Wünsche daran zu knüpfen.
* Zürich, 6. September, lieber die nächtliche Entführung des achtjährigen Kindes Helene Wanner aus Wien aus der Privatpension Pilatus in Hergiswyl werden folgende Mitteilungen gemacht: Der Gymnasialdirektor Dr. Wanner in Wien lebte von seiner Frau, einer geborenen Barto, seit sieben Jahren getrennt. Die Mutter hielt sich mit dem Kinde heimlich bald hier, bald dort auf. In der letzten Zeit wohnte sie mit ihren Eltern in Zürich, wo das Kind die Schulen besuchte. Im Januar 189(5 hatte Dr. Wanner vom k. Bezirksgericht Neustadt-Wien ein Urteil ausgewirkt, das ihn für berechtigt erklärte, sein Kind herauszuverlangen. Er brachte in Erfahrung, daß die Mutter mit dem Kinde in Zürich wohne, und' wandte sich diesen Sommer an die hiesigen Polizei-Behörden, die sich, gestützt auf das Urteil, bereit erklärten, die geeigneten Schritte zu thun. Als Frau Wanner davon Kenntnis erhielt, nahm sie mit ihrem Kinde und den Eltern Aufenthalt in der erwähnten Privatpension in Hergiswyl am Vierwaldstättersee. Durch die veröffentlichten Fremden-
Münchener Theater.
Reisebrief.
Wenn die Kgl. Theater ihre Räume auf 4 Wochen geschlossen halten — im August beginnt gewöhnlich die Wiedereröffnung — so stehen dafür, dem riesigen Fremdenverkehr zu Liebe, dvch an den verschiedensten Himmelsgegenden der bajuvarischen Residenz Thaliens Tempel offen. Sogar das ernste Genre, das erschütternde Sittenbild, die psychologische Studie wird an einigen Plätzen gepflegt.
Im „M ü n ch e n e r Schauspielhaus" hatte man ein ganz vorzügliches Berliner Ensemble unter Heines Leitung zu Gast gebeten. Hier gab man Ibsens „Klein Eyolf", Maeberlinkis „Eindringling" und Wedekinds „Kammersänger "in bunter Abwechselung.
Letzterer benennt sich eine Skizze in drei Szenen und ist ein wahrheitsgetreuer Ausschnitt aus dem Leben mit einer nicht aufdringlichen didaktischen Absicht, um derentwillen wir den Besuch des Stücks allen sensationslüsternen und müßig gehenden Frauen und Mädchen, vom frühreifen Backfischchen an bis zur depravierten Weltdame, ange- legentlichst empfehlen möchten. Der Rat, den der Verfasser der Satire seiner Heldin, einer überspannten jungen Engländerin, die sich in sein Hotelzimmer eingeschlichen hat erteilt: „Suchen Sie sich doch lieber für die Oper zu interessieren, als für die M ä n n e r, die auf der Bühne stehen!" lautet hart, ist aber sehr am Platz.
Der Wagner-Sänger „Gerardo" ist nun zwar kein Idealist, sein Verhältnis zur Kunst ist ein wesentlich geschäftliches, aber er gehört auch nickst zu den gewissenlosen Lumpen, die der Huldigungen, welch überspannte und unbeschäftigte Frauen ihnen entgegenbringen, Niemals überdrüssig werden. Und wenn die vornehme Dame, die sich ihm bei seinem Gastspiel an den Hals geworfen und nur von ihm verlangt, er solle sie mitnehmen, um seinetwillen erschießt, da er ihren Wunsch nickst erfüllen kann, so ist seine Verantwortung an der Katastrophe verhält- nisniäßig gering, wennschon sein Ausruf: „ich muß fort,
ich habe in Brüssel den Tristan zu singen!" nicht gerade [ den Gemütsmenschen verrät, als den „Gerardo" sich aber I auch niemals ausgiebt. Er ist im Gegenteil sehr ärgerlich, wenn verrückte Frauenzimmer ihm die Rolle des Halbgotts aufdrängen wollen. Von dem „Berliner Ensemble", das sich aus ersten Kräften des Kgl. Schauspielhauses, des Schiller-Theaters, des Deutschen Theaters und des Neuen Theaters zusammensetzt, wurde der Wedekindsche Einakter ebenso wie der auf ihn folgende „Zerbrochene Krug!" von Kleist, in dem das flotteste Tempo herrschte, brillant heruntergespielt.
Im Osten Münchens, am Orleansplatz, gegenüber dem Ostbahnhof ist ein ^eues Volkstheater", unter weiblicher Direktion (Lina Metttinger). Dasselbe rechnet mit den Bedürfnissen des kleinen Mannes und holt sich seine Gäste hauptsächlich aus dem arbeitsreichen Ostviertel. Eintrittspreise wie Repertoire sind in bescheidenem, volkstümlichem Zuschnitt gehalten. Der erste Fauteuilsitz koftet 1,20 Mk., der letzte Platz 30 Pfg.
Ein Zugstück ist augenblicklich Neuerts „D'Edel- weiß-Vroni von Tegernsee", ein Opus, das auch auf dem Spielplan der Schlierseer enthalten ist.
Aber mit der alten Schule, wie sie z. B. Julius Rosen in seinem Lustspiel „Des nächsten Hausfrau" vertritt wo die Verwicklung höchst naiver Art und worin noch immer viel „bei Seite" gesprochen wird, läßt sich gleichfalls auf den Hörerkreis wirken, den das „Neue Volkstheater" herbeiziehen will.
Auch wir sahen die alte Komödie, zumal sie sich sehr prompt abwickelt, nicht ungern.
Ein nicht zu unterschätzender Vorzug des „Neuen Volks- theaters "ist seine Lage an allen elektrischen Limen und in nächster Nähe der Keller des „Münchener Bürger-Bräu" und „Münchener Kindl", denen man nach der Vorstellung noch einen Besuch abstatten kann.
Im Gärtnertheater giebt man jetzt häufig ein | Volksschauspiel mit Gesang, welches mit der Stirnrnuna I des Publikums für Oberammergau geschickt rechnet; es sind
Max v. Schillings „Passiv ns schau spiel er von Ob erammergau." _
Es hätte ein Charakterstück im Stile Anzengrubers» werden können, zumal das Verbot des Münchener Kirchenrats: „Die Oberammergauer sollen sich das Leiden und Sterben Jesu Christi von ihren geistlichen erfiaren lassen und den Heiland nicht auf der Bühne herumschleppen , welches zu Beginn des Stückes einläust, einen ernsten Konflikt einzuleiten scheint. Derselbe wird jedoch nur so nebenher ausgetragen. Die Requisiten des bekannten! Bauernstückes: Almhütte, Zitherspiel, hartherziger Vormund, Mordanschlag und falscher Verdacht auf einen Unschuldigen, überwiegen und drücken das Ganze auf das Niveau eines theatralischen, mit äußeren Effekten überreich ausgestatteten Rührstückes hinab.
Das Passionsspiel steht nur insofern im Mittelpunkt, als bei der Wahl des „Herrgotts" vom Ausschuß infolge einer kleinen dörflichen Jntrigue, statt des bisherigen Christusdarstellers, der die Rolle ohnehin als sein Privateigentum betrachtet, ein jüngerer Mann gewählt wird. Darob gerät der frühere Inhaber der Rolle, dem seine Aufgabe bereits dermaßen in hen Kopf gestiegen ist, daß er unter den Seinen wie ein Fremdling herumgeht und alle Spuren des religiösen Größenwahns blicken läßt, in solche Wut und Aufregung, daß er sich zu allerhand Drohungen und gotteslästerlichen Reden hinreißen laßt.
Auf den Zuschauer macht die Wahrnehmung, daß sich der Darsteller des Christus genau so gebärdet wie ein weltlicher Schauspieler, dem man seine Lieblingsrolle abgeholt hat, einen recht verstimmenden Eindruck, wennschon er sich der äußeren Spannung, die das Schnuspwl erregt, zumal wenn es von Kräften gespielt wird, welche wie die am Münchener Gärtnertheater den Dialett jo meisterhaft beherrschen, kaum entziehen können.
Länger als diesen einen Sommer durste da^Dast'n des Schillingsschen Schauspiels allerdings schwer ich dauern. Wenn die 9Mlfabrt nadi
Ende erreicht hat, wird man es im Theaterarchiv ZU^Rich bringen.
Vermischtes.
** Er wünscht „intime Beziehungen". Em Berliner Wüstling erhielt Mittwoch abend von Frauen- händen eine Abfertigung, an die er wohl, so lange erlebt, denken wird. Der Thatbestand ist kurz gefaßt folgender: Auf Inserate in verschiedenen Blättern, durch die alleinstehende Frauen ihre Dienste als Wirtsck)after- innen anboten, erhielten diese folgende, fast gleichlautende Antwort: „Frau....! Jrn Besitz Ihrer werten Offerte bin ich willens, Ihnen die Stelle zu übergeben, wenn Sie geneigt sind, zu mir in intime Beziehungen zu treten. Ich bin 33 Jahre a-lt und gut situiert. Herzlichn Gruß Ernst ^krause". Diesem frechen Schreiben lag die Adresse bet. Der Zufall fügte es, daß einige Damen, die in derselben Absicht Annoncen in einer Zeitungsexpedition abheferten, sich bei dieser Gelegenheit kennen lernten, und bei dem Austausch der Erfahrungen auf der Stellensuche auch des .Herrn Krause erwähnten. Die Frauen beschlossen, dem Don Juan eine empfindliche Strafe zuteil werden zu lassen. Eine der Stellungsuchenden teilte ihm mit, daß fie Zwecks weiterer Rücksprache ihn in ihrer Wohnung sprechen mochte, Herr Krause, ein richtiges Gigerl, erschien auch und stellte nun nochmals mündlich seine Bedingungen. - Als er mit .seinen frivolen Red-en zu Ende war, öffnete sich eine Setten- thür und nicht weniger als elf Frauen erschienen auf der Bildfläche. Herrn Krauses Kniefälle und Geldanerbietungen schützten ihn nicht vor der gerechten Strafe. Richt Schamröte war es, die seinem Gesichte beim Abschlüsse dieses Liebesabenteuers eine interessante Färbung verliehen hatte. Der Wunsch, in „intime Beziehungen" zu Wirtschafterinnen zu treten, dürste Herrn Ernst Krause wohl für immer vergangen fein.
** Ein pfälzischer Notschrei wird in einem Landauer Blatt erhoben. Ein neumodischer Genußarttkel auf der „Kerwe" ist das Sodawasser geworden. Früher war das Stichwort an den Kirchweihtagen: Wo giebt s /einen guten Schoppen? Heute hört man nur: Hannes, einen halben Schpppen und ein Fläschchen Wasser! Manche Wirte verbrauchen an diesen Tagen 800—1000 Fläschchen Sodawasser zu je 15 Pfg. Ob sie auch so viel Mm verkaufen? Welch Ironie auf die Pfälzer Wemkultur! Statt Naturrein verkaufen die Wirte gegohrenes Zuckerwasser, und für diesen „Plernpel" läßt man sich 40—50 Pfg. per Schoppen bezahlen. Die so heraestellten Weine find sehr alkoholreich Um nun den Alkohol zu dämpfen, und vorzeitiger Trunkenheit vorzubeugen, sind die Leute genötigt, heu „analysenfesten" Gebirgswein mit Wasser zu vermischen. Läßt sich irgend eine habgierige Bauersfrau bei- aeben, die allzu fette Milch mit Wasser zu verdünnen, so schreit die ganze Welt: Betrug! Lebensmittelverfalsch- ung! Wo bleibt die Polizei so lange? Diese Weinpantscher
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