Nr. 157 Zweites Blatt
Sonntag den 8. Auli
i9oe
and »ruderet: Nr. 7.
Anzeigen zu bet nachmittags für be« fr****** «rfcheivenden Rumset bis Bor». M 8hr W*M»limgtti spätestens ebeebS vorher.
^breffe für Depeschen: >*|Hget Ktrtzv«. Fernsprecher Rr. 5L
GratLsdeitage«: Meßrnrr FmnMenblätter, Der heMchx Landwirt Blätter für hexische DolksLndt. &
flyioüiitfä vermochten sich Küchen- und Hauskäfer dort zu ArllvilllllV halten, wo Brückolin zur Anwendung kam. Man verlange das großartige Mittel vom Fabrikanten Sg. Brück, Darmstadt. PreiS per Packet Mk. 1.80. Ueberall erhältlich. 2093
Wern nachgebildet sind und viel Beachtung erwecken. Ach, wie hübsch mußten hich daraus an einem so heißen Sommertage all' die guten Sorten kosten lassen, Winkeler ober Steinberger Riesling, ein flüssiger Jo- sefshüser oder gar Schloß Johannisberger Kabinettwein, zene edlen Gaben, bte der dicke Reichs-Katalog protzenbaft rn langer Reihe aufführt. Wer vergeblich wetzt man sich danach die Zunge. Diese ganze Weinausstellung ist nur eine Attrape — und was nützt dem Durstigen das schönste Etrquette, wenn nichts in der Flasche ist! Wer probieren will, der thueGeldin seinenBeutel (aber nicht zu knapp!) und gehe einige Schritte weiter in das deutsche Weinrestaurant, ich glaube, gegenwärtig der einzige Ort in Paris, wo am wenigsten deutsch gesprochen wird, denn die vornehmste französische Gesellschaft hat von diesen ebenso geschmackvoll wie behaglich 'ausgestatteten Räumen Besitz ergriffen und tafelt hier am liebsten und ausdauerndsten. Armer deutscher Fremdling, der du zur Dinerzeit Lust nach emem guten Tropfen (und es giebt deren hier viele) Mosel- oder Rheinwein hast und der du versäumtest, Frack, weiße Bmde und sonstiges Zubehör anzulegen, du wirft schnell zurückschrecken, wenn du in die von einer festlich geputzten Menge angefüllten Hallen trittst und die strafenden Blicke der deutschen Kellner verspürst, wenn du kein Plätzchen frei findest und jeden Augenblick in Berührung kommst mit den fliegenden Ganymeds, wie froh bist du, sobald du erst wieder die Thür gewonnen hast und dich schneller, wie du glaubtest, von neuem draußen befindest. Willst du hier in Gemütsruhe mal zechen, so mache das gefälligst nachmittags ab, etwa zur Kaffeezeit, da kannst du bann ungestört deine praktischen Studien über die Ergebnisse des deutschen Weinbaus anstellen!---
Deutschland und die chinefischeu Wirren.
„Das Ideal in der Kunst, Größe in Ruhe darzustellen, sei das Ideal auf dem Throne." Das Wort ist von Jean Paul. Größe in Ruhe! In der That, das ist die Majestät ww rn der Kunst, so in der Politik. Größe in Ruhe ist auch dre Aufgabe jeder starken, pflichtbewußten Regierung, die es mit ihrer Verantwortung gegenüber dem Monarchen,
-/nd d^ Geschichte ernst nimmt. Sie darf der Leidenschaft, der Erbitterung nicht Raum geben; sie muß ost genug ihre noch so natürlichen Empfindungen zurück- brangen um der Interessen willen, die ihr anvertraut sind.
A"laß. hat, an Rache zu denken, obwohl dieser Ausdruck, den die Bibel so gut wie die Politik ablehnt, besser gemieden wird, so darnach nicht vergessen robben ei" bricht ist, bas kalt genossen
ivutucii rnuHw
Aus Holz errichtet ist der N o r w e g i sche P a v i l lo n, m schmuckem, braunem Gewände erscheinend, das sich fröhlich dem luftigen Bau mit seinen Giebeldächern, den keck daraus emporsteigenden Türmchen, den schmalen Veranden anpaßt. Auch das Innere ist ebenso flott und ansprechend gehalten mit ferner Holz-Architektur und den sich an der I Decke und den oberen Seitenteilen ausspannenden Fischer- I uetzen, Tauen und Fahnen, den Dioramen der Fjords an I oeu unteren Wänden und den mannigfachen Gruppen ausgestopfter Tiere, unter ihnen riesige Eisbären, gewaltige Walrosse, mächtige Elche. Die Ausstellunqs- gegenstande, die hübsch gruppiert find, vertreten Jagd, Fischfang und Rettungswesen zur See, sie werden durch reiche naturgeschichtliche Sammlungen auf der oberen Gallerte ergänzt. Das Hauptinteresse erregt auch hier wieder die effektvoll mit Büsten, Bildern, rühmenden Worten in Szene gesetzte Nansen-Ausstellung mit dem Modell der Fram, dem lederumspannten Eskimo-Boot, den Hundeschlitten und ausgestopften Hunden des kühnen Forschers, seinem Schlafsack, endlich einem ganzen Berg ungebrauchter Konservenbüchsen. An drei oder vier anderen Orten habe ichj während der letzten Jahre schon genau dieselbe Nansen- Ausstellung bewundern können; allmählich wirkt dies Zur- schaustellen der Berühmtheit und diese Konservenbi'chsen- Reklame doch sehr lächerlich und ist eines so ernsten, tüchtigen Mannes wie Nansen unwürdig.
Des sich- an den Norwegischen Pavillon anschließenden Deutschen Hauses ist bereits in einem besonderen Aufsatz gedacht worden. Hinzuzufügen ist, daß seit kurzem i dm deutsch e Weinausstellung eröffnet worden ist wie es sich- gehört in einem kellerartigen Raum, der sich neben dem deutschen Weinrestaurant befindet. „Weinausstellung" ist eigentlich! etwas zu viel gesagt, richtiger ist: Fässer- und Gläser-Ausstellung, denn darauf läuft die ganze Sache hinaus: in einem merkwürdig kleinen Gewölbe A besten obere Wandflächen mit einem Baechuszuge und Rhem- wie Mosetlandschaften hübsch bemalt sind, sieht man die schöngeschnitzten, wappenverzierten Vorderseiten von sechs großen Fässern, die den Weinbau von Württemberg I Hessen, Bayern, Elsaß-Lothringen, Baden, Preußen I öertretcn, und in zwei Schränken eine beträchtliche Zahl von Weingläsern (von L. Felmer-Mainz), die sehr geschickt I unö originell römischen, fränkischen und mittelalterlichen
I Berlin, 5. Juli. Die akademische Marie. I Dieser Tage starb hier hochbetagt eine Frau, die Restau- I rateurswitwe Klara P., die in ihrer Jugend vielen Berliner I Musensöhnen bekannt war. Die „Akademische Marie", die | während «der sechziger Jahre in verschiedenen Kneipen mit Bedienung von zarter Hand in der Nähe der Universität
I den durstigen Studenten den ersehiiten Labetrunk kredenzte war em Original ganz eigener Art. Sie besaß Kenntnisse
I der griechischen und lateinischen Sprache, um die ue mancher Professor hätte beneiden können. Für die
I Meerchen Anbeter des hübschen und durchaus anständigen I Mädchens war es ein Hauptvergnügen, ihren lateinischen und griechischen Bierreden zu lauschen. Sie bestieg unter
I Lachen und Scherzen ihrer Zuhörer einen Tisch und sprach über irgend ein ihr gegebenes Thema in klassischem Latein oder Griechisch, wobei sie zahlreiche Zitate aus Dichtern
I und Gelehrten des Altertums in ihre „Pauke" verflocht. I Mancher Theologe oder Philologe, der heute schon lange I H1 Amt und Würden sitzt, hat sich damals von der lustigen I Bierhebe Rat geholt, und nur selten versagte das in der I That überraschende Wissen des seltsamen Mädchens. Be I sonders Auserwählte nahmen ein förmliches Repetitorium bei ähr, und Marie forderte nie einen Pfennig für den
I Unterricht, den sie thatsächlich in ihrer freien Zeit erteilte. Sie war die Tochter eines Oberlehrers in der Provinz, der als klassischer Philologe seinem einzigen Kinde die Geheimnisse seiner Wissenschaft erschlossen hatte. Als der Vater starb, ohne Vermögen zu hinterlassen, kam Marie nach Berlin und wurde, da sie sich nicht anders ihren
| Lebensunterhalt zu verdienen wußte, schließlich Kellnerin. | Marie besaß em Album, in dem sich manches Gedicht von berühmten Autoren befindet, die ihrer Schwärmerei und ihrer Dankbarkeit für die gebildete Kellnerin in edlen kunst- schönen Worten Ausdruck verliehen haben. In den 70er Jahren heiratete Marie, nachdem sie einige Ersparnisse gesammelt, einen Kellner, und eröffnete in" der Lonisen- straße ein Restaurant, das viele Jahre hindurch von Studenten stark besucht war. Ihr einziger Sohn beabsichtigt aus den hinterlassenen Papieren seiner Mutter ein kleines Buch zusammenzustellen, das zweifellos manchem einstigen Hörer der Berliner Universität als Erinnerung an die goldene Jugendzeit willkommen fein wird.
* Die Vorliebe des Fürsten Ferdin and von Bulgarien, als Lokomotivführer thätig zu f ein, ist bekannt. Wie jetzt neuerdings gelegentlich feiner jüngsten Reife nach München berichtet wird, verließ der Fürst in Salzburg unvermutet den Schlafwagen des Orient- Expreßzuges, nachdem er sich einen weißen Kittel über den Anzug gezogen hatte, und bestieg die Lokomotive, auf der er bann die Fahrt nach München fortsetzte. Hierbei unterhielt er sich eifrig mit dem Lokomotivführer und übergab ihm auf der Endstation ein in Wahrheit fürstliches. Trinkgeld.
® >n der Neuzeit kaum einen leidenschaftlicheren Staatsmann gegeben als den Fürsten Bismarck, aber auch kaum einen Staatsmann, der sich besser zu betierridien Wußte als den ersten Kanzler. war ein^guter Hasser" er batte em vorzügliches Gedächtnis. Aber er konnte warten M bie Dinge auf dem Fürftentage eine Wendung zu bte verhängnisvoll erschien, zer-
Porzellanteller und um semer Herr zu werden, aber in ftitter Einsamkeit. Nach außen war er von vollendeter €T 5€s9te GSe in Ruhe. Diese Gemessenheit hat er anbeTen fischen Lagen bewiesen, und ihr ver- ^?^" br ferne besten Erfolge. Selbst der Schein der Schwache, selbst der Vorwurf „würdelosen Wettkiechens" Pt°nJrnem ^tt0ln ^nnte ihn nicbt beirren. Er sah in dem einzelnen Zug noch nicht das Ende des Spiels t5^^butschland hat die Unbill zu sühnen, die ihm in
^o^?hren ist. Diese Sühne wird erfolgen, daran Sehr begründet aber sind die Zweifel ob b&e Aufgabe hat, jetzt die Führung in dem vstaftatischen Kampfe zu übernehmen. Andere Mächte sind rn ihren Laiidsleuten auch, verletzt worden, und sie haben S^re wirtschaftliche und politische Interessen in China As Deutsche Reiche Die Herstellung geordneter Zustande in China erfordert offenbar viel größere Anstreng- ungen, als man noch vor wenig Monaten annahm. Deutsch'- kaud wird sich von der Erfüllung dieser Aufgabe nicht ?unen. Aber es wird nach- Möglichkeit be- ruchiich^tigen, daß es etwas anderes ist, für Haus und Herd, für die Ehre unb Selbständigkeit des Vaterlandes als für emeE barbarischen Horde zu kämpfen und
Jaufenbe unb Abertausende deutscher Söhne „auf der Strecke zu lassen". Daher kann es nur mit Beftie- biqung begrüßt werden, daß die deutsche Politik ihre Teilnahme an der bewaffneten Intervention auf das Maß de<- unbedingt notwendigen beschränkt.
„3” weit höherem Grade als Deutschland sind an der ^wEimg der Dinge in China Rußland, England und
beteiligt, ^apan ist nach seiner geographischen Lage am ehesten berufen unb befähigt, den Aufstand in China Niederzuwerfen. Es scheint dazu auch bereit gewesen zu
a terbl10§ nur. 9e9en die Zusage ausreichender Ent- Nj^ung da es nicht die Lasten pro nihilo tragen mag. Riefer J^fan ist an dem kategorischen Widerspruch Rußlands tm Rußland als ostasiatische Macht blickt eifersüch-
9mLbc^ bewältig emporblühenden Kulturstaat, der sich aefSri f.biie^eSre m oHe Zuschreibt, die Preußen in Europa gespielt hat. Ob Deutschland die Erteilung eines Mandats nirfi?5 ^rhpr0119^?1 fber befürwortet hatte, wissen wir teiluna bpL m^.^udon wird gemeldet, nach einer Mit- lenfe bie Berichterstatters der „Daily News"
lands nid Regierung angesichts der Haltung Se/ümÄ' nochmaliger BefÜrwortuna des!
fte werde sich vielmehr gänzlich im
jedes^Nnverbn^men^wr^daß Deutschland seiner Treten zu forbern und nach Maß- wssta scas.'s® teiÄHÄEBjsniÄss schwächende Unternehmen als bedenklich und aefäbrlTn^ fteht. An der Abrechnung für die e?litt"n/^UnbillTd sss darum Nicht fehlen. Auch wird sich Deutschland so I wenig jetzt wie früher bei großen Entscheidungen die^ die heutschen Interessen berühren, beiseite schiebeii lassen Es I LÄ^^utzutage auch wohl keinen Staat, der eine solche »Absicht hegte oder für durchführbar hielte. Aber je zurück- I
Deutschland gegenwärtig ist, um so größer ist I das Gewicht, das es bei der endgiltigen Auseinander- I Wung in die Wagschale zu werfen hat. Deutschland wird I |ur ferne Interessen eintreten, aber auch nur für seine In- I lereffen, und es kann sicher sein, dabei seinen Platz an I eer Sonne zu bekommen. Wollte sich die deutsche Regie- I ung blinbhng§ in unabsehbare Kämpfe verwickeln lassen, I lo thate sie einen Gefallen nur Deutschlands Feinden. Und I
I ?^^Ab hat den Leitern niemals mehr als heute not ae- I than Größe mit Ruhe.
MkihSgt durch die Paristt Wrltausstkllllllg.
Von PaulLindenberg.
(Nachdruck verboten.)
XIV.
Wettere Durchwavderung der Straße der stewdeu Nationen. — Englands Schlößchen. — Belgien. — Der Pavillon Ror- »egens. — Die deutsche Weinausstellung.
An den Ungarischen Pavillon schließt sich der Enq- lanhs an in ansprechend-einfacher, dabei doch sehr gefälliger Form, den englischen Schtoßbaustil des 17. Jahr- ^uderts vertretend und in feiner ganzen Anlage dem Kingston-House m Bradfort am Aven nachgebildet. Auchi das innere zeigt uns ein vornehmes englisches Heim wenig Luxus, noch weniger Blendwerk in der Ausstattung' Mut ein sicherer künstlerischer Geschmack, verbunden mit
“nb Begriffen gar zu
schlichten Behaglichkeit. Daneben aber welche Sauberkeit m jedem Winkel wKh sorgsame Ausführung der kleinsten WFkeile, westhe Wohlhabenheit in den verschiedenerlei Ausstattungstucken des täglichen Gebrauchs, denn alles ist derart eingerichtet, daß das Haus jeden Tag von dem Prrnzen von Wales bezogen werden kann, dem es als Aufenthalt dienen soll, falls er nach' Paris kommt. Den kostbarsten Schmuck aber erhielt der Pavillon durch eine ^Mischen Museen entstammender Gemälde der besten Maler des vorletzten und letzten Jahrhunderts, darunter die Meisterwerke eines Reynolds, Constable, Hogarth, Hophner, Burne-Jones, Turnet und änderet, eine jo harmonisch mit der Umgebung zusammengepaßte Sammlung, daß jeder Kunstfteund gern wieder und wieder seine Schritte hierher lenkt.
Englands Haus, so einfach sich gebend, hat's eben in W, Ums man von dem benachbarten B e l g i e n nicht fagen kann, ba§ dafür desto stattlicher und würdevoller nach außen auftritt, in treuer, imposanter Nachahmung des Rathauses von Oudenaarde, jenes wunderbaren Bauwerkes der reizvollen Spätgotik: das spitzgehende Dach, weithin überragt von dem schlanken Glockenturm, die vier Fronten mit den zahlreichen rundbogigen Fenstern überzogen wie von einem steinernen Spitzenschleier, das untere Stockwerk von zierlichen Arkaden umschtossen. Innen ist's dunkel ITf “y^unbltdj, es verlohnt Nicht hineinzugucken, beim belgische Zeitungen und Photographieen kann man auch i anderswo sehen. 1 \
Sxftthd Ugfi4 X, , -----------------------------------------------------
Btt auMdbme M M
«vmags. Ä . Wn A Nezugspreis
('lu-ßaierjlniciflcr
zA_ P • mit' vchellgelb.
1 L j t Lil \, l »ehm<n Anzeigen für den Gießener Anzeiger ratgeoau
'—s £ 0 Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
und Anzeigeblatt fflr den Ureis Gießen.


