Nr. 153 Zweites Blatt Mittwoch den 4. Juli
iso®
Henerat-Unzeiger
Alle Lnzeigen-BtrmittlrmgSstellen deS In« und Auslands» »ehmm Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
Nezugsprei» eintci'jäbrl Mk. 2,2t monatli^ 76 Pfg. mit Brmgerlohn; durch die AbholtstrLr» vierteljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2.40 vierteljähri. mit Bestellgeld.
W»»e|me »•« Anzeiger, zu der nachmittags für de» fMtmfcai Lr»ß erscheinender. Nummer bis vorm. 10 Uhr. RbtefteLungcn spätestens abends vorher.
erscheint täglich ▲v Ä
mit Ausnahme de» W IMBk W
ä Kreßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Aireis Gieren.
Ä*®M»», Expedition und Druckerei:
Ach»tßraße Ar. 7.
1 . ...B B'J"?!1 ■ UJ .. H1 . J. TTT'T. . W L, .LJ. 'JJLP -11.. ■'Sl g 1 1 ■■■"-■■g"’."
Gratisbeilage«: Gießener FamilienblAter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.
Ldreffe für Depeschen: Anzeiger Kkt«.
Fernsprecher Nr. 51.
Die Wirre« in China.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt an der Spitze der gestrigen Nummer:
Nach einer Spanne Zeit langen Schweigens und wider- sprechenoer Nachrichten ist endlich eine Aufklärung gekommen. Der kaiserliche deutsche Gesandte, Freiherr von Ketteler ist nach vorliegenden Nachrichten, während er mit dem Dolmetscher zum Tsung Li Namen ritt, vomPferde gerissenund ermordet worden. Der Dolmetscher wurde verwundet, hat sich aberretten können. Die Gesandtschaft ist zum größten Teile niedergebrannt und die übrigen Vertreter der Mächte mit ihrem Personal und den kleinen Marineschutzwachen sind, soweit Nachrichten vorliegen, noch im Kampfe um ihr Leben begriffen. Doch foll die M u n i t i o n bereits knapp gewesen fern, so daß auch! hier das Schlimmste zu befürchten ist. Es ist eine erschütternde Nachricht, die aus der Hauptstadt des Reiches der Mitte kommt, und ganz Deutschland wird die Kunde von dem Schicksal des deutschen Gesandten mit einem Gefühle größter Teilnahme und Trauer, aber auch« tiefer Empörung ausnehmen.
Das offiziöse Blatt widmet alsdann dem ermordeten Gesandten anerkennende Worte und schließt:
Wenn es etwas giebt, was die Verwandten und Freunde des Freiherrn trösten kann, so ist es, daß er auf dem Schlachtfelde gefallen ist.
Wer immer im Augenblick in Peking regiert — Daily Telegraph berichtet aus Shanghai, Prinz Tuan bemächtigte sich der Personen des Kaisers und der Kaiserin-Witwe und riß die Gewalt an sich — ist verantwortlich dem deutschen Volke und der gesitteten Welt für die Greuelthaten, für die Verbrechen gegen das Völkerrecht, die unter den Augen der Machthaber sich! vollzogen haben, für die heuchlerische, lügnerische Verschleierung der Wahrheit vierzehn Tage hindurch Wer immer in China künftig regieren wird, er wird angehalten werden, die über Nacht ungeheuerlich angewachsene Rechnung, dieDeutschlandpräsentieren wird, zu bezahlen, ohne freilich dadurch wieder gut machen zu können, was leider nicht mehr gut zu machen ist!
Nach Erklärungen der chinesischen Regierung ist wiederholt beteuert worden, daß die Gesandtschaften nach wie vor den Schutz der chinesischen Regierung genössen. Der Vizekönig in Nanking hat sich auf kaiserliche Reskripte, die vom 25. v. M. datiert sind, als Zeugnis berufen. Frhr. v. Ketteler ist, wie wir in unserer gestrigen Nummer bereits uUsern Lesern mitteilen mußten, ermvrdet worden, ermordet auf dem kurzen Wege von deutschem Boden, dem Gesandtschaftsgebäude, zum Sitze des Auswärtigen Amts, des Tsung-li-Yamen; man hat ihn meuchlerisch schon am 18. v. M. erschlagen und dies Verbrechen bis jetzt der Außenwelt verborgen gehalten! Der Gesandte des deutschen Reichs in Peking ist das Opfer ferner Berufstreue und eines ungeheuerlichjen Frevels geworden. Er, als erster unter' den Diplomaten, hatte die Gefahr erkannt und seine mahnende Stimme erhoben! Nicht seine Schjuld ist es gewesen, daß die Mächte zu spät sich zu Sicherungsmaßnahmen vereinigt haben.
Die Blätter besprechen in längeren Artikeln die amtlich bestätigte Meldung von der Ermordung des deutschen Gesandten und geben ihrer Entrüstung über diese Greuel- that in bewegten Worten Ausdruck. Die „Deutsche Tageszeitung" meint, es wäre geboten, daß, wenn unsere leitenden Kreise zu der Ueberzeugung gelangen sollten, daß wir in China zu weitergehenden Unternehmungen in unserem Interesse gezwungen seien, der Reichstag darüber befragt würde, ob er sich dieser Anschauung anschließen wolle. — Die „Germania" bezeichnet als! wichtig festzustellen, ob und wie weit die chinesisch^ Regierung an der Mo!rdthat beteiligt sei. Erst nachdem dieser Punkt endgiltig aufgeklärt sei, werde die deutsche Regierung ihre Maßnahmen treffen können. — Dem „Börs en - Courier" zufolge ist, wie wir heute bereits! in aller Frühe duxch Extrablatt bekannt gaben, damit zu rechnen, daß wesentliche Verstärkungen der deutschen Streitkräfte für Ostasien sowohl der Schiffs - wie der Landtruppen bevorstehen. Vielleicht wird auch eine außerordentliche Session des Reichstages einberufen werden. Nach Ansicht amtlicher Stellen ist schwerlich vorauszusetzen, daß Freiherr v. Ketteler das einzige Opfer der Revolutionäre geworden ist, daß vielmehr auch das Schicksal der übrigen Diplomaten zweifelhaft ist. — Die „N a t i o n a l z t g." schreibt: Durch die Ermordung des deutschen Gesandten gestaltet sich die internationale Lage für Deutschland schwieriger als sie es vor der Bestätigung des Gerüchtes war. Für Deutschland kommt insofern ein besonderer Druck in die Angelegenheit, als es, wenn die endgiltige Abrechnung erfolgen wird, besondere Forderungen als Genugthuung für die Ermordung des Gesandten wird zu erheben haben. In der Hauptfrage der gemeinsamen Ueberwindung der chinesischen Schwierig-
SL (VEREWIGTE
frY)r. v. Ketteler /w- IPEUTCHE9 REICH )
er. rery
t RUSS LAN D)_
3Uue mucuur/uvu •
( ENGLAND ) t
Priester in Nanking empstngen von ihren Amtsbrüdern aus Peking Meldungen, wonach öffentliche Masse n-Hin- richtungen von Ausländern in Peking seit dem 20. Juni im Gange gewesen seien. Einer Shanghaier „Times"- Drahtung zufolge empfing der Vizekönig Liu ein vom 20. Juni datiertes Edikt, worin er nach Hinweis auf die Schwierigkeit, das Problem der fremdenfeindlichen Bewegung zu lösen, und auf die düsteren Aussichten für die Zukunft ausgefordert wird, seine eigenen Grenzen zu schützen; gut informierte Chinesen seien überzeugt, daß die Kaiserin und der Kaiser westwärts geflüchtet seien, Prinz Tuan seinen Sohn aus den Thron gesetzt und sich zum Regenten gemacht habe; ferner verlautet, Li-Hung-Tschang empfing eine Depesche Aunglus, datiert Peking, 21. Juni, die ihn auffordert, irgendwelche künftighin zu erlassenden Dekrete zu ignorieren. Li-Hung-Tschang teilte dies den Vizekönigen in Nanking und Wutschang mit, die sich seitdem über eine gemeinsame
keilen, bleibt die Stellung der Mächte und die Stellungl des deutschen Reiches unverändert.
Der Staatssekretär Graf Bülow hatte sich vor der Bestätigung der Ermordung Kettelers nach Wilhelmshaven begeben, um dem Kaiser Vortrag zu halten. Er hatte vorher, am Sonntagnachmittag, die Botschafter der an den chinesischen Schwierigkeiten beteiligten Mächte empfangen, und dabei war die vollständige Einigkeit derselben von neuem festgestellt worden. — Die „V o s s. Z t g." bej- merkt, vermutlich würden die Mächte jede EntscMdung! über das, was nun in China zu thun sei, so lange aufschieben, bis ihre Truppen in Peking stehen und ihrie Vertreter ein zutreffendes Bild der Lage geben können, — Das „B erl. T a g e b l." sagt: Der Monarch sieht sich vor verhängnisvolle Entschlüsse gestellt. Möge es ihm in diesen schweren Stunden an erleuchteter Eingebung nicht fehlen. — Die „Köln. Ztg." schreibt: Die Bedeutung der Vorgänge in China wurde dadurch so grell beleuchtet, daß es Nunmehr für die Mächte eine Pflicht der Selbsterhaltung! sei, Vorsorge zu treffen, daß zukünftig nicht nur das Leben und Eigentum der Ausländer gegen die Wechselfälle der inneren Politik dieses Landes gesichert seien, sondern daß auch die Regierung wie das Volk dafür haften, daß schmähliche Verletzungen des Völkerrechtes sich nicht wiederholen. Die deutsche Regierung werde sich der im Interesse der Allgemeinheit zu übenden Pflichten nicht entziehen; es sei tzweifellos, daß alle übrigen Mächte diese Pflichten teilen werden. .Hoffentlich sei diese Erkenntnis so allgemein, daß sie das bisherige gemeinsame Vorgehen aller Kulturmächte noch stärker festige.
Soweit die bemerkenswerten Preßstimmen. Thatsächlich läßt sich über die Stellungnahme der Reichsregierung noch nichts Bestimmtes sagen, da die Beratungen darüber zwischen dem Kaiser und dem Grafen Bülow noch in der Schwebe sind. Jedenfalls wird die Lage als überaus ernst angesehen, was schon daraus erhellt, daß Gras Bülow seine Absicht, jetzt seinen Sommerurlaub anzutreten, aufgegeben hat. Nach einer Meldung aus Wilhelmshaven sollte die ostasiatische Expedition erst heute früh um 5 Uhr in See gehen. Die Abschiedsparade vor dem Kaiser erfolgte gestern nachmittag 4 Uhr. Wie gerüchtweise verlautet, ist auch die Nordlandreise des Kaisers aufgegeben.
Aus der chinesischen Gesandtschaft in Berlin hat die Nachricht von der Ermordung des Freiherrn von Ketteler „höchste Bestürzung und herzlichstes Bedauern" erweckt. Die Gesandtschaft selbst besitzt keine Meldungen.
Der verwundete Dolmetsch Cordes konnte zurzeit der Katastrophe erst wenige Tage aus Deutschland, wo er einen längeren Urlaub verbracht hatte, wieder auf fernen Posten zurückgekehrt sein.
* * *
Oben haben wir bereits angedeutet, daß Prinz Tuan sich die Herrschaft in Peking angeeignet haben soll. Es ist also kein Zweifel, daß absolute Anarchie in der chinesischen Hauptstadt herrscht. Nach einer Drahtung aus Shanghai wird dort befürchtet, daß, wenn die verbündeten Armeen in Peking ankommen, sie erfahren werden, daß die Regierung nach Shansi geflüchtet und Prinz Tn an thatsächlich Kaiser geworden sei. Liuchanliu, der sremdseindliche Gouverneur von Sutschau, wurde nach Peking berufen, die Konsuln hegen wenig Hoffnung, daß irgend welche Ausländer am Leben geblieben sind. Die französischen
Politik der Unabhängigkeit von Peking in der gegenwärtigen Krisis verständigt haben. Prinz Tuans Anhänger seien 15000 Mann stark.
Ein weitere Meldung besagt, daß in Peking offenbar Bürgerkrieg mit Aunglu und Tuan als Parteihäuptern herrscht. In Shanghai läßt die Panik Dank den Bemühungen Lius auch unter den Eingeborenen nach.
Hiernach sind die Besorgniffe wegen des Lebens und der Sicherheit der übrigen Europäer in Peking völlig gerechtfertigt. Nach einem Scheitern der Expedition Seymours haben nun die Konsuln der Mächte zur Rettung der etwa in Peking doch noch lebenden Europäer eine Maßregel ersonnen, die kräftig genug ist, um die Chinesen von weiteren Angriffen auf die Pekinger Europäer abzuhalten, und die sofort zu wirken vermag. Sie sind zu einem Vorschlag gekommen, der allerdings auf die Chinesen einen ganz besonderen Eindruck machen wird und der große Aehnlichkeit mit dem Gewaltmittel hat, das anfangs vorigen Jahres von Lord Kitchener, dem damaligen Sirdar von Egypten, angewendet worden ist, um die Lage im Sudan dauernd zu beruhigen. Lord Kitchener ließ nämlich das Grab des Mahdi in Omdurman zerstören, die Leiche herausnehmen und in den Nil werfen, um jede Spur des Mahdi im Sudan zu verwischen. Er ging dabei von der Ueberzeugung aus, daß, solange die Mahdisten am Grabe ihres Helden den Mittelpunkt einer weiteren Entwickelung, einen politischen Wallfahrtsort und ein Agitationsziel der bedenklichsten Art haben würden, die Herrschaft Englands über den Sudan niemals gefestigt und beruhigt bleiben würde.
Der Vorschlag der Konsuln zielt darauf hin, die Chinesen mit der Drohung von einer demnÜch sti - gen Zerstörung ihrer wichtigsten Heiligtümer, der Kaisergräber bei Peking, dermaßen einzuschüchtern, daß sie das aufs äußerste gefährdete Leben so vieler Europäer nicht länger bedrohen, sondern ihrerseits alles zur Erhaltung derselben aufbieten sollen.
Die Sch an tu n g - Ei s e n b a h n - G e s e l l s ch a f t in Berlin hat folgendes Telegramm aus Tsingtau erhalten: „Die Eisen bahn arbeiten sind infolge der politischen Wirren eingestellt. Unruhen sind zwischen Kiauho und W e ih s i e n ausgebrochen; die Eisenbahn-Ingenieure, von aufständischen Soldaten geplündert, konnten sich zurückziehen". Diese Meldung bestätigt die Befürchtung, daß nun auch das deutsche Interessengebiet in der Provinz Schantung von der fremdenfeindlichen Bewegung ergriffen ist. Daß selbst Soldaten sich an dem Angriff auf die deutschen Eisenbahn-Ingenieure beteiligt haben, ist ein bedenkliches Zeichen und legt die Ver- mutung inahe, daß der Gouverneur General Puanschitai, der bisher mit eiserner Hand Zucht hielt, entweder nicht mehr in Schantung weilt,' oder aber absichtlich die Zügel gelockert hat.
Aus T s i n t a u wird berichtet, daß sechs deutsche Eisenbahningenieure bei Kaumi an gefallen wurden und mit dem nackten Leben entkamen. Die deutsche Gedenkkirche inYenchou ist niedergebrannt.
Inzwischen wird dem New York Herkld aus Tschifu gemeldet, «auch in Weihaiwei, der englischen Besitzung an der Ostküste von Schantung, sei ein Auf stand rm Entstehen begriffen, deshalb seien am Samstag die Mannschaften der nach Taku entsandten britischen Schiffsbrrgade zurückgerufen worden und sollten durchs ändere Truppen


