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2.9.1900 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 2 September

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KchviOr.t- Ar. 7.

Sedan.

Gießen, 31. August 1900.

Dreißig Jahre gingen dahin im Strome der Zeit seit dem 2. September des Jahres 1870, seit jenemTag wie ein Wetterschlag". Auf dem von deutschen Wasser zertrümmerten Throne des Korsensprößlings Bonaparte, jener ewigen Gefahr des europäischen Friedens, wurde den felsenfeste Grundstein gelegt zur deutschen Einheit. Der letzte Akt der großen europäischen Napoleon Tragödie ging zu Ende, aufrollte der Vorhang, von einem jubelnden Alldeutschland machtvoll umbraust, über dem großen euro­päischen Geschichtsbilde: ein einiges deutsches Volk! Die staatliche Einigung der deutschen Stämme, der lange ge­träumte Traum, ging endlich in Erfüllung! Freilich in Erfüllung ging er nur unter Strömen vergossenen Blutes, im Wege einer gewaltsamen Katastrophe, durchBlut und Eisen", aber doch immerhin durch das Volk selbst, dessen gesamte Stämme sich hier zu einer jener gewaltigen nationalen Kraftleistungen aufschwangeu, wie sie im großen Buch der Weltgeschichte nur wenige Male verzeichnet find. Anders als so mancher friedliche Staats­bürger sich vorher die Entstehung des einigen Deutschlands, fein heiß ersehntes Ziel im politischen Kampf, gedacht hatte, vollzog sich hier die Verwirklichung der Kyffhäusersage; anders und schneller, als es im friedlichen politischen Meinungsstreit jemals möglich gewesen wäre. In dieser Erkenntnis muß der Historiker an jenerWende der deutschen Geschicke" bei gerechter Beurteilung sagen: Nichts anderes als eine weltgeschichtliche Notwendigkeit vollzog sich mit dem nationalen Kriege Deutschlands gegen Frankreich 1870 und mit seinem Höhepunkt Sedan.

Die Zeitverhältnisse, in erster Reihe hervorgerufen durch die Kämpfe im ewigen Reiche der vermeintlichen Mitte, bringen es mit sich, daß die festliche Begehung unseres vaterländischen Ehrentages vielfach unterbleibt oder in sehr eingeschränktem Maße sich vollziehen wird. Schon vor vier Jahren wurde die jährliche Feier des Sedantages von Seilen eines Teiles der Presse zur Sprache gebracht. Es wurde die Ansicht vertreten, daß man nach der großartigen Feier der 25. Wiederkehr dieses nationalen Festtages wohl in längeren, etwa 5jährigen Zwischenräumen die Erinner­ung an die weltgeschichtlichen Ereignisse von Sedan festlich begehen könne. Im Königreich Bayern, wo der Sedantag in den Schulen niemals festlich begangen worden ist, weil dieser Tag in die Ferien fällt, erging damals regierungs­seitig die Verordnung, fortab die Schulfeier des 10. Mai, die damals jährlich stattsand, nur alle 10 Jahre abzuhalten. Wir haben unseren Standpunkt in der Sedansrage vor einigen Tagen an dieser Stelle ausführlich dargelegt, und es erübrigt sich für uns heute, darauf zurückzukommen. Wir vertreten die Ansicht, daß auch ohne öffentliche Feier­lichkeit im Herzen jedes ernsten Vaterlandssreundes jährlich am 2. September die Glocken der Erinnerung läuten an die große Zeit der Wiedervereinigung Deutsch­lands. Rauschende Feste erfreuen nur den Oberflächlichen, dessen Patriotischer Sinn durch tönende Worte und schwerter­klingende Phrasen wahrlich nicht vertieft wird. Und so lies auch bei uns die Risse gehen, die durch politische, soziale und religiöse Verschiedenheiten dem öffentlichen Leben zugesügt werden, bis ins Mark gehen sie nicht; denn das Mark unseres Volksbewußtseins besteht in der Ueberzeugung, daß das nationale Band, wie es uns alle, trotz der Sonder­stellung der Parteien, zusammenhält, unzerreißbar ist. Wir halten fest amReiche dieser Gedanke verlischt in uns nicht, und er bildet den kraftvoll an- und ausklingenden Grundakkord, in den sich schließlich alle auftretenden Disso­nanzen auflösen.

Nach einer Depesche aus Halle wird auf Anordnung der dortigen Schulbehörde bei der heutigen Schulsedanfeier auf die bestehende Waffenbrüderschaft zwischen Deutschland und Frankreich hingewiesen. Ob sich gerade diese Feierlichkeit zu einem solchen Hinweise in der Schule eignet, halten wir für zweifelhaft. Aber ein schönes Wort Wilhelms I. verdient in die Erinnerung zurück- gerufen zu werden, ein Wort, das der alte Kaiser nach glücklich beendetem Kriege der deutschen Nation zurief:

Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an Gütern des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung/

Möge der Sedantag, möge die Erinnerung an die geschichtliche Großthat eines einheitbegeifterten Volkes immer aufs neue zahllose Keime in unsere Volksseele pflanzen.

aus denen sich nationale Wohls ahrt und kultureller Fortschritt weiter aufs beste entwickeln können. Mit diesem aus starkem patriotischem Empfinden entsprungenen Wunsche, in dieser durch wichtige Zeitereignisse nicht zu erschütternden Hoffnung auf die nach innen und nach außen stets glückliche Zukunft des deutschen Volkes sei in diesem Jahre in Reich und Land, in Stadt und Dorf der Sedantag 1900 begangen.

Die Wirren in China.

Zur chinesischen Frage erfährt die Nat.-Ztg., daß die Mächte mit einer Anregung der russischen Regier­ung befaßt sind, welche die Absicht ausgesprochen hat, ihren Gesandten durch die russischen Truppen nach Tientsin bringen zu laffen. In einer Besprechung dieser Angelegen­heit meint die Nat.-Ztg., frage sich, wie die russische Regierung sich entscheiden würde, wenn andere Mächte ihre Truppen in Peking laffen. Es frage sich auch, unter welchen Verhältnissen die Rückkehr zu erfolgen habe, wenn dadurch die Erlangung der seitens der Mächte für die Zukunft zu fordernden Garantieen erleichtert werden solle. Jedenfalls sei nun die Aktion der Mächte in das erste der kri­tischen Stadien getreten, die bei einem derartigen In­ternationalen Zusammenwirken vorauSzusehen waren.

Wie aus London telegraphiert wird, meldet Reuters Bureau aus Washington: Die Regierung instruierte ihren auswärtigen Vertreter dahin, Amerika sei bereit, Pe­king zu räumen und die Rückkehr der kaiserlichen Partei nach Peking zu gestatten, um FrirdenSverhandlungen anzuknüpfen. Die russische Note, auf die diese Instruktionen gegründet sind, erklärte, nach Versicherungen der Kaiserin- Witwe und des Kaisers wolle die chinesische Regierung den künftigen Schutz der amerikanischen Jntereffen garantieren und die Ausbreitung der Ruhestörung oder Wiederholung der Ausbrüche verhindern. Ferner wird Laffans Bureau aus Washington telegraphiert: Ein Kabinettsmitglied er­klärte, die russische Antwort, die beim letzten Kabinettsrat besprochen wurde, drückt die Bereitwilligkeit aus, Li- Hung-Tschang als Bevollmächtigten zu acceptieren, und stimmt auch dem Vorschlag Amerikas bei, daß die Ver­bündeten ihre Truppen aus Peking und schließlich aus China zurückziehen. Der russische Vorschlag schloß jedoch auch einen einem Bündnis gleichkommenden KooperationS- plan ein, und hieraus erwiderte die Union, dies sei un­annehmbar, da ein Bündnis der festgesetzten Politik der Union zuwider sei. Nach einer Depesche desDaily Telegraph" aus Washington vom 30. August stattete der deutsche Geschäftsträger Speck v. Sternburg dem Staats­departement zwei Besuche ab und versicherte dem Staats­sekretär, Deutschland wünsche bei der Beseitigung der bestehenden Schwierigkeiten Hand in Hand mit den übrigen Mächten zu gehen. Die deutsche Regierung hätte China nicht den Krieg erklärt, sondern würde sich sicher den übrigen Mächten anschließen in dem Bestreben, eine entsprechende Entschädigung für alle Unbill, die den deutschen Jntereffen in China zugefügt worden ist, zu verlangen. Die Politik der deutschen Regierung stände im Einklänge mit den in Hays Note vom 3. Juli enthaltenen Forderungen der Union. Die Regierung der Bereinigten Staaten richteten eine Note an die Mächte, worin sie ihre Uebereinstimmung mit den russischen Friedensvorschlägen ausdrückt. Ein Mitglied des Kabinetts äußerte sich dahin, er glaube, die amerikanischen Truppen würden China am 1. November verlassen haben. Ein Washingtoner Telegramm desDaily Chro- nicle" meldet, die Beamten im Staatsdepartement sagen, Japan willigte zwar ein, seine Truppen zurückzuziehen, drückte aber Zweifel über Englands und Deutsch­lands Haltung aus.

Angesichts dieser Vorgänge erinnern wir an die Pro­grammrede des Staatssekretärs Grasen Bülow und die be­kannten Erklärungen des Kaisers, in denen dieser sich gegen Gebietserwerbungen aussprach und lebhaft für die Politik der offenen Thür eintrat. An dieser Politik hat Deutsch­land stets festgehalten und es ist unmöglich, den Nachweis zu liefern, daß irgendwelche von deutscher Seite ergriffenen Maßregeln im gegenteiligen Sinn gedeutet werden könnten. Auch von allen anderen Mächten wird zweifelsohne der Wunsch geteilt, mit einem beglaubigten und bevollmächtigten Vertreter Chinas Friedensverhandlungen beginnen zu können. Wenn aber die Admirale Lihungtschang die Eigenschaft eines solchen Vertreters bisher nicht zugebilligt haben, so liegt das daran, daß die Beglaubigung Lihungtschangs bisher durchaus mangelhaft und nach allen diplomatischen Ge­

bräuchen völlig unzureichend war. In Telegrammen aus China, die von chinesischer Seite stammen, wird zwar er­klärt, daß Lihungtschang vom Kaiser zur Vornahme von Verhandlungen ermächtigt sei. Diese Telegramme besitzen aber zunächst gar keine regelrechte Beglaubigung. Wenn man aber über diesen Punkt hinweggehen wollte, so entsteht noch die Frage, ob der bekanntlich der Regierung enthobene Kaiser von China jetzt noch als Oberhaupt des chinesischen Staates zu betrachten ist. Bekanntlich ist er auch zu mehreren Malen totgesagt worden, und es wird sich schwerlich jemand finden, der die Bürgschaft dafür übernimmt, daß er noch unter den Lebenden weilt. Endlich ist noch die Frage aus­zuwerfen, ob der Kaiser sich heute voller Freiheit des Handelns erfreut, ober ob er nicht vielmehr als Gefangener von Rebellen weggeführt wird, die ihm jede Willensfreiheit nehmen.

In Berliner offiziösen Telegrammen derKöln. Ztg." werden die russischen Vorschläge, Peking durch die Truppen der Mächte zu räumen, als ungeeignet, einen schnellen Friedensschluß herbeizuführen, zurückgewiesen, da die Chinesen entschieden die Räumung Pekings als Schwäche und Nieder­lage der verbündeten Truppen deuten und die auseinander gesprengten chinesischen Scharen zu neuem Widerstand ver­einigen würden. Wir würden dann mit einem neuen Kriegs­zug rechnen müssen, der sich über ganz China erstrecke. Die Köln. Ztg." hofft, daß Rußland, wenn es seine eigenen Truppen zurückzieht, nichts gegen das Verbleiben der Truppen der anderen Mächte einwendet, da die großen Aufgaben, die Rußland in der Mandschurei zu lösen habe, die Heran­ziehung großer Truppenmaffen erklärlich machen. Es handle sich deshalb keineswegs um eine Verschiedenheit der ange­strebten Ziele unter den Mächten, sondern um eine Ab­weichung über die zur Erreichung der Ziele einzuschlagenden Mittel. Da guter Wille namentlich auch bei Rußland vorauszusetzen sei, stehe eine Einigung dahin zu erhoffen, daß Rußland seine militärische Aktion auf die Mandschurei beschränkt und keine Bedenken dagegen hegt, daß die anderen Mächte ihre militärische Aktion in Petschili sortsetzen.

Einem Petersburger Telegramm derLes DebatS" zufolge beruht die Meldung von Zwistigkeiten zwischen den Amerikanern und Russen einerseits und den Vertretern der übrigen Großmächte andererseits über die Beilegung der chinesischen Wirren und die Vermittelung Li-Hung Tschangs auf Erfindung. Thatsache sei nur, daß die Großmächte Garantieen verlangen, die den Beweis liefern müssen, daß Li-Hung-Tschang wirklich mit den nötigen Vollmachten seitens einer chinesischen Regierung versehen worden sei. Die Mächte wollten nicht in dieselbe Falle gehen, wie dies in einer ähnlichen Lage 1860 der Fall gewesen sei.

lieber bie militärischen Vorgänge in Peking meldet der russische Regierungsbote: Wie ein Telegramm des Viceadmirals Alexejew an den Kriegsminister aus Takn vom 25. ds. berichtet, teilt General Leniewitsch unter dem 19. mit, daß nach Vereinbarung der fremdländischen Truppenführer untereinander die Truppen keiner einzigen Macht bisher den kaiserlichen Palast betreten haben. An den Thoren des Palastes sind Wachtposten der Verbündeten ausgestellt. Die kaiserliche Regierung ist geflohen, man weiß nicht, wohin. Viele Minister sind vor dem Ein­treffen der europäischen Truppen hin gerichtet worden. Nach den Mitteilungen von Kundschaftern befinden sich im südlichen Park Boxer. Unsere Truppen haben eine- Nieder­lage von Reis, ungefähr eine Akillion Pud, in Besitz ge­nommen. Im Tsungliyamen ist eine Menge Sil­ber gefunden worden. Die Schutztruppe unserer Ge­sandtschaft hielt sich während der Belagerung heldenmütig. Der Führer der Landungstruppen, Leutnant Baron Rhaden, leitete die Verteidigung. Von den Matrosen sind fünf getötet ^und 20 verwundet worden, zwei sind außerdem ge­storben. Inder Gesandtschaft wurde ein D o l m e t - schereleve getötet, einer verwundet. Untetc dem 20. ds. meldet General Leniewitsch ferner, daß am Tage zuvor eine kleine Abteilung russischer Truppen unter Füh­rung des Oberleutnants im Generalstabe, Iljinsky, den kaiserlichen Sommerpalast Yuenmingyen, nordwestlich von Peking, ohne Verluste eingenommen habe. An demselben Tage hätten russische Artilleristen in Peking etwa 30 Geschütze und viele Handfeuerwaffen aufgefunden. Ferner wird dem Reuterschen Bureau aus Yokohama vom 31. August telegraphiert: Generalleutnant Hamagutochi meldet aus Peking: Am letzten Samstag, den 25. August, wurde in einer Beratung der fremden Ge­sandten und der Truppenbefehlshaber beschlossen, daß die Thore der verbotenen Stadt weiter bewacht werden sollen, und zwar die südlichen von den Amerikanern, die andern von, -en Japanern. Es wurde ferner beschlossen, die Einnahme Pekings am 28. August durch einen Marsch der verbündeten Truppen durch bte