Sonntag den 2 September
1900
Nr 205 DMtesBlatt.
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Der deutsche Handel mit China.
Dem 15. Hest der von dem Kaiser!, statistischen Amte ausgestellten Mitteilungen über den auswärtigen Handel Deutschlands im Jahre 1899 entnehmen wir folgende den Handel mit China betreffende Angaben: Unter den Artikeln, die China dem deutschen Zollgebiet liefert, sind in erster Linie Gold, Bettfedern, Thee, Borsten, Galläpfel, Kampfer, ungefärbte Rohseide, Strohbänder, wie allgemein Stroh- und Bastwaren, ungefüttertes Pelzwerk und Rindshäute zu nennen. Bom deutschen Zollgebiet empfängt China hauptsächlich Farbstoffe, Kriegsmaterial und Schiffe, Eisen- und Textil-Waren, sowie Kupfer. Legierungen und Bier. Die gesamte Ein« und Ausfuhr des deutschen Zollgebiets im Spezialhandel mit China hat im letzten Jahrzehnt betragen;
Millwnen Mark
1899 29,0 50,6
1898 39,5 48,0
1897 57,5 32,3
1896 41,8 45,3
1895 27,0 35,4
1894 27,1 28,2
1893 16,0 33,3
1892 12,5 30,0
1891 12,2 32,9
1890 7,8 29,9
Aus der vorstehenden Zusammenstellung läßt sich ersehen, daß die Einfuhrwerte in dem Zeitabschnitt von 1890 bis 1893 nur mäßige Zunahmen ausweisen, während im Jahre 1894 eine plötzliche Steigerung um 11,1 Mill. Mark oder 69,4 v. H. zu bemerken ist. Im Jahre 1895 ist der Wert der Einfuhr gegen 1894 um 0,1 Millionen Mark zurückgegangen, dagegen hatte das Jahr 1896 gegen das Vorjahr wieder eine sehr beträchtliche Steigerung des Einfuhrwertes — 14,8 Millionen Mark oder 54,8 v. H. — aufzuweisen, die für das Jahr 1897 in fast gleichem Verhältnis fortdauerte, so daß der Wert der Einfuhr für das letztere Jahr denjenigen für 1890 um mehr als daS siebenfache überstieg. In den Jahren 1898/99 dagegen ist ein Sinken des Einfuhrwertes gegen das Vorjahr um 18 -ezw. 10,5 Millionen Mark zu verzeichnen, also um 31,3 bezw. 26,6 v. H. Immerhin überwiegen auch diese Einfuhrwerte diejenigen des Jahres 1890 noch um das Fünf- Sezw. Vierfache.
Der Wert der Ausfuhr ist 1899 gegen 1898 um 2,6 Millionen Mark gestiegen, was einer Zunahme von 5,4 v. H. entspricht. Die auffallend höhere Zunahme des Gesamt-Ausfuhr-Wertes im Vorjahre von 15,7 Millionen Mark ist aus Rechnung der in sehr beträchtlichem Umsange erfolgten Ausfuhr von Dampfschiffen, von Eisen und Stahl zu setzen, die zugunsten des Jahres 1898 einen Wertunterschied gegen 1897 von 13,6 Millionen Mark ergab. Für das Jahr 1899 betrug der Ausfuhrwert
für Dampfschiffe von Eisen und Stahl 2,7 Mill. Mark. Durch Einbeziehung der Schiffe in den Spezialhandel ist seit 1897 der Ausfuhrwert wesentlich beeinflußt worden. Eine Vergleichung der Ein- und Ausfuhrwerte im letzten Jahrzehnt ergiebt, daß nur allein im Jahre 1897 der Wert der Einfuhr denjenigen der Ausfuhr überstieg, und zwar um 25,2 Millionen Mark. Dieses Verhältnis ist in den Jahren 1898 und 1899 wieder zugunsten der Ausfuhr nach China verändert worden, indem für das Jahr 1898 ein Ueberschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im Werte von 8,5 Millionen Mark, für das Jahr 1899 ein solcher von 21,6 Millionen Mark sestgestellt ist.
Gerreralversammluug de- Ze«tralverba«he9 deutscher Kansleute imb Gewerbetreibenden.
x ;- (Schluß.) -
Kaufmann Gustav Bergmann (Berlin) wies auf die Schutzlosigkeit der Kaufleute angesichts der Unklarheit des Nahrungsmittelgesetzes hin, die zur Folge habe, daß viele Inständige Kaufleute ohne jedes Verschulden auf die Anklagebank kommen. — Kaufmann Riehl (Berlin) betonte: Die Kaufleute haben das Nahrungsmittelgesetz im Interesse des Publikums UND des ehrlichen Handels mit Freude begrüßt, zu tadeln fei aber die Unklarheit des Gesetzes arnb die Kontrolle, die notwendigerweise durch Sachverständige der Branche ausgeübt werden müsse. — Der Berliner Antrag gelangte schließlich einstimmig zur Annahme.
Den letzten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Rede des Oberbürgermeisters Bender im Herreithause über die W ar e n h a u s st eue r. Der Vorsitzende, Senator- Schulze (Gifhorn) bemerkte einleitend: Es sei ihm unfaßbar, wie der Bürgermeister einer großen Stadt, der die Interessen der Bürger ohne jeden unterschied wahrzn- nehmen habe, solche Angriffe auf einen ganzen Stand richten könne. — Kaufmann Richard Labowskh (Berlin) führte in längerer Rede aus: Die Angriffe des Oberbürgermeisters Bender seien geradezu empörend. T^er Oberbürgermeister habe einen großen und achtbaren Stand für unmoralisch und unehrlich bezeichnet und ihm die Ko nitzer Vorgänge zur Last gelegt. Die Mittelstandspartei, die nur für ihre Existenz kämpfe, sei im Gegenteil moralischer geworden. Wenn es einige unlautere Elemente unter der Mittelstandspartei gebe, dann habe dies das Bazarwesen verschuldet, das vielleicht auch kleine Kaufleute zu Unlauterkeiten veranlaßt habe, um den Konkurrenzkampf zu bestehen. Mit den Konitzer Vorgängen habe die Mittelstandspartei nicht das geringste zu thun. Die Mittelstandspartei halte sich von jeder politischen Parteithätigkeit fern. Insbesondere aber finde der Antisemitismus in ihr keine Stätte. Die Mitglieder des Zentralverbandes sagen mit Nathan dem Weisen, daß sie nur den Menschen ohne Rücksicht auf seine Abstammung oder relegiöses Bekenntnis beurteilen. (Lebhafter Beifall.» Ein solcher Angriff sei der Mittelstandspartei niemals von der Sozialdemokratie
oder Fortschrittspartei widerfahren. Daß! die Sozialdemokraten dem Herrn Oberbürgermeister zustimmen, sei sehr erklärliche Er ersuche, folgender Erklärung zuzustimmen : .
Der Zentralverbaud deutscher Kaufleute und Ge- werbetreibenden erklärt, daß die Ausführungen des Herrn Oberbürgermeisters Bender (Breslau) bei Beratung der Warenhaussteuer im Herrenhause vom! 12. Juni d. I., durch welche der Mittelstand jn seinem Ansehen schwer geschädigt und herabgewürdigt wird, vollständig unberechtigt und unrichtig find. Sie beweisen, daß ihm die wirtschaftliche Lage des Mittelstandes und. seine berechtigten Bestrebungen vollständig unbekannt sind. Insbesondere bedauern wir, daß der Herr Oberbürgermeister einzelne Fälle, die, wie er in einer Rechtfertigung ausgeführt, in seiner eigenen Kommune voxge-> kommen sind, zum Anlaß seiner ehrverletzenden Angriffe auf den gesamten Mittelstand gemacht hat. Der Vorstand wird beauftragt, vorstehende Erklärung nach eigenem Interesse zü crroeiterii Illld den Behörden ^sowie der Öffentlichkeit zu übergeben. (Lebhafter Beifall./ 1
Kaufmann Riehl (Berlin) wies darauf hin, daß sich Oberbürgermeister Bender mit den Worten des Kaisers in Widerspruch gesetzt habe. Auf einen offenen Brief habe der Oberbürgermeister nur noch verletzender geantwortet. Kaufmann Labowskh (Berlin) bemerkte noch: Die Breslauer mögen bei der Wiederwahl sich der Rede des Oberbürgermeister^ erinnern, und sollte derselbe dennoch wiedergewählt werden, da?" dürfte ihm vielleicht die Bestätigung versagt werden. (Stürmischer Beifall.) Ter trag Labowskh sowie ein fernerer: dem Minister v. Miquel und den Abgeordneten v. Durant und Winkler für ihr mannhaftes Eintreten für den Mittelstand durch Dankestelegramme Ausdruck zu geben, wurde einstimmig zugestimmt. 4
Das an den Minister v. Miquel gerichtete Telegramm hat folgenden Wortlaut:
„Ew. Exzellenz sagt die heute hier unter großer Beteiligung stattfindende Generalversammlung des Zentralverbandes rc. aufrichtigsten und herzlichsten Tank für Ihre unermüdlichen Bestrebungen zur Aufhilfe und zur Erhaltung des deutschen Mittelstandes, zunächst durch gerechte Besteuerung großkapitalistischer Unternehmungen. /Möge Ew. Exzellenz dem obigen Stande diese Teilnahme bewahren. Tausende von heute schwer bedrohten Existenzen werden Ihnen innigsten Tank zollen und gleich uns die aufrichtigsten Wünsche für Ew. Exzellenz Mohl zum Himmel senden."
Ter letzten Sitzung ging eine vertrauliche Besprechung voran, l!n der über Bildung von Einkaufs-Genossenschaften beraten wurde. Zu dieser hatten die Vertreter der Presse keinen (Zutritt. — Jn der öffentlichen Sitzung entspann, sich ^eine längere Besprechung über die Förderung von Einkaufsvereinigungen, R ö st e r e i - G e n o s s e n schäften, und Spar-Vereinen. Von fast allen Rednern wurde die Bildung von Einkaufsvereinigungen empfohlen.
Kaufmann Tamm (Leipzig) teilt mit, daß die Leipziger Rösterei-Genossenschaft sogar in der Lage sei, Divi-
Berliner Aries.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Die Saison beginnt. — Berlin wird schöner. — Wo Berlin waschen läßt. Die mißtrauische Mama vom Lande.
Noch sind in den vornehmen Vierteln des Westens die meisten Wohnungen verschlossen und auf den heruntergelassenen Stab-Jalousien paradiert der ganze Staub dieses trockenen, schmutzdurchwirbelten Berliner Sommers; aber die holden Küchenfeen, die ein langes dolce far mente genossen haben, gewöhnen sich schon langsam wieder aus der mitunter ausgezeichnet gespielten Herrschaftsrolle in die abscheuliche Wirklichkeit zurück, das melodische Geräusch des Teppichklopfens und Möbelklopfens dringt von allen Seiten an unser Ohr, aus den Vorgärten verschwinden die lvelken Blätter, die sich dort gründlich haben ausleben können, und Heinrich „von die Jardegrenadiere" lugt erst sehr vorsichtig von der Straße aus nach den Herrschaftsfenstern hinauf, ehe er die Vorderhaustreppe „nur für Herrschaften" mit der Würde eines Generalfeldmarschulls hinaufsteigt. Für den Fall einer verfrühten Rückkehr — denn die Jnädige ist durchaus nicht zuverlässig! sagt Auguste — würde er bei seiner strategischen Begabung den Feind kaltblütig umgehn und die bescheidene, aber zweifellos sichere Hintertreppe benutzen, um seine Anordnungen über die Verpflegung des Königl. Preußischen Jardegrena- diers Heinrich Lehmkneter zu treffen. Auch die Schulen sind nun feit Mitte August wieder im alten Geleise, und die kleinen koketten Mädchen sowohl als die künftigen Vaterlandsverteidiger beleben um Mittag das Straßenbild wie ehedem; mit wichtigen und interessanten Mitteilungen aus den auf dem Lande oder an der See ver-
| lebten Wochen überbieten sich vor allem die angehenden \ Backfischchen, während das wilde Berliner Jungenvolt draußen noch viel toller und lärmsüchtiger geworden zu sein scheint. Aber wenn man ihnen in die Augen blickt, die nach den schonen freien Wochen so lustig in die Welt schauen, wenn Man die frische Farbe der vordem so städtisch-bleichen Wangen erkennt, nimmt man den Lärm gern in den Kauf. Unsere braven Pestalozzis werden die allzu Schlimmen schon wieder zahm kriegen.
Auch die Theater öffnen nacheinander ihre Pforten wieder, nachdem die Mimen aus ihrer Sommereinsamkeit mit stolzem Vollbart — oder wenn sie aus der bekannten unbezwinglichen Liebe zur Kunst gastiert haben, wenigstens mit vollen Börsen zurückgekommen sind. An den Litfaßsäulen prangen unzählige Plakate in allen Farben: auf den Speisekarten glänzt und lockt der lieblichste Vogel aller Gourmets, Las Rebhuhn; die Saison beginnt! Und wie die Schönen jetzt tiefnachdenklich den wichtigsten Staatsfragen nachhängen und von Herzog zu Gerson und weiterhin zu Wertheim pilgern, um dem kommenden Herbst genügend chik entgegensehen zu können, so hat sich Frau Berolina selbst auch zu allerhand Aenderungen ihrer an und für sich schon recht prächtigen Toilette entschlossen. Tie Umgestaltung des Platzes vor dem Brandenburger Thor macht immer mehr Fortschritte; in Jahr und Tag wird dort das Bismarck-Tenkmal tote auch unser herrlicher Frühlingskaiser Friedrich der Edle seinen Standort finden; in der Siegesallee sind am Dienstag wieder drei neue Standbilder enthüllt und etliche werden diesen im Laufe des Herbstes folgen; der Lützow-Platz erhält einen! Monumental-Brunnen, den Professor Lessing ausführen wird, und der Schloßplatz und die Schloßfreiheit werden, nachdem schon die Stadtverwaltung Berlins seit Wochen [ an ihrer Verschönerung arbeiten laßt, späterhtu noch aus I
kaiserlichen Mitteln (vorläufig 300 000 Mark) in großartigster Weise umgestaltet werden. So wird Berlin; immer prachtvoller und imponierender.
Leider finden das auch die Hauswirte, die mit miquel- hafter Ruhe und Ausdauer fortwährend die Mieter in die Höhe schrauben. Dabei wird auch das Leben in Berlin immer thenrer, obgleich die Nahrungsmittel dank der riesenhaften Zufuhr immer noch auf ganz erträglicher 'Preishöhe bleiben. Aber da figuriert neben dem ewigen Fahrgeld in den letzten Jahren bei immer zahlreicheren Familien ein Posten für Wäsche, der dem Hausherrn bei der Kontrolle einen gelinden Schüttelfrost verursacht. Daheim in der kleinen Stadt war ein geräumiges Wasche Hans mit Kessel und Fässern unb ein ioealer Trockenplatz in allernächster Nähe. Berlins Bauunternehmer werden in dieser Hinsicht immer anspruchsloser, sodaß man schließlich gezwungen wird, eine der vielen Köpenicker oder Steglitzer Waschanstalten mit der Reinigung der Hauswüsche zu betrauen. Und man muß sagen, daß diese Anstalten zum größten Teile eine höchst solide Arbeit leisten. Kein Wunder, daß der zweite Wagen, den man Sonnabends! trifft, ein Köpenicker oder Steglitzer Wüschewagen ist. Amüsant ist die Geschichte einer mißtrauischen Schwiegermama vom Lande, die durchaus Chlorgeruch an den gereinigten Wäschestücken wahrnehmen wollte. Sie verdingte sich heimlich auf kurze Zeit als Wäscherin in die Anstalt, um nachher triumphierend konstatieren zu können, daß sie doch Chlor oder so was dazu nehmen." Acht Tage trug sie die Last dieser freiwilligen Zwangsarbeit, während kein Mensch wußte, wo sie geblieben war und die Tochter in tausend Aengsten schwebte. Endlich tauchte sie wieder auf, betrübt und bedrückt. Mit dem Chlor war's nichts gewesen; aber die Hände waren durchgewaschen! . . . Berlin ist doch gar nicht so unsolide! ... A. R.


